Italien: Ein Land rüstet sich mit der Inmaculata für Weihnachten

Von Tanja Schultz

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ROM, 7. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Weder Adventskränze noch Schokoladennikoläuse zum 6. Dezember! Unvorstellbar für ein Kind aus der Gegend nördlich der Alpen! Aber hier in Rom fahndet man nur mit äußerster Mühe nach den Symbolen der deutschen Adventszeit. Bei genauerem Blick auf die Herkunft dieses Brauchtums wird auch klar, warum: Der Adventskranz stammt aus protestantischen Landen und die Beschenkung der Kinder am Todestag des heiligen Nikolaus aus Myra hat sich seit der Lutherzeit als fester Brauch vorwiegend in Mittel- und Nordeuropa eingebürgert. Die italienischen Kinder müssen noch bis Epiphanie auf ihren mit Süßigkeiten gefüllten Strumpf warten, mit dem die gute Hexe Befana die Artigen belohnt.

In Italien läutet ein anderes Ereignis die Vorweihnachtszeit ein. Startschuss gibt der Festtag der Unbefleckten Empfängnis Mariae am 8. Dezember, der in Rom wie ein richtiger Staatsfeiertag angegangen wird. Denn dann erst legt die Stadt ihr Weihnachtsfestkleid an: es werden die so beliebten Krippen aufgestellt, die Christbäume geschmückt, die Weihnachtsmärkte eröffnet und es beginnt die Weihnachtsbäckerei.

Die ganze Stadt ist in diesen Tagen im Aufbruch. Es wird Weihnachtsschmuck gekauft, farbige Leuchtgirlanden an den Fenstern und Balkons befestigt, Bäume herbeigeschleppt und die letzten Vorbereitungen getroffen für das morgige Ereignis. Die Familien holen die verstaubten Kisten vom Vorjahr mit den bemalten tönernen Krippenfiguren hervor, die fein säuberlich poliert werden. Aufgebaut werden die oftmals bizarren orientalischen Landschaften und kunstvollen Stadtveduten, die die eigentliche Geburtsszene rahmen, erst am Morgen der Immaculata. Ein großer Tisch im Wohnzimmer wird meistens wirkungsvoll als Bühne hergerichtet.

Die Krippe ist das Aushängestück und Stolz einer jeden Familie. Sie ist keine starres Set, sondern häufig über Jahre, wenn nicht über Generationen gewachsen. Und jedes Jahr kauft man ein Stück dazu. Die Krippen wachsen auf diese Weise mit den Familien. Der Besuch des traditionellen Weihnachtmarktes auf der Piazza Navona gehört zum obligatorischen Festprogramm, auf dem man an einem der vielen Stände handgearbeitete neapolitanische Krippenfiguren in beliebigen Größen und Qualitäten erwerben kann. Was in den Privathaushalten üblich ist, gilt natürlich auch für die unzähligen Kirchen der Stadt. Diese versuchen sich in Prunk und Größe der Krippen, die manchmal ganze Kapellenräume ausfüllen, gegenseitig zu übertrumpfen.

Unbestrittener Höhepunkt des Feiertages jedoch ist für viele Römer, den Heiligen Vater aus nächster Nähe zu erleben. Eine seltene Gelegenheit außerhalb des Vatikans! Einmal im Jahr, nämlich zum Fest der Unbefleckten Empfängnis, begibt sich der Papst nachmittags ins Zentrum zu den Bürgern, sozusagen mitten unter das Volk. Seit Pius XII. ist es üblich, dass der Pontifex persönlich der Bronzestatue der Gottesmutter auf dem Platz bei der Spanischen Treppe Blumen hinterlegt und sich in einem Gebet vertrauensvoll an die heilige Jungfrau wendet. Diese war anlässlich der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis im Jahr 1856 errichtet worden. Die Figur bekrönt eine 18 m hohen Säule auf einem mächtigen, achteckigen Unterbau, um den die Marmorstatuen mit den Propheten Ezechiel, Moses, Daniel und Jesaja versammelt sind. Maria ist auf einer Weltkugel stehend mit einer Schlange unter dem Fuß als Siegerin über die weltliche Sünde dargestellt. Dies ist die gängige Ikonographie der Immaculata nach der Vision der französischen Ordensfrau Catherine Labouré, die für die sogenannte Wundertätige Medaille verbindlich wurde.

Auch die römische Feuerwehr darf ein sichtbares Zeichen ihrer persönlichen Verehrung der Jungfrau am Ort hinterlassen: Mit ihrer tatkräftigen Hilfe bei der Aufstellung des Monuments im 19. Jh. hatte sie nämlich das Ehrenrecht erworben, am 8. Dezember der Gottesmutter einen Kranz in den rechten angewinkelten Arm zu legen. Dafür muss eine Feuerwehrleiter ausgefahren werden und weil das aufwendig ist, bleibt das Blumengebinde bis zum folgenden Jahr, vergilbt und vertrocknet, am Arm der Bronzestatue hängen. Diese beiden Zeremonien werden von den römischen Gläubigen mit großer Begeisterung verfolgt. Der Platz und die Straßen darum herum füllen sich schnell mit Menschenmassen. Man sollte sich bereits einige Stunden zuvor einen Platz ganz vorne bei den Absperrungen sichern.

Die Ehrerbietung der Gottesmutter findet ihren Abschluss mit dem Besuch der größten und bedeutendsten Marienkirche der Stadt, Santa Maria Maggiore. Benedikt XVI. zieht im weißen Papamobil langsam durch das Zentrum zu der Papstbasilika auf dem Esquilin, begleitet von einem unendlichen Konvoi dunkler Wagen mit vatikanischen Würdenträgern. In der Kirche huldigt er der Salus Populi Romani, einer byzantinischen Ikone mit der Gottesmutter und dem Christuskind, die in der Borghese-Kapelle aufbewahrt wird.

Die Verehrung der Unbefleckten Madonna ist in Italien tief verwurzelt, ist fester Bestandteil der Volksfrömmigkeit. Das Volk blieb daher auch völlig unberührt von dem theologischen Disput um die Immaculata Conceptio, der die Verkündigung des Dogmas durch Pius IX. im Jahre 1854 begleitet hat. Die Kontroverse um die Auslegung geht schon auf das Spätmittelalter zurück. Im Zentrum stand die Frage, wie Maria als Mensch mit der Erbsünde belastet am Erlösungswerk teilnehmen konnte.