Jesus – menschlich, aber nicht allzu menschlich

Impuls zum Evangelium des 22. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 26. August 2011 (ZENIT.org). - Im Evangelium des heutigen Sonntags zeigt sich Jesus von einer ungewohnten Seite: scheinbar streng und unerbittlich. Auf den ersten Blick erscheint es unerwartet hart, wenn er den Petrus, der es ja nur gut gemeint hat, mit dem Wort „Satan” beschimpft, und „geh mir aus den Augen!” Petrus wollte doch nur verhindern, dass der geliebte Meister leiden muss. Warum diese Härte?

Der Herr möchte deutlich machen – wie so oft in leicht überspitzter Form, damit es jeder begreift – dass das Werk der Erlösung nur durch Leiden zu haben ist. Dem auszuweichen war ein sehr schlechter Rat von Petrus, und es zeigt, dass die Jünger das Wesentliche der Botschaft Jesu noch immer nicht verstanden hatten. Und Jesus, der göttliche, also vollkommene Pädagoge, muss ausnahmsweise heftig werden, was er sonst nur bei den Pharisäern tut, damit seine Worte eindringen.

Petrus reagiert, rein menschlich gesehen, richtig. Der Mensch  ist von Gott nicht zum Leiden geschaffen, und es ist in Ordnung, wenn man das Leiden vermeidet. Auch ein gläubiger Mensch nimmt die Segnungen der Medizin in Anspruch, um Krankheit und Schmerz zu überwinden. Ja, Jesus selbst ist vor dem Leiden zurückgeschreckt, als er vor seiner Gefangennahme im Garten Gethsemani betete. Das Kreuz ist zunächst unnatürlich, das Natürliche ist die Freude. Dazu hat Gott Adam und Eva geschaffen, und das Paradies war nur Freude.

Aber – wie kennen die Geschichte, es ist ja unsere eigene Geschichte – die Sünde hat alles vermasselt. Die Sünde der ersten Menschen und dann die Sünden aller Menschen haben Leid in die Welt gebracht („unter Schmerzen sollst du deine Kinder gebären” etc.). Und um zur ursprünglichen Vollkommenheit zurückzukehren, musste derselbe Weg in umgekehrter Richtung eingeschlagen werden. Durch Leiden sollte der Mensch wieder hergestellt werden. Wir selber hätten diesen Weg einschlagen sollen, aber die dazu erforderliche Hingabe und Selbstaufgabe konnten wir nicht aufbringen. Gott sandte daher seinen einzigen Sohn, dass er es stellvertretend für uns täte.

Hier zeigt sich, dass die bloß menschliche Sicht der Dinge nicht genügt. Jesus hatte oft genug gesagt: „Der Menschensohn wird leiden müssen..” Nun muss Petrus auf schmerzliche Weise erfahren, dass die menschliche Sicht durch die übernatürliche Sicht ergänzt werden muss. Erst damit begreifen wir Menschen, was Gott will.

Dann aber kommt ein Zusätzliches. Christus erlöst die Welt durch seine vollkommene Hingabe am Kreuz, aber er will uns dabei nicht nur zuschauen lassen. Wir sollen die Erlösung nicht nur entgegen nehmen, vielmehr sollen wir uns daran beteiligen, sie mittragen. Daher sein Wort: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!” So ist das Jüngersein nicht nur Gemeinschaft und Freundschaft mit Christus, sondern es bedeutet auch Kreuzesgemeinschaft. Wenn wir beim Weltjugendtag gesehen haben, wie Jugendliche gemeinsam ein großes Kreuz trugen, so war das nicht nur eine schöne Geste, nicht nur ein „tolles Gemeinschaftsgefühl”, sondern dahinter stand die großherzige Bereitschaft vieler Jugendlicher, in der Nachfolge Christi konsequent zu sein – „in guten wie in bösen Tagen”. Wenn bei der Vigil auf dem großen Feld von Cuatro Vientos den Jugendlichen durch die Unbilden der Witterung ein gemeinsames, allerdings sanftes Leiden auferlegt wurde, so kann man darin, wenn man will, ein Zeichen dafür sehen, dass der Herr ihre großherzige Bereitschaft angenommen hat. Und dann geschah das, was immer geschieht, wenn wir dem Herrn gegenüber großherzig sind, es wird eine große Freude geschenkt. Viele Jugendliche sagten, durch den Sturm sei die Begegnung mit dem Stellvertreter Christi noch viel „besser” geworden.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.