Italien kämpft um den Lebensschutz

Heftig debattierter Gesetzentwurf im italienischen Parlament

| 1523 klicks

Von Carlo Casini

ROM, Freitag, 15. April 2011 (ZENIT.org). - Eine der aktuellsten Debatten dieser Zeit ist jene zum Gesetzesentwurf bezüglich des Lebensendes, über den die Kammer im Parlament im April abzustimmen hat. Immer wieder haben sich der Vorstand und die einzelnen Gremien der Bewegung für das Leben dahingehend eingesetzt, dass ein Gesetz beschlossen wird, das ein sich Wiederholen von Fällen wie jenem von Eluana Englaro (ZENIT berichtete) unmöglich macht und jeder Form der Euthanasie - sei sie aktiv oder passiv, direkt oder indirekt - ein Ende setzt.

Dies scheint die Linie so gut wie der ganzen katholischen Welt zu sein, wie auch die Erklärungen von Kardinal Angelo Bagnasco, dem Vorsitzenden der italienischen Bischofskonferenz, von Kardinal Elio Sgreccia sowie jene fast aller Bewegungen und christlichen Organisationen zeigten.

Ich selbst habe mich dazu geäußert, in einem Essay in der Nr. 5/2010 der Zeitschrift „ Medicina e Morale" (Medizin und Moral), das außerdem an alle Mitglieder des Parlaments, an alle Bischöfe, an die Lebenshilfezentren sowie an die Bewegung für das Leben Italien gesandt wurde.

Zuvor hatten wir - die Bewegung für das Leben - bereits an Kampagnen von „ Scienza e Vita" (Wissenschaft und Leben) teilgenommen, die sich „Weder Euthanasie noch ...(accanimento terapeutico)" und „Frei zu leben" nannten. Wir haben das unabhängige Projekt „Heptavium" realisiert, die Bücher „Biologisches Testament als Selbstbestimmung?" („Testamento biologico quale autodeterminazione?") und „Eluana sind wir alle" („Eluana è tutti noi") verbreitet, haben uns dann an den Senat (Broschüre: „Das Gesetz zum Lebensende") sowie die Kammer (Broschüre: „Das Gesetz zum Lebensende nach dem Fall Englaro: ein Beitrag zum Nachdenken") gewandt, indem wir den einzelnen Parlamentsmitgliedern Material mit technisch-rechtlichem Inhalt („Inquadramento costituzionale e proposte") zukommen ließen.

Dann haben der Ausstieg Gianfranco Finis beim „Popolo della Libertà", seine Stellungnahmen, die Mobilisierung aller großen Medien, um das Gesetz zu verhindern und um die Unangemessenheit sämtlicher Gesetze zu betonen, die Approbation unserer Gesetzesvorlage unsicherer gemacht.

Es ist daher notwendig, dass die katholische Welt sowie die Pro- Life- Bewegung ihre Positionen einheitlich und stark vertreten. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, dass die Bewegung für das Leben ihre Tätigkeit der Beratung und Information in Bezug auf die legislative Debatte fortsetzt und all dies in einem Dokument, das sich an die Öffentlichkeit richtet, zum Ausdruck bringt.

Die Diskussion, das Gesetz zum Lebensende betreffend, ist äußerst weitgreifend und komplex. Hier nun auf jeden einzelnen Aspekt einzugehen, würde meine Überlegung zu weit ausdehnen. Daher verweise ich auf den Auszug aus „Medicina e Morale" : Die Debatte zur Patientenverfügung. Werturteile und Perspektiven" (Il dibattito sulle dichiarazioni anticipate di trattamento. Valutazioni e prospettive).

Ich nehme an, dass in den nächsten Tagen viele Mitglieder der Bewegung für das Leben dazu angehalten werden, ihre Meinung zu äußern oder an Debatten teilzunehmen; daher ist es notwendig, den Gesetzesvorschlag zu kennen. Viele sprechen darüber, ohne diesen jemals gelesen zu haben. Außerdem muss man die Einsicht besitzen, niemals den Ausdruck „biologisches Testament" (testamento biologico) zu benutzen. Die DAT (dichiarazioni anticipate di trattamento, Patientenverfügung) sind das genaue Gegenteil eines „biologischen Testaments".

Was Letzteres ausmacht, ist seine Verbindlichkeit: Was eine Person einmal gesagt hat, als sie bei vollem Bewusstsein war, muss von allen auch dann verpflichtend ausgeführt werden, sollte diese Person einmal ihre Fähigkeiten verlieren. Die DAT hingegen sind per Definition nicht endgültig verbindlich. Darin besteht der Unterschied zwischen dem, was nicht akzeptabel, und dem, was akzeptabel ist.

Hier tut eine zweite Betrachtung Not. Die gesamte radikale Kultur, die die Abtreibung, eine verfälschte Idee von Freiheit und das Recht auf den Tod propagiert sowie für die Euthanasie eintritt, macht Druck, damit jenes Gesetz - das bereits bis zur Endabstimmung der Kammer im Parlament gelangt ist - nicht approbiert wird. Zeigt nicht allein das schon, wofür wir uns entscheiden müssen?

Es liegt auf der Hand, dass dieses Gesetz die Euthanasie-Projekte stört. Es ist doch recht widersprüchlich, wenn sich jemand auf die Seite der Radikalen, der Abtreibungs- und Euthanasiebefürworter schlägt, um jenes Resultat zu erzielen, das unsere Gegner anstreben.

Es müssen natürlich noch einige bestimmte Formulierungen des Gesetzesentwurfes kritisch überlesen werden, um zusätzliche Verbesserungen zu ermöglichen, doch dabei handelt es sich um Details, die das Herzstück des Gesetzesvorschlages von Calabrò-Di Virgilio nicht in Frage stellen. Sollte er approbiert werden, wäre dies ein Fortschritt und ganz bestimmt kein Rückschritt in der Gesetzesordnung und in einer Kultur, die Eluana Englaro verhungern und verdursten ließ.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Katharina Marschall]