Jesus fordert auf, die Vergebung auch in der kirchlichen Dimension zu leben

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 466 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Ansprache stellte der Papst die Vergebung der Sünden in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Danach machte er einen Appell für den Gedenktag „pro Orantibus“, der am 21. November begangen wird, und den Anfang des „Internationalen Jahrs der landwirtschaftlichen Familienbetriebe“ am 22. November.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunsers und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

***

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Vergangenen Mittwoch habe ich über die Vergebung der Sünden gesprochen, besonders im Zusammenhang mit der Taufe. Heute wollen wir uns weiterhin mit diesem Thema der Vergebung der Sünden befassen, doch diesmal mit einem besonderen Augenmerk auf die sogenannte „Schlüsselgewalt“; ein biblisches Symbol für die Vollmachten, die Jesus den Aposteln verliehen hat.

Als erstes müssen wir bedenken, dass beider Vergebung die Hauptperson der Heilige Geist ist. Als Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern zum ersten Mal erschien, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23). Jesus, dessen Leib bereits verklärt ist, stellt den neuen Menschen dar, der die Ostergaben seines Todes und seiner Auferstehung darbringt: den Frieden, die Freude, die Vergebung der Sünden, den Missionsauftrag. Vor allem aber schenkt er seinen Jüngern den Heiligen Geist, der die Quelle all dieser Gaben ist. Der Hauch Jesu, begleitet von den Worten, mit denen er den Geist mitteilt, ist ein Weitergeben des Lebens, des neuen Lebens, das durch die Vergebung erneuert wird.

Doch bevor er die Apostel anhaucht und ihnen den Heiligen Geist schenkt, zeigt Jesus ihnen seine Wunden an den Händen und an der Seite: Diese Wunden sind der Preis für unsere Erlösung. Der Heilige Geist bringt uns die Vergebung durch die Wunden Jesu. Diese Wunden hat er behalten wollen; auch in diesem Augenblick zeigt er im Himmel dem Vater die Wunden, durch die er uns erlöst hat. Kraft dieser Wunden sind unsere Sünden vergeben: So hat Jesus sein Leben für unseren Frieden gegeben, damit wir wieder Freude und Gnade für unsere Seele und die Vergebung unserer Sünden erhalten dürfen. Es ist schön, Jesus mit diesen Wunden zu sehen!

Jetzt kommen wir zum zweiten Punkt: Jesus gibt den Aposteln die Vollmacht, die Sünden zu vergeben. Es ist nicht leicht zu verstehen, auf welche Weise ein Mensch Sünden vergeben soll; doch Jesus verleiht diese Vollmacht. Die Kirche besitzt die Schlüsselgewalt, das heißt, sie kann die Tür zur Vergebung öffnen oder verschließen. In seiner hohen Barmherzigkeit vergibt Gott jedem Menschen, doch hat er selbst gewollt, dass alle, die Christus und seiner Kirche angehören, diese Vergebung durch die Hirten der Gemeinde empfangen sollen. Durch den apostolischen Auftrag der Priester erreicht mich die Barmherzigkeit Gottes, werden mir meine Sünden vergeben und die Freude zurückgegeben. Dadurch fordert Jesus uns auf, die Vergebung auch in der kirchlichen Dimension, das heißt, als Gemeinde zu erleben. Und das ist sehr schön. Die Kirche, die heilig und zugleich auch vergebungsbedürftig ist, begleitet ein Leben lang unseren Bekehrungsweg. Die Kirche ist nicht die Herrin über die Schlüsselgewalt, sondern sie ist eine Dienerin, die den Auftrag erhalten hat, die Vergebung weiterzugeben, und die sich jedes Mal freut, wenn sie diese Gabe Gottes austeilen darf.

Viele Menschen verstehen diese kirchliche Dimension der Vergebung vielleicht nicht, weil Individualismus und Subjektivismus immer vorherrschen. Auch wir Christen sind nicht immun dagegen. Natürlich vergibt Gott jedem Sünder, der Reue spürt, auf individuelle Weise; ein Christ aber ist an Christus gebunden, und Christus ist mit der Kirche vereint. Für uns Christen gibt es ein Geschenk mehr, und auch eine Pflicht mehr: Wir müssen auf demütige Weise durch das kirchliche Amt gehen. Das müssen wir richtig auffassen: Es ist ein Geschenk für uns, ein Schutz und auch die Gewissheit, dass Gott mir vergeben hat. Ich gehe zu meinem Bruder, dem Priester, und sage ihm: „Herr Pfarrer oder Pater, ich habe das und jenes getan.“ Daraufhin antwortet er mir: „Doch ich vergebe dir; Gott vergibt dir!“ In diesem Augenblick darf ich die Gewissheit haben, dass Gott mir vergeben hat. Das ist schön, denn wir dürfen sicher sein, dass Gott uns immer vergeben wird, dass er nie müde wird, uns zu vergeben. Man kann sich schämen, seine Sünden zu gestehen; aber unsere Mütter und Großmütter haben uns gelehrt, dass es besser ist, einmal rot zu werden, als tausendmal gelb zu werden. Wir erröten vielleicht, aber unsere Sünden sind uns vergeben, und wir können unseren Weg fortsetzen.

Zuletzt noch ein Punkt: die Rolle der Priester als Werkzeuge der Vergebung. Die Vergebung Gottes, die die Kirche uns erteilt, erhalten wir durch einen unserer Brüder, den Priester. Ein Mensch, der genau wie wir der Barmherzigkeit Gottes bedarf, wird wahrhaftig zum Werkzeug dieser Barmherzigkeit und schenkt uns die grenzenlose Liebe Gottes. Auch die Priester müssen beichten, auch die Bischöfe: Wir alle sind Sünder. Auch der Papst beichtet alle zwei Wochen, denn auch der Papst ist ein Sünder. Und mein Beichtvater hört sich an, was ich ihm zu sagen habe, erteilt mir Rat und vergibt mir, denn wir alle brauchen diese Vergebung. Manchmal hört man jemanden behaupten, er beichte direkt bei Gott… Ja, wie ich vorhin schon sagte, hört Gott uns immer zu; doch im Sakrament der Beichte schickt er dir einen Bruder, der dir im Namen der Kirche die Vergebung, die Gewissheit der Vergebung bringt.

Der Dienst, den ein Priester als Bevollmächtigter Gottes für die Vergebung der Sünden ausübt, ist eine delikate Sache. Er verlangt, dass der Priester Frieden im Herzen hat; dass er die Gläubigen nicht misshandle, sondern mild, gütig und barmherzig ist; dass er es versteht, Hoffnung in die Herzen zu streuen; vor allem aber, dass er sich bewusst ist, dass der Bruder oder die Schwester, die sich dem Sakrament der Aussöhnung nähern, Vergebung suchen und in derselben Geisteshaltung zu ihm kommen, wie sich viele Menschen Jesus näherten, um Heil zu suchen. Ein Priester, der diese innere Haltung nicht hat, sollte so lange, bis er sich gebessert hat, dieses Sakrament lieber nicht spenden. Die Gläubigen, die zur Beichte gehen, haben ein Recht darauf, in den Priestern echte Diener der Vergebung Gottes anzutreffen. Alle Gläubigen haben ein Recht darauf.

Liebe Brüder, sind wir uns, als Mitglieder der Kirche, wirklich bewusst, dass dieses Geschenk uns von Gott selbst kommt? Freuen wir uns über diese mütterliche Fürsorge, die die Kirche für uns hat? Sind wir in der Lage, sie mit Bescheidenheit und Beständigkeit zu nutzen? Wir wollen nicht vergessen, dass Gott nie müde wird, uns zu vergeben. Durch den Priester schenkt er uns seine Umarmung, die uns erneuert und uns die Kraft gibt, aufzustehen und unseren Weg fortzusetzen. Denn darin besteht unser Leben: immer wieder aufzustehen und unseren Weg fortzusetzen. Danke!

[Aufrufe des Heiligen Vaters:]

Morgen, am Sonntag, dem 21. November, Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem, werden wir den Gedenktag „Pro Orantibus“ begehen, der den religiösen Klausurgemeinden gewidmet ist. Es handelt sich um eine gute Gelegenheit, um dem Herrn für das Geschenk so vieler Menschen zu danken, die sich in ihren Klöstern und Einsiedeleien ganz Gott widmen, im Gebet und in stiller Tätigkeit. Lasst uns dem Herrn für das Zeugnis dieser Ordensleute danken. Wir wollen diesen unseren Brüdern und Schwestern auch unsere materielle und geistige Hilfe zukommen lassen, damit sie ihre wichtige Mission erfüllen können.

Am 22. November wird die UNO das „Internationale Jahr der landwirtschaftlichen Familienbetriebe“ eröffnen, das uns unter anderem daran erinnern will, dass die Familie einen wichtigen Beitrag zur Landwirtschaft und zur Entwicklung ländlicher Bezirke gibt und dabei im Einklang mit der Schöpfung auf die konkreten Bedürfnisse achtet. Auch in der Arbeitswelt ist die Familie ein Modell der Brüderlichkeit und eine Schule des solidarischen Handelns, vor allem gegenüber schwachen und bedürftigen Menschen, womit mögliche gesellschaftliche Konflikte schon im Keim erstickt werden. Deshalb begrüße ich diese Initiative und hoffe, dass sie dazu beitragen möge, die große Nützlichkeit der Familie für das wirtschaftliche, soziale, kulturelle und moralische Wachstum der gesamten menschlichen Gemeinschaft zu fördern.