Italienische Feministin kritisiert Resolution des Europaparlamentes

Antonietta Macciocchi: Papst glaubt an den Genius der Frau

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ROM, 15. März 2002 (ZENIT.org-Avvenire).- Die Resolution "Frauen und Fundamentalismus", die am Mittwoch vom Europaparlament mit der knappen Mehrheit von 2 Stimmen verabschiedet worden ist, hat seitens einer der großen Frauengestalten des europäischen Feminismus harte Kritik erfahren.



In einem Interview übte Maria Antonietta Macciocchi ("Mattschocki") harte Kritik an dem von der spanischen Sozialistin Maria Izquierdo verfassten Bericht. Die Autorin erinnert an ihr Interview mit Papst Johannes Paul II. 1989, das dann seinen Niederschlag in dem Buch "Frauen im Denken Wojtylas" gefunden hat.

Die Tochter von erklärten Antifaschisten wurde 1968 in Neapel zur Abgeordneten der Italienischen Kommunistischen Partei gewählt. 1992 wurde sie vom französischen Präsidenten Mitterand für ihre kulturellen Verdienste als Autorin, Professorin und Journalistin ausgezeichnet. Zweimal hat sie den Papst in ihrer Eigenschaft als intellektuelle Frau interviewt.

FRAGE: Ist die Kirche wirklich an der schlechten Behandlung der Frauen schuld?

MACCIOCCHI: Diesbezüglich können wir ganz beruhigt sein, denn Johannes Paul II ist der erste Papst, der gesagt hat, dass er an den Genius der Frau glaube. Und dieser Satz hat in der Zeit, in der er ihn ausgesprochen hat, große Wirkung gezeitigt.

Im Laufe eines Interviews mit ihm hat er wörtlich zu mir gesagt: "Ich glaube an den Genius der Frauen". Ich war völlig erstaunt, worauf er sagte: "Ja, ich habe zurecht gesagt, dass ich an den Genius der Frauen glaube". Ich glaubte nämlich ich hätte ihn nicht richtig verstanden. Die Kirche hat sich zu einer historischen Geste durchgerungen mit diesem Satz, woraufhin später das Apostolische Schreiben "Mulieris dignitatem" folgte.

FRAGE: Straßburg fordert hingegen, dass die Kirche sich heraushält und weist sie völlig der Privatsphäre des Glaubens zu.

MACCIOCCHI: Es handelt sich um einen Direktangriff, und das war auch die Absicht des Papiers. Was die Resolution vertritt, ist nicht wahr. Hinsichtlich der Frauen zeugen alle von der Kirche ausgesprochenen Worte von Verständnis und Wertschätzung für die Aufopferung und Bemühungen gegen die soziale Ungerechtigkeit.

Außerdem hat sich Religion niemals im Privatbereich entwickelt. Es ist vielmehr ihr öffentlicher Charakter, der dazu beigetragen hat, die Gesellschaft zu prägen. Ich glaube, das europäische Parlament sollte sich anderen Problemen zuwenden wie wir sie zum Beispiel in Italien haben.

FRAGE: Worauf beziehen sie sich?

MACCIOCCHI: Italien hat in seiner Verfassung keinen Artikel verabschiedet wie in Frankreich. Wenn Jospin die Wahlen gewinnt, dann hat er das den französischen Frauen zu verdanken, die sein Engagement, die Gleichheit zwischen Mann und Frau in die Tat umzusetzen, sehr hoch geschätzt haben. Diese Gleichheit ist nun in die Verfassung aufgenommen und besagt, dass alle gewählten Repräsentationen zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen bestehen müssen.

FRAGE: In Italien gibt es nichts dergleichen.

MACCIOCCHI: Das wollte man nicht, denn man hätte im Parlament für ein Gesetz plädieren müssen, das die derzeitige Verfassung modifiziert hätte, damit ein solcher Artikel überhaupt aufgenommen hätte werden können. In Italien gibt es diese Parität nicht, und Straßburg täte gut daran, sich anstatt um Gesellschaften zu kümmern, die zwar auf alle Fälle "geschlossen" sind wie die Kirchen, doch von einer großen Öffnung für den Geist zeugen, um den italienischen Staat zu kümmern, in dem die Gleichheit der Frau einfach ignoriert wird.

FRAGE: Wie beurteilen sie diese Einmischung Straßburgs in innere Angelegenheiten der Kirche? Heißt das Laizismus?

MACCIOCCHI: Das Dokument geht von den Frauen aus und handelt alle Institutionen der Gesellschaft ab. Es macht eine Trennung zwischen Staat und Kirche, was bedeutet, dass es im Bereich des eigenen Staates oder der eigenen Religion ein Recht auf Intervention hinsichtlich menschlicher Angelegenheiten gibt, welche die anderen beschäftigt.

FRAGE: Der sog. Punkt "K" des Berichtes, der dann herausgenommen wurde, besagte, dass sich die Kirche an den Regeln der Mitgliedsstaaten vergreife, wenn sie sich öffentlich zu solchen Fragen äußert.

MACCIOCCHI: Also das kann ich wirklich nicht verstehen. Man kann sich doch frei zu vielen Themen wie zum Beispiel Schule äußern. Es wird eben lediglich erwartet, dass die vorgeschlagenen Ideen von Fortschritt und Öffnung zeugen. Es kommt immer darauf an, was man über das, was die Kirchen vorschlagen, sagt.