Ist die Moral der Kirche nicht wirklich überholt?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 308 klicks

Wir leben in der Zeit der Angebote, die interessant und alles versprechend sind: in Konfrontation mit diesen Erscheinungen verlässt oft der junge christliche Mensch das Christentum. Ihm kommt die Moral der Katholischen Kirche autoritativ vor, die verbietet und die Verbote nicht erklärt, so verwerfen viele die katholische Moral und berufen sich auf eigenes Gewissen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Türe der Kirche geöffnet und die Möglichkeiten für breites Wirken geschaffen. In der Kirche erscheinen neue geistige Bewegungen, über die in der letzten Zeit viel gesprochen, geschrieben und diskutiert wird. Aber das Christentum wurde auf Traditionalismus herabgeführt, auf Riten, die junge Menschen annehmen oder nicht annehmen, die Liebe Gottes zum Menschen ist unverständlich geworden.

Wie können heute die jungen Menschen vom Traditionalismus zum Christentum gelangen? Was soll getan werden, damit die Schönheit und die Tiefe des Evangeliums von neuem dem heutigen jungen Menschen nahe gebracht wird?

Lidija

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Laizistische „alles versprechende“ Moral, mit dem Glanz der Bildschirme und mit der wortreichen Werbung raubt die Jugend. Viele verlieren die Fähigkeit der Kritik und der Unterscheidung. Überschwemmung von Sekten, parareligiösen und magischen Kulten bis zum Satanismus, ziehen  das Herz an und erobern es, um es erschreckend zu verarmen. Noch bevor der junge Mensch zu sich kommt, ist er bereits ausgeraubt, ausgeleert, ausgepresst. Es wird ihm vom reifen, eigenständigen, befreiten Menschen, niemanden verantwortlich, erzählt. Sie versprechen ihm Glück auf der Erde (Marxisten haben bis vor kurzer Zeit „Paradies auf Erden“ versprochen!). Die Ziele sind gleich, die Mittel anderes. Und die jungen Menschen laufen abenteuerlich dem nach in eigener Erfahrung. Es ziehen sie Werte der ernsthaften Vorbereitung zum verantwortungsvollen Leben, zur Berufung, zur Profession  nicht an. Die Wärme  des Heimes, die Schönheit der Kinder, das Ideal einer geistlichen Berufung des Priester- oder Ordensstandes: das alles wird ins Wasser geworfen. Jungfräulichkeit und Zölibat erschrecken, werden für unmöglich erklärt. Aber, auch die Heimat, Schrecknisse, Elend, Wirtschaft, Politik berühren sie nicht. Junge Menschen sind apathisch, indifferent für Werte. Sie leben entfremdet in ihrer Welt.

Leider, hinterlassen wir Ältere ihnen Krieg, Zerstörung, Familienverfall, Arbeitslosigkeit, Bedrohung einer biologischen und nuklearen Katastrophe, in jedem Fall eine finstere Zukunft. Wir haben sie nicht begeistert. Wir haben für sie nicht gesorgt. Dann braucht man sich nicht zu wundern, dass sie die Schönheit der Botschaft des Evangeliums nicht sehen, weil wir sie nicht gelebt und durch Beispiel nicht gezeigt haben. Man soll sich nicht wundern, wenn sie Jesus Christus, den Sohn Gottes, nicht als einzigen Retter erkennen, weil wir ihn nicht bezeugt haben. Deshalb sind für sie alle Religionen gleich wert, und die Moral ist so wie sie jedem gefällt. Warum sollte die Katholische Kirche mehr wiegen als Buddhismus oder andere östliche Religionen? Sie begreifen nicht, dass es um das ewige Heil geht. Sie sehen nicht, dass Christus, der Sohn Gottes, der absolute und der einzige Retter und Erlöser ist und, dass es keinen Vergleich zu Krishna oder Mohammed gibt. Auf diese Weise haben wir den Knoten berührt: schwere Glaubenskrise des heutigen Menschen, nicht nur des jungen Menschen. Der Mensch hat sich zu Gott über alles gemacht, absolut, manipuliert mit sich selbst und mit der Welt, wie es ihm gefällt. Und, nachdem es für den Absoluten keine Gesetze gibt, sagte Dostojevski, schafft sich der Mensch Gesetze, wie er will, je nachdem, was ihm in dem Augenblick gefällt.

Nicht nur, dass es so scheint, sondern, die jungen Menschen sind davon überzeugt, dass die katholische Moral autoritativ ist. Wenn ein Präadoleszent in die Pubertät eintritt, wenn die Welt der Gefühle in ihm erwacht, wenn ihn die Faszination der Sinnlichkeit ergreift, will er von keinen Einschränkungen in diesem Bereich wissen. Er verschließt sich in sich selbst und in seine Welt. Und wenn er in die Adoleszenz und in das Jugendalter eintritt, begreift er die Liebe in der Regel genital im Sinne der Straße, des Diskoclubs, der Verführung, und er wird von allen Seiten mit Propaganda einer zügellosen Freiheit unterstützt. Wenn wir ehrlich sein wollen, kennt der junge Mensch die christliche Moral nicht und er möchte keine Erläuterungen und Beweise hören, nicht einmal die der gesunden Menschenvernunft, und noch weniger die aus der Offenbarung und dem Glauben. Ihn begeistert die laizistische Ethik, weil sie ihm Freiheit gibt. Er ist Anhänger der Sexualrevolution, die die ganze Gesellschaft erotisiert hat mit „soft core“ und „hard core“ Programmen. Staatliche Gesetze unternehmen nichts. Sie haben keine Kraft, öffentliche Moral in Ordnung zu bringen, während sie Zigarette wegen des ökologischen Problems verbieten können. So verfallen wir in eine verwirrte Gesellschaft, die fürs Geld (diese ganze Propaganda bezahlen wir teuer!) die Seelen ihrer Bürger vernichten. Es ist alles erlaubt, so dass wir an öffentlichen Plätzen solchen schandhaften Vorstellungen begegnen können, wofür es nach dem Gesetz Mose für den Täter Todesstrafe gab.

In der Regel ist der Hauptfaktor für die Ablehnung der Moral die affektive Welt des jungen Menschen. Er verbirgt diese Welt in sich, entdeckt sie vor dem Kompetenten nicht und läuft vor dem weg, der ihn danach fragen, ihm erklären könnte, während er alles Sinnliche aufnimmt wie ein Schwamm. Deshalb besitzt er keine Klarheit und entledigt sich der Hilfe. Und in der katholischen Moral sieht er falsch nur Verbote, und lehnt sie ab, bis er das Leben „genossen“ hat. Die katholische Moral ist etwas ganz anderes als nur Verbote. Das ist ein ausgezeichnetes positives System, das den Menschen befreit zur Formierung der Persönlichkeit, die sich übrigens ohne notwendige Einschränkungen nicht bilden kann. Und sich auf eigenes Gewissen zu berufen ist sehr problematisch. Viele junge Mensche wissen nicht, was Gewissen ist. Vor allem sind sie weit entfernt von einem erzogenen Gewissen. Für viele ist das Gewissen ihr Trotz, und für andere bedeutet Gewissen, taub und stumm zu sein für objektive Werte.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die „Türe aufgemacht“, nicht, damit die Welt mit ihren Prinzipien in die Kirche eintritt, sondern, damit sie, mit einer neuen Art und einer neuen Sprache, die Welt besser erreicht. Die Kirche wünscht, Kirche der Armen, der Hungernden, der Verlassenen, der Nackten, der Abgestossenen, der Behinderten – all derer zu werden, die der Herr in der Formel über letztes Gericht „meine kleinsten Brüder“ (Mt 25, 31-46) bezeichnet.

Was die neuen spirituellen  Bewegungen in der Kirche betrifft, die danach trachten, das Christentum authentisch zu leben, ist kein neues Phänomen in der Katholischen Kirche. Der Heilige Geist führt die Kirche jeder Epoche der Geschichte reziprok. Deshalb ist die Kirche nicht und kann auch nicht veraltet sein. Ihre Lehre des Glaubens und der Moral, immer im neuen Gewand, zieht an und begeistert, weil in ihr der auferstandene Christus lebt, der dauerhaft aktiv anwesend ist, der durch den Heiligen Geist wirkt und ohne Unterlass in den Herzen der Menschen geistliche Erneuerung schafft.

Nie war die Katholische Kirche mit dem Traditionalismus der Riten identisch. Sie baut auf der Tradition, d.h. auf der Überlieferung seit den Apostelzeiten bis heute, aber nicht auf dem Traditionalismus. Keine Religionsgemeinschaft hat je so viel missionarisch gewirkt wie die Katholische Kirche nach dem Prinzip der Inkulturation: in allen Kontinenten, Völkern, Sprachen, Rassen und Klassen, indem sie allen das Evangelium bringt und positive Elemente aller Kulturen achtet. Wir hatten in der Kirche noch nie so viele Laien Missionare wie heute, besonders aus den Reihen des neo-katekumenischen Weges, wenn ganze Familien, nicht selten mit vielen Kindern, wegen Evangelisierung in die entferntensten Gegenden hingehen, ohne materielle Mittel, ohne Sprachkenntnisse, aber mit Bereitschaft, in der Liebe und in voller Entbehrung von jeglicher Annehmlichkeit, die Botschaft Jesu Christi den Menschen zu bringen.   

Leider, eingesessene Christen des alten Europas ziehen in vielem nicht mehr an. Sie sind so sehr verweltlicht worden, dass sie jede Opferbereitschaft und Ideale verwerfen, und sie nehmen dafür zügellose Liebe, Ehescheidung, Abortus, Kontrazeption, ungestörtes Eheleben vor der Eheschließung, Droge, Alkohol an. Mit uns geschieht das, was mit dem Römischen Reich bei seinem Zerfall passiert ist. Die Kirche ist nicht an eine Nation, an eine Gegend oder eine Kultur gebunden, wie sie damals nicht an Kleinasien und Nordafrika, wo sie zuerst blühte, gebunden war. Gewiss, wenn die Grundwerte verlassen werden, kann Gott in der Welt nicht mehr gesehen werden. Gott wird von den Medien überschrien, wird vom öffentlichen Leben ohne Gott vernebelt, vom praktischen Atheismus der Masse abgelehnt. Und, dass sie die Kirche nicht mehr als „leuchtendes Licht unter den Völkern“, wie sich das Erste Vatikanische Konzil ausdrückte, sehen, liegt es daran, dass der Mensch den Menschen zum Gott aufgestellt und Gott abgeworfen hat. Nicht, also, ist die Moral der Kirche, sondern menschlich anständiger, ehrlicher und christlich orientierter Mensch in Europa wird überholt. Daher kommt die besondere Schwierigkeit der neuen Evangelisierung von Europa. Sie wird, so scheint es, nicht mehr Massen umfangen, sondern einzelne Menschen, Familien, Gruppen, nach dem Beispiel der ersten Kirche.   

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 298-300)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.