„Ja, unsere Kraft ist die Liebe Christi!"

Benedikt XVI. lässt die Pastoralreise in die Tschechische Republik wieder aufleben

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ROM, 30. September 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz gehalten hat.

Der Heilige Vater blickte auf seine Pastoralreise in die Tschechische Republik zurück, die ihn vom 26. bis zum 28. September nach Prag, Brno/Brünn und Stará Boleslav/Altbunzlau geführt hatte, und bekräftigte, dass Jesus Christus gestern, heute und immer die „Hoffnung der Völker" sei.

„Überall wurde mir eine herzliche Aufnahme zuteil, wofür ich allen Menschen in Tschechien danke", so Papst Benedikt. „Gott helfe ihnen, die christlichen Wurzeln, die ihre Kultur geprägt haben, wieder neu zu entdecken und auf diesem Fundament ihr Leben zu gestalten."

 

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Liebe Brüder und Schwestern!

Wie es nach den internationalen apostolischen Reisen Gewohnheit ist, nehme ich die Gelegenheit der heutigen Generalaudienz wahr, um über die Pilgerreise zu sprechen, die ich in den vergangenen Tagen in die Tschechische Republik unternommen habe. Ich tue dies vor allem aus Dank gegenüber Gott, der es mir gestattet hat, diesen Besuch zu unternehmen, und ihn in breitem Umfang gesegnet hat. Es ist eine wahre Pilgerreise und gleichzeitig eine Mission im Herzen Europas gewesen: eine Pilgerreise, da Böhmen und Mähren seit über einem Jahrtausend ein Land der Glaubens und der Heiligkeit ist, und eine Mission, da es für Europa notwendig ist, in Gott und in seiner Liebe das feste Fundament der Hoffnung wiederzufinden. Es ist kein Zufall, wenn die Heiligen, die das Evangelium zu diesen Völkern gebracht haben, Cyrill und Methodius, zusammen mit dem heiligen Benedikt Patrone Europas sind. „Die Liebe Christi ist unsere Kraft": Dies war der Leitspruch der Reise - eine Aussage, in der der Glaube so vieler heldenhafter Zeugen der fernen und jüngsten Vergangenheit widerhallen. Ich denke dabei insbesondere an das letzte Jahrhundert; vor allem aber möchte er die Gewissheit der Christen von heute darstellen. Ja, unsere Kraft ist die Liebe Christi! Eine Kraft, welche die wahren, friedlichen und befreienden Revolutionen inspiriert und beseelt, uns in den Augenblicken der Krise stützt und es uns gestattet, wieder aufzustehen, wenn die mühsam errungene Freiheit Gefahr läuft, sich selbst, die ihre eigene Wahrheit zu verlieren.

Die Aufnahme, die mir zuteil wurde, ist herzlich gewesen. Der Präsident der Republik, dem ich erneut meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringe, wollte zu diversen Anlässen anwesend sein und hat mich zusammen mit meinen Mitarbeitern mit großer Herzlichkeit in seiner Residenz empfangen, der historischen Burg der Hauptstadt. Die ganze Bischofskonferenz, insbesondere der Kardinalerzbischof von Prag und der Bischof von Brünn, haben mit großer Wärme das tiefe Band spüren lassen, das die katholische Gemeinde Tschechiens mit dem Nachfolger Petri vereint. Ihnen danke ich auch dafür, dass sie sorgsam die liturgischen Feiern vorbereitet haben. Ich danke ebenso den zivilen und militärischen Autoritäten und allen, die auf unterschiedliche Weise zum guten Gelingen meines Besuches zusammengearbeitet haben.

Die Liebe Christi hat ihre Offenbarung im Gesicht eines Kindes begonnen. Angekommen in Prag, war meine erste Etappe die Kirche St. Maria „vom Siege", in der das Jesuskind verehrt wird, das als „Prager Jesulein" bekannt ist. Jenes Bild verweist auf das Geheimnis des Mensch gewordenen Gottes, des „nahen Gottes", Grund unserer Hoffnung. Vor dem „Prager Jesulein" habe ich für alle Kinder, für die Eltern, für die Zukunft der Familie gebetet. Der wahre „Sieg", um den wir heute Maria bitten wollen, ist der Sieg der Liebe und des Lebens in der Familie und in der Gesellschaft!

Die Prager Burg, die unter einem historischen und architektonischen Gesichtspunkt außerordentlich ist, regt zu einer weiteren und mehr allgemeinen Reflexion an: In ihrem sehr großen Raum umfasst sie vielfältige Monumente, Bereiche und Einrichtungen, so dass sie gleichsam eine „polis" darstellt, in der die Kathedrale und der Palast, der Platz und der Garten harmonisch miteinander leben. So konnte in eben diesem Zusammenhang mein Besuch den zivilen und den religiösen Bereich berühren, die einander nicht entgegengesetzt sind, sondern sich in harmonischer Nähe in Verschiedenheit befinden. In meiner Ansprache an die politischen und zivilen Autoritäten sowie an das diplomatische Korps wollte ich die Aufmerksamkeit auf das unauflösliche Band richten, das immer zwischen Freiheit und Wahrheit gegeben sein muss. Vor der Wahrheit braucht man keine Angst zu haben, da sie Freundin des Menschen und seiner Freiheit ist. Ja, im Gegenteil: Allein in der aufrechten Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen kann man wirklich den jungen Menschen von heute und den kommenden Generationen eine Zukunft bieten. Was im übrigen zieht so viele Menschen nach Prag, wenn nicht seine Schönheit - eine Schönheit, die nicht nur ästhetisch, sondern in einem weiten Sinn auch historisch, religiös, menschlich ist? Wer im Bereich der Politik und der Erziehung Verantwortung trägt, muss es immer verstehen, aus dem Licht jener Wahrheit zu schöpfen, die der Widerschein der ewigen Weisheit des Schöpfergottes ist; und er ist dazu berufen, davon selbst mit dem eigenen Leben Zeugnis abzulegen. Nur ein ernsthafter Einsatz intellektueller und moralischer Redlichkeit ist des Opfers all jener würdig, die einen teuren Preis für die Wahrheit bezahlt haben!

Symbol dieser Synthese von Wahrheit und Schönheit ist die wundervolle Kathedrale von Prag, die den heiligen Veit, Wenzel und Adalbert geweiht ist, wo die Feier der Vesper mit den Priestern, Ordensleuten, Seminaristen und geistlichen Bewegungen stattgefunden hat. Für die Mittel-/Osteuropäische Gemeinschaft ist dies ein schwieriger Moment: Zu den Folgen des langen Winters des atheistischen Totalitarismus summieren sich die schädlichen Auswirkungen eines gewissen westlichen Säkularismus und Konsumismus. Daher habe ich alle dazu ermuntert, stets neue Energien aus dem auferstandenen Herrn zu schöpfen, um dem Evangelium entsprechender Sauerteig in der Gesellschaft sein zu können und sich, wie dies bereits der Fall ist, in karitativen und vermehrt in erzieherischen und schulischen Initiativen zu engagieren.

Diese Botschaft der Hoffnung, die im Glauben an Christus gründet, habe ich auf das ganze Volk Gottes in den beiden großen Eucharistiefeiern ausgedehnt, die in Brünn, der Hauptstadt Mährens, und in Altbunzlau, dem Ort des Martyriums des heiligen Wenzel, des ersten Patrons der Nation, stattgefunden haben. Mähren lässt einen unmittelbar an die heiligen Cyrill und Methodius denken, die den slawischen Völkern das Evangelium gebracht haben, und somit an die unerschöpfliche Kraft des Evangeliums, das wie ein Fluss heilkräftiger Wässer die Geschichte und die Kontinente durchquert und dabei überall Leben und Heil hervorbringt. Über dem Eingangstor der Kathedrale von Brünn stehen die Worte Christi: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen" (Mt 11,28). Dieselben Worte erklangen am vergangenen Sonntag in der Liturgie und ließen die ewige Stimme des Heilands widerhallen, der Hoffnung der Völker gestern, heute und immer. Beredtes Zeichen der Herrschaft Christi, der Herrschaft der Gnade und des Erbarmens, ist das Leben der heiligen Patrone der verschiedenen christlichen Nationen, wie eben des Wenzels, eines jungen Königs Böhmens im 10. Jahrhundert, der sich durch sein beispielhaftes christliches Zeugnis auszeichnete und von seinem Bruder getötet wurde. Wenzel hat das Himmelreich jedem Anreiz weltlicher Macht vorgezogen und ist für immer in den verschiedenen Geschehnissen der Geschichte im Herzen des tschechischen Volkes als Vorbild und Schutzherr geblieben. Den zahlreichen Jugendlichen, die bei der Messe des heiligen Wenzel dabei waren und auch aus den angrenzenden Nationen kamen, habe ich die Einladung gerichtet, in Christus den wahrsten Freund zu erkennen, der das tiefste Streben des menschlichen Herzens erfüllt.

Schließlich muss ich neben anderen zwei Begegnungen erwähnen: die ökumenische Begegnung und die Begegnung mit der akademischen Gemeinschaft. Die erste fand im Erzbischöflichen Palais von Prag statt und vereinte die Vertreter der unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften der Tschechischen Republik sowie den Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde. Denkt man an die Geschichte jenes Landes, die leider scharfe Konflikte unter Christen zu verzeichnen hat, ist es Grund zu lebhaftem Dank an Gott, dass wir uns gemeinsam als Jünger des einen Herrn zusammengefunden haben, um die Freude des Glaubens und die geschichtliche Verantwortung gegenüber den Herauforderungen von heute zu teilen. Die Anstrengung, auf dem Weg zur immer volleren und sichtbareren Einheit unter uns Christgläubigen voranzuschreiten, macht den gemeinsamen Einsatz für die Wiederentdeckung der christlichen Wurzeln Europas stärker und wirksamer. Letzterer Aspekt, der meinem geliebten Vorgänger Johannes Paul II sehr am herzen lag, ist auch bei der Begegnung mit den Rektoren der Universitäten, den Vertretern der Dozenten und der Studenten sowie anderer im Bereich der Kultur bedeutsamer Persönlichkeiten zutage getreten. In einem derartigen Kontext wollte ich die Rolle der Einrichtung der Universität betonen, einer der tragenden Strukturen Europas, die in Prag eines der ältesten und angesehensten Athenäen des Kontinents hat, die Karlsuniversität, die ihren Namen Kaiser Karl IV. verdankt, der sie zusammen mit Papst Clemens VI. gegründet hat. Die Universität ist ein für die Gesellschaft lebenswichtiger Bereich, Garant der Freiheit und der Entwicklung, wie die Tatsache beweist, dass gerade von den Universitätskreisen in Prag die so genannte Samtene Revolution ihren Ausgang genommen hat. Im Abstand von zwanzig Jahren von diesem historischen Ereignis habe ich das Konzept einer integralen Bildung vorgeschlagen, die auf der Einheit des auf der Wahrheit gegründeten Wissens basiert, um sich so einer neuen Diktatur, der Diktatur des Relativismus im Bund mit der Herrschaft der Technik, zu widersetzen. Die humanistische und die wissenschaftliche Kultur dürfen nicht getrennt werden, im Gegenteil; sie sind nur die zwei Seiten derselben Medaille: erneut ruft uns dies das tschechische Land in Erinnerung, die Heimat großer Schriftsteller wir Kafka und des Abts Mendel, Vorreiter der modernen Genetik.

Liebe Freunde, ich danke dem Herrn, da er es mir mit dieser Reise gegeben hat, einem Volk und einer Kirche zu begegnen, die tiefe historische und religiöse Wurzeln haben und in diesem Jahr verschiedene Gedenktage von hohem geistlichen und sozialen Wert begehen. Den Brüdern und Schwestern der Tschechischen Republik erneuere ich eine Botschaft der Hoffnung und eine Einladung zum Mut für das Gute, um die Gegenwart und die Zukunft Europas aufzubauen. Ich empfehle die Früchte meines Pastoralbesuches der Fürsprache der allerseligsten Maria und aller Heiligen Böhmens und Mährens. Danke.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Gemeinsam mit euch will ich Gott für das Geschenk der eindrucksvollen Apostolischen Reise in die Tschechische Republik danken. Der Besuch, den ich auch in Erinnerung an den Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Europa vor 20 Jahren unternommen habe, war eine Wallfahrt an die Orte des Glaubens und Wirkens von bedeutenden Heiligen. Zugleich wollte diese Reise ein Zeichen für ganz Europa setzen, für unseren Kontinent, der es nötig hat, sich neu in Christus zu verlieben und Hoffnung auf das wahre Leben zu schöpfen. Meine erste Station galt dem berühmten Prager Jesuskind, das uns so konkret das Geheimnis der Menschwerdung veranschaulicht. Das Bildnis steht in einer Kirche, die Maria vom Sieg geweiht ist. Von Maria wollen wir immer neu den wahren Sieg erbitten, den Sieg der Liebe und des Lebens für unsere Familien und für die gesamte Gesellschaft. Die Botschaft der Hoffnung, die im Glauben an Christus gründet, war das Thema der Eucharistiefeiern in Brünn und Stará Boleslav/Altbunzlau, die ich mit besonders vielen jungen Christen feiern konnte. In Altbunzlau habe ich am Grab des heiligen Märtyrers Wenzel gebetet, dessen Beliebtheit auch darin gründet, dass er das Reich Gottes jedem Anreiz weltlicher Macht vorgezogen hat. - Liebe Freunde, ich könnte von vielen weiteren schönen Begegnungen berichten: mit den Priestern und Ordensleuten, mit den Vertretern anderer christlicher Gemeinschaften sowie mit den Professoren und Studenten der Karls-Universität. Überall wurde mir eine herzliche Aufnahme zuteil, wofür ich allen Menschen in Tschechien danke. Gott helfe ihnen, die christlichen Wurzeln, die ihre Kultur geprägt haben, wieder neu zu entdecken und auf diesem Fundament ihr Leben zu gestalten.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Mit Freude grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Wie die Heiligen, deren Spuren in unseren Ländern so reichlich zu finden sind, wollen auch wir Christus in unserem Leben Raum geben und Boten seiner Liebe sein. Gottes Geist helfe euch, das Gute zu vollbringen. Der Herr geleite euch auf euren Wegen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]