Jackie - Wer braucht schon eine Mutter

Filmrezension

Berlin, (ZENIT.org) Dr. José García | 238 klicks

Die holländischen Zwillingsschwestern Sofie (Carice van Houten) und Daan (Jelka van Houten) könnten unterschiedlicher kaum sein. Die unverheiratete Sofie lebt allein für ihre Arbeit als Chefredakteurin bei einer renommierten Zeitschrift, und muss sich immer wieder bei ihrem Verleger beweisen. Offenbar bindungsunfähig, ist sie unverheiratet. Ihre zehn Minuten jüngere Schwester Daan ist mit dem erfolgreichen Architekten Joost (Jeroen Spitzenberger) verheiratet, wäre gerne auch Mutter. Aber irgendwie ist es bislang ihr nicht gelungen, schwanger zu werden. Ihre Kinderliebe stellt sie im Kindergarten unter Beweis, in dem sie gerne arbeitet. Beide sind ohne Mutter aufgewachsen, weil ihre „Väter“ zwei Homosexuelle mit Kinderwunsch sind. Dafür engagierten die zwei Männer 33 Jahre zuvor eine amerikanische Hippiefrau als Leihmutter, von der weder sie noch die Zwillingsschwestern je wieder etwas hörten. Hegte Daan immer den Wunsch, ihre leibliche Mutter kennenzulernen, so ist sie für Sofie immer lediglich eine „Eizellenlieferantin“ geblieben. Daan und Sofie sind also, wie die Offstimme der Letzteren bemerkt, „mit wenig Mama, aber dafür viel Papa aufgewachsen“.

Eines Tages erreicht die Schwestern in den Niederlanden jedoch plötzlich ein Anruf aus den Vereinigten Staaten. Ihre Mutter habe sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen. Sie müsse in eine Reha-Klinik gebracht werden. Aber wer soll das tun? Sie habe keine Verwandten, aber in ihrer Tasche sei die Geburtsanzeige von Sofie und Daan gefunden worden. So reisen die Zwillingsschwestern in die USA mit dem festen Vorsatz, ihre Mutter in die Klinik zu bringen, und ein paar Tage später wieder in die Niederlande zurückzufliegen. Als sie die verwahrloste, kratzbrüstige Jackie (Holly Hunter) kennenlernen, die kein einziges Wort mit ihnen zu sprechen gewillt ist, fühlen sie sich zwar etwas enttäuscht. Aber sie halten am Plan fest, selbst dann, als sich herausstellt, dass Jackie wegen eines geplatzten Trommelfelles nicht fliegen kann, und die 500 Meilen bis zur Reha-Klinik nur in ihrem Wohnmobil zurücklegen will. Wie einst in „Rain Man“ (Barry Levison, 1988) sehen sich sehr unterschiedliche Charaktere gezwungen, wegen des Nicht-Fliegen-Könnens einen langen Weg miteinander teilen zu müssen, der in „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ durch die kargen Weiten von New Mexico führt.

Zunächst wirkt zwar das Drehbuch von Marnie Blok und Karen van Holst Pellekaan ziemlich konstruiert, etwa wenn just im für die Handlung richtigen Augenblick den drei Frauen das Benzin ausgeht oder der Wohnwagen eine Panne erleidet. Den Drehbuch-Autorinnen und der Regisseurin Antoinette Beumer gelingt es jedoch, nach und nach aus den anfänglich holzschnittartigen Charakteren eine regelrechte Entwicklung entstehen zu lassen. Insbesondere taut die wortkarge, undurchsichtige Jackie nach und nach auf. Trotz ihres vordergründigen Zynismus möchte sie gerne ihren Frieden mit ihrem Bruder Paul (Howe Gelb) und wohl auch mit sich selbst machen. Obwohl sie sich lange Zeit dagegen gesträubt hatte, nimmt Jackie endlich ihre Mutterrolle an: „Danke, dass ihr aus mir eine Mutter gemacht habt“. Zwar wird es dem Zuschauer von Anfang an klar, dass nach den Regeln des „Roadmovie“ diese Reise die Charaktere verändern wird, dass etwa Sofie aufhören wird, sich allein durch den beruflichen Erfolg zu definieren, und Daan ihre so lange schon unterdrückten Selbstständigkeit gewinnen wird. Die Art, wie sie auf dem langen Weg im Wohnmobil allmählich diese Veränderungen durchmachen, wirkt jedoch keineswegs gekünstelt.

Dies ist sicherlich der Regie zu verdanken, ebenso aber auch dem feinfühligen Spiel der drei Darstellerinnen. Mit ihrem zu ihrer lakonischen Figur passenden, zurückhaltenden Spiel trägt Holly Hunter größtenteils zur Authentizität bei. Dass Carice und Jelka van Houten tatsächlich, wenn auch nicht Zwillinge, so doch Schwestern sind, steuert Einiges zur Glaubwürdigkeit von „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ bei. Denn im Mittelpunkt von Antoinette Beumers Film steht ebenso die Beziehung der Töchter zur Mutter wie das Verhältnis der Schwestern untereinander, das zu Beginn von einer kühlen Distanz gekennzeichnet ist. Antoinette Beumer und ihre Drehbuch-Autorinnen konterkarieren zudem die Gepflogenheiten des Genrefilms, nach denen sich die Kinder auf die Suche nach dem unbekannten Vater aufmachen. Dass es in „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ um die abwesende Mutter geht, fügt dem Film interessante Seiten bei, zumal die „Väter“ eigentlich wie ein Fremdkörper im Film wirken. Dass gegen Ende der Film eine völlig unerwartete Wendung nimmt, tut der Sehnsucht nach Familie, die seinen eigentlichen Kern ausmacht, keinerlei Abbruch.

Antoinette Beumer gelingt es in „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ nicht nur, dem Roadmovie-Genre neue Nuancen abzugewinnen, sondern auch einen trotz seines zum Teil vorhersehbaren Drehbuchs so doch überraschenden Film vorzulegen, in dem sich die dramatischen und die komödiantischen Elemente die Waage halten sowie der die Sehnsucht nach Familie auf teilweise originelle Art und Weise zu thematisieren.

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Regie: Antoinette Beumer
Darsteller: Holly Hunter, Carice van Houten, Jelka van Houten, Mary Woods, Howe Gelb, Jeroen Spitzenberger
Land, Jahr: USA 2012
Laufzeit: 98 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren