"Jeder Mensch soll ein Verkünder des Evangeliums sein, vor allem mit seinem Leben!"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 22. Mai

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 513 klicks

Die Generalaudienz begann heute Vormittag um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt begegnete. In seiner Ansprache in italienischer Sprache setzte der Papst die dem „Jahr des Glaubens“ gewidmete Katechesen-Reihe fort.

Im Zentrum seiner Betrachtungen stand das Thema: „Ich glaube an den Heiligen Geist: Der Evangelisierungsauftrag der Kirche“. Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Anschließend richtete er mit Blick auf den 24. Mai, dem liturgischen Gedenktag der im Heiligtum von Sheshan nahe Shanghai verehrten seligen Jungfrau Maria, der Helferin der Christen, einen Appell an die Katholiken Chinas.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag.

Im Glaubensbekenntnis setzen wir nach dem Bekenntnis unseres Glaubens an den Heiligen Geist folgendermaßen fort: „und [an] die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Zwischen diesen beiden Glaubensinhalten besteht eine tiefe Verbindung. So haucht der Heilige Geist der Kirche Leben ein und führt sie auf ihrem Weg. Ohne die Gegenwart und das unaufhörliche Wirken des Heiligen Geistes wäre das Leben der Kirche und die Verwirklichung der ihr vom auferstandenen Jesus anvertrauten Aufgabe, zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen (vgl. Mt 28,18), unmöglich. Die Evangelisierung ist nicht die Sendung einiger weniger, sondern die Sendung der Kirche; meine, deine, unsere Sendung. Der erste Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Korinth enthält folgenden Ausruf des hl. Paulus: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16). Jeder Mensch soll ein Verkünder des Evangeliums sein, vor allem mit seinem Leben! Paul VI. hob in diesem Zusammenhang folgendes hervor: „Evangelisieren ist in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren“ (Apostolisches Schreiben „Evangelii Nuntiandi“, 14).

Wer ist nun der wahre Motor der Evangelisierung in unserem Leben und in jenem der Kirche? Paul VI. gibt darauf folgende konkrete Antwort: „Er ist derjenige, der heute wie in den Anfängen der Kirche in all jenen am Werk ist, die das Evangelium verkünden und sich von ihm ergreifen und führen lassen; er legt ihnen Worte in den Mund, die sie allein niemals finden könnten, und bereitet zugleich die Seele des Hörers auf den Empfang der frohen Botschaft und der Verkündigung des Gottesreiches vor“ (ibid., 75). Die Evangelisierung erfordert daher einmal mehr eine Öffnung für den Horizont des Geistes Gottes ohne Angst vor seinen Erwartungen an uns und dem Ort, an den er uns führen wird. Vertrauen wir auf ihn! Er wird uns zum Leben und Zeugnis unseres Glaubens befähigen und das Herz jener erleuchten, denen wir begegnen. Das Pfingstereignis vollzog sich folgendermaßen: den mit Maria im Abendmahlssaal versammelten Aposteln „erschienen […] Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.  Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2,3-4). Der herabkommende Heilige Geist bewegt die Apostel dazu, jenen Raum, in dem sie aufgrund ihrer Angst eingeschlossen waren, zu verlassen und aus sich selbst auszutreten. Er verwandelt sie zu Verkündern und Zeugen der „Gottes großer Taten“ (V. 11). Diese vom Heiligen Geist vollbrachte Verwandlung spiegelt sich in der zusammenströmenden Menge von Menschen „aus allen Völkern unter dem Himmel“ (V. 5), denn jeder hörte die Apostel „in seiner Sprache reden“ (V. 6).

Die erste bedeutende Frucht des Wirkens des in der Verkündigung des Evangeliums führenden und belebenden Heiligen Geistes ist die Einheit, die Gemeinschaft. Laut der Erzählung aus der Heiligen Schrift begann in Babel die Zerstreuung der Völker und Verwirrung der Sprachen als Folge der Überheblichkeit und des Stolzes des Menschen, der aus eigener Kraft und ohne Gott „eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel“ (1. Mose 11,4) erbauen wollte. Zu Pfingsten kommt es zu einer Aufhebung dieser Trennungen. Der Gott entgegengebrachte Stolz und das Sich-Verschließen sind überwunden. Stattdessen existieren eine Öffnung für Gott und ein Hinausgehen zur Verkündigung seines Wortes, das eine neue Sprache ist, die Sprache der vom Heiligen Geist in die Herzen ausgegossenen Liebe (vgl. Röm 5,5). Diese Sprache ist für alle Menschen verständlich. Ist sie einmal angenommen, kann sie in jeder Existenz und in jeder Kultur in Erscheinung treten. Die Sprache des Geistes ist die Sprache des Evangeliums, die Sprache der Gemeinschaft, die zur Überwindung von Verschlossenheit, Gleichgültigkeit, Spaltungen und Gegensätzen einlädt. Wir alle sollten uns folgende Fragen stellen: Wie lasse ich mich vom Heiligen Geist führen, so dass Einheit und Gemeinschaft in meinem Leben und meinem Glaubenszeugnis aufleuchten? Verbreite ich das Wort der Versöhnung und der Liebe als Evangelium in meinen persönlichen Wirkungsbereichen? Manchmal scheint sich heute das Ereignis von Babel zu wiederholen: Wir begegnen Spaltungen, der Unfähigkeit, einander zu verstehen, Rivalitäten, Neid und Egoismus. Was mache ich mit meinem Leben? Schaffe ich Einheit rund um mich? Oder erzeuge ich Spaltungen durch Geschwätz, Kritik und Neid? Wie handle ich? Lasst uns über diese Fragen nachdenken. Das Evangelium zu überbringen bedeutet, die Versöhnung, die Vergebung, den Frieden, die Einheit und die Liebe, die uns der Heilige Geist geschenkt hat, zu verkündigen und selbst zu leben. Erinnern wir uns an folgende Worte Jesu: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,34-35).

Lasst uns nun die zweite Frucht des Geisteswirkens betrachten: Erfüllt vom Heiligen Geist erhob sich Petrus am Pfingsttag „zusammen mit den elf“, „erhob seine Stimme“ (Apg 2,14) und verkündete „freimütig“ (V. 29) die frohe Botschaft Jesu, der sein Leben für unsere Rettung hingegeben hat und von Gott von den Toten auferweckt wurde. Eine weitere Frucht ist der Mut zur freimütigen Verkündigung (Parrhesia) der Nachricht des Evangeliums Jesu mit lauter Stimme an alle Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort. Auch heute geschieht dies für die Kirche und für jeden von uns: das Pfingstfeuer und das Wirken des Heiligen Geistes setzten stets neue Missionsenergien frei, schaffen neue Wege zur Verkündigung der Heilsbotschaft und erneuern den Mut zur Evangelisierung. Verschließen wir uns niemals vor diesem Wirken! Lasst uns mit Demut und Mut das Evangelium leben! Bezeugen wir die Botschaft, die Hoffnung und die vom Herrn in unser Leben getragene Freude. Spüren wir in uns „die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums“ (Paul VI. Apostolisches Schreiben „Evangelii Nuntiandi, 80). Die Evangelisierung, die Verkündigung Christi, ist uns eine Quelle der Freude; Egoismus führt hingegen zu Bitterkeit, Traurigkeit und führt uns nach unten; die Evangelisierung führt uns nach oben.

Ich möchte noch kurz ein drittes Element von ebenso großer Wichtigkeit skizzieren: Der Ausgangspunkt für eine Neuevangelisierung, für eine evangelisierende Kirche, muss stets das Gebet sein. Wie die Apostel im Abendmahlssaal müssen wir das Feuer des Heiligen Geistes erbitten. Nur eine durch Treue und Innigkeit geprägte Beziehung zu Gott erlaubt uns ein Austreten aus unserer Verschlossenheit und eine freimütige Verkündigung des Evangeliums. Ohne Gebet läuft unser Handeln leer und unsere Verkündigung bleibt ohne Seele, denn sie ist nicht beseelt vom Geist.

Liebe Freunde, Benedikt XVI. hat im Rahmen der 13. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode festgestellt, dass die Kirche der Gegenwart: „vor allem den Wind des Heiligen Geistes“ spürt, „der uns hilft und uns den rechten Weg weist; so lasst uns mit neuer Begeisterung unseren Weg fortsetzen und dem Herrn danken“ (Worte Papst Benedikts XVI. an die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, 27. Oktober 2012; eigene Übersetzung). Lasst uns jeden Tag unser Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes erneuern; das Vertrauen auf sein Wirken in uns, seine Gegenwart in uns und sein Geschenk des apostolischen Eifers, des Friedens und der Freude an uns. Lassen wir uns von ihm leiten, seien wir Männer und Frauen des Gebetes, die mutig das Evangelium bezeugen. So werden wir in unserer Welt zu Werkzeugen der Einheit und der Gemeinschaft mit Gott. Danke.