Jacques Maritain: Die Stufen des Wissens oder durch Unterscheiden zur Einung

Von Susan Gottlöber

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WÜRZBURG, 31. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- In einem Brief an Jean Cocteau sagte Jaques Maritain (1882–1973) einmal über sich selbst, er sei ein unpünktlicher Schüler des Scholastikers Thomas von Aquin. Der 1882 in Paris geborene und unter dem Einfluss von Léon Boy und Charles Péguy zum Katholizismus konvertierte Philosoph gilt als einer der Erneuerer der christlichen Philosophie in Frankreich. Interessanterweise wurde er wesentlich durch einen nichtchristlichen Philosophen, den Denker der Intuition und Lebensphilosophie Henry Bergson, inspiriert.



Maritain, bekennender Vertreter eines politischen Humanismus, war sich der besonderen Herausforderung bewusst, sich einem Neuthomismus zu verschreiben, der in den ontologischen Diskussionen als Vertreter eines Begriffsrealismus stets dem Vorwurf ausgesetzt war, für ein erstarrtes, nicht mehr entwicklungsfähiges System einzutreten. Die Lösung fand Maritain in der Aufklärung des gängigen Missverständnisses, der Thomismus sei als fertiges System zu verstehen; ein Fehlverständnis, das in seinen Augen schon in der Vergangenheit den Thomismus diskreditiert habe. Um diesem gerecht zu werden, müsse vielmehr die dynamische Grundstruktur des thomistischen Systems ins Zentrum der Betrachtungen rücken. Wird dies beachtet, ist es wie kaum ein anderes in der Lage, den philosophischen Rahmen zu liefern, in dem sich die Wissenschaften frei entfalten können. Das liege nicht nur an dem vertretenen kritischen Realismus, sondern auch daran, dass die Autonomie der Einzelwissenschaften garantiert wird, indem ihnen die Erforschung einer kategorial strukturierten, empirisch erfahrbaren Realität zugeteilt wird, die mit den Mitteln der ratio erfasst werden kann.

Wissenschaftliche Erkenntnis ist auch Wissen von Gott

Maritain war überzeugter Vertreter eines ganzheitlichen Denkens – ein Schlagwort, das auch als Überschrift für sein Denken dienen könnte. Nun lässt sich aber jede Einheit nur angemessen als Integration von Divergenzen verstehen; nicht nur für die Philosophie, sondern auch das Denken selbst gilt, dass es sich erst auf der Basis „unreduzierbarer und notwendig die Zeiten überdauernder Gegensätze“ wirklich verstehen lässt.

In seinem erkenntnistheoretisch-ontologisch geprägten Hauptwerk „Die Stufen des Wissens“, das wohl zu Recht als die Summa seines Denkens bezeichnet wird, bindet nun Maritain die verschiedenen Grade des Wissens in ein solches holistisches Gefüge ein, welche Differenzen und verschiedene Wissensarten nicht verneint, sondern als sich gegenseitig befruchtend integriert.

Das Werk ist bestimmt von einer Dreierstruktur, die auch einer der prägenden Grundgedanken des maritainschen Denkens darstellt: So strebt der Geist, für Maritain etwas Unstoffliches, seinem Wesen nach über die dianoetische (= konstruierenden, von der Peripherie her auf den Mittelpunkt abzielenden), die perinoetische (= sich an Zeichen orientierenden, gleichsam „umkreisend“ schauende) und die ananoetische (= mit Hilfe von Analogien ablaufende) Erkenntnis einem immer höheren Wissen entgegen. Diesen Weg nachzuvollziehen, der mit der Physik beginnt und mit dem kontemplativen Geist endet, ist das Ziel des Buches.

Die verschiedenen Stufen des Wissens manifestieren sich Maritain zufolge in drei Abstraktionsgraden (empirisch, mathematisch und metaphysisch) und finden ihr Spiegelbild in den entsprechenden Wissenschaftsbereichen: den physischen Wissenschaften von den Einzeldingen, im mathematischen Bereich als Lehre von den Idealen und schließlich in der Metaphysik als Lehre vom Sein.

Für alle Erkenntnis gelte demzufolge, dass sie in jedem Fall auf die geistige Struktur der metaphysischen Wirklichkeit ausgerichtet ist. Mit diesem Schritt ist für den Christen Maritain in jeder wissenschaftlichen Erkenntnis die natürliche Gotteserkenntnis bereits enthalten: Denn das Sein als Ersterkanntes (und das höchste und führende Wissen selbst) sind die primären Gegenstände eines reflexiv und transkategorial und damit ganzheitlich arbeitenden und erkennenden Geistes, der so schließlich die ananoetische Geltung des Seins aufdeckt, das zu einer transzendentalen Ordnung der Dinge hinstrebt.

Zentral für diesen Gedankengang sind Maritains Überlegungen zur Metaphysik, deren Größe und Not offenbar werden: Ihre Größe deshalb, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes unnütz ist: Sie ist kein Mittel, sondern selbst Ziel und steht damit über jeder Dienstbarkeit – ein echt aristotelischer Gedanke.

Philosophie bedarf letztlich der Theologie

Diese Verbindung mit dem Ewigen, dem Absoluten, ist jedoch zugleich die schwere Bürde des nie erreichten Zieles: Denn sie erweckt eine Sehnsucht nach Wirklichkeit, ohne sie vollständig befriedigen zu können. Zugleich ist diese Nutzlosigkeit ihre Krux: Immer muss die Metaphysik dem Druck der Erfahrungswissenschaften und des utilitaristischen Denkens standhalten, das mit der Nutzlosigkeit der Metaphysik auch deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt sieht.

Für Maritain bedarf die Philosophie damit letztlich der Theologie und der Mystik, um zur letzten Erkenntnis vordringen zu können. Dabei überhöhen und durchdringen sich alle drei gegenseitig, ohne die anderen Bereiche einzuschränken.

Daher sind für Maritain die wesentlichen Fragen der Wissenschaft immer auch Fragen nach dem Wesen der Philosophie und dem geistigen Gleichgewicht des Glaubens. Wie zuvor schon Hegel und Kant, sieht Maritain als logische Konsequenz aus diesem Stufenaufbau der verschiedenen Wissensformen eine christliche Philosophie als den Schlüssel zu einer gelungenen Ontologie und Erkenntnislehre. Nicht nur bewahre diese die Achtung vor einer transempirischen Wahrheit, sondern schütze auch vor den Verkürzungen einer auf rein anthropologischen Grundlagen erhobenen Erkenntnistheorie, welche die geistige Seite des Menschen vernachlässige. In diesem Punkt zeigt sich die ganze Spannbreite der metaphysischen Grundlegung des maritainschen, auf der Grundlage des Thomismus basierenden Personenbegriffs, wie er im letzten, gleichsam meditativen Abschnitt des Buches entwickelt wird: Nur der christliche Personalismus begreife den Menschen nicht nur als Individuum, sondern als Person, also als ein offenes Ganzes, das auf einzigartige Weise Endliches und Unendliches, Totalität und Einzelheit miteinander verbindet. Nur als ein solches freies Wesen kann sich der Mensch kraft seiner freiwillig verschenkenden Liebe mit dem verbinden, nach dem die metaphysischen Spekulationen allenfalls Sehnsucht erweckt hatte mit dem göttlichen Sein selbst, und so die Vollendung seiner menschlichen Natur erreichen.

Es war gerade dieser Humanismus, der für die die Katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so wichtig war und Maritain als Mitwirkenden für die UN-Menschenrechtscharta prädestinierte. Die Bezeichnung, er sei ein Erneuerer des neuthomistischen Denkens, hat Maritain selbst nie gern gehört. Dennoch sind seine Bestrebungen, das thomistische Denken unter dem Aspekt des Dynamischen zu reformulieren und zu aktualisieren unverkennbar. Sie bedeuten letztlich auch, dass nicht nur im „Schoß des Dogmatischen“, sondern auch im Irrtum per accidens Wahrheit erkannt werden kann. Es ist diese Spannung zwischen Toleranz und einer Entschiedenheit, die auf den Vorzug der Wahrheit vor dem Irrtum nicht verzichten will, die das Denken Maritains auch für gegenwärtige Diskurse fruchtbar macht.

[Jacques Maritain: Die Stufen des Wissens oder durch Unterscheiden zur Einung. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1954, 576 Seiten; Teil 48 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 25. Oktober 2008]