James V. Schall SJ über „Spe Salvi” (Teil 2)

Die wahre Hoffnung, und was Benedikt XVI. darunter versteht

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ROM, 19. März 2008 (Zenit.org).- Für die moderne Welt ist das Peinlichste und Ärgerlichste, dass die intelligenteste Stimme, der sie begegnet, vom Papsttum kommt, stellt Pater James Schall SJ fest.

In Teil 2 dieses Interviews mit ZENIT spricht der Jesuitenpater, der an der Georgetown University in den USA politische Philosophie unterrichtet, darüber, wie Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe salvi durch seine Erklärung der letzten Dinge sowohl der Vernunft als auch der Seele einen Dienst erweist.

Teil 1 dieses Interviews erschien am 18. März.

ZENIT: In Abschnitt 15 von „Spe Salvi“ findet sich ein anschaulicher Vergleich von einem Kloster mit der Seele eines Menschen. Was will der Heilige Vater mit dieser Metapher zeigen?

Prof. Schall: Eine Passage von Josef Pieper, die ursprünglich auf Thomas von Aquin, wenn nicht sogar auf Aristoteles und Platon zurückgeht, befasst sich mit genau dieser Frage. Die Passage findet sich in „Josef Pieper – eine Anthologie“ und trägt die Überschrift „Das  Ziel der Politik“. Sie enthält nur ein paar Absätze. Ich weise die Studenten immer auf sie hin, weil sie die wichtigste, zentralste aller Textstellen über Politik und politische Philosophie ist. Sie sagt im Wesentlichen zweierlei: dass man die Politik nicht verstehen kann, ohne die transzendente Ordnung zu verstehen, und dass man keine gesunde Gesellschaft haben kann, in der die Politik alles ist.

Pieper schreibt, indem er den heiligen Thomas von Aquin zitiert: „‚Es ist für das Wohl der menschlichen Gemeinschaft notwendig, dass es Personen gibt, die sich einem Leben der Kontemplation weihen.‘ Denn es ist die Kontemplation, die inmitten der menschlichen Gesellschaft die Wahrheit bewahrt, die gleichzeitig nutzlos und der Maßstab eines jeden möglichen Nutzens ist; daher ist es auch die Kontemplation, die das wahre Ziel im Auge behält, die jedem praktischen Handeln des Lebens Sinn gibt.“ (Eine Anthologie, 123). Dieser Abschnitt steht auch hinter vielem von dem, was der Papst über das Naturrecht als Messlatte und Maßstab für das menschliche Handeln schreibt.

Kurz zusammengefaßt: Keine politische Ordnung kann gesund sein, wenn es in ihren Reihen nicht Menschen gibt, die sich nicht der Politik widmen. Dies heißt in keiner Weise, dass die Politik nicht wichtig wäre, aber es heißt, dass sie nicht das Wichtigste in einer Gesellschaft ist. In der Tat, eine Gesellschaft, in der die Politik zum Wichtigsten gemacht wird, ist bereits eine totalitäre Gesellschaft, worauf schon Aristoteles hingewiesen hat.

In dem Abschnitt von „Spe Salvi”, in dem der Papst dieses Thema behandelt, verweist er auf die monastische Tradition und auf Augustinus. Dem Papst ist es hierbei wichtig herauszustellen, dass dieses kontemplative Leben keineswegs einem rechten Verständnis des zeitlichen Lebens dieser Welt entgegengesetzt ist. Er legt im Gegenteil großen Wert auf die Verbindung von manueller Arbeit und Kontemplation. In der Tat hatte die Erhebung der Arbeit zu etwas Würdevollem im Gegensatz zur Arbeit als Versklavung und Unterdrückung etwas mit dem benediktinischen Gedanken des „Bete und arbeite“ zu tun.

Der Papst zitiert einen gewissen Pseudo-Rufinus, der im Wesentlichen dasselbe sagt wie Pieper: „Das Menschengeschlecht lebt von wenigen, denn würde es diese nicht geben, würde alle Welt zugrunde gehen...“ Das ist in der Tat eine bemerkenswerte Feststellung. Sie zeigt nicht nur, dass es absolut notwendig ist, dass es jemanden gibt, der beständig innerhalb der Gesellschaft anderen zeigt, dass es über diese Welt hinaus noch ein Mehr gibt, sondern sie zeigt auch, wie wichtig die Kontemplation an sich ist, die darin besteht, dass sie unseren Geist auf der rechten Bahn hält.

Die schwierige Verbindung von Willen und Geist ist ein zentrales Drama von Philosophie und Offenbarung. Darum hat man immer schon gesagt, dass die großen Verwirrungen der Seele, ebenso wie die großen Bewegungen für das Gute, im Herzen der Professoren, an weltlichen Universitäten und in Ordenseinrichtungen, beginnen, lange bevor sie in der breiten Öffentlichkeit erscheinen. Auch hier spielt sich die „Immanentisierung des Eschaton“ ab.

ZENIT: Wie sehen Sie die Rolle des Papstes als universale Stimme in der heutigen Welt, die nicht nur für Katholiken gilt?

Prof. Schall: Kurz gesagt, der Papst ist die einzige universale Stimme in der heutigen Welt. Dies ist die geheimnisvolle Kraft, die von der Gründung der Kirche auf den Felsen Petri ausgeht. Das Verwirrendste für die heutige Welt ist die Tatsache, dass die intelligenteste Stimme, mit der sie sich auseinanderzusetzen hat, oder mit der sich auseinanderzusetzen sie sich bewusst weigert, vom Papsttum kommt. Wir können jede Menge Zeit damit verbringen, Skandale in der Kirche auszugraben oder Dinge, die das Papsttum hätte tun sollen, aber nicht getan hat. Was wir aber nicht tun können, ist: die grundlegenden Dokumente der Kirche lesen, besonders jene der letzten Päpste, und dann behaupten, dass sie nicht an die tiefsten Wurzeln von all dem rühren, was überall in der Welt in der öffentlichen Sphäre in Unordnung ist, und zwar nicht nur im Westen, sondern auch im Islam, in China, in Indien und in der übrigen Welt.

Das Christentum trägt einen Auftrag an die Welt in sich. Warum dessen Erfüllung so langsam vorangeht und aus welchem Grund das Christentum so lange dazu braucht, darüber mag man spekulieren. Was diese Enzyklika tut, ist aufzuzeigen, dass die Bewegungen innerhalb der modernen Philosophie und in anderen Religionen bestimmte verstehbare Ziele haben, mit denen man sich unbedingt vom Standpunkt der christlichen Hoffnung aus befassen muss. Diese Enzyklika richtet sich nicht nur an die westliche Kultur.

Was Benedikt XVI. in Deus caritas est ebenso wie in dieser Enzyklika zeigt, ist, dass wir sowohl auf eine bessere Welt als auch auf das ewige Leben hoffen dürfen, dass wir aber nicht beides durcheinanderwerfen dürfen. Ebenfalls beachtenswert an diesem Dokument ist meiner Meinung nach, dass es die klassischen metaphysischen Begriffe – das Eine, das Wahre, das Gute, das Sein und die Schönheit – aufnimmt, um zu zeigen, wie jedes von ihnen sich tatsächlich konkretisieren kann. Keines von ihnen ist eine reine Abstraktion. Nächstenliebe zum Beispiel ist nicht etwas, was man der Regierung übertragen kann. Gerechtigkeit ist etwas, das überall gegenwärtig ist. Schönheit ist die große platonische Kategorie, aber sie muss auf das Gute und das Wahre gegründet sein.

Die Enzyklika schließt mit einer Erörterung des Leids und seiner Beziehung zu all diesen Themen. Es ist ein beachtenswerter Abschnitt. Am Ende von Abschnitt 42 zitiert der Papst die deutschen Philosophen (Horkheimer und Adorno), die (auch wenn sie den christlichen guten und gerechten Gott ablehnen) schließlich anerkennen mussten, dass wir uns auch mit dem Bösen und der Gerechtigkeit in der Vergangenheit auseinandersetzen müssen und dass diese Frage eigentlich nur durch die Lehre und die Wirklichkeit des Endgerichts und der Auferstehung des Leibes angemessen behandelt werden kann. (Zitat von Adorno: Gerechtigkeit würde eine Welt verlangen, „in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft würde, sondern das unwiderruflich Vergangene widerrufen wäre“; vgl. „Spe Salvi“, 42). Und nach Platon kann sie nicht außerhalb des konkreten Sinns von Vergebung und stellvertretendem Leid angemessen behandelt werden.

So besteht die Rolle des Papstes als universale Stimme darin, dass sie innerhalb der Welt das wach hält, was wir darüber wissen müssen, wer wir wirklich sind. Wir müssen Bescheid wissen über das Gericht, über das Leiden und über die Hölle. Wir müssen wissen, dass, wenn wir die Lehre von der Hölle leugnen, unsere Ideologien diese einfach in dieser Welt neu erfinden – als etwas, das tatsächlich unmenschlich ist. Die Hölle der Offenbarung stellt lediglich die logische Konsequenz dessen dar, was wir wirklich damit meinen, wenn wir von einem falschen Gebrauch des freien Willens sprechen, ohne den wir nicht existieren können.

Das Leiden ist, wie uns die Offenbarung sagt, das Produkt von Sünde und Tod. Versuche, Sünde und Tod zu leugnen, bringen in der Regel etwas noch Schlimmeres hervor. Nichtsdestoweniger sollten wir danach streben, Schmerz und Leiden in dieser Welt zu verringern. Dies ist eines der Nebenprodukte des Wissens um das ewige Leben von der Offenbarung her, nämlich ein vollständigeres Wissen um die Unvollkommenheiten dieser Welt.

Und schließlich haben wir Hoffnung, weil wir so erst richtig verstehen können, was sie im Letzten bedeutet. Dafür müssen wir diesem Papst danken, der uns erklärt, was die letzten Dinge wirklich sind und wie wir sie verstehen sollen und, ja, wie wir sie erlangen. Denn dieser Dienst an unserer Vernunft ist auch ein Dienst an unserer Seele.



[Das Interview führte Carrie Gress; Übertragung ins Deutsche durch Christine und Gerhard Gutberlet]