Jesus factus est nobis sapienta a Deo

Eine geistliche Bildbetrachtung zur Geburt des Erlösers

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Von Nicki Schaepen*

TÜBINGEN, 23. Dezember 2011 (ZENIT.org). -

Geertgen tot Sint Jans, Die Geburt Christi, um 1490, Öl auf Eichenholz, 34x25, 3cm, London, The National Gallery.

Das Bild befindet sich hier.

Der Betrachter wird Zeuge der Anbetung des Christkindes, deren Vorgang in einer intimen Nachtszene entfaltet, nur durch wenige Lichtpunkte erhellt und so dem Auge sichtbar wird. Im ganzen Bild finden sich insgesamt drei Lichtquellen unterschiedlicher Grade. Zunächst entdeckt man im linken Bildhintergrund ein kleines offenes Feuer, um das sich eine kleine Gruppe von Schafhirten schart. Doch sein Flammenschein wird weit übertroffen durch jene Engelsgestalt, die oben am Himmel erstrahlt und der ganzen Hirtenszenerie ihr eigentliches Licht verleiht. Erst die drei Hirten, die diese Erscheinung am Himmel gewahren und sich ihr zuwenden, sind unserem Betrachterauge erkenntlich, während die am Feuer Stehenden sich unserem Blick bis auf wenige, im Dunkel der Nacht verschwindende Konturen entziehen.

Die größte Lichtquelle allerdings, von der selbst der Engel am Himmel erleuchtet wird, findet sich in gerader Linie unter ihm, im Bildvordergrund. Dort liegt das nackte Christkind in der Krippe, das als „Lux mundi“ aus sich selbst heraus strahlt und keiner äußeren Lichtquelle bedarf. Selbst die das Kind anbetenden und bestaunenden Engelfiguren am linken Bildrand, die sich schon um die Krippe gruppiert haben oder gerade erst im Begriff sind, sich zu ihr herabzulassen, sind nicht eine Lichtquelle an sich, sondern Träger des Lichtes Christi. Auch die vom heiligen Geist begnadete jungfräuliche Mutter Gottes wird von Christi Licht bestrahlt und in einem Moment anbetender Betrachtung eingefangen. Der Nährvater des Herrn findet sich hinter ihr, an die Wand des Stalles gelehnt, vom Licht erfasst, aber in einem anderen Grade als die Mutter des Herrn.

Obgleich wir über den Maler des Bildes, Geertgen tot Sint Jans (um 1465‑vor 1495[1]), nur wenig sagen können, informiert uns Karel van Manders „Schilder-boeck“, dass er wohl eine Zeitlang versuchte, dem Johanniterkloster Sint Jans in Haarlem beizutreten [2]. Falls dies stimmt, ließe sich daraus einiges über das Bildprogramm des niederländischen Malers erschließen. Das ausgeklügelte, der kleinen Bildtafel zugrundeliegende theologische Programm lässt zumindest mit einiger Berechtigung vermuten, dass entweder der Maler selbst oder aber, was wahrscheinlicher sein dürfte, eine ihn beratende Person über ein hohes Maß an Bildung verfügte. Gehen wir im Folgenden einem der hier malerisch formulierten Gedanken nach.

Die heiligen Väter haben sich zu unterschiedlicher Zeit und in unterschiedlicher Weise der Frage zugewandt, welches der Grund der Menschwerdung des Sohnes Gottes von Ewigkeit her gewesen sei. In seinem Breviloquium (IV,2) entwickelt der hl. Bonaventura folgende Möglichkeit: Der Mensch sollte durch die Inkarnation zur „wahren Wissenschaft und Weisheit“ zurückgeführt werden. Dazu gelangt man durch das „Wort der Lehre“. Da nun der Sohn das ewige Wort des Vaters, der Logos, ist, hat es sich die Heilige Dreifaltigkeit gefallen lassen, dass von den drei göttlichen Personen die zweite Mensch geworden ist. Sie ist die Weisheit, welche die Welt geschaffen, „durch sie musste die Welt wiederhergestellt und vervollkommnet werden“ [3]. Auf diese Weise sollte der Mensch die ihm beraubte Wissenschaft wiedererlangen.

Aber wo und wie ist der Mensch um diese wahre Wissenschaft gebracht worden? Im Paradies hatte die Schlange, die „schlauer war als alle Tiere des Feldes“ (Gen 3,1), zu Eva gesagt: „Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen 3,5). Und die Menschen wurden lüstern nach der versprochenen Wissenschaft, sie glaubten der Schlange und aßen vom Baum. Durch dieses ungeordnete Verlangen nach Wissenschaft verloren sie für sich und das ganze Menschengeschlecht die von Gott geschenkte Gnade einer außerordentlichen Wissenschaft und Weisheit. Der Verlust der Integrität und die persönliche Sünde, welche die eigene Befriedigung um ihrer selbst willen vor die Ehre Gottes stellt, verschlimmerte noch das Übel des Irrtums und der Unwissenheit [4]: „Denn sie haben Gott erkannt, ihn aber nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt. Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. Sie behaupteten, weise zu sein, und wurden zu Toren“ (Röm 1,21‑22). Bis endlich die Weisheit Gottes selbst in der Knechtsgestalt des armen Kindes in der Krippe erschien, um den Menschen jenen Weg zu zeigen, auf den man zum Himmel geht: „Jesus … factus est nobis sapientia a Deo“ (1 Kor 1, 30). Von nun an strahlte dem verfinsterten Verstande des Menschen ein Licht auf, das Quell aller Erkenntnis ist.

Christus, das Lamm „ohne Fehl und Makel“ (1 Petr 1,19), ist frei von der Erbsünde. Der Grund dieses Freiseins „ist die Empfängnis durch den Heiligen Geist und die Vereinigung der heiligen Menschheit mit der zweiten göttlichen Person. Auch die seligste Jungfrau ist frei von der Erbsünde, aber aus einem andern Grund. Sie ist frei geblieben durch die Verdienste Christi; Christus selbst war frei durch sich selbst“ [5].

In diesem Sinne können wir die unterschiedlichen Grade der Lichter auf unserem Bilde deuten. Tun wir es jenen drei Weisen aus dem Morgenland gleich, die durch ihre Wissenschaft den Stern entdeckten und seinem Laufe suchend folgten. Sie huldigten dem Ziel ihrer Suche, einem kleinen Kind in der Krippe, das sie als die wahre Weisheit und Wissenschaft erkannten. Sie gewahrten in seinem Licht die Menschwerdung Gottes, der durch diesen Schritt die von der Hochmut des Menschen zerstreute Ordnung wieder herstellte. Auf sie trifft das Wort zu: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen … voll Gnade und Wahrheit … aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (Joh 1, 14.16). Schließen wir uns diesem Kinde an, damit sich sein Wort auch an uns erfülle: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).

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[1] „Hy is jongh ghestorven, oudt ontrent 28. Iaer”, Karel van Mander, Het schilder-boeck, facsimile van de eerste uitgave, Haarlem 1604, Davaco Publishers, Utrecht 1969, fol. 206r.

[2] „Gheertgen woonde tot den S. Ians Heeren te Haerlem, waer naer hy den naem behiel: doch en hadde de orden niet aenghenomen“, wie Anm. [1].

[3] Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes. In Betrachtungen, achte und neunte Auflage, 1. Band, Freiburg i. Brsg. 1912, 28.

[4] Zur Erkenntnisfähigkeit des Menschen: Bossuet, De la connaissance de Dieu et de soi-même. Elévations sur les mystères – Méditations sur l’Evangile. Contenson, Theologia mentis et cordis. – Faber, Créateur et Créature, Bethlehem. – Garigou-Lagrange, Dieu, son existence, sa nature, 1920.

[5] Ludwig Lercher SJ, Erhebungen des Geistes zu Gott. Betrachtungspunkte über das Leben unseres Herrn Jesu Christi, 3., verbesserte Auflage, 1. Bd., Regensburg, Rom, Wien 1919, 176‑177.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.