Jesus-Biographie Benedikts XVI. läutet neues Zeitalter im jüdisch-christlichen Dialog ein

Jüdischer Gelehrter Jacob Neusner in der „Jerusalem Post“

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ROM, 11. Juni 2007 (ZENIT.org).- Nach Worten Papst Benedikts XVI. war das Buch des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Jacob Neusner „Ein Rabbi spricht mit Jesus“ ein wichtiger Anstoß für sein Buch „Jesus von Nazareth“. Mehr als andere Auseinandersetzungen hatte dem Papst dieses Gespräch eines gläubigen Juden mit Jesus „die Augen geöffnet für die Größe von Jesu Wort und für die Entscheidung, vor die uns das Evangelium stellt“.



Das Buch „Ein Rabbi spricht mit Jesus. Ein jüdisch-christlicher Dialog“ erschien in deutscher Sprache zum ersten Mal im Jahr 1997 (Claudius Verlag, München). Die amerikanische Erstausgabe stammt aus dem Jahr 1993 („A Rabbi talks with Jesus“). Für die nächsten Wochen ist eine gebundene Neuausgabe im Herder-Verlag (Freiburg) vorgesehen.

Jacob Neusner gehört zu jenen Autoren, die Benedikt XVI. in „Jesus von Nazareth“ am häufigsten zitiert. Im vierten Kapitel, das von der Bergpredigt handelt, setzt sich der Papst über viele Seiten hinweg mit dem Denken des Rabbis auseinander.

Neusner reihe sich, so Benedikt XVI., mit seinem Werk „unter die Hörer der Bergpredigt (ein) und (versuche) im Anschluss daran ein Gespräch mit Jesus“. Er höre Jesus, und spreche mit ihm selbst. Die Größe und die Reinheit seiner Worte berührten ihn, gleichzeitig aber rege sich im gläubigen Juden Unruhe - aufgrund der letztlichen Unversöhnlichkeit mit dem jüdischen Glauben, die er im Kern der Bergpredigt vorfindet. Der Rabbiner begleite Jesus auf dessen Weg nach Jerusalem, entscheide sich am Ende allerdings dafür, Jesus nicht nachzufolgen und dem „Ewigen Israel“ treu zu bleiben.

Die Offenbarung Jesu als Gott, der Skandal der Todes am Kreuz halte den Rabbiner von der Nachfolge Jesu ab. Gerade in dieser Tatsache macht Benedikt XVI. den Wert des Ringens des gläubigen Juden mit Jesus aus. Trotz der starken Unterschiede scheine in dem Gespräche des Rabbiners mit Jesus eine große Liebe durch. Der gläubige Jude entferne sich von Jesus ohne Hass und habe trotz aller Strenge in der Wahrheitssuche stets die versöhnende Kraft der Liebe gegenwärtig.

Der Dialog zwischen Christentum und Judentum müsse sich im gegenseitigen Verstehen vollziehen, ohne auf den jeweiligen Anspruch auf Wahrheit zu verzichten oder ihn um des Dialogs willen zu verschleiern. „Wir können miteinander nur dann diskutieren“, so Neusner, „wenn wir uns gegenseitig ernst nehmen. Wir können in einen Dialog nur dann eintreten, wenn wir sowohl uns selbst als auch den anderen ehren.“

Am 29. Mai 2007 veröffentlichte Jacob Neusner auf den Seiten der Tageszeitung The Jerusalem Post unter dem Titel „My Argument with the Pope” („Meine Auseinandersetzung mit dem Papst“) seinen Kommentar zu den Worten Benedikts XVI. und dessen Sicht des Dialogs zwischen Judentum und Christentum. Es handelt sich dabei um die erste Wortmeldung eines angesehenen nicht-christlichen Gelehrten zum Buch Benedikts XVI.

In seinem Kommentar stellt Neusner fest, dass mit dem Jesus-Buch die Diskussionspunkte zwischen dem Judentum und dem Christentum „in ein neues Zeitalter eintreten“. Sie werden zu einer „religiösen Erforschung der Überzeugungen des anderen“. Durch das Buch sei man nun in der Lage, so Neusner, „einander in einer viel versprechenden Übung der Vernunft und der Kritik zu begegnen“; im Mittelpunkt der Debatte stehe die „Wahrheit der beiden Religionen“.

Nach dem Staunen darüber, dass die „christliche Antwort“ auf seine Auseinandersetzung mit Jesus ausgerechnet aus der Feder des Papstes stamme, stellt Neusner fest, dass nach den interreligiösen Debatten des Mittelalters, bei denen es um die Verteidigung des jeweiligen Wahrheitsanspruches gegangen sei, mit der Aufklärung eine neue Sicht entstand. Durch Werke wie Lessings „Nathan der Weise“ sei es dazu gekommen, dass die Religionen zur Behauptung „einer Wahrheit konzipiert wurden, die allen gemein ist, und dass die Unterschiede zwischen den Religionen als marginal und unwichtig zurückgestellt wurden“. Dieses Erbe der Aufklärung mit ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrheitsanspruch der Religionen habe zur Förderung der Toleranz und des gegenseitigen Respekts geführt. Die Religionen erschienen als Hindernisse für die gute Ordnung der Gesellschaft.

Der jüdisch-christliche Dialog, so Neusner, sei dann zum Mittel für eine politische soziale Versöhnung geworden. An die Stelle der Debatte sei das Verhandeln getreten, das Wahrheitsproblem sei in den Hintergrund gerückt.

Jacob Neusner wollte demgegenüber mit seinem Buch gerade jene religiösen Aussagen Jesu ernst nehmen, nach denen Jesus die Erfüllung der Torah ist. Obwohl er selbst dem Wort der Bergpredigt nicht nachfolgen konnte, wollte er in seinen Gesprächen mit Jesus eines erreichen: „Religiöse Lehren so hören, als sei es das erste Mal, und dann mit Überraschung und Staunen auf sie antworten – das ist das Ergebnis der religiösen Debatte unserer Tage.“

Ohne in die Apologetik abzugleiten, beabsichtigte Neusner, den Grund zu bestimmen, weswegen er Jesus nicht folgen könne. Gerade so verfolgt er die Absicht, „den Dialog zwischen Gläubigen, Christen und Juden, zu fördern“. In der Vergangenheit ist es für Neusner oft zu einem falschen Irenismus gekommen: „Oft haben wir es vermieden, die Punkte des wesentlichen Unterschieds zwischen uns zutage zu fördern - nicht nur als Antwort auf die Person Jesu und seine Worte, sondern insbesondere hinsichtlich seiner Lehren.“

Für Neusner ist die Formulierung eines Dissenses gegenüber einigen wichtigen Lehren Jesu ein „Akt des Respekts vor den Christen und der Ehrerweisung gegenüber ihrem Glauben“. Denn: „Wir können miteinander nur dann diskutieren, wenn wir uns gegenseitig ernst nehmen. Wir können in einen Dialog nur dann eintreten, wenn wir sowohl uns selbst als auch den anderen ehren.“ Gelinge dies, so würden die Christen die Entscheidungen Jesu sehen und ihren Glauben an ihn lebendiger werden lassen. Das würde einhergehen mit einer Vertiefung ihrer Beziehung zum Judentum.

„Ich möchte den Christen erklären, warum ich an das Judentum glaube. Und das sollte den Christen helfen, das zu identifizieren, was ihre tiefsten Überzeugungen sind, die sie jeden Sonntag in die Kirche gehen lassen.“

Sowohl die Christen als auch die Juden sollen durch die im Buch Neusners vorgelegten Argumente zu einer vertieften Ernsthaftigkeit ihres Glaubens vorstoßen. Neusner ist davon überzeugt, dass der von ihm aufgezeigte Weg Erfolg haben wird, ja um der Wahrheit und des Friedens willen haben muss: „Ich glaube, dass – wenn jede Seite auf dieselbe Weise die Fragestellungen versteht, die sie von der anderen Seite trennen, und wenn beide mit soliden Begründungen ihre jeweiligen Wahrheiten behaupten – alle den Herrn in Frieden lieben und loben können. Denn so wissen sie, dass sie wirklich dem einzigen und demselben Gott dienen – in den jeweiligen Unterschieden.“

Neusner war in der Vergangenheit mehrmals mit anderen Rabbinern und auch mit Kardinal Ratzinger in Kontakt getreten, um seine Position des Dialogs in der Differenz um der Wahrheit des einzigen Gottes willen darzulegen.

Nun habe „Seine Heiligkeit einen weiteren Schritt getan und auf meine Kritik mit einer kreativen Übung in Exegese und Theologie geantwortet. Mit seinem ‚Jesus von Nazareth‘ treten die jüdisch-christlichen Auseinandersetzungen in ein neues Zeitalter ein.“

Darüber hinaus stellt der Rabbi fest: „Die Worte des Sinai führen uns gemeinsam hin zur Erneuerung einer 2.000 Jahre alten Tradition des religiösen Disputs im Dienst an der Wahrheit Gottes... Benedikt XVI. ist ein weiterer Sucher der Wahrheit. Die Zeiten, in denen wir leben - sie sind interessante Zeiten.“