Jerusalem: Neuer deutscher Theologielehrstuhl mit Franziskanerin besetzt

Interview mit Professorin Schwester Margareta Gruber OSF

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JERUSALEM, 2. Februar 2010 (ZENIT.org).- Seit 1973 gibt es das Theologische Studienjahr Jerusalem, das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und von der Deutschen Bischofskonferenz finanziert wird. 20-25 Studierende aus katholischen und evangelischen Fakultäten aus dem deutschsprachigen Raum leben und studieren 9 Monate intensiv im Studienhaus der deutschen Benediktinerabtei Dormitio Mariae in Jerusalem.

Zum Lehrangebot zählen neben Vorlesungen und Seminaren auch zahlreiche wissenschaftliche und archäologische Exkursionen und Gastvorlesungen zu Kultur, Religion und Zeitgeschehen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat nun den "Laurentius-Klein-Lehrstuhl für Biblische und Ökumenische Theologie" neu geschaffen. Er ist benannt nach dem Gründer des Studienjahres, dem Trierer Benediktiner Laurentius Klein (1928 - 2002).

Am Donnerstag wird die deutsche Bundesbildungsministerin Annette Schavan in Jerusalem in der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg dabei sein, wenn die Franziskanerin Schwester Margareta Gruber, 48 Jahre alt, dort ihre Antrittsvorlesung als Professorin für den neu errichteten Lehrstuhl hält. Sie kommt aus dem Kloster Sießen bei Bad Saulgau ins Heilige Land und lehrte seit 1999 Neues Testament an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Pallottiner in Vallendar bei Koblenz. Michaela Koller führte vorab mit ihr ein Gespräch für ZENIT.

ZENIT: Über was sprechen Sie bei Ihrer Antrittsvorlesung?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Ich spreche über "Freundschaft als Lebensform". Der Untertitel heißt dann "Von Festmählern, Verschwendung und Fremdenliebe im Neuen Testament". Dahinter steht ein Gedanke, der mich schon länger umtreibt. Wir wissen ja aus den Evangelien, dass Jesus sich gerne zu Festmählern einladen ließ und dieses Feste ganz bewusst gefeiert hat. Von Lukas und Johannes wird das aufgegriffen und mit Hilfe des antiken Freundschaftsideals theologisch interpretiert. Freundschaft war ein großes Thema in der Antike, ein hohes Ideal, das mit Werten wie Freiheit, Freiwilligkeit, Offenheit, Großherzigkeit, Güte und Treue verbunden war, allerdings sehr elitär verstanden wurde.

Das ist es bei Jesus gerade nicht, denn er nennt sich ja selber den "Freund der Zöllner und Sünder". Er lebt seine Beziehungen grenzüberschreitend und zeigt durch sein Verhalten die grenzüberschreitende Liebe Gottes, der dem Verlorenen nachgeht und sein Erbarmen an Gerechte und Ungerechte sozusagen verschwendet. In der Antike war Freundschaft zwischen Gott und Mensch völlig undenkbar, aber bei Johannes nennt Jesus seine Jünger Freunde und bietet ihnen seine Lebensgemeinschaft an. Johannes deutet sogar den Tod Jesu als Gabe der Freundschaft, die Ungleiche gleich macht. Das bedeutete eine Revolution im Verhältnis zwischen Gott und Mensch.

ZENIT: Und wie hat dieses Ideal im christlichen Denken nachgewirkt?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Auch Thomas von Aquin hat sich übrigens mit der aristotelischen Lehre von der Freundschaft auseinander gesetzt. Er hat sich gefragt, ob die Caritas als höchste Tugend Freundschaft genannt werden könne, und beantwortet dieses Frage positiv, weil Gott selber den Abstand durch seine Selbstmitteilung und die Gabe der Seligkeit überwindet. Die Freundschaft mit Jesus führt uns also in die Gemeinschaft mit Gott. Das ist eine große Sache.

ZENIT: Was bedeuten diese Gedanken in dieser Zeit und an diesem Ort, hier in Jerusalem?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Freundschaft ist für mich ein zentrales Element meines Konzeptes für das Studienjahr hier auf dem Zion in Jerusalem. Die große Währung des Freundschaftsideals muss in kleine Münze umgetauscht und in Umlauf gesetzt werden. Damit meine ich nicht nur die Beziehungen im Studienhaus, das gehört dazu, sondern eine Hermeneutik im Zugehen auf Fremdes und im Umgehen mit dem Fremden. Elementare Erfahrung im Studienjahr sind ja: selber fremd sein und ständig neu Fremdem begegnen. Im Haus betrifft das, noch bevor wir auf die anderen Religionen zugehen, unser ökumenisches Miteinander von katholischen und evangelischen Studierenden.

ZENIT: Wie gestaltet sich das Umgehen mit dem Fremden außer Haus?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Wir studieren am Lernort Jerusalem, der ein locus theologicus ist, nicht nur wegen der Heiligen Stätten, sondern vor allem wegen der religiösen und politischen Situation der Stadt, die in ihrer ganzen oft schwer erträglichen Komplexität modellhaften Charakter für unsere Zeit hat. Als deutsche Studieneinrichtung in dieser Stadt zu leben geht nicht ohne ein Netz von freundschaftlichen Beziehungen: auf wissenschaftlicher Ebene einerseits in die deutsche Wissenschaftswelt, aber auch zu den Universitäten in Israel und in Palästina, aus denen wir Gastdozenten einladen oder deren Campus wir besuchen.

Und weil Begegnung nicht nur in der intellektuellen Auseinandersetzung stattfindet, gibt es für die Studierenden auch die Option, sich in einer diakonischen Einrichtung oder einem sozialen Projekt in Israel oder in Palästina zu engagieren, soweit der begrenzte Zeitrahmen unseres Studienalltags das zulässt. Dabei lernen wir, als Trostpunkt in der oft hoffnungslos erscheinenden Friedenssuche dieses Landes, kleine Orte kennen, in denen Menschen konkret für den Frieden leben. Das setzt die Bereitschaft zum Dienen voraus und beschenkt zuweilen mit konkreter Freundschaft.

ZENIT: Sie besetzen eine neu geschaffene Position. Welche Signale sollen von der Errichtung dieses Lehrstuhls ausgehen?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Mit diesem Schritt wird zunächst das Theologische Studienjahr wissenschaftlich aufgewertet, dass es schon seit 1973 gibt. Dabei wird noch einmal Jerusalem als deutschsprachiger Studienstandort gestützt. Zugleich ist es eine Stärkung der Kirchen hier, um nicht nur diakonische, sondern auch intellektuelle Präsenz zu zeigen und so einen kleinen Beitrag zu der großen Versöhnungs- und Friedensarbeit in diesem Land zu leisten.

Ich persönlich finde es sehr interessant und auch eine besondere Verantwortung, gerade eine deutschsprachige Studieneinrichtung in Jerusalem zu haben. Was Deutschland mit dem Judentum verbindet, ist ja nicht zuletzt die deutsche Kultur und Sprache, selbst wenn die Shoa diese Verbindung fast unheilbar auseinandergerissen hat. Am Abend des 4. Februar wird an der Hebräischen Universität, wo die erste Professorengeneration fast komplett Deutsch sprach, ebenfalls in Anwesenheit der Ministerin Schavan die Martin-Buber-Gesellschaft eröffnet. Im Zusammenfallen dieser beiden Ereignisse liegt eine gewisse Symbolik, wenn man das so sehen will.

ZENIT: Die Dormitio-Abtei steht mit ihrer Nähe zum Abendmahlsaal und zum Davidsgrab auf symbolischem, zuweilen konfliktbelastetem Gelände. Die Inhalte des Studienjahrs spiegeln den christlich-jüdischen Dialog wider. Judaistik ist ein Bereich, mit dem die Studierenden vertraut werden sollen. Wie erleben Sie den Dialog an Ihrem neuen Wirkungsort?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Das Judentum ist hier in einer ungeheuren Vielfalt präsent, von den streng religiösen Synagogen bis zu den Reformjuden aus den USA, zu denen wir schon kulturell eine leichtere Brücke bauen können. Fingerspitzengefühl ist dennoch wichtig. Dies umso mehr, als religiöse Fragen hier immer politische Relevanz haben, was den Dialog für uns schwierig macht, denn das ist ja nicht unser Land, und vieles versteht man einfach nicht.

Die 20 bis 25 Studierenden während eines Studienjahres kommen schon vor den großen jüdischen Festen, Rosh Hashanah, Jom Kippur und Sukkot, hier an, und dann schauen sie, dass sie in den Synagogen aufgenommen werden, um jüdisches Leben hier zu erfahren. Und dann suchen wir auch Kontakt zu unterschiedlichen jüdischen Einrichtungen, um die verschiedenen Strömungen des modernen Judentums kennen zu lernen.

ZENIT: Wie gestalten sich spontane Begegnungen mit dem Judentum?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Unter den säkularen Israelis wächst ein unbefangenes Interesse am Christentum. In der Christmette am vergangenen Weihnachtsfest waren vielleicht 85 Prozent israelische Gäste, vieles junge Leute, in der Kirche. Sie saßen da mit ihren Rucksäcken auf dem Boden, weil die Plätze nicht gereicht haben und feierten deutsche Weihnachten mit. Viele jüdische Familien machen ihren Ausflug am Shabbat zu christlichen Klöstern und genießend die Atmosphäre der Stille und des Friedens. Es gibt außerdem einen Studiengang für christliche Kultur in Beerscheba, und auch ein Interesse an der Figur Jesu etwa bei israelischen Schriftstellern.

ZENIT: Gibt es ein vergleichbares Interesse auf muslimischer Seite?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Das Interesse kommt eher vom säkularen Sektor der Gesellschaft. Der Islam ist mehrheitlich einfach strenger religiös. Da ist die Kontaktaufnahme schwieriger, vergleichbar mit den orthodoxen Juden.

ZENIT: Ihre Studierenden widmen sich auch der Islamwissenschaft. Was unterscheidet den christlich-jüdischen vom christlich-islamischen Dialog, in theologischer, aber auch in politischer Hinsicht?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Der theologische und religiöse Dialog ereignet sich eher in Europa, während hier die politische Frage im Vordergrund steht. Der politische Konflikt belastet den interreligiösen Dialog, auch den interkonfessionellen.

ZENIT: Vor der Papstreise ins Heilige Land im Mai 2009 hat mich eine Theologin gewarnt, Bethlehem sei nicht tatsächlich der Geburtsort Jesu und überhaupt seien die Evangelien mehr symbolisch zu sehen. Biblische Archäologen berichten aber, ihre Ausgrabungen zeigten letztlich wie authentisch die Berichte der Evangelien sind. Was sagen Sie Pilgern, die ins Heilige Land kommen?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Symbolisch oder authentisch, das ist eine unselige Alternative. Wenn ich nach Bethlehem zur Geburtskirche fahre und dort auf die Knie gehe, dann verehre ich diesen Ort doch gerade, weil er ein symbolischer Ort ist, der mich mit der Realität in Kontakt bringt, dass Gott Mensch geworden und in unsere Geschichte eingetreten ist. Ich brauche als Gläubige solche Orte. Und in dem Moment, in dem ich dort bete oder Gottesdienst feiere, ist es doch wahr, dass der Erlöser hier geboren wurde, auch wenn ich nachher 1000 Seiten lese, die diskutieren, ob Bethlehem nun der historische Ort der Geburt Jesu war oder nicht.

ZENIT: Und wie sehen Sie das bei der Grabeskirche?

--Prof. Sr. Margareta Gruber: Bei der Grabeskirche habe ich persönlich keine Zweifel an der Authentizität des Ortes. Aber selbst wenn ich sie hätte, bliebe sie für mich der Ort, an dem die Wirklichkeit der Erlösung und der Auferstehung in besonderer Weise präsent wird. Auch die Evangelisten interessierten sich, vereinfacht gesagt, viel stärker für die bleibende Gegenwart des Auferstandenen als für die Frage historischer Rekonstruktionen über das Leben des Irdischen. Natürlich ist der Auferstandene identisch mit dem irdischen Jesus, der gekreuzigt wurde. Zugang habe ich als Gläubige aber nur zum lebendigen Christus, und dazu brauche ich das Wort Gottes und die Sakramente, aber als geschichtlich verfasster Mensch eben auch solche Realien wie Heilige Orte.