Jean Vanier, der Gründer der "Arche", über die Armut und Bedürftigkeit jedes Menschen

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BARCELONA, 25. Januar 2005 (ZENIT.org-Veritas).- “Der Arme und der Geistigbehinderte halten mir meine eigene Armut vor Augen. Und wenn ich sie entdecke, dann benötige ich Gott umso mehr." Dieser Auffassung ist Jean Vanier, der Gründer der Arche-Gemeinschaften. Der in England und Kanada aufgewachsene Philosoph hat dieses Wochenende im Priesterseminar von Vic in Barcelona (Spanien) Einkehrtage angeboten.



Die 1964 gegründeten Gemeinschaften von Jean Vanier, heute über 100 Häuser, dienen in über 30 Ländern der Welt Menschen mit vier verschiedenen psychischen Behinderungen. Gemeinsam teilt man in diesen Häusern Freizeit und Arbeitszeit und somit das ganze Leben, denn "zuerst soll man den Armen gerade durch das Zusammenleben zeigen, wie wichtig sie sind“, so Vanier.

“Damals habe ich entdeckt, dass das ein wahrhaft evangelischer Weg ist", erinnerte er sich an die Anfänge seiner Gründung. "Denn der Arme hilft uns, wahrhaftig zu leben: Wir alle sind irgendwie arm und dem Tod ausgeliefert. Wir alle sind schwach und wollen den anderen zeigen, dass wir besser sind als die anderen. Und so fliehen wir immer vor dem Wichtigsten in uns selber, und haben keine Ahnung, wer wir wirklich sind.

Menschen mit geistiger Behinderung zeigen mir, wo meine Unfähigkeiten liegen. Ihre Wut offenbart mir meine Wut. Wir entdecken die Wahrheit in unserem Inneren. Dort beginnen wir auch, die Wahrheit Gottes zu entdecken. Der Behinderte, der seine Behinderung annimmt, hält mir die Schwierigkeiten vor Augen, die ich selbst damit habe, meine eigenen Schwächen anzunehmen. Es ist wie bei den sterbenden Menschen, die, wenn sie ihr Sterben einmal annehmen, den Pflegern deren eigene Angst vor dem Sterben offenbaren.

Deshalb ist die Arche ein Weg zu Gott", erklärte Jean Vanier. "Er ist ein Weg der Armen, denn man muss arm sein, damit man Jesus annehmen kann. Er selbst, der die Schönheit des Wortes Gottes ist, ist der große Arme. Aber er ist ein großartiger Armer, der die Kraft Gottes annimmt. Es gibt kein Christentum, wenn wir nicht unsere Armut entdecken."