Ist die Evolution zielgerichtet?

Heute vor 150 Jahren erschien Charles Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“

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Von Harald Schöndorf SJ

 

WÜRZBURG, 24. November 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).-Dass es eine Evolution der Lebewesen gibt, war schon vor Darwin eine weithin akzeptierte Theorie. Das Neue und für viele Irritierende an Darwins Theorie war und ist, dass die Evolution auf Zufall beruht. Denn bis dahin galt es als ein unbestreitbarer Grundsatz, dass jedes Naturgeschehen zweckmäßig ist. Diese zweckmäßige Anordnung der Welt war für viele auch der überzeugendste Nachweis für die Existenz Gottes. Darwins Theorie stürzt diese Grundannahme des neuzeitlichen Denkens radikal um, und hierin liegt ihre Provokation. Denn seither scheint die Zweckmäßigkeit oder Zielgerichtetheit (Finalität, Teleologie) der Natur und des Lebens widerlegt zu sein. Darum sehen manche in dieser Theorie, wenn auch zu Unrecht, eine Widerlegung der Existenz Gottes, und so wird bei ihnen aus dem Streit um die Evolutionstheorie ein Streit um die Frage, ob es Gott gibt.

Nun ist als erstes zu bedenken, dass die Naturwissenschaft grundsätzlich nichts zur Frage der Existenz Gottes sagen kann, weil Gott nicht zur Natur gehört und naturwissenschaftlich weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Aber wie steht es mit der Zweckmäßigkeit oder Zielgerichtetheit der Evolution? Dass Mutationen nicht entstehen, weil sie einen bestimmten Zweck erfüllen, sondern in diesem Sinn „zufällig“ sind, ist nicht zu bestreiten. Die Auffassung, dass in der Natur nichts geschehe, was nicht einem bestimmten Zweck dient, ist also falsch. Hieraus wird für gewöhnlich die Schlussfolgerung gezogen, dass auch die Evolution als ganze nicht zielgerichtet sei. Diese Schlussfolgerung ist aber ein Denkfehler. Denn daraus, dass die einzelnen Vorgänge eines Gesamtprozesses nicht zweckmäßig sind, folgt noch lange nicht, auch der Gesamtvorgang als solcher sei nicht zielgerichtet.

Dies sei an Hand von zwei Beispielen gezeigt: Das erste Beispiel ist das Spiel junger Tiere. Spielen nennen wir ein Verhalten, das nicht der Erreichung eines bestimmten Zwecks dient. Die einzelnen spielerischen Tätigkeiten junger Tiere sind also nicht zweckgerichtet. Dennoch ist das Spielen insgesamt durchaus zweckmäßig, denn es stellt eine Übung derjenigen Fähigkeiten dar, die später für den Beuteerwerb, das Paarungsverhalten, die Selbstverteidigung und dergleichen nützlich und notwendig sind.

Ein anderes Beispiel ist die Marktwirtschaft. Denn in der Marktwirtschaft erfolgen die einzelnen wirtschaftlichen Vorgänge nicht um des allgemeinen Wohlstandes willen, sondern dienen dem privaten Nutzen. Dennoch entscheiden wir uns für die Marktwirtschaft, weil sie insgesamt mehr dem allgemeinen Wohlstand nützt als jede andere Wirtschaftsform. Der niederländisch-britische Wirtschaftstheoretiker Mandeville (1670–1733) hat dies auf die berühmte Formel von den „private vices“ („private Laster“: am Profit orientierte private Wirtschaftsvorgänge) gebracht, die sich zugleich als „public benefits“ („öffentliche Vorteile“: Zunahme des allgemeinen Wohlstandes) erweisen.

Die Tatsache, dass die einzelnen Mutationen nicht aus Zweckmäßigkeit erfolgen, sagt also überhaupt nichts darüber aus, ob die Evolution in ihrer Gesamtheit eine Zielrichtung besitzt oder nicht. Die Behauptung, die Naturwissenschaft habe nachgewiesen, dass sich die Evolution in ihrer Gesamtheit einem reinen Zufall verdankt und keinerlei Zielgerichtetheit besitzt, ist also falsch. Darum ist es auch zweitrangig, inwieweit es der Evolutionstheorie konkret gelingt, auch alle Zwischenstufen und -formen des Lebendigen durch zufällige Mutationen zu erklären. Die Beantwortung dieser Frage können wir getrost den Naturwissenschaftlern überlassen.

Bei Darwin kommt als weiterer Erklärungsfaktor die Selektion ins Spiel, bei der die am besten Angepassten überleben („survival of the fittest“). Nun spielen für das Überleben zwar auch andere Faktoren wie die Fortpflanzungsrate und der Einfluss von Katastrophen eine wichtige Rolle. Wenn man aber nur die den Lebewesen innewohnenden Faktoren wie die Anpassung und die Fortpflanzungsrate betrachtet, so handelt es sich um Eigenschaften, die für die weitere Erhaltung der Art zweckmäßig sind. Auf dieser zweiten Erklärungsstufe der Evolutionstheorie ist also die bei den Mutationen nicht anzutreffende Zweckmäßigkeit sehr wohl wieder festzustellen.

Damit ist zwar noch kein Beweis für die Zielgerichtetheit der Evolution als ganzer geliefert, aber es zeigt sich, dass die darwinistische Evolutionstheorie selbst gar nicht ohne die Zweckmäßigkeit auskommt. Eigenartigerweise will man das aber zumeist nicht wahrhaben und fixiert sich einzig und allein auf die „Zufälligkeit“ der Mutationen, als ob die Entstehung der Mutationen allein schon die ganze Evolution ausmachen würde. Rein naturwissenschaftlich betrachtet, finden wir also auf der ersten Stufe den „Zufall“, auf der nächsten aber durchaus Zweckmäßigkeit vor. Mehr lässt sich naturwissenschaftlich zu der Frage, ob die Evolution zielgerichtet verläuft oder nicht, nicht ausmachen. Denn die Naturwissenschaft fragt nach den Regeln („Naturgesetzen“), nach denen bei Vorliegen ganz bestimmter Anfangsbedingungen ein bestimmter Vorgang abläuft. Ferner untersucht sie die einzelnen Momente (den „Mechanismus“) dieses Vorgangs und seine Wirkungen. Alles, was hierüber hinausgeht, wie beispielsweise die Frage, ob das willentliche Herbeiführen eines bestimmten Vorgangs moralisch zu verantworten ist, oder die Frage, ob das Naturgeschehen über die Natur hinaus nach einer weiteren Erklärung verlangt, lässt sich nicht mehr mit naturwissenschaftlichen Methoden klären.

Was bedeutet die Evolutionstheorie für das Verständnis der Schöpfung? Wenn Gott eine von ihm verschiedene Welt geschaffen hat, so muss diese Schöpfung auch eine relative Eigenständigkeit besitzen. Dies bedeutet, dass sie ihre eigenen Gesetze besitzt, nach denen alles in ihr abläuft. Denn die Schöpfung hängt zwar voll und ganz von Gott ab, aber nicht wie eine Marionette, sondern Gott gibt ihr die Freiheit, ihren eigenen Gesetzen und Regeln zu folgen, ohne dass dies seine eigene Macht schmälern würde. Genau dies wird durch die Evolutionstheorie bestätigt. Denn sie zeigt, dass Gottes schöpferische Macht so groß ist, dass er die konkrete Ausführung seines Schöpferwillens an die Gesetzmäßigkeiten der Welt, zu denen auch die Evolution gehört, gleichsam delegieren kann. So gesehen ist die Evolutionstheorie alles andere als ein Hindernis für den Gottesglauben, sondern vielmehr eine Hilfe für ein tieferes Verständnis dafür, was Schöpfung wirklich bedeutet: Die Größe Gottes zeigt sich gerade daran, dass er auch und gerade dann alles in seinen Händen trägt und hält, wenn er es der größtmöglichen Eigenständigkeit seiner Schöpfung überantwortet.

[© Die Tagespost vom 24.11.2009]