James V. Schall SJ über „Spe Salvi“ (Teil I)

Die wahre Hoffnung, und was Benedikt XVI. darunter versteht

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WASHINGTON, D.C., 18. März 2008 (Zenit.org).- Wenn Hoffnung als Fortschritt oder soziale Gerechtigkeit verstanden wird, dann hat man es nach Ansicht von Jesuitenpater James Schall mit einer „inhumanen“ Abirrung von der wahren Bedeutung der theologischen Tugend der Hoffnung zu tun.

Pater Schall, Professor für politische Philosophie an der Georgetown University in den USA, hat unter anderem die Werke The Order of Things („Die Ordnung der Dinge“) oder Another Sort of Learning („Eine andere Art des Lernens”) verfasst, die beide bei „Ignatius Press“ erschienen sind.

Im ersten Teil dieses Interviews mit ZENIT spricht der Priester darüber, wie Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe Salvi für die theologische Tugend der Hoffnung eine Lanze bricht indem er aufzeigt, dass menschliche Erfüllung und menschliches Glück ohne Gott nicht möglich sind.

ZENIT: Warum glauben Sie, dass die Betrachtung der theologischen Tugend Hoffnung besonders aktuell ist?

Prof. Schall: Wir könnten den Sachverhalt ein wenig ironisch so zusammenfassen: Die säkulare Welt ist selbst voller „Hoffnung“. Die intellektuellen Ursprünge jedoch und die Implikationen der Ideen, deren sie sich bedient, werden nicht mehr erkannt. Die modernen Ausdrücke, die anstatt des Wortes „Hoffnung“ verwendet werden, heißen „Fortschritt“ oder „Die Welt für die Demokratie bereit machen“, „soziale Gerechtigkeit“ oder „Ausrottung des Leidens und des Bösen durch die Wissenschaft“. Den theologischen Hintergrund für diese „Säkularisierung der Hoffnung“ liefern unter anderem Joachim von Fiore und Francis Bacon.

Die moderne Vorstellung von Hoffnung beinhaltet stets Unzufriedenheit mit der Gegenwart – im Licht einer vermuteten Zukunft, die nicht nur besser, sondern eine vom Menschen gefundene Lösung für das ist, was wir unter vollkommenem Glück verstehen.

Auch bei dem Wort „Bildung“ schwingt etwas von Hoffnung mit. Die Betonung von Bildung als Lösung hat auch einen sokratischen Hintergrund. Sokrates war offensichtlich der Auffassung, dass an der Wurzel aller menschlichen Unordnung die „Unwissenheit“ stehe. So ist es dazu gekommen, dass die Bildung im Allgemeinen als Allheilmittel für jegliche Verderbnis gilt, die sich in der menschlichen Natur wo und wann auch immer in unserem Erfahrungsbereich zeigt. Wenn wir nur erst die Unwissenheit beseitigen könnten, so hofft man, werden wir auch das Böse beseitigen.

Diese Sicht setzt natürlich voraus, dass wir das Wesen des Bösen, das wir zu eliminieren suchen, kennen und richtig definieren. Es gibt vielleicht keine Ideologie, die verbohrter ist als diese Bildungsideologie. In Wirklichkeit ist es nicht in erster Linie Unwissenheit, die das Böse verursacht. Die Bildung als Ideologie will sich einfach nicht dem Kernproblem des Bösen stellen, nämlich seiner Beziehung zum freien Willen, zu Tugend und Gnade.

Aristoteles war sich im Klaren, dass die Intelligenz zwar in der Tat ein wichtiger Faktor ist, dass jedoch in der menschlichen Natur ein immer wieder auftretendes Element von „Bosheit“ vorhanden ist. Die intelligentesten und gebildetsten Menschen waren oft diejenigen, die der größten Bosheit fähig waren. Die klassischen Traktate über die Tyrannis setzen stets diese Affinität, diese große Nähe von größter Verderbtheit und größter begrenzter (im Unterscheid zu absoluter, unendlicher) Intelligenz voraus, sei es der Intelligenz von Engeln oder der von Menschen. Luzifer ist einer der intelligentesten unter den Engeln, und deshalb ist er auch so gefährlich.

Augustinus und Thomas von Aquin folgend erkennen wir, welchen Stellenwert der Wille, der freie Wille, in unserem Leben hat. Das Böse befindet sich nicht außerhalb von uns. Aristoteles hatte erkannt, dass Tugend und Laster erworbene Gewohnheiten sind und auf wiederholten Entscheidungen beruhen. Wir werden nicht tugend- oder lasterhaft einfach durch die Erkenntnis dessen, was eine Tugend oder ein Laster ist. Wir müssen immer wieder entsprechend handeln. Hinter dieser Betonung des Willens steht die Lehre von der Ursünde mit ihrer Verbindung zum Stolz.

Worauf ich hier hinaus will, ist einfach dies: Die Milliarden von Vermögenswerten in Dollars, die verschiedene moderne Staaten und private Wohlfahrtseinrichtungen in die Bildung stecken, um die Welt zu verbessern, werden fast immer mit einer Lesart von Hoffnung gerechtfertigt, die im Wesentlichen behauptet, dass die Ursache der menschlichen Übel der Mangel an Wissen ist. Da es bei der ganzen Geschichte der menschlichen Verwirrung um mehr geht als nur um das Wissen, müssen wir erkennen, dass diese moderne Schwärmerei für „Wissen allein“ utopische Untertöne einer rein diesseitigen Lösung der großen Probleme der Menschheit verrät.

Es geht nicht darum, auf den berechtigten Aspekt in unserem Leben zu verzichten, den die Bildung darstellt. Keine Religion oder Philosophie misst der Intelligenz mehr Bedeutung zu als der katholische Glaube. Es geht aber darum, ihr den ihr angemessenen Platz zu geben. Wir sollten die Wahrheit suchen und erkennen. Aber das heißt nicht automatisch, dass wer sich um Bildung bemüht, sich notwendigerweise auch dafür entscheidet, der Wahrheit gemäß zu leben.

Was dieser Papst auf nahezu revolutionäre Weise vermag, ist, die unerkannten theologischen Spuren der Hoffnung aufzuspüren, die innerhalb der säkularen Ordnung existieren. Gerade in ihrer Jagd nach dem eigenen Selbstgenügen offenbart die Moderne, wieviel Christliches in der Kultur steckt, aber nicht erkannt wird. Eine der Folgen des Glaubensverlustes, der selbst einer Willensentscheidung entspringt, ist die Abgestumpftheit für die Wahrnehmung christlicher Themen, die unausgesprochen implizit in der Kultur vorhanden waren.

Studenten und Fakultäten, oft auch solche in katholischen Einrichtungen, haben heute wenig Ahnung von den christlichen Ursprüngen und Begrenzungen ihrer Lieblingsschwärmereien. Seitdem wir aufgehört haben, Häresien als Häresien zu studieren, haben wir sie oft in enthusiastischen Begriffen übernommen, deren Ursprung wir nicht mehr erkennen. Es herrscht nicht nur Unwissenheit, sondern eine gewollte Unwissenheit.

Wir wollen nicht wissen, nicht wahrhaben, dass unsere elementarsten Wünsche am besten durch einen wohl durchdachten Glauben erklärt werden, den wir unkritisch, ohne Überprüfung und Begründung als unhaltbar zurückgewiesen haben.

ZENIT: Sie haben eine Verbindung zwischen Eric Voegelins Wort von der „Immanentisierung des Eschaton“ (dem ins Diesseits Hereinholen der letzten Dinge) und der Enzyklika herausgestellt. Was bedeutet dieser Ausdruck? Was für einen Zusammenhang sehen Sie?

Prof. Schall: Eric Voegelin war ein deutscher politischer Philosoph, der in der Nazizeit in die USA kam. Er stand in Deutschland am Anfang einer beachtenswerten akademischen Laufbahn, die er an der Louisiana State und an der Stanford University fortsetzte. Seine umfangreichen, tiefschürfenden Schriften sind bei der Louisiana State University Press und der University of Missouri Press veröffentlicht worden.

Nach langen Studien in Philosophie, Sprachen, Schriftexegese, Geschichte und Theologie kam Voegelin zu dem Ergebnis, dass die Hauptmotivationskraft hinter den modernen philosophischen Bewegungen der Versuch ist, buchstäblich die transzendenten Ziele zu erreichen, um die es in der klassischen Philosophie und im Christentum geht, wie etwa der Himmel und das Glück, dies aber innerhalb dieser Welt. Diese Bemühungen, die sich in systematischen Lehrgebäuden manifestierten, nannte er „Ideologien“, von denen er sagte, dass das, was sie mit viel Mühe anstrebten, die „Immanentisierung des Eschaton“ sei.

In diesem Sinn sind die realistische Philosophie und die christliche Theologie keine Ideologien, auch wenn sie an Universitäten oft so genannt werden. Daher ist aus katholischer Sicht die Verteidigung der Philosophie und der Offenbarung als solche so wichtig. Es ist ihr Realismus, der sie von Ideologien unterscheidet. Weder die Philosophie noch die Offenbarung ist eine bloße Projektion von Ideen, die von Menschen zusammengebraut wurden, auf die Wirklichkeit, Ideen, deren einziger Rechtfertigungsgrund es ist, ein Konstrukt im Geist eines Denkers zu sein, das jetzt in politisches Handeln umgesetzt wird.

Das Wort „eschaton“ meint „die letzten Dinge“. Traditionell nennen wir sie: Tod, Fegefeuer (Purgatorium, Ort der Läuterung), Hölle und Himmel. Wir werden schnell bemerken, dass dies die vier Dinge sind, die Benedikt XVI. in „Spe Salvi“ behandelt. Wir sind so daran gewöhnt, diesen Themen von vornherein jede ernsthafte Erwägung komplett zu verweigern, dass es uns schwer fällt, die Tiefgründigkeit dessen, worum es dem Papst geht, zu würdigen. Der katholische Glaube ist, wie ich gerne zu sagen pflege, eine intellektuelle Religion. Wir sollten lieber bereit sein, zu verstehen, warum das so ist.

Ich weiß, der Ausdruck „Immanentisierung des Eschaton” klingt furchterregend. Es ist etwas, was sich wahrscheinlich nur ein deutsches Professorenhirn ausdenken konnte. Aber er passt. Er hat den Vorzug, dass er akkurat herausstellt, was im modernen Geist vorgeht, wenn er versucht, einen humanen, dem Menschen angemessenen Sinn außerhalb einer realistischen mit der Offenbarung in Einklang stehenden Philosophie zu finden. In anderen Worten, dieses Wort Voegelins bringt zum Ausdruck, dass das moderne Denken trotz all seiner Mühen nicht um das Christentum herumkommt. Was es in Wirklichkeit tut, ist, sich abzumühen, das Christliche in Gestalt seiner Ablehnung in der Welt neu anzusiedeln.

Das Hervorragende an der päpstlichen Enzyklika liegt auch daran, dass auch Benedikt XVI. ein deutscher Philosoph ist und deutsche Philosophie liest. Er weiß, dass die großen deutschen Denker, von denen in der Tat der größte Teil der modernen Ideen stammt, einfach nur christliche Gedanken wachrufen, jetzt aber in verzerrter Form. Sie versuchen „das ewige Leben“ in den Lauf aller Zeiten hereinzuholen. Sie versuchen, dem Tod zu entrinnen, indem sie das Alter des Menschen auf 200 Jahre zu verlängern trachten. Sie versuchen, mit Hilfe von ökologischen Phantasien von einer ewigen Erde das Paradies zu imitieren.


ZENIT: Können sie kurz philosophisch umreißen, wie unsere heutige Welt das Bild vom Menschen entstellt? Wie fügt sich dieser Fortschrittsgedanke in die Analyse des Papstes ein?

Prof. Schall: Anfangs hat die moderne Ideologie häufig einen Humanismus propagiert, der vermeintlich nichts mit der Offenbarung zu tun habe. Jetzt ist es die klassische Philosophie, von der es heißt, sie habe nichts mit der Offenbarung gemeinsam, auch wenn wir, wie der Papst in seiner Regensburger Vorlesung sagte, schon im Alten und Neuen Testament Gedanken finden, in denen Philosophie und Offenbarungsglauben in einem direkten Zusammenhang zueinander stehen, vor allem bei den Vorstellungen von Wahrheit, Liebe, Sein und Glück.

Was die Offenbarung angesichts des modernen Denkens und der modernen Politik geltend macht, ist, dass der „Humanismus“ allmählich mehr und mehr „inhuman“ geworden ist. Chesterton hat an vielen Stellen vorausgesagt, dass dies geschehen würde. Wenn man beim Wert des menschlichen Lebens nur an seine Länge denkt, bei Liebe nur an Sex, bei Glück nur daran, dass jeder sich seine eigenen Ziele selber schafft, so sind das Verirrungen, die sehr an das fünfte Buch von Platos „Staat“ erinnern, wo im Namen der Gerechtigkeit versucht wird, die Familie abzuschaffen und mit Hilfe einer Kombination von Genetik und staatlicher Erziehung perfekte Kinder zu produzieren.

Der Fortschrittsgedanke entstammt dem Denken nach der Aufklärung. J.B. Burys berühmtes Buch „The Idea of Progress“ („Die Fortschrittsidee“) liest sich wie ein Buch über die Heilsgeschichte. Mir gefällt Ihre Formulierung: „Wie hat unsere heutige Welt das Bild vom Menschen entstellt.“

Die theologische Tugend der Hoffnung, der Gegenstand dieser Enzyklika, ist gerade die Tugend, die am direktesten die moderne Philosophie angeht, die sich ja besonders viel darauf zugute hält, dass sie tatsächlich einen besseren „Humanismus“ schaffen könne. Der Papst nimmt sie beim Wort und zeigt systematisch auf, dass es ohne Gott tatsächlich unmöglich ist, den heutigen Männern und Frauen auch nur irgendeine Hoffnung für sich und ihre Gattung zu geben.

Die christliche Lehre der Auferstehung des Leibes, etwas, das in der aristotelischen Idee der Freundschaft angedeutet ist, ist die einzige tatsächlich existierende Lehre, die sich mit dem Heil jedes einzelnen Individuums in seinem eigenen spezifischen Sein befasst; sie sieht ihn jedoch innerhalb einer Gemeinschaft von Liebe und von Freunden, etwas, was wir uns alle wünschen. Worauf wir im christlichen Sinn hoffen, ist, genau gesagt, dass wir Gott von „Angesicht zu Angesicht“ sehen. Wir versuchen schon jetzt, einander „von Angesicht zu Angesicht“ zu kennen. Es gibt keine Garantie, dass diese Voraussetzung je außerhalb der Hoffnung erfüllt werden kann, dass Gott existiert und dass er uns erlöst hat. Wir müssen unsere Sünden und unsere Bestimmung in unser Denken und Streben mit einbeziehen.

Der Papst gibt dem Fegefeuer wieder seine Ehre und seine Bedeutung zurück, und zwar aus Gründen der Vernünftigkeit, gerade weil er weiß, wie auch wir (im Grunde genommen) wissen, dass nur wenige von uns mit einer absolut reinen Seele sterben. Es ist nichts Irrationales an dieser viel geschmähten Lehre, die als einzige der Tatsache der Sünden der Vergangenheit und der angemessenen Sühne für sie Rechnung trägt.

Man müsste sich fast über diese Enzyklika lustig machen, tollkühn wie sie ist, wenn sie die eschatologischen Lehren – von Himmel, Hölle, Tod und Fegefeuer – so mutig in Angriff nimmt und uns zeigt, dass sie direkte Bedeutung für unser Leben und unsere Kultur haben. Sie ist kühn gerade deswegen, weil sie intelligent ist und weil sie die modernen Ideologien durchschaut. Das moderne Denken ist, wie ein Großteil des antiken Denkens nach der Auferstehung, der Versuch, der offenbarten Wahrheit auszuweichen. Wir können niemanden daran hindern, wenn er diese Wahrheit zurückweisen will. Das wollen wir auch nicht. Hier geht es um den freien Willen. Die Wahrheit Gottes und seines Ziels für den Menschen in der Welt muss nicht nur recht verstanden, sondern auch frei gewählt werden.

Was die Enzyklika „Spe Salvi“ tut, ist, unmissverständlich die Konsequenzen aufzuzeigen, die sich ergeben, wenn man das „eschaton“, wie es im christlichen Glauben dargeboten ist, zurückweist. Es ist zweifellos wahr, dass man erst einmal diese Lehren richtig verstehen muss. Ein großer Teil der Irrlehren in der Geschichte entspringt nämlich einem falschen Verständnis von dem, was in Wirklichkeit gelehrt wird.

Diese Enzyklika ist eine Darstellung dessen, was wirklich gelehrt wird. Das ist der Grund, warum sie an und für sich schon so erstaunlich und revolutionär ist.

Wir wollen nicht sehen, was wir hören, weil wir das, was wir sind, nicht als Geschenk annehmen wollen. Wir wollen das, was wir sind, selber machen. Und wenn wir das tun, stellen wir fest, dass dabei in den meisten Fällen Monster herauskommen. Und der Papst skizziert diese Monster in seiner Enzyklika.

[Das Interview führte Carrie Gress; Übertragung ins Deutsche durch Christine und Gerhard Gutberlet; Teil 2 erscheint morgen, Mittwoch]