Ist es noch sinnvoll, an Gott zu glauben? (Zweiter Teil)

Der Philosoph Vittorio Possenti erklärt, wie Metaphysik wieder zum Diskussionsthema eines neuen Humanismus werden könnte

Rom, (ZENIT.org) Giovanni Patriarca | 209 klicks

Was kennzeichnet die „biopolitische Revolution“, von der Sie in ihrem Buch „La rivoluzione biopolitica: La fatale alleanza tra materialismo e tecnica“ (Die biopolitische Revolution: Das fatale Bündnis von Materialismus und Technik) sprechen?

Possenti: Wenn die größten Gefahren für Würde und Freiheit des Menschen in der jüngeren Vergangenheit von den totalitären Staatsformen ausgingen, so gehen sie heute von der Technik aus, weil diese den Menschen als einen Gegenstand betrachtet, den man manipulieren und produzieren kann. Den Menschen künstlich herzustellen und sein Wesen zu verändern, scheint der kühnste (und wahnsinnigste) Traum zu sein, den die Ideologie der Technik heute pflegt. Ein Traum, der weit davon entfernt ist, Wirklichkeit zu werden; aber allein der Versuch, ihn in Tat umzusetzen, birgt große Risiken für uns.

Die biopolitische Revolution setzt sich sehr ehrgeizige Ziele, wie zum Beispiel die Entwicklung einer tiefgreifenden Gentechnik, die in der Lage wäre, in das menschliche Erbgut einzugreifen und es zu „verbessern“, um dadurch den Menschen in einen neuen Zustand zu versetzen, den wir mangels einer besseren Bezeichnung als „nachmenschlich“ kennzeichnen könnten. Im Mittelpunkt dieses ganzen Sachverhalts, der zurzeit noch sehr vage und undefiniert ist, steht das Thema der Menschenwürde und des Humanismus, ganz gleich, von welcher Seite man es betrachtet.

Wenn man die heutige Lage der Anthropologie betrachtet, merkt man bald, dass ein neuer Humanismus nötig ist, eine neue Art, den Menschen zu betrachten. Diese neue Betrachtungsweise sollte auf der Wirklichkeit der menschlichen Natur begründet sein und die geistige Dimension des Menschen zur Kenntnis nehmen. Der Mensch ist nicht nur Leib und Materie, sondern erhebt sich durch seinen Geist über die physische Welt hinaus. Oft entspringen die irrsten Träume der Technik einem Weltbild, das den Menschen als reine Materie betrachtet, die für jede Verwandlung verfügbar ist. In der modernen humanistischen Diskussion ist es außerdem wichtig, die Grenze zwischen Mensch und Tier aufrechtzuerhalten, die von den evolutionistischen Theorien oft verwischt wird.

Mein Eindruck ist, dass die materialistische These in allen Zweigen der Wissenschaft weit verbreitet ist, in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht weniger als in den Naturwissenschaften, und dass diese Grundhaltung den Menschen um den grundlegenden Unterschied bringt, der ihn vom Tier und von der Maschine abgrenzt. Das ist die Stelle, an der die radikalsten Formen der Biopolitik ansetzen, die am Menschen nur seine biologischen Lebensfunktionen sehen und den gesamten Menschen im Licht der Biologie betrachten. Auf diese Weise zerstört man den Begriff der menschlichen Person, der in manchen Theorien zugunsten einer schattenhaften Idee von „Unpersönlichkeit“ geopfert wird.

Zweifellos verliert der moderne Mensch in einer kulturell immer vielseitigeren und immer stärker säkularisierten Welt leicht die Orientierung. Die metaphysische Erfahrungswelt wird leicht als ein Märchen abgetan oder schamhaft in die Privatsphäre verbannt. Welche Aussicht tut sich denen auf, die, einem inneren Drang folgend, der für das menschliche Wesen typisch ist und in den Krisenmomenten des Lebens stärker wird, sich jene fundamentalen Fragen stellen, die über den Augenblick hinausgehen?

Possenti: Die Desorientierung des modernen Menschen ist in der Tat groß. Nicht selten ist er bereit, seine Sehnsucht nach Heil und Erlösung in einen Kult der körperlichen Gesundheit zu verwandeln. Wer auf der Suche nach Sinn ist, stellt sich oft metaphysische Fragen, auf die man nicht leicht eine Antwort geben kann. Ein wichtiger Weg wäre der, die grundlegenden Etappen des menschlichen Lebens – Geburt, Wachstum, Arbeit, Liebe, Tod – wieder in einem existenziellen Licht zu betrachten, als Grundkerne unseres Daseins, die eines Sinnes bedürfen. Nur so kann unser Verhältnis zu uns selbst und zur Welt fruchtbar sein. Wir müssen dem Menschen seinen geistigen Lebensraum zurückgeben, denn ohne diesen werden wir Opfer von Depressionen und Fehltritten; wenn wir nicht mehr in der Lage sind, eine Antwort auf unsere fundamentalsten Fragen zu finden, fehlt uns bald der Boden unter den Füßen. Wir müssen die elementaren geistigen Erlebnisse des Menschen wiederfinden; jedoch nicht allein und jeder für sich, sondern indem wir versuchen, uns zu vernetzen und einen Dialog, eine Gemeinschaft aufzubauen, die in der Lage ist, einem Individualismus entgegenzutreten, der durch seine unersättlichen Forderungen deprimiert und alle Lebensfreude nimmt. Auch der Dialog zwischen den Generationen muss wiederbelebt werden. Die Solidarität zwischen den Generationen setzt vor allem voraus, dass man täglich an der Festigung der persönlichen Beziehungen arbeitet, die eine hohe Schule für das Leben darstellen und uns Sinn lehren. Es muss verhindert werden, dass jede Generation sich selbst neu gründet, in einer eigenen Welt abkapselt und nur noch mit sich selbst kommuniziert, ohne die Erfahrungen anderer Generationen wahrzunehmen.

Wenn wir an der Basis die Fäden des Dialogs unter den Generationen wieder verknüpfen, dann können in den hohen Kreisen der Kultur auch die metaphysischen Fragen neu erstehen und durch komplexe Gedankengebäude beantwortet werden. Es herrscht in der modernen Philosophie ein ungeheurer Bedarf an positivem Denken, denn Nihilismus und Abbau der historischen Metaphysik haben das Problem der Transzendenz ganz beiseitegeschoben und den Menschen schutzlos seiner Kleinheit und Begrenztheit ausgeliefert, die oft in ein Gefühl der Verzweiflung mündet. In der Tat dauern die Lobhymnen auf unsere Begrenztheit nie lange und enden immer in Ernüchterung. Daraus folgt die Notwendigkeit einer erneuerten metaphysischen Sichtweise, eines metaphysischen Wissens, ohne das der Mensch nicht auskommen kann. Durch diesen Schritt könnte man auch verhindern, dass die Philosophie, die sich einst als allumfassendes Wissen verstand, sich mit eigenen Händen schwächt und zu einer der vielen Randprovinzen des menschlichen Wissens macht. Der wichtigste Weg zu diesem Ziel besteht darin, dass man den Blick vom Phänomen zur Grundlage hinwendet. Dadurch würde man die postmetaphysische Geisteshaltung überwinden, die an der Möglichkeit zweifelt, dass Philosophie überhaupt in der Lage ist, die Wahrheit zu erreichen. Denn heute glauben viele, dass dies allein der Wissenschaft gelingen könne.

[Der erste Teil des Interviews mit Prof. Vittorio Possenti erschien gestern, am Montag, dem 27. Januar]