Jesus und die Patchwork-Familien

Impuls zum 3. Fastensonntag 2014

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 585 klicks

„Jesus war müde von der Reise“ (Joh 4,7). Wie oft mag der Herr bis an seine (menschlichen) Grenzen gegangen sein. Bis zur Erschöpfung hat er sich den Menschen gewidmet. Nun ist er müde, und während die Jünger im Ort etwas zu Essen einkaufen, sitzt er durstig am Jakobsbrunnen nahe des Dorfes Sichar, möchte trinken, hat aber kein Schöpfgefäß.

Da tritt eine Frau hinzu, die offensichtlich in der Gegend wohnt. Sie reicht ihm Wasser und kommt mit ihm ins Gespräch. Sie wundert sich allerdings, dass er als Jude mit einer Samariterin spricht. Denn da gibt es einen gewissen Kulturhochmut der Juden gegenüber den Samaritern. Man verkehrt nicht miteinander.

Aber der Herr interessiert sich für alle, er will, dass alle Menschen gerettet werden. So bringt er das Gespräch sehr schnell auf eine übernatürliche Ebene. Vom natürlichen Wasser kommt er zum „lebendigen Wasser“.

Er spürt, dass bei dieser Frau nicht alles in Ordnung ist. „Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her!“ (Joh 4,18)

Als sie antwortet: „Ich haben keinen Mann“, kommt Jesus auf ihr Problem zu sprechen: „Du hast richtig gesagt… denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

Jesus lässt jede ‘political correctness’ beiseite, denn er will diese Frau in die Freiheit führen. Gemäß dem von ihm selbst geprägten Wort: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32).

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen hat es immer wieder das Problem der gescheiterten Ehen gegeben, ein Problem, das oft tragische Dimensionen annimmt, und wo nicht in allen Fällen von Schuld die Rede sein kann.

Wir wissen nicht, ob es sich in diesem Fall um mehrere geschlossene Ehen oder um Konkubinate gehandelt hat.

Jesus macht dieser Frau auch keinen Vorwurf, aber er lässt unmissverständlich erkennen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist. 

Ohne das näher zu thematisieren erreicht er sein Ziel – das Ziel ist dasselbe wie bei uns allen auch: die Umkehr – die Frau läuft in das Dorf und zeigt eine ausgesprochen missionarische Gesinnung. Sie lädt alle ein, Jesus zu sehen. Zum Beweis für die Bedeutung dieses Mannes sagt sie den anderen: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“ (Joh. 4,40). So etwas sagt einer nicht, wenn er sich nicht auch von dem trennen will, „was er getan hat“.

Unsere heutige Zeit ist sicher in manchem anders als die Zeit Jesu, aber in den wesentlichen Dingen des Menschen, wie Liebe und Tod, Freundschaft und Treue, Krankheit, Freude und Erneuerung ist sie nicht anders. Vermutlich sind auch die Sünden der Menschen nicht unbedingt zahlreicher als früher. Der Fehler, der jedoch heute nur allzu häufig gemacht wird, ist der, dass man der Sünde dadurch beikommen will, dass man sagt, es gibt sie nicht. Oder aber – ganz im Sinne der Nietzscheschen ‘Umwertung der Werte’ – dadurch, dass man als gut bezeichnet, was früher schlecht war und umgekehrt.

Dann wiederum haben die Probleme um Ehe und Familie die Besonderheit, dass man, auch wenn man die begangenen Fehler einsieht, an den äußeren Tatsachen doch nichts mehr ändern kann. Was ist zu tun, wenn der Fall der sog. Patchwork-Familien eintritt, „die durch Scheidung und Wiederverheiratung entstehen, das kinderlose Paar mit der hochaltrigen, pflegebedürftigen Mutter und das gleichgeschlechtliche Paar mit den Kindern aus einer ersten Beziehung“ (aus der Denkschrift der evangelischen Kirche zu Ehe und Familie).

Die Lösung kann nur Christus selber geben. Das generelle Gebot lässt Jesus unangetastet, ja er bestärkt es sogar. Mose gab den Scheidebrief als Konzession, jetzt aber gilt allgemein: „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen“ (Matth 19,3). Wenn es aber nun mal geschehen ist (Scheidung etc.), will Gott die Menschen nicht fallen lassen. Keineswegs sind sie nun ausgeschlossen oder gar geächtet. Nein, Gott liebt jeden, und den Sünder besonders. Also muss es auch die Kirche tun. Wobei sie genau das tun sollte, was Jesus in einem solchen Fall getan hat oder tun würde.

Die Frau am Jakobsbrunnen führte offensichtlich ein moralisch fragwürdiges Leben. Christus hält ihr das aber nicht vor, es genügt, dass er sie darauf aufmerksam macht. Sie kommt ja von selbst darauf. Was wird sie gemacht haben, nachdem Jesus weitergezogen ist und ihr und den Samaritanern Buße und Umkehr gepredigt hat. Sicherlich werden sie, von Jesus beeindruckt wie sie waren, umgekehrt sein. Möglicherweise hat die Frau jenen Mann, mit dem sie zuletzt zusammen war, geheiratet.

In jedem, auch in den komplizierten Fällen, sind Demut, Buße und Umkehr die einzige Lösung. Demut, die anerkennt, dass man ein Sünder ist, Buße, dass man Gottes Gebot ernst nimmt und Umkehr, indem man – meistens doch vorübergehend – eine eingeschränkte Lösung in Kauf nimmt. Will sagen, eine Zeit lang nicht sakramental kommuniziert, sondern darauf vertraut, dass der Herr in der geistigen Kommunion ohne weiteres das gleiche Maß an Gnaden vermitteln kann. Und dabei auf jeden Fall die lebendige Verbindung zur Gemeinde aufrecht erhält.

Das vertrauensvolle Gebet tut ein übriges: die absolut Heilige Familie, Jesus, Maria und Josef, ist mit Gewissheit in der Lage, unglückliche familiäre Situationen zu bessern.

Langfristig wäre das schließlich die Lösung, die der Herr segnet. Sie erfordert einen massiven Einsatz von solchen Tugenden wie Gottvertrauen, Demut, Gehorsam und Geduld.

Nur der Blick auf Jesus am Jakobsbrunnen lässt wirklich hoffen.

Thomas von Celano (1190 – 1260), der Verfasser der Sequenz des ‚Dies irae‘, hatte wohl die Szene am Jakobsbrunnen vor Augen als er dichtete:

„Mich suchend hast du dich ermüdet hingesetzt,
du hast mich freigekauft, das Kreuz erleidend,
solch eine Mühsal soll nicht vergebens sein“.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).