Ist Theologie Wissenschaft?

Interkonfessionelles Symposium zum Studium der Theologie

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WIEN, 27. November 2008 (ZENIT.org).- Erstmals fand an der Wiener Universität ein intensiver, interkonfessioneller Austausch unter katholischen, evangelischen und orthodoxen Theologen zum Thema: „Das Studium der Theologie angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" statt. Die Bedeutung dieses Treffen liegt vor allem in der Weiterentwicklung der ökumenischen Kontakte insbesondere zur Russischen Orthodoxen Kirche, die mit je einem Vertreter der Moskauer Geistlichen Akademie und der orthodoxen St.-Tichon-Universität an dieser wissenschaftlichen Tagung teilnahm. Das Symposium, das vom 6. bis 8. Nov. 2008 im Sitzungssaal der Katholisch-Theologischen Fakultät tagte, widmete sich Fragen der akademischen Theologie aus der Perspektive der orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirche.

Ausgangspunkt der Überlegungen war der Einsatz der Theologie in wissenschaftlicher Forschung und Lehre. Theologie übt in der Öffentlichkeit einen dreifachen Dienst aus: An der Kirche, an der Gesellschaft und an der akademischen Welt im Rahmen der Universitäten. Inwiefern wird sie aber in diesen drei Bereichen wahrgenommen? Die Verankerung der Theologie in staatlichen Universitäten schenkt der Theologie eine öffentliche Präsenz, die es gilt, in einem herausfordernden Austausch mit anderen Disziplinen anzunehmen und zu gestalten. Da die Gesellschaft insgesamt durch Religionen wesentlich geprägt wird, ist die Zusammenarbeit mit dem Staat unbedingt notwendig. Was aber macht den Theologen im Unterschied zu den Religionswissenschaftlern besonders kompetent? Es ist die tiefere Kenntnis der Religion und der religiösen Erfahrung von innen her.

Im Rahmen des europaweiten Bolognaprozesses [politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010] stellt sich für die Theologie die Frage der Vereinbarkeit der kirchlichen Vorgaben mit den standardisierten staatlichen Studienprogrammen, die für die staatliche Anerkennung notwendig ist. Die vortragenden Professoren Groen, Jäggle, Prokschi (katholisch), Adam, Schelander (evange-lisch), Pol'skov und Cypin (russisch-orthodox) waren sich einig, dass die Theologie als wissenschaftliche Disziplin in Verbindung mit den jeweiligen Kirchen öffentlich Präsenz zeigen muss. In Russland ist das nach 70 Jahren atheistischer Diktatur bis heute nicht selbstverständlich. Die russische Duma lehnte im Januar 2008 die landesweite Einführung von Religionsunterricht an Schulen ab. Nur in einzelnen Provinzen ist es möglich, dass an Schulen orthodoxe bzw. islamische Kulturkunde unterrichtet wird. Es lässt sich aber feststellen, dass die Stimme der Kirche seit der Perestroika gerade in der Wertedebatte eine wichtige Rolle einnimmt. Mehr und mehr fällt heute auf, dass sich die Gesamtatmosphäre einer Universität durch die sichtbare Anwesenheit der Kirche in positiver Hinsicht ändert. Behörden und Medien erkennen immer mehr die Notwendigkeit von theologisch ausgebildeten Mitarbeiten im Kultur- und Kunstbereich, aber ebenso in der Rehabilitation von Drogen- und Alkoholabhängigen und bei Menschen, die nach einer intensiven Sektenerfahrung einen neuen Anfang suchen.

Die großen Herausforderungen für das Theologiestudium liegen in der Förderung einer gesamtmenschlichen, vor allem aber einer spirituellen Kompetenz im Rahmen einer akademischen Ausbildung. Theologie muss sich als Stütze für das Leben und den einfachen Glauben verstehen. Gleichzeitig bringt den Studierenden der weite Horizont des Theologiestudiums eine wesentliche Sprach- und Denkkompetenz.

Der Austausch von Wissenschaftlern - zwischen Ost und West - ist ein grundlegendes Merkmal in der modernen Forschung. Gerade im ökumenischen Gespräch braucht es Theologen, die in der eigenen Tradition verwurzelt sind und angstfreies Interesse für andere Konfessionen zeigen. Derzeit verläuft dieser Austausch aber meist einbahnig: Relativ viele Wissenschaftler aus dem Osten Europas (aber auch aus anderen Kontinenten) forschen in Westeuropa und den USA. Die Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät zählt von den 1400 Studenten ein Viertel aus insgesamt 37 Staaten.

Die Tagung wurde vom Institut für Theologie und Geschichte des Christlichen Ostens der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien organisiert. Eine Publikation der Vorträge ist geplant.