Ist Gott vielleicht doch grausam?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 303 klicks

In Unserer katechetischen Gemeinschaft wurde über den Glauben diskutiert, und zum Schluss wusste niemand recht zu sagen, was der Glaube sei. Und als jemand Abraham als den „Vater unseres Glaubens“ erwähnte, antwortete revoltiert ein anderer: „Wie konnte Gott von Abraham verlangen, den eigenen Sohn zu töten? Was ist das für ein Gott, der fordern kann, dass ihm zur Ehre, ein junger Mann, die einzige Freude der alten Eltern, getötet wird?“

„Warte mal“, rief ein anderer zu. „Das ist nicht alles. Es gibt in der Bibel einen Fall der Verbrennung der eigenen Tochter. Wieviel ich mich erinnern kann, tat das einer der Volksrichter, aber seinen Namen weiß ich nicht mehr. Der war für die Gerechtigkeit im Volk zuständig, und er musste die Gesetze und Vorschriften gut kennen. Oder, können wir auch heute Söhne und Töchter Gott zur Ehre morden? Von einem solchen Gott werde ich schnell Abschied nehmen.“ Was sagen darüber gelehrte Theologen?

Slaven

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Du bist ziemlich ironisch. Aber es stört nicht. Vielleicht kannst du dich so wahrhaftiger ausdrücken. Klug hast du den Namen der katechetischen Gemeinschaft verschwiegen. Aber, ich gewinne den Eindruck, dass in ihr ernsthaft gearbeitet wird, weil ihr sogar über einige detaillierte theologische und biblische Kenntnisse verfügt, obwohl euch wichtige Erklärungen fehlen. In Wirklichkeit berührst du drei Probleme: den theologischen Begriff des Glaubens, die Opferung Isaaks und die Verbrennung der Tochter des Richters Jiftachs.

Der Begriff des Glaubens – Versuchen wir den Glauben auf drei Ebenen zu sehen. In der allgemeinen menschlichen Auffassung glaube ich jemanden wegen seiner Autorität, weil er Wahrheit weiß, und weil er Wahrheit sagen will (Mutter, Vater, Priester, Lehrer…), was man leider von den Informationen in den Massenmedien nicht sagen kann, weil sie oft ideologisiert, sogar lügnerisch sind.

Im Christentum (theoretisch und praktisch) ist der Glaube eine der drei theologischen Tugenden (neben der Hoffnung und der Liebe), er regt den Glaubenden an, sich in allen Umständen des Lebens, im Vertrauen, in die Hände Gottes hinzugeben und in Demut das Wort Gottes anzunehmen.

Im intellektuellen theologischen Sinne bedeutet der Glaube die Zustimmung des Geistes zu einer göttlichen offenbarten Wahrheit (sagen wir die Fleischwerdung der Zweiten Göttlichen Person), die die Kirche als solche zum Glauben vorlegt. Die geoffenbarte Wahrheit nehme ich nicht an wegen der inneren Klarheit (die Klarheit besitze ich nicht, denn es handelt sich um ein übernatürliches Geheimnis), sondern wegen der Autorität Gottes, denn Gott weiß die Wahrheit, und er will sie mir mitteilen (durch die Propheten und am meisten duch Jesus Christus).

Daraus folgt bereits, dass das Objekt der offenbarten Wahrheiten Geheimnisse Gottes (Mysterien) sind, unzugänglich für unsere vernunftsmäßige Betrachung. Und wenn der Verstand den offenbarten Wahrheiten zustimmt und der Wille sie annimmt, dann ist das das Ergebnis der Gnade Gottes, die Gott dem Betreffenden schenkt. Deswegen ist der Glaube eine reine unverdiente Gabe Gottes. Viele von uns haben diese Gabe in der Familie, in der katechetischen Gemeinschaft oder in der Pfarrgemeinde erhalten. Den Glauben kann man verleiren, wenn danach nicht gelebt wird (Abgefallene vom Glauben). Der Glaube kann durch Sünden geschwächt werden (mit jeder schweren Sünde). Der Glaube kann durch Opfer und Gebet gestärkt werden (heilige Menschen haben den  Glauben in einem intensiven Grad der dauernden Vereinigung mit Gott gelebt). Die Gabe des Glaubens kann also niemand verdienen und deshalb sich selbst zuschreiben. Die Gabe des Glaubens ist zweifellos eines der größten Geschenke, die uns Gott im Leben gibt.

Für viele gläubige Menschen wird gesagt, dass sie in ihrem „Glauben unerschütterlich“ sind. In diesem Sinne war Gottes Erwählter, Abraham, gerade das Urvorbild. Im Glauben sein, im Glauben leben – helle Augenblicke des Trostes haben, alltägliche monotone Momente, graue und trübsinnige, aber auch gefährliche Stürme, wenn die Traurigkeit überwiegt, Verlassenheit, das alles hat der „Urvater des Glaubens“, Abraham durchlebt.

Die Geschichte des Lebens im Glauben ist die Geschichte der ungewissen Sicherheit, dunkler Klarheit, Mischung aus Tag und Nacht, weil auch die Nacht nichts anderes ist als der Schatten der Erde, aber sie manch Angst, weil ich die Spalte, den Grat, den Abgrund, der mich bedroht, nicht sehe. Es ist anders, den Weg in der Nacht mit einem Lämpchen zu beleuchten (mit dem Licht des Verstandes), als ihn im vollen Licht der Sonne zu sehen (mit dem Licht des Glaubens).

Das Licht des Verstandes ohne Glauben sieht wenig. Das Licht des Verstandes, vom Licht des Glaubens unterstützt, sieht auch das, was dem Verstand allein unbegreiflich ist. Um unseren Weg in die Ewigkeit sicherer zu machen, hat uns Gott die Offenbarung und die Gabe des Glaubens gegeben, womit wir die Offenbarung annehmen.

Der Sinn des Abrahams Opfers – Die Isaaks Geburt im hohen Alter von Abraham und Sara, als das niemand mehr erwartete, ist Belohnung für den Glauben Abrahams, für die vollkommene Treue zu Gott. Durch Gottes Auftrag, den Sohn Isaak zu opfern (Gen 22, 1-19), wird diese Belohnung zur schweren Probe des unerschütterlichen Glaubens Abrahams. Das Leben Isaaks ist die Stütze dieses Glaubens, „weil durch die Nachkommen von Isaak der Name von Abraham groß gemacht wird“ (Gen 12, 2), verspricht Gott zu Abraham.

Das unverdiente Geschenk der zweifellosen Verheißung Gottes und unverdiente absolute Annahme Abrahams  der gleichen Verheißung sind das Fundament der dramatischen Geschichte Abrahams als Menschen, der glaubt.  Übrigens, das ist der Weg jedes echten Glaubenden: in der klarsten Gewissheit und in der dunkelsten Finsternis.

„Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija, und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar (Gen 22, 2). Laute Imperative: nimm, , geh, bring. „Deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst.“ Dieses: den einzigen, deinen, den du liebst, schneidet jedes menschliche Herz. Ist das möglich?  Umbringen, töten, verbrennen Gott zur Ehre, „den einzigen, den du liebst“. Was für Ehre kann das für Gott sein? Ist das nicht Schande Gottes?  Das Liebste, was man hat, zu opfern.  Und Verheißungen? Und Hoffnungen, die damit verbunden sind? Menschlich unbegreiflich!

Und der Dialog zwischen dem Knaben, als würde er Böses ahnen, und dem Vater:  „Vater!... Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?“ Dem Abraham bricht das Herz.  „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn“ (Gen 22, 7-8): er hofft gegen jede Hoffnung. Und als Abraham seine Hand ausstreckte und das Messer nahm… BLEIB STEHEN!  „Abraham, Abraham!... Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten“ (Gen 22, 11-12).

Es handelt sich um ein vielfaches Mysterium. Der Aufstieg auf den Berg Morija ist das Symbol des Aufstieges Christi auf den Berg Kalvaria. Isaak ist das Symbol des Lammes Gottes, das in seinem Tod, „die Sünden der Welt wegnimmt“. Das Holz ist das Symbol des Kreuzes. Der Altar, das Messer, das Feuer – sind Zeichen des Leidens Christi. Abraham ist Vorbild, das Vorbild des Menschen, der Gott absolut glaubt, auch dann, wenn die menschliche Vernunft nur Absurdität sieht. Gott ist kein Henker, sondern Vater, der am Beispiel von Isaak und eigenem Sohn pädagogisch klar darauf hinweist, dass man in das Himmelreich nur durch unwiderrufliche Trennung von allem, was nicht Gott ist, eintritt:  vom berühmten Namen, vom Reichtum, von der Sinnlichkeit, von dem, was dich am meisten bindet („von deinem Isaak“), ohne den du glaubst, nicht bestehen zu können.

Das Gelübde Jiftachs – nach dem Jiftach seine Tochter opfern sollte, hat nichts Gemeinsames mit Abrahams Opfer. Es handelt sich um die Pädagogik Gottes, die Genauigkeit im sittlichen Leben seines, noch primitiven, Volkes zu korrigieren. Jiftach geht in den Krieg gegen die Ammoniter und legt ein Gelübde ab: „Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir (als erstes) aus der Türe meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören, und ich will es ihm als Brandopfer darbringen“ (Ri 11, 30-31).  „Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, dann kam ihm seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter“ (Ri 11, 34).

Was ist ein Gelübde? „Ein Gelübde ist ein Gott überlegt und frei gegebenes Versprechen, das sich auf ein mögliches und besseres Gut bezieht, muss kraft der Tugend der Gottesverehrung erfüllt werden“ (KKK 2102).

Sein eigenes Kind Gott zu opfern – ist das „ein mögliches und besseres Gut“? Nein. Solches Gelübde ist in Unwissenheit abgelegt worden, in unüberwindlich falschem Gewissen, und deshalb kann es objektiv nicht verpflichten. Gott nimmt keine Verehrung an durch das Opfern von menschlichen Personen. Niemand kann über eine andere Person verfügen, weil eine Person kein Gegenstand oder Mittel für etwas ist. Die Person hat das Ziel in ihrer, von Gott gegebenen, Würde, die niemand antasten darf.

In Israel herrschte die Meinung, dass man Gott das Kostbarste, das man hatte, opfern soll. Und Prophet Micha fragt: „Womit soll ich vor den Herrn treten?... Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend von Bächen von Öl?“ Und setzt fort: „Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünden?“ (Mi 6, 6-7).

Die Propheten werden kämpfen gegen die Gottesverehrung der heidnischen Kanaaniter, die dem Baal junge Männer und Frauen geopfert haben. Menschliche Opfer wird Israel immer verwerfen. Im Falle des Jiftach ist die Betonung auf die Treue zum versprochenen Gelübde gesetzt. Diese Treue ist auf unüberwindlich falschem Gewissen begründet. Wenn jemand dem Jiftach sein Gewissen erleuchtet und ihm seinen Irrtum aufgedeckt hätte, hätte er mit Sicherheit auf den Vollzug des falsch abgelegten Gelübde verzichtet.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 298-300)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.