Ist es nicht sinnlos, heutzutage in ein geschlossenes Kloster einzutreten?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 217 klicks

Seit längerer Zeit bin ich nicht sicher, ob ich Ihnen schreiben soll. Wie sie sehen, habe ich endlich dazu Mut gefasst. Das Problem besteht darin: meine beste Freundin, ein sehr schönes Mädchen von 22 Jahren, das Sprachen studiert, möchte ins Kloster gehen. Da ich auch selber gläubig bin, habe ich mich dafür begeistert, weil sie eine sehr schöne und edele Seele ist. Aber, als sie sagte, dass sie in einen kontemplativen Orden eintreten will, war ich enttäuscht, und es waren auch ihre Eltern bestürtzt, die sonst gute Katholiken sind. Was für ein Nutzen von diesen Schwestern? Ich begreife nicht, was das für ein Leben in vier Wänden sein soll. Es wäre besser, Ordensschwester in der Welt zu sein und etwas Konkretes für die Menschen zu tun. Und so…?

Sie werden es nicht glauben, aber sie sagt, dass sie sehr glücklich ist, dass sie Gott gerade auf diesen Weg berufen hat. Was soll ich tun? Manchmal weine ich stundenlang wegen ihrer Dummheit. Wie kann ich ihr die Augen öffnen?

Deshalb bitte ich Sie, mir sobald wie möglich zu antworten! Sagen Sie, ob so etwas Grausames und äußerst Sinnloses der Wille Dessen sein kann, der uns so sehr liebt?

Zvjezdana

*

Du sagst, du seist „gläubig“. Und auch die Eltern der Freundin seien „gute Katholiken“. Zunächst warst du „begeistert“, weil dir vor den Augen Ordensschwester schwebte, die etwas „Konkretes“ für die Menschen tut. Und als sie ihren Bericht ergänzt hat, und du hast begriffen, dass sie in ein geschlossenes Kloster gehen will, warst du „empört“, wie auch ihre Eltern. Jetzt weinst du stundenlang „wegen ihrer Dummheit“, wie du dich ausdrückst. Du möchtest ihr „die Augen öffnen“, und möchtest meine Hilfe dazu, weil du nicht begreifen kannst, dass „so etwas Grausames“, sogar „ganz Sinnloses der Wille Dessen sein kann, der uns so sehr liebt“. Wem wird man „die Augen öffnen“ müssen -  ihr oder dir?

Du hast alle ihre Qualitäten aufgezählt: die beste Freundin, sehr schön, jung, intelligent, eine tiefe und edele Seele und, natürlich, du kannst nicht begreifen, dass der gute Gott ein solches Wesen in ein geschlossenes Kloster berufen kann. In deinen Worten versteckt sich der Zweifel, ob das Leben in einem geschlossenen Kloster nach dem Willen Gottes sein kann. Du sagst: „Ich begreife überhaupt nicht, was das für ein Leben in vier Wänden sein kann?“ Später bezeichnest du ein solches Leben „grausam“ und „sinnlos“, und ihren Wunsch, sich „diesem Weg“ zu widmen, verkündest du als „Dummheit“. Wer ist im Recht – du und die Eltern der Freundin oder die Freundin, der zeitgemäße kontemplative Ordensstand und die Kirche selbst, die auch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein solches Leben segnet? Noch mehr, die Kirche betrachtet dieses Leben als besondere Gabe des Himmels. Wer ist also im Recht?

Ist die Liebe nicht der höchste Wert im Leben? Ist die Liebe nicht der Anfang allen edelen Handelns? Dieses Wort „Liebe“ ist vielbezeichnend, aber hier denke ich an den Inhalt, den diesem Wort der hl. Paulus gegeben hat: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig…, Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf…, sucht nicht ihren Vorteil…, Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13, 4-7). Ohne diese Liebe ist unser Leben leer, es nützt nichts. Alles andere Große im Leben, sogar „Berge versetzen“, seine „ganze Habe“ verschenken, seinen Leib dem Feuer übergeben , „würde es nichts nützen“ (1 Kor 13, 1-3). Die Liebe ist also der Motor des Lebens jedes Laien, wie auch jedes Ordensmannes und jedes Priesters – oder man kann überhaupt nicht vom „Leben“ sprechen. Das Leben vergeht, die Welt vergeht, aber die Liebe hört niemals auf, weil sie „der größte“ Wert des Himmels und der Erde ist (1 Kor 13, 8-13).

Durch die Liebe übersteigt der Mensch unendlich sich selbst. Wir sind umso mehr Menschen, je weniger wir in uns selbst verschlossen sind, je mehr wir den anderen zur Verfügung stehen, je mehr wir Gott und den Menschen gegenüber offen sind (J. Ratzinger). Christus hat in Liebe sich selbst vollkommen überstiegen und so in Wirklichkeit sich selbst gefunden. Wenn wir uns in uns selbst verschließen, verlieren wir uns selbst; wenn wir uns der so verstandenen Liebe öffnen, finden wir uns selbst, und wir verwirklichen uns als Menschen. Wir werden nach der Liebe gerichtet, denn die Liebe ist das, was wert ist. Die ganze Welt, ihre ganze Evolution, die ganze Geschichte, mit allem, was sich in ihr ereignet, steht im Dienste der Liebe. Das ist das Geschenk der persönlichen dreieinigen Liebe, die uns alle beruft zur Teilhabe an seiner ewigen Liebe. Diese Welt ist nur „Durchgang“, „Brücke“, „Versuchung“, „Rennbahn“. Indem der Mensch die Welt baut, muss er sich selbst gestalten, um sich erproben, reinigen, damit er reifen kann für die Einladung zum ewigen Mahl der Liebe, zum Leben der Liebe, das keine Schatten und kein Ende mehr kennt.

Im Dienst der Liebe stehen die Welt und die Kirche, Der Ehestand und der Ordensstand. Und in diesem Sinne ist das Ordensleben absichtlich so strukturiert, um von einem, von Gott berufenen Wesen, nach Möglichkeit, alle Hindernisse zu entfernen, und ihm alle Hilfsmittel zu bieten, damit es so radikal, wie es nur geht, das Evangelium Christi leben und mit Hilfe Gottes, zur vollkommenen Liebe gelangen und rein werden kann, befreit von allem Anhaften zum Irdischen. Das Ordensleben wird mit Hilfe einer bestimmten Struktur des betreffenden Ordens verwirklicht. In wesentlicher Bestimmung sind alle Orden gleich: Sie sind alle zur „vollkommenen Liebe“ berufen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5, 48). Die Unterschiede zwischen verschiedenen Orden, von der Seite der objektiven Struktur selbst her, sind vielfältig: apostolische Orden, kontemplative Orden, säkulare Institute, fromme Bewegungen – alle haben ihre Eigenschaften. Aber hier soll betont werden, dass diese äußerlichen Unterschiede überhaupt nicht wesentlich sind. Und, zweitens, dass in dieser wesentlichen Berufung zur vollkommenen Liebe, nicht nur Menschen in den Klöstern berufen sind, sondern auch alle Laien, ohne Unterschied, in allen Lebensständen, seien sie noch so profan. Darüber spricht die Konstitution über die Kirche, Nr. 38-42. Die Umstände, in denen das Leben nach Liebe gelebt werden muss, können sehr schwierig sein.

Stelle dir ein junges Mädchen vor, dass zwangsweise eine Anstellung in einem verrufenen Gastronomiebetrieb annehmen muss, mit Verpflichtung zur Nachtschicht, oder ein junges Mädchen, im gleichen Alter, die auf Gottes Ruf in ein geschlossenes Kloster eintritt, um hinter den Gittern zu leben. Wir glauben, dass auch das erste Mädchen vollkommen werden kann, und dass es welche gibt, die sogar eine vollkommenere Liebe Gott und den Menschen gegenüber erreicht haben als manche Ordensschwester, und vielleicht auch als viele von ihnen. Trotzdem wird der Ordensstand, wegen seiner besonderen Struktur und deswegen, weil in ihm besonders günstige Bedingungen herrschen, um die Liebe Gott, der Kirche und dem Volke gegenüber, vollständiger und radikaler zu verwirklichen, immer als der Ort bleiben, wo diese Liebe auch „intimer“ oder „vollkommener“ gelebt wird, wie sich das Konzil selbst ausdrückt (LG 44).

Und nun kommen wir zum Entscheidensten bei der Wahl des Lebensweges. Nicht in erster Linie ich selbst wähle die Lebensberufung für mich aus. Deine Freundin wählt nicht das, was ihr gefällt. Gott wählt für uns aus, und er beruft uns. An uns liegt es, das zu entdecken, und nachdem wir entdeckt haben, was Gott von uns will, durch eigene Wahl, ohne Rückzug, dies zu bestätigen und bereitwillig anzunehmen, in Freude und Großherzigkeit. Das bedeutet, dem Leben der Liebe, die uns einlädt, positiv zu antworten. Die Motivation, mit der jemand eintritt, sagen wir, in den Karmel oder in die Ehe, ist das Entscheidenste für den Sinn und den Wert seines Schrittes. Und diese Motivation ist: nicht, was ich will, sondern das, was Gott für mich will; Er hat das in Liebe für mich vorbereitet. Ich soll in Liebe annehmen und in Liebe leben. Die äußere Strenge, bestimmte Übungen, die Tagesordnung, erhalten ihre wahre Bedeutung und ihren Wert von diesem inneren Kern her. Für Gott zählen nicht die äußeren Werke, Erfolg, Applaus der Menschen, sonder die Liebe, d.h. das Herz und der Geist, die wir ihm schenken. Weil deine Freundin nach dieser Regel gewählt hat, verstehe ich, dass sie „glücklich ist, dass Gott sie gerade zu diesem Weg berufen hat“. Sei auch du mit ihr glücklich!

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 277-279)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.