"Jesus kennt uns, liebt uns, verzeiht uns"

Die Fragen der Messdiener und die Antwort von Papst Franziskus

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Redaktion | 396 klicks

Im Laufe der heutigen Vesper im Rahmen der Ministrantenwallfahrt 2014, beantwortete Papst Franziskus die Fragen, die ihm vier Messdiener stellvertretend für die gesamte Gruppe stellten.

Wir dokumentieren im Wortlaut die Fragen und die Antwort des Papstes.

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Heiliger Vater, im Herbst des vergangenen Jahres haben Sie das Schreiben ‚Evangelii Gaudium’ veröffentlicht, in dem Sie an die Dringlichkeit dessen erinnert haben, dass die Jugend eine wichtigere Rolle im Leben der Kirche spielen soll. Wie können Jugendliche Ihrer Meinung nach diese Rolle einnehmen? Und: Was erwartet die Kirche von den Messdienern?

Heiliger Vater, es gefällt mir sehr, Ministrant zu sein. Aber manchmal ist das nicht so einfach. An einigen Sonntagen würde ich lieber ausschlagen, an anderen habe ich etwas anderes vor, zum Beispiel Sport oder Musik. Auch wenn es meine Entscheidung war, bedauere ich das manchmal. Einige meiner Freunde verstehen nicht, warum ich Ministrant bin, sie machen sich über mich lustig oder sie sind sauer, weil ich wegen meiner Aufgabe keine Zeit für etwas anderes habe. Können Sie mir einen Rat geben, was ich in solchen Situationen machen soll?

Heiliger Vater, das Motto der Wallfahrt lautet „Frei! Darum ist es erlaubt, Gutes zu tun.“ Das nimmt einen Satz aus dem Evangelium auf, in dem Jesus einen Mann mit einer verdorrten Hand heilt, so dass er wörtlich sein Leben wieder in die Hand nehmen kann. Dabei erinnert Jesus an den Sinn des Sabbats: Gott befreit uns damit wir in unserem Leben und in unserer Umgebung das Gute tun.
In meinem Alltag dreht sich alles um Regeln, in der Schule oder auch der Berufsausbildung, bei meinen Eltern und auch in der Kirche. Wie kann ich in meinem Leben erleben, was Glaube Freiheit bedeutet? Wie kann ich in meinem Alltag diese Freiheit wirklich leben?

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Die Antwort des Papstes:

Liebe Ministranten,

ich danke euch für diese Begegnung aus Anlass eurer Wallfahrt nach Rom und möchte euch einige Denkanstöße geben, die sich auf die Fragen beziehen, die eure Vertreter an mich gerichtet haben.

Ihr fragt mich, was ihr tun könnt, um in der Kirche mehr zur Geltung zu kommen, und was die christliche Gemeinde von euch als Ministranten erwartet. Zu allererst erinnern wir uns daran, dass die Welt Menschen braucht, die den anderen bezeugen, dass Gott uns liebt und dass er unser Vater ist. In der Gesellschaft hat jeder Einzelne die Aufgabe, dem Gemeinwohl zu dienen, indem er zu den lebensnotwendigen Dingen beiträgt: die Nahrung, die Kleidung, die medizinische Versorgung, die Ausbildung, die Nachrichten, das Rechtswesen usw. Wir Jünger des Herrn haben eine weitere Aufgabe, nämlich die, „Kanäle“, Verbindungslinien zu sein, welche die Liebe Jesu weitergeben. Und in dieser Aufgabe habt ihr, Jugendliche und junge Erwachsene, eine besondere Rolle: Ihr seid aufgerufen, euren Altersgenossen von Jesus zu erzählen – nicht nur innerhalb der Pfarrgemeinde oder eures Verbandes, sondern vor allem außerhalb. Das ist eine Aufgabe, die besonders euch zukommt, weil ihr mit eurem Mut, mit eurer Begeisterung, mit eurer Spontaneität und Kontaktfreudigkeit leichter das Denken und das Herz derer erreicht, die sich vom Herrn entfernt haben. Viele junge Menschen eures Alters haben ein ungeheures Bedürfnis nach jemandem, der ihnen mit seinem Leben sagt, dass Jesus uns kennt, uns liebt, uns verzeiht, mit uns unsere Schwierigkeiten teilt und uns mit seiner Gnade unterstützt.

Aber um mit den anderen über Jesus zu sprechen, müssen wir ihn kennen und lieben, ihn im Gebet und im Hören seines Wortes erfahren. Darin seid ihr im Vorteil wegen eures liturgischen Dienstes, der euch erlaubt, Jesus, dem Wort und dem Brot des Lebens, nahe zu sein. Ich gebe euch einen Rat: Das Evangelium, das ihr in der Liturgie hört, lest es noch einmal für euch selbst, im Stillen, und wendet es auf euer Leben an. Und mit der Liebe Christi, die ihr in der heiligen Kommunion erhalten habt, werdet ihr es in die Tat umsetzen können. Der Herr ruft jeden von euch, auf seinem Feld zu arbeiten. Er ruft euch, frohe Akteure in seiner Kirche zu sein, die bereit sind, ihren Freunden weiterzusagen, was er euch mitgeteilt hat, besonders seine Barmherzigkeit.

Ich verstehe eure Schwierigkeiten, euren Ministrantendienst mit euren anderen Aktivitäten zu vereinbaren, die für euer menschliches Erwachsenwerden und eure kulturelle Bildung nötig sind. Da muss man sich ein bisschen organisieren, die Dinge in ausgewogener Weise planen … aber ihr seid Deutsche, und das klappt bei euch! Unser Leben besteht aus Zeit, und die Zeit ist ein Geschenk Gottes, darum muss man sie für gutes und fruchtbares Tun einsetzen. Vielleicht vergeuden so manche junge Menschen zu viele Stunden mit unnützen Dingen: Das können das chatten im Internet oder mit dem Handy oder auch die Fernsehserien sein. Die Produkte des technologischen Fortschritts, die eigentlich das Leben vereinfachen oder seine Qualität verbessern sollten, lenken manchmal die Aufmerksamkeit von dem ab, was wirklich wichtig ist. Unter den vielen Dingen, die zu unserer täglichen Routine gehören, sollte es vorrangig sein, uns an unseren Schöpfer zu erinnern, der uns leben lässt, der uns liebt und der uns auf unserem Lebensweg begleitet.

Eben weil Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat, haben wir von ihm auch dieses große Geschenk der Freiheit erhalten. Wenn wir die Freiheit aber nicht gut gebrauchen, kann sie uns von Gott weit weg führen, kann uns die Würde verlieren lassen, die er uns verliehen hat. Daher sind Orientierungshilfen, Anweisungen und auch Regeln nötig – sowohl in der Gesellschaft, als auch in der Kirche – um uns zu helfen, den Willen Gottes zu tun und auf diese Weise entsprechend unserer Würde als Menschen und als Kinder Gottes zu leben. Wenn die Freiheit nicht vom Evangelium geprägt ist, kann sie sich in Sklaverei verwandeln: in die Sklaverei der Sünde. Unsere Stammeltern, Adam und Eva, haben sich vom göttlichen Willen entfernt und sind so in die Sünde gefallen, also in einen schlechten Gebrauch der Freiheit. Liebe junge Freunde, gebraucht eure Freiheit nicht falsch! Vertut nicht eure große Würde als Kinder Gottes, die euch geschenkt ist. Wenn ihr Jesus und seinem Evangelium folgt, wird eure Freiheit sich entfalten wie eine blühende Pflanze und gute sowie reichhaltige Frucht bringen. Ihr werdet die echte Freude finden, weil Gott will, dass wir vollkommen glücklich und sinnerfüllt sind. Nur wenn wir uns dem Willen Gottes fügen, können wir das Gute vollbringen und Licht der Welt wie auch Salz der Erde sein!

Die Jungfrau Maria, die sich als „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) verstanden hat, sei euer Vorbild im Dienst für Gott. Sie, unsere Mutter, helfe euch, in der Kirche und in der Gesellschaft Akteure des Guten und Arbeiter für den Frieden zu sein, junge Menschen, die von Hoffnung und Mut erfüllt sind. 

(Quelle: Radio Vatikan, 05.08.2014)