Ist es noch sinnvoll, an Gott zu glauben? (Erster Teil)

Der Philosoph Vittorio Possenti erklärt, wie Metaphysik wieder zum Diskussionsthema eines neuen Humanismus werden könnte

Rom, (ZENIT.org) Giovanni Patriarca | 492 klicks

Welche fundamentalen Fragen sollte man sich im Europa der Krisenzeit stellen? Was bedeuten Ausdrücke wie „juristischer Nihilismus“, „Allianz zwischen Materialismus und Technik“, „biopolitische Revolution“, und was für Folgen ergeben sich aus diesen Dingen für unsere Gesellschaft? Wie kann man die oft ins Lächerliche gezogene oder in die Privatsphäre verbannte Metaphysik wieder in den Mittelpunkt der existenziellen Debatte zurückbringen? Diese Fragen stellte ZENIT an Professor Vittorio Possenti, Philosoph und Direktor des „Fachübergreifenden Forschungszentrum über Menschenrechte“ (Centro Interdipartimentale di Ricerca sui Diritti Umani, kurz CIRDU) der Universität Cà Foscari in Venedig, Mitglied des italienischen Bioethik-Komitees, der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften und der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin sowie Autor von mehr als 25 Büchern und einigen hundert Aufsätzen.

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Im jüngst veröffentlichten Bericht über die Soziallehre der Kirche ist viel von einer weitverbreiteten „juristischen Krise“ die Rede, der chaotische Folgen auf lokaler wie auf internationaler Ebene zugeschrieben werden. Sie haben einen berühmt gewordenen Aufsatz über den „juristischen Nihilismus“ verfasst. Welche Perspektiven öffnen sich in diesem Klima harter Auseinandersetzungen?

Possenti: Die heutige Krise der Gesetzgebung, die an manchen Höhepunkten in juristischen Nihilismus ausartet, ist eine Folge der Entkopplung von Gesetzgebung und Wirklichkeit, im Zeichen eines individualistischen Freiheitskults. Dieser betrachtet die Menschenrechte nicht als etwas vom Wesen des Menschen Abhängiges, sondern als eine freie Entscheidung des Individuums. In meinem Buch „Le ragioni della laicità“ (Rubettino 2007, „Die Argumente des Laientums“) habe ich den Gedanken einer doppelten Tradition der Menschenrechtsauffassung vertreten: Einerseits gibt es eine Auffassung, die die Rechte des Menschen von der Würde der Person und ihrer Sozialität ableitet, andererseits eine, die diese Rechte von der Freiheit des Individuums ableiten möchte. Letztere entspringt einem individualistischen Bild des Menschen, das allein das Recht auf Freiheit anerkennt und gewissermaßen annimmt, alle anderen Menschenrechte seien in diesem einen Grundrecht enthalten. Die Folge davon ist, dass wichtige Rechte wie das Recht auf Leben und auf Arbeit in dieser Perspektive dem Recht auf Freiheit untergeordnet werden.

Diese schon schwierige Situation wird noch von einer juristischen Praxis verstärkt, in der Richter und Gerichtshöfe bedeutende Neuigkeiten einführen, indem sie unbefangen die Maschen des bestehenden Rechts erweitern und manchmal sogar Urteile fällen, die dem Gesetz eindeutig widersprechen. Die Arbeit der internationalen Gerichtshöfe neigt zu einer evolutiven Auslegung der wichtigsten Traktate, Abkommen und Erklärungen zum Thema Menschenrechte im Licht eines unausgesprochenen Rechtspositivismus. Das geschieht in einer Zeit, in der das Gesetz zunehmend als einziges Bindemittel angesehen wird, das die heutigen stark pluralistischen und säkularisierten Gesellschaften noch zusammenhalten kann.

Der juristische Nihilismus ist ein Kind des europäischen Nihilismus und ist zu einem besorgniserregendem Gast unserer Kultur geworden, der das Wesen der Rechtsprechung als solches angreift, indem er sie dem Willen des Stärkeren unterwirft und ihre Bindung zur Vernunft und zur Gerechtigkeit durchtrennt, weil sozialer Konsens zum einzigen Maßstab der juristischen Praxis wird. Im Münchner Dialog zwischen Habermas und Ratzinger (2004) wies Kardinal Ratzinger auf dieses Problem hin, indem er die Frage stellte, ob es nicht doch etwas gebe, das nie Recht werden könne, selbst wenn es von der großen Mehrheit der Bürger befürwortet werde. Nietzsche hingegen glaubte, nichts sei von Natur aus gerecht oder ungerecht, denn diese Begriffe entstünden erst durch das Inkrafttreten eines allgemein akzeptierten Gesetzes und blieben solange gültig, bis nicht eine neue Entscheidung über die geltenden Werte die Begriffe von Recht und Unrecht neu verteile.

Es ist heute nicht leicht, gegen diesen Strom zu rudern. Eine Möglichkeit besteht darin, dass man sich um eine ganzheitliche Sicht der Menschenrechte bemühen könnte, das heißt, das Prinzip festlegt, dass alle Menschenrechte untrennbar miteinander verbunden und unveräußerlich sind, so dass keines gegen die anderen wirken und keines ausgelassen werden kann. Das würde zum Beispiel helfen, das Abdriften des Gesetzes in Richtung der Anerkennung eines absurden Rechts auf Schwangerschaftsabbruch zu stoppen. Ein anderer wichtiger Weg, den es zu gehen gilt, ist die Bekämpfung der immer weiter verbreiteten Tendenz zur Verallgemeinerung, die in Politik und Rechtsprechung gleichermaßen Fuß gefasst hat und real existierende Unterschiede zwischen den Individuen einfach übersieht, indem im Namen der Gleichheit vor dem Gesetz alle über einen Kamm geschoren werden.

Auf jeden Fall ist es notwendig, den Kampf gegen den juristischen Positivismus wieder aufzunehmen, das heißt gegen die Tendenz, das Gesetz als ein Abkommen zu betrachten, das nicht an einer naturgegebenen Realität ausgerichtet ist, sondern als Folge eines Übereinkommens unter Menschen entstanden ist, das auch ganz anders hätte ausgehen können. Letztere Auffassung führt nämlich dazu, dass vom Gesetz zunehmend erwartet wird, dass es Erlaubnisse gebe, Freiheiten gewähre, Dinge erlaube, statt den Menschen auf ein gutes Leben auszurichten. Das pädagogische Element des Gesetzes wird dadurch zunichte gemacht, denn das Gesetz ist nicht mehr dazu da, dem Leben der Menschen eine Richtung zu verleihen, sondern dazu, „Rechte“ zuzugestehen. Infolgedessen nimmt das Ausmaß der Konvention zu, während der Einfluss dessen, was von Natur aus gilt, abnimmt. In diesem Prozess spielt auch der Fortschritt der Technik eine große Rolle, denn indem dem Menschen fast unbegrenzte Möglichkeiten zu Eingriffen und Manipulation eröffnet werden, macht sich die Auffassung breit, dass das, was technisch machbar ist, auch ethisch korrekt sein müsse. Es setzt sich ein Pragmatismus durch, der ungefähr so argumentiert: Vielleicht ist das nicht recht, aber es führt zum Ziel, also muss es erlaubt sein. Letztlich beobachten wir in Kultur und Gesellschaft ein Verschwimmen der Unterscheidung zwischen Recht und Forderung.

[Der zweite Teil des Interviews mit Vittorio Possenti folgt morgen, am Dienstag, dem 28. Januar]