Italienischer Psychiater erklärt, wie man Gott im Leid finden kann

Ein Buch entschlüsselt das Geheimnis von Kreuz, Freiheit und Liebe

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RIMINI, Italien, 2. September 2009 (ZENIT.org).- „Abbracciare la Croce: Dolore, libertà e tenerezza in Dio" („Das Kreuz umarmen: Leid, Freiheit und Zärtlichkeit bei Gott"): Beim 30. „Treffen für die Freundschaft unter den Völkern" der kirchlichen Bewegung „Gemeinschaft und Befreiung" in Rimini wurde ein neues Buch von Alessandro Meluzzi vorgestellt, das veranschaulicht, wie der Mensch Gott und sich selbst in den Dimensionen von Gabe und Opfer begegnet.

Der Autor, Psychotherapeut und geweihter Subdiakon des melkitisch-katholischen Ritus, erklärte, dass die Erfahrung von Trauer, Verlassenheit, Verlust, Enttäuschung oder Niederlage bestimmende und unvermeidliche Erfahrungen des menschlichen Lebens seien. Dennoch tauchten im Leiden und in Momenten der Prüfung Fragen und Antworten auf, die den tiefsten Sinn des Menschen betreffen und uns dazu bewegen, das Göttliche aufzusuchen. Dies könne gewissermaßen als Einladung verstanden werden, das Leid als Anlass zu nehmen, um sich selbst und das menschliche Leben als „freudvollen Aufstieg auf den Kalvarienberg" neu zu entdecken.

Der Psychiater bekräftigte, dass das Kreuz vom Trost begleitet werde. „Wir wissen, dass Gott auf vollkommene Weise das Geheimnis des Menschen teilt und sich aus einem freien Akt der Liebe dafür entschied, selbst Mensch zu werden, um an der menschlichen Natur - in allem außer der Sünde - Anteil zu haben; einer Natur, die aus Tod, Leid und Kreuzen besteht."

Gott, der den Menschen befreit und am Kreuz erhöht ist, ziehe die ganze Menschheit in einer universalen Umarmung an sich. In dieser Umarmung entdecke man die göttliche Dimension, die in den Tiefen des menschlichen Herzens verborgen liege. Das Kreuz werde so zu einer kraftvollen, wenn auch beschwerlichen Quelle der Sinnfindung.

Der Autor betonte außerdem, dass das Leben nur dann einen Sinn habe, wenn es zu einem Geschenk wird. „Wenn das Dasein nur als vollkommener Besitz seiner selbst verstanden wird, dann ist es letztlich nichts. Gott hat einen Weg der Liebe betreten, auf dem das Leid unvermeidlich ist. Das zeigt uns, dass die Entscheidungsfreiheit notwendigerweise auch einen Anteil an Leid mit sich bringt. Letztendlich steht spürbares Leiden in direktem Verhältnis zum Freiheitsgrad, den ein Mensch sucht. Deshalb ist sich derjenige, der die Freiheit sucht, bewusst, dass das Leiden nicht bloß eine Möglichkeit ist, sondern vor allem eine Notwendigkeit, um frei zu werden."

Die Freiheit des Menschen spiegle sich in der unergründlichen Freiheit Gottes wieder, hob Meluzzi hervor. Gott lasse dem Geschöpf die Freiheit, ihn zu lieben oder ihn nicht zu lieben - bis hin zu dem Punkt, ihn zu kreuzigen. Somit sei das Kreuz der Preis, den Gott bezahle, um die Freiheit des Menschen zu retten - nicht nur, um ihn zu erlösen, sondern um an der ganzen menschlichen Natur teilzuhaben.

Da der Mensch dazu berufen sei, für seinen Nächsten offen zu sein, sei es offensichtlich, dass Glückseligkeit nur dadurch erlangt werden könne, indem man mit dem anderen Mitleid habe, mit ihm leide. Der Mensch könne sich selbst nur durch die Beziehung zu anderen erkennen. Gebe es keine Beziehungen, dann gebe es auch kein Sein und keine Identität. Jene Beziehung aber, die Liebe und das Sich-Schenken als Resultat hervorbringt, mache den Kern des christlichen Glaubens aus.

Im Vorwort des neuen Buches erklärt der Superior des Karmelitischen Zentrums in Rom, P. Roberto Fornara, die Verbindung von Leid, Liebe und Freiheit und der karmelitischen Spiritualität am Beispiel des heiligen Johannes vom Kreuz: „Die Erfahrungen des heiligen Johannes führten ihn von einer zärtlichen Kindheit bis hin zur Fruchtbarkeit von Prüfungen... Für ihn ist das Kreuz die totale Offenbarung der hingebungsvollen Liebe Gottes. Das Kreuz ist der Ort des Gehorsams der Liebe des Sohnes zum Vater."

Die heilige Teresa Benedicta a Cruce (Edith Stein) habe 400 Jahre später begriffen, dass, wer den Wert des Kreuzes Christi erfasst hat, jenes Kreuz im Namen aller Menschen selbst auf sich nehmen muss.

„Jeder Mensch ist täglich dazu gerufen, dem Geheimnis des Kreuzes zu begegnen; dem Geheimnis von Ungerechtigkeit, Gewalt und unschuldigen Leidens, dem Geheimnis von Krieg und Machtmissbrauch, dem Geheimnis von unheilbarer Krankheit und der Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit:"

Meluzzis Buch sei nicht so sehr eine Einladung, freiwillig das Kreuz zu umarmen, sondern vielmehr ein Aufruf, sich vom gekreuzigten Herrn, dem Fachmann in Sachen Liebe und Menschlichkeit, umarmen zu lassen.

Von Mirko Testa; Übersetzung des italienischen Originals von Florian Vorisek und Dominik Hartig