Jesus hat Mitleid

Impuls zum 16. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 20. Juli 2012 (ZENIT.org). - Eine der schönsten Entdeckungen, die der aufmerksame Leser des Evangeliums macht, ist die Erkenntnis, dass der menschgewordene Gottessohn ein fühlendes Herz hat. Man mag einwenden: das gehört ja wohl zur Menschwerdung dazu. Und doch sehen wir allenthalben: Selbstverständlich ist es nicht

Der Evangelist Markus berichtet, wie Jesus  sich mit seinen Jüngern an einen einsamen Ort zurückziehen will, um „ein wenig auszuruhen“ (Mk 6,31). Sich ausruhen – ist das nicht eine Konzession an die Bequemlichkeit? Kann man vom Messias nicht erwarten, dass er ständig im Dienst der Menschen unterwegs ist? Ausruhen? Klingt das nicht fast nach dem, was wir eigentlich als Christen vermeiden wollen: wellness, Verweichlichung, Dekadenz? 

Aber nein, hier zeigt sich wieder einmal, dass der Christ alles im rechten Maß halten soll.

“In medio virtus” – die Tugend liegt in der Mitte.

Sowohl das Ausruhen als auch die Arbeit sollen im rechten Verhältnis bleiben. Und die Arbeit heiligen heißt nicht, soviel wie möglich arbeiten. Andererseits wäre es natürlich auch falsch, wenn das Leben primär aus Ruhen bestünde. Es bedarf also der rechten Verteilung der Gewichte. Dazu verhelfen uns die Tugenden.

Es gibt viele Tugenden, zwischen dreißig und vierzig. Schon die Philosophen der Antike kannten die vier Kardinaltugenden: Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Maß, von denen sich die anderen Tugenden ableiten, wie z.B. Demut, Fleiß, Ordnung, Zuverlässigkeit etc.

Wenn schon die Heiden in der Antike die vier Haupttugenden gekannt haben (sie gehen auf Platon bzw. Sokrates zurück), wozu brauchen wir dann die Tugendlehre des Christentums? Was uns Christus in Bezug auf die Tugenden Wesentliches lehrt, ist, dass wir die Tugenden buchstäblich „um Gottes willen“ leben sollen. Wer sich um eine Tugend nur deshalb bemüht, weil es seinem eigenen Menschsein guttut (man kann leicht die Erfahrung machen, dass z.B. die Tugend der Loslösung, des Nicht-Hängens an den Dingen der Welt, dem Menschen eine große Freiheit und Souveränität verleiht), der ist sehr bald nur noch ein Tugendbold. Die Tugend um des Herrn willen – also mit übernatürlichem Blick – ist in der Sache oft ähnlich der bloß menschlichen Tugend, und doch ist sie etwas ganz anderes. Die übernatürlich gelebte Tugend macht den Menschen anziehend, weil er nicht sich selbst, sondern Gott in den Mittelpunkt seines Bestrebens stellt.

Das aber was Christus (und in seinem Sinne der hl. Paulus) der alten Tugendlehre wesentlich hinzufügt, sind die drei „göttlichen Tugenden“. Sie haben mit Gott direkt zu tun: Glaube, Hoffnung und Liebe.„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1 Kor 13,13).

Die Liebe ist von den dreien die einzige, die in Ewigkeit bleibt, denn der Glaube ist überflüssig, wenn man schaut, und die Hoffnung erledigt sich, wenn man am Ziel angekommen ist. Aber Liebe zu Gott und zum Nächsten bleibt auch im Himmel für ewig.

Die Liebe ist aber auch aus einem anderen Grund das Größte: sie hat im Gegensatz zu den anderen Tugenden kein Maß. Würde jemand sagen, man solle nur mit Maßen lieben, würde jeder protestieren. Schon die Liebe unter Menschen zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie kein Maß kennt. Man denke nur an die Geschichte der großen Liebespaare

Die Liebe, wenn sie echt ist, tut immer ein übriges. Auch in dieser Szene des Evangeliums, wo wir sehen, dass Jesus und die Jünger erschöpft sind und dringend Erholung brauchen, erleben wir, wie das Herz des Herrn sich in Mitleid den Menschen zuwendet, auf das Ausruhen verzichtet, denn “sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben” (Mk 6,34), und sich ihnen widmet.

In der Person Jesu wird uns immer wieder deutlich gemacht, wie eine Tugend vom bloß Natürlichen zum Übernatürlichen emporsteigen kann, und wie sich so das Leben des Menschen aus der dunklen Vergänglichkeit in die lichte Ewigkeit emporschwingt.

Beten wir: „Jesus, gütig und demütig von Herzen, bilde mein Herz nach deinem Herzen!“

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.