Ist die Einheit der Christen unser Herzensanliegen?

Impuls zum 3. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 20. Januar 2012 (ZENIT.org). - Die Kirche begeht in dieser Woche die Gebetsoktav für die Einheit der Christen, eine schon seit langem zur Tradition gewordene Gewohnheit, die im Gegensatz zu vielen anderen Dingen in der heutigen Kirchenlandschaft nicht ‚umstritten‘ ist, denn es gibt wohl keinen gläubigen Christen, der nicht für die Einheit wäre.

Ein Blick in die zweitausendjährige Geschichte der Kirche gibt uns Aufschluss über die Entstehung dieses im Grunde skandalösen Zustandes. Der Skandal, das Ärgernis wie es in der Sprache der Hl. Schrift heißt, besteht darin, dass die Kirche ja nicht eine Erfindung von Menschen ist, die sich erfahrungsgemäß meistens nicht einig sind, sondern sie ist von Christus, dem Sohn Gottes, persönlich gegründet worden und ist also eine göttliche Einrichtung, wenngleich sie natürlich aus vielen Menschen besteht, die durchaus ihre Schwächen haben, auch nachdem sie durch die Taufe der Kirche Christi eingegliedert sind.

In der Hl. Messe betet die Kirche „…schenke ihr nach deinem Willen Einheit und Frieden!” Die Einheit aller Menschen, wenn schon nicht im politischen Leben der Gesellschaft möglich, sollte doch in der Gemeinschaft der Gläubigen gefunden werden. Jesus selbst hat um die Versuchung zur Spaltung gewusst. Daher sein eindringliches Gebet zum Vater: „Lass sie eins sein wie wir eins sind, Du, Vater in mir und ich in Dir“ (Joh 17,22).

Tausend Jahre hat diese Einheit tatsächlich gehalten, dann aber geschah das Furchtbare im Jahre 1054, die Kirche spaltete sich in zwei Teile, Ost und West, ziemlich genau der Teilung des heidnischen Römischen Reiches entsprechend. Immerhin blieben beide Teile, die orthodoxe und die katholische Kirche, im gleichen Glauben. Die Orthodoxen glauben wie wir an den Gottmenschen Jesus Christus, an die sieben Sakramente, sie verehren die Gottesmutter, die Engel und die Heiligen.

Dann aber, fünfhundert Jahre nach diesem Schisma, erfolgte eine sehr viel rabiatere Trennung durch die Reformation, bei der sich mehrere neue kirchliche Gemeinschaften bildeten, die sich dann ihrerseits in etwa zweihundert neue Denominationen spalteten. Dabei ging nicht nur die äußere Einheit verloren, sondern auch die Einheit im Glauben. Von den sieben Sakramenten blieben nur noch zwei übrig (für manche nur eines oder gar keines). Die Gottesmutter und die Heiligen wurden nicht mehr verehrt, weil es nach reformatorischer Auffassung keine Heiligkeit des Menschen gibt (die Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit trifft deshalb dort auf kein Verständnis). Nur Gott ist heilig, wir Menschen sind allesamt Sünder und durch die Sünde so verdorben, dass es eigentlich keine Rechtfertigung gibt. Gerechtfertigt wird der Mensch durch den Glauben, seine Sünden werden durch die Barmherzigkeit Gottes lediglich zugedeckt. Vergessen wurde das Wort der Kirchenväter: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott wird“.

Das also ist die heutige Situation und ihre Entstehung.

Es gibt in letzter Zeit das schöne Wort von der „versöhnten Verschiedenheit“. Aber da wird das Problem wohl auch wieder nur „zugedeckt“. Was aber unbedingt zu begrüßen ist, ist die Tatsache, dass es zwischen den Konfessionen Frieden gibt, und alle früheren Animositäten verschwunden sind. Mag sein, dass das manchmal auf Kosten der Wahrheit geht, aber es ist unumgänglich notwendig, dass man zunächst nicht Feind, sondern Freund ist. Das ist doch möglich, auch wenn man die religiösen Überzeugungen des Freundes nicht teilt. Das meint auch das Toleranzdokument des II. Vatikanischen Konzils, das keineswegs sagt, dass alle Religionen gleich wahr sind, sondern dass man die religiösen Auffassungen des anderen respektieren muss. Und hier wird deutlich, dass eine Einheit im Glauben – so wie wir Menschen eben sind, irrtumsfähig und rechthaberisch – letztlich nur zustande kommen kann, wenn Gott selber eingreift. Daher ist die Gebetswoche für die Einheit der Christen so ungeheuer wichtig. An uns ist es, das Klima von Verständnis und Freundschaft zu schaffen und zu wahren, aber dass die Einheit einmal verwirklicht wird, muss von Gott erbeten werden, bei dem bekanntlich kein Ding unmöglich ist, auch wenn es uns Menschen noch so unmöglich erscheint.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass uns die Einheit im Glauben einmal von Gott geschenkt werden wird, und zwar genauso unvermutet und unverdient wie die Einheit unseres Vaterlandes. Die Gebetswoche endet mit dem Fest der Bekehrung des hl. Paulus. Damit ist für jeden Gläubigen der Hinweis gegeben: Wir alle müssen uns bekehren.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.