Jesu Mischpoche

Impuls zum 10. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 9. Juni 2012 (ZENIT.org). - Seine Freunde kann man sich bekanntlich selber aussuchen, die Verwandten aber nicht. Unserem Herrn Jesus Christus ging es genauso. Seine allernächsten Verwandten, Maria und Josef waren natürlich von Gott auserwählt und vorbereitet. Sie waren für den mensch-gewordenen Gottessohn Freude und Trost in seinem nicht leichten Erdenleben. Aber dann – Onkel und Tante etc. Da gab es eben, wie in jeder menschlichen Familie, solche und solche. Eigentlich ein besonders einleuchtendes Zeichen dafür, dass Gott nicht nur ein Mensch geworden ist, sozusagen freischwebend, sondern dass er tatsächlich alle Befindlichkeiten des menschlichen und vor allem des familiären Lebens auf sich nehmen wollte. Zum Thema Heiligung des Familienlebens gehört nun mal auch, dass man es zum Teil mit weniger angenehmen Verwandten zu tun hat.

Heute hören wir von den „Brüdern“ Jesu, die „sich auf den Weg machten, um ihn mit Gewalt zurückzuholen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21). (Nebenbei gesagt: in den semitischen Sprachen werden Verwandte nicht sprachlich differenziert, sie heißen alle „Brüder und Schwestern“, auch Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen. Die Jungfrau Maria hatte keine Kinder außer Jesus).

Diese lieben Verwandten des Herrn also entpuppen sich als wahre Spießbürger. Die hohe Mission Jesu haben sie nicht verstanden und wollen sie auch nicht verstehen, denn sie wollen nicht wahrhaben, dass er, den sie ja von Kindesbeinen an kennen, ein wahrhaft Großer ist. Dass er der Messias und Sohn Gottes ist, sowieso nicht; aber das haben die meisten Zeitgenossen Jesu auch nicht erkannt. Dass sie jedoch ihn, der sie alle gewaltig überragt, klein machen wollen und auf ihr Niveau herunterziehen wollen, das ist das, was ihnen eigentlich vorzuwerfen ist. Da bekommt es Gott hautnah mit der Kleinherzigkeit vieler Menschen zu tun. Oft unbewusst, sagen sich heute wie damals viele, die ihre Durchschnittlichkeit erkennen, dass diejenigen, die groß erscheinen, in Wirklichkeit auch nicht besser sind als sie. Wenn der große und von vielen bewunderte Mensch seiner Fehler überführt wird, dann ist er plötzlich nicht mehr groß, und ich selber bin nicht mehr so klein. Ein bekanntes Nachrichtenmagazin lebt seit Jahrzehnten davon, dass es immer wieder, neben guter Berichterstattung, über bedeutende Persönlichkeiten gehäuft Negatives  berichtet. Das allein wäre nicht schlimm, kann im Gegenteil hilfreich sein, aber dahinter erkennt man oft die hämische Auffassung: seht ihr, der große Mann ist nicht wirklich groß. Und der kleine Mann schließt daraus: dann bin ich selbst eigentlich gar nicht so klein.

Die Verwandten Jesu ärgern sich und meinen, dass er die Familie in Verruf bringt, wenn er mit seinen Jüngern durch die Lande zieht, predigt, Kranke heilt und sich mit Zöllnern und Sündern abgibt.

Welche Botschaft enthält das Evangelium nun für uns? Natürlich erkennen wir den eklatanten Irrtum dieser Leute. Aber wir müssen uns gleichzeitig davor hüten, uns nun unsererseits über ihre Entrüstung zu entrüsten.

Zum anderen können wir wie immer von der Haltung Jesu lernen. Er reagiert mit Geduld, er schimpft nicht. Selbst dann nicht, als die Pharisäer ihm unterstellen, dass er mit dem Anführer der Dämonen die Dämonen austreibt. Er legt einfach dar, dass das unlogisch wäre.

Als schließlich die Verwandten vor der Tür stehen und nach ihm verlangen, da eröffnet er den Blick auf eine neue Art von Familie. Seine eigentlichen Verwandten sind die, die den Willen Gottes erfüllen. Scheinbar ist er auch gegen seine Mutter abweisend, die ja mitgekommen ist. In Wirklichkeit aber erkennt man in seinen Worten „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter“ ein großes Kompliment für seine Mutter Maria. Ist sie doch diejenige, die in vollkommener Weise den Willen Gottes erfüllt.

Fragen wir uns gelegentlich, wenn wir das Vaterunser beten: bei den Worten „Dein Wille geschehe!“, meine ich das ehrlich? Denke ich nicht oft: mein Wille geschehe?

Natürlich kommt das vor. Wichtig ist nur, dass wir es erkennen. Die Jungfrau Maria wird uns sicher immer wieder helfen, die Absicht zu läutern, und dadurch stets neu am Familienleben Jesu teilnehmen zu können.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.