Italienische Bischöfe zur Diskussion über Euthanasie und Übertherapierung

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ROM, 25. Januar 2007 (ZENIT.org).- Am Montag meldete sich der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, zum Thema der Euthanasie und ihrer Definition zu Wort. Der in Italien gesellschaftspolitisch relevante Grund hierzu war der „Fall Welby“ sowie die Entscheidung des Vikars des Papstes für die Diözese Rom, den Angehörigen nach dem Ableben des an Muskeldystrophie erkrankten Welby, das durch das Abschalten der Leben erhaltenden Instrumente unter Narkosewirkung verursacht worden war, das erbetene kirchliche Begräbnis zu verweigern.



Bereits am vergangen Sonntag, einen Tag vor Beginn der Frühjahrsversammlung des Ständigen Rates der Italienischen Bischofskonferenz, hatte sich der emeritierte Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini, zu dieser Problematik. In der Mailänder Zeitung „Il Sole 24 Ore“ erkannte der Kardinal die Notwendigkeit von gesetzlichen Richtlinien an, die die (informierte) Verweigerung von ärztlicher Behandlung seitens eines unheilbar erkrankten Patienten ermöglichen und den Arzt vor eventuellen Anklagen schützen. Gleichzeitig präzisierte Kardinal Martini, dass es „von größter Wichtigkeit ist, zwischen Euthanasie und dem Verzicht auf eine Übertherapierung zu unterscheiden“. Diese beiden Begriffe würden oft miteinander verwechselt.

Nach Kardinal Martini bedeutet die Vermeidung einer Übertherapierung nicht, den Tod zu provozieren. „Man akzeptiert auf diese Weise, dass der Tod nicht zu verhindern ist.“

Als Bezugspunkt seiner Überlegungen wählte der Kardinal die neue Gesetzgebung in Frankreich. Das französische Gesetz wurde im Jahr 2005 verabschiedet und sieht vor, dass die ärztlichen Behandlungen nicht „mit einer unvernünftigen Beharrlichkeit “ fortgeführt werden dürfen. Ein Patient im Endstadium seines Lebens könne somit entscheiden, „die Therapie zu begrenzen oder abzubrechen“ und die Verabreichung von Medikamenten gegen den Schmerz zu verfügen, auch wenn diese den Sterbeprozess beschleunigen.

Der französische Gesetzestext wurde mit den Stimmen der Regierungspartei ohne die Stimmen der oppositionellen Sozialisten und Kommunisten verabschiedet. Das Gesetz räumt die Möglichkeit ein, „dass vorbeugende, untersuchende und behandelnde Maßnahmen, wenn sie nutzlos, nicht proportioniert oder ohne weitergehende Wirkungen erscheinen als die der künstlichen Lebenserhaltung, abgebrochen oder erst gar nicht aufgenommen werden dürfen“. Das Gesetz schützt somit die Ärzte vor eventuellen Sanktionen, wenn sie nur den Willen des Patienten oder dessen Familienangehörigen befolgen, den diese klar zum Ausdruck gebracht haben.

Nicht nur Kardinal Ruini widersetzte sich der Ansicht und des Aufrufs von Kardinal Martini sowie dessen Bezugnahme auf den französischen Gesetzestext. Auch der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Bischof Elio Sgreccia, meldete sich zu Wort.

Kardinal Ruini und Bischof Sgreccia wiesen beide auf die große Gefahr hin, dass es bei dem Thema der Euthanasie zu einem ethischen Dammbruch in der Gesellschaft kommen könne. Bischof Sgreccia stellte fest, dass die fortschreitende Säkularisierung eine Mentalität zu Gunsten der Euthanasie fördere, insofern ein „Mensch ohne Gott die Kraft zum Leben verliert“.

Der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben äußerte sich zu dieser Problematik und der von Kardinal Martini weiter angefachten Diskussion vor Journalisten am Rand einer Tagung des „Instituto de Humanidades Ángel Ayala“ in Madrid (Spanien) zum Thema „Die Lehre Johannes Pauls II. über das Leben des Menschen“.

Es sei gerade Aufgabe der Katholiken, den Prozess einer „Kultur des Todes“ umzukehren, betonte der Bischof angesichts der Tatsache, dass sich Europa auf dem Weg zum „Selbstgenozid“ befinde.

Was den Begriff des „würdigen Tods“ angeht, bestand Bischof Sgreccia darauf, die Sprache zu bereinigen, in die das Wort der Euthanasie Aufnahme gefunden habe. Dies sei notwendig, um den Begriff des würdigen Todes von allen Widersprüchlichkeiten frei zu bekommen. Oft sei es der Fall, dass das Wort vom „würdigen Tod“ von einer Mentalität in Beschlag genommen werde, die mit ihm die Intention der Euthanasie verschleiere. „In dieser Sprache heißt ‚würdig sterben‘ zu sterben, ohne den Tod anzunehmen, und dabei Schmerzen zu vermeiden und sich selbst zu töten.“

In gleicher Weise kritisierte Bischof Sgreccia einen falschen Autonomieanspruch seitens des Patienten hinsichtlich seines Lebens. Gerade dadurch, dass getötet wird, komme es zur Eliminierung der Möglichkeit, die eigene Autonomie voll zu verwirklichen. Auch darin trete ein innerer Widerspruch zutage.

In einem Artikel, der am Dienstag in der Mailänder Zeitung „Corriere della Sera“ veröffentlicht wurde, ging Bischof Sgreccia dann direkt auf die von Kardinal Martini geäußerten Positionen ein. Er erinnerte daran, dass nach der Lehre von Papst Johannes Paul II. die Euthanasie „eine Handlung oder Unterlassung (ist), die ihrer Natur nach und aus bewusster Absicht den Tod herbeiführt, um auf diese Weise jeden Schmerz zu beenden“ (Evangelium vitae, 65). Gleichzeitig warnte Sgreccia vor einer Politisierung und einer erzwungenen Ideologisierung dieser Thematik, wie sie vor allem im „Fall Welby“ ans Tageslicht gekommen sei.

Hinsichtlich der inhaltlichen Definition von Euthanasie, die laut Kardinal Martini „einen Gestus darstellt, der das Leben abzukürzen beabsichtigt, indem der Tod vorsätzlich hervorgerufen wird“, erklärte Bischof Sgreccia, dass diese Bestimmung unzureichend ist. Sie träfe nur auf die so genannte „aktive Sterbehilfe“ zu, während Euthanasie auch in der „Unterlassung“ einer wirksamen und gebührenden Therapie bestehe, wenn diese Unterlassung absichtlich den Tod hervorrufe. „In diesem Sinn wird die Euthanasie aus Unterlassung praktiziert (deren Betitelung als ‚passive‘ Euthanasie unangemessen ist, weil ethisch schwach und neutral).“

Bischof Sgreccia bekräftige in seinem Beitrag, dass Euthanasie durch Unterlassung genauso schwerwiegend sei wie Euthanasie durch einen „‚positiven‘ Eingriff, der den Tod hervorruft”. Die eine Art der Euthanasie komme der anderen gleich, insofern beide die gleiche Wirkung hätten und der gleichen Absicht folgten: „Es handelt sich immer um einen absichtlich hervorgerufenen Tod.“

Sollte es gesellschaftlich akzeptiert werden, dass Euthanasie nur dann vorliegen würde, wenn es sich dabei um eine Tat handelt, die den Tod aktiv verursacht, dann hieße dies, dass alles, was darauf ausgerichtet sei, den Tod durch den Entzug eines ärztlichen Eingriffs hervorzurufen (Verzicht auf künstliche Ernährung oder eine vorsätzlich nicht durchgeführte Wiederbelebung), keine Euthanasie wäre und somit auch die absichtliche Verweigerung von gängigen Therapien kein moralisches Problem darstellen würde, warnte der Bischof. „Dies dürfte nicht dem Sinn von Kardinal Martini entsprechen. Gewiss entspricht es nicht den Texten des Lehramts und der katholischen Lehre.“

In Bezug auf die Problematik der Übertherapierung präzisierte Bischof Sgreccia, dass eine nicht dem Zustand des Patienten proportionierte Therapie immer unerlaubt sei, insofern diese die Würde des Menschen verletze. Etwas anderes hingegen sei es, auf der Fortführung der Therapie zu bestehen, wenn eine begründete Hoffnung auf eine Verbesserung des Gesundheitszustandes des Patienten vorliege.

Die Entscheidung über die Therapieformen sowie der proportionierten Angemessenheit unterstehe dem Arzt und müsse auf einer rein technisch-wissenschaftlichen Grundlage sowie im Licht der vorhandenen Faktenlage gefällt werden. Auch wenn von einer „Verweigerung des Therapie seitens des Patienten“ gesprochen werde, müsse festgehalten werden, dass der Arzt nicht eine Person sei, der sich bei seiner Tätigkeit darauf beschränke, den Willen des Patienten Folge zu leisten, selbst wenn er in der Pflicht stehe, stets auf den Patienten zu hören.

Hinsichtlich des von Kardinal Martini in seinem Artikel zitierten französischen Gesetzestextes erklärte Bischof Sgreccia, dass der darin festgelegte Automatismus eine Euthanasie aus Unterlassung bedeuten könne, die sowohl vom Patienten als auch vom Arzt ausgehe. Aus diesem Grund betonte der Bischof, dass es nicht einzusehen sei, weshalb das französische Modell als moralisch gültiges Kriterium aufgefasst werde.