„Jesus von Nazareth“ von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Vorstellung durch Kardinal Schönborn im Vatikan

Der Herr „stellt in seinem ganzen Tun und Reden einen Anspruch, der Gott allein zusteht. Das ist die zentrale Thematik dieses Buches“

| 629 klicks

ROM, 16. April 2007 (ZENIT.org).- Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn stellte am Freitag im Vatikan den ersten Teil der Jesus-Biographie von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. vor.



„Jesus von Nazareth“, das neue Buch des Papstes, ist auf Deutsch bei Herder erschienen und ab dem heutigen Tag erhältlich. Es behandelt die Zeit von der Taufe Jesu im Jordan bis zu seiner Verklärung.

„Was die Hörer und Leser der ‚Einführung ins Christentum‘ seit 1968 begeistert hat, die unverwechselbare Mischung von gläubig-denkerischer Durchdringung und existenzieller Erschließung, das hat durch seinen Hirtendienst noch gewonnen“, so das Urteil von Kardinal Schönborn. „Der Blick auf die Gesellschaft, auf die denkerischen, sozialen, politischen Herausforderungen unserer Zeit ist so universal geworden, wie es die Universalität seines jetzigen Hirtendienstes erfordert. Aber über alle Brillanz der Analysen, allen Reichtum an Intuitionen und Perspektiven hinaus, von denen dieses Buch übervoll ist, wird alles von der verhaltenen Leidenschaft für den bewegt, dessen ‚Stellvertreter auf Erden‘ zu sein nun seine Aufgabe geworden ist.“

Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Kardinal, der dem Dominikanerorden angehört, in der Synodenaula hielt.


* * *



Der Papst auf der Agora

Dass der Papst über Jesus spricht, ist nicht verwunderlich. Dass der Nachfolger des Apostels Petrus dessen Bekenntnis zu Jesus im Heute fortsetzt, ist Kern seiner Aufgabe. „Du bist der Christus (Messias), der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16): Dieses feierliche Bekenntnis über die Identität Jesu von Nazareth ist der Felsengrund, auf dem die Kirche Christi steht. Was Wunder, dass der Nachfolger des Kephas, des Petros, des „Felsen“- Mannes, auf den Jesus seine Kirche zu bauen verheißen hat, dieses Bekenntnis wiederholt, erneuert und im Heute der Kirche verkündet. Dass der Papst von Jesus spricht, ist in keinster Weise überraschend. Es ist die erste und wichtigste aller seiner Aufgaben.

Überraschend ist vielmehr, wie er es tut. Nicht Benedikt XVI. steht an erster Stelle auf dem „Cover“ des neuen Buches, sondern schlicht „Joseph Ratzinger“. Erst an zweiter Stelle steht der Name, den er am 19. April 2005 nach der Wahl zum Papst gewählt hat: Benedikt XVI. Nicht der Papst, auch nicht der vormalige Kardinal, der Bischof, der Professor, der Priester, sondern der einfache Gläubige, der Christ Joseph Ratzinger, spricht hier. Damit das von Anfang an klar ist, beschließt er das Vorwort seines Buches mit dem schlichten Hinweis: „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens ‚nach dem Angesicht des Herrn’ (vgl. Ps 27,8)“ (S. 22). Ein ganz persönliches „Jesus-Buch“ also. Gleich zu Beginn sagt der Autor, er sei zu diesem Buch „lange innerlich unterwegs gewesen“ (S. 10).

Der Mensch und Christ Joseph Ratzinger ist nun aber doch auch Papst Benedikt XVI. Mit diesem sozusagen „Doppelnamen“ signiert er auch sein Vorwort, unter ihm erscheint das Buch, weltweit, unter großer medialer Aufmerksamkeit. Gelesen wird das Buch als das Jesus-Buch des Papstes. Und warum auch nicht? Er ist ja nicht der oberste Funktionär einer weltweit agierenden Multinationalen, sondern der Nachfolger dessen, den Jesus gefragt hat: „Simon, ..., liebst du mich?“ (Joh 21,15). Warum sollte es nicht gerade der Papst sein, der besonders berufen ist, über seinen Meister, Lehrer und Herrn zu sprechen? Ist nicht er, mehr als alle, der, den die Freundschaft mit Christus erfüllen soll? Wie wir sehen werden ist hier wohl auch der Gravitationspunkt, die innere Mitte seines Jesus-Buches. Er nennt es „die innere Freundschaft mit Jesus“ und sagt, dass „doch alles (auf sie) ankommt“ (S. 11).

Zeugnis einer „inneren Freundschaft“ also? Ein ganz subjektiver Ansatz? Ein persönliches Zeugnis, wie es viele dieser Art gibt, für „Außenstehende“ eine meist eher unverdauliche Art von Frömmigkeitsliteratur? Das wäre nicht die Sorte Literatur, die man von Joseph Ratzinger kennt. Er ist allem Subjektivismus abhold, jede Art von Selbstdarstellung seiner persönlichen Innerlichkeit ist ihm fremd. Ähnlich dem großen Thomas von Aquin ist das Feuer seines Glaubenslebens verborgen, es wird nicht der biographischen Neugier ausgesetzt. Im Vordergrund steht die nie ermüdende geistige Auseinandersetzung, die Mühe des Begriffs, die Kraft der Argumente, die Leidenschaft des objektiven Suchens nach der Wahrheit, das Bemühen, allen Fragenden und Suchenden Rechenschaft zu geben über den Grund der eigenen Hoffnung (vgl. 1 Petrus 3,15).

Deshalb begibt sich der Papst auf die Agora, den Platz der öffentlichen Debatte. Auf dem Areopag (vgl. Apg 17,22) der heutigen Meinungsvielfalt trägt er seine Sicht von Jesus vor. Was auf den Areopagen heutiger öffentlicher Debatte selbstverständlich sein sollte, sagt der Papst seinen Lesern und setzt damit einen hohen Qualitätsmaßstab: „Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt“ (S. 22).

An Widerspruch fehlt es wirklich nicht. Auf allen Linien, von Anfang an, ist Jesus „ein Zeichen, dem widersprochen wird“ (Lk 2,34). „Stimmt“ seine Gestalt? Ist der Fels des Petrus- Bekenntnisses zu Jesus als dem Messias Israels, dem Sohn des lebendigen Gottes, nicht brüchig? Weiß man wirklich Sicheres über den Mann aus Galiläa? Was soll eine Freundschaft mit einem Phantom? Sie „droht ins Leere zu greifen“ (S. 11). So ist die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit von vitaler Bedeutung, gerade für den unter den zwei Milliarden Christen, der in besonderer Weise unter dem Anspruch steht, der zu sein, dem Jesus „die Schlüssel des Himmelreiches“ (Mt 16,19) anvertraut hat.

Auf dem Marktplatz der medialen Öffentlichkeit werden pausenlos angeblich neue „Enthüllungen“ feilgeboten, die eine ganz andere Geschichte des Jesus von Nazareth offenbaren sollen: Die biblische und kirchliche Darstellung der Gestalt Jesu sei Pfaffenbetrug und Kirchenschwindel. Die „Wahrheit“ über Jesus werde von finsteren Verschwörern, die man besonders gern im Vatikan lokalisiert, niedergehalten.

Zweifel an der historischen Glaubwürdigkeit des Jesusbildes der Evangelien kommt aber auch „aus den eigenen Reihen“. Seit über 200 Jahren hat die historische Bibelkritik so ziemlich alles in Frage gestellt, was in der Bibel über Jesus zu finden ist. Seine Gestalt schien sich immer wieder wie ein Schemen im Diffusen aufzulösen, wie eine „undeutlich gewordene Ikone“ (S. 11). Der kirchliche Glaube an Jesus Christus erscheint dann als eine nachträgliche „Vergöttlichung“ eines Jesus von Nazareth, von dem man eigentlich kaum etwas Sicheres weiß. „Dieser Eindruck ist inzwischen weit ins allgemeine Bewusstsein der Christenheit vorgedrungen. Eine solche Situation ist dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird“ (S. 11).

Und wenn es doch gelingt, die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien und ihres Jesus- Bildes nachzuweisen? Dass dies möglich ist, davon ist unser Autor überzeugt. Dazu ist er nun auch von seiner Biographie her bestens vorbereitet. Für ihn war die Bibel immer Herz und Mitte der Theologie. In den vielen Jahren, in denen ich ihn als Professor, als Bischof, als Präfekt der Glaubenskongregation erleben durfte, habe ich ihn nie ohne seinen „Nestle“ erlebt, die kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testaments. Ich kenne keinen Theologieprofessor, der so wie er mit der Bibel innerlich vertraut ist. Durch 24 Jahre präsidierte er die Päpstliche Bibelkommission, die erstklassige katholische Bibelwissenschaftler versammelt. Er kennt die „historisch-kritische“ Methode der Bibelauslegung. Und wenn er ihr gegenüber kritisch ist, so nicht aus Angst, sondern aus der begründeten und durchargumentierten Überzeugung, dass sie ihre Grenzen anerkennen muss: „Ich hoffe“, so schreibt er, „dass den Lesern deutlich wird, dass dieses Buch nicht gegen die moderne Exegese geschrieben ist, sondern in großer Dankbarkeit für das viele, das sie uns geschenkt hat und schenkt“ (S. 22). Er weiß, wovon er spricht. Sein Buch bezeugt auf jeder Seite, wie sehr er mit den Arbeiten heutiger Bibelwissenschafter vertraut ist.

Gerade diese Vertrautheit hat ihn in der Überzeugung bestärkt, dass er den Evangelien trauen kann. Er wolle den Versuch machen, „einmal den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn darzustellen. Ich bin überzeugt und hoffe, auch die Leser können sehen, dass diese Gestalt viel logischer und auch historisch betrachtet viel verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden. Ich denke, dass gerade dieser Jesus - der der Evangelien - eine historisch sinnvolle und stimmige Figur ist“ (S. 20f).

Von dieser Annahme geht unser Autor aus. Auf sie hin liest er das Leben Jesu, von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, die Spanne im öffentlichen Leben Jesu, die dieser erste Band behandelt, in Erwartung eines zweiten, der Anfang und Ende des irdischen Weges Jesu behandeln sollte.

Auf der Basis des Vertrauens in die historische Zuverlässigkeit der Evangelien und ihres Jesusbildes stellt sich freilich eine viel radikalere Frage, die die eigentliche Mitte der Diskussion um Jesus betrifft. Wenn Jesus so war, wie ihn die Evangelien darstellen, ist er dann als Gestalt glaubwürdig? Ist sein Selbstverständnis, wie es uns zuverlässig in den Evangelien begegnet, nicht eine maßlose Selbstüberschätzung, eine anmaßende Überhebung?

Nach 200 Jahren historischer Bibelkritik kann getrost mit Joseph Ratzinger/Papst Benedikt von der soliden historischen Zuverlässigkeit der Evangelien ausgegangen werden. Die zahlreichen Phantasiebilder von Jesus als Revolutionär, als sanfter Sozialreformer, als heimlicher Liebhaber der Maria Magdalena, etc. können getrost im Beinhaus der Geschichte abgelagert werden. Aber die eine große Frage bleibt nach wie vor bestehen: Ist Jesus in sich stimmig? Ist sein Selbstanspruch nicht ein riesen Fehlgriff, dem die Christenheit seit 2000 Jahren nachhängt? Judentum und Islam stoßen sich gerade an diesem Anspruch. Auf ihn zu antworten ist die eigentliche Herausforderung, der sich der Nachfolger des Petrus (und des Paulus!) auf dem Areopag der heutigen Öffentlichkeit stellt.

Stimmt Jesus selber? Und wenn ja: „Was hat er gebracht?“ (S. 73). Warum soll er mehr sein als ein Prophet? Dieses „Mehr“ ist nicht Erfindung seiner Anhänger, die ihn zu Gott gemacht hätten. Es ist sein eigenstes Selbstverständnis. Er selber nennt sich „der Sohn“ (S. 386-396), in einem absoluten, nur ihm eigenen Sinn. Warum kann oder will er sich nicht zurücknehmen in die bescheidenere Rolle eines Religionsstifters unter anderen? Hier liegt das eigentliche Ärgernis. Es ist radikaler als all die vielen Ärgernisse, die seine Jünger von Anfang an gegeben haben.

Jesus, der Rabbi und der Papst

Ist Jesus selber stimmig, glaubwürdig? Nach dem persönlichen Zeugnis von Papst Benedikt war einer der Anstöße, dieses Buch zu schreiben, die Begegnung mit dem Buch des „großen jüdischen Gelehrten Jacob Neusner“ (S. 99) „Ein Rabbi spricht mit Jesus“ (München 1997; Original: A Rabbi Talks with Jesus: An Intermillennial Interfaith Exchange, New York 1993).
Was Papst Benedikt über dieses Buch sagt, ist so wesentlich für das Verständnis seines eigenen Jesus-Buches, dass ich hier etwas ausführlicher zitieren muss. Jacob Neusner, sagt unser Autor, habe sich „sozusagen unter die Hörer der Bergpredigt eingereiht und im Anschluss daran ein Gespräch mit Jesus versucht … Dieser ehrfürchtig und freimütig geführte Disput des gläubigen Juden mit Jesus, dem Sohn Abrahams, hat mir mehr als andere Auslegungen, die ich kenne, die Augen geöffnet für die Größe von Jesu Wort und für die Entscheidung, vor die uns das Evangelium stellt. So möchte ich ...als Christ in das Gespräch des Rabbi mit Jesus mit eintreten, um von ihm klar das authentisch Jüdische und das Geheimnis Jesu besser zu verstehen“ (S. 99).

An diesen Trialog hatte Kardinal Ratzinger bereits damals gedacht, als er Rabbi Neusners Buch als „das bei weitem wichtigste Buch für den jüdisch- christlichen Dialog, das in den letzten … Jahren veröffentlicht worden ist“ bezeichnete. Sein jetzt veröffentlichtes Jesus- Buch löst dieses Versprechen ein.

Viel bedeutender als die Diskussionen um die exegetischen Methoden ist ihm das Gespräch mit dem Rabbi. Erstere gehören gewissermaßen zum Vorfeld, zu den Präliminarien. Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. klärt sie zügig und knapp im Vorwort, zeigt Verdienst und Grenzen der historisch- kritischen Zugänge zu Jesus. Doch schon von der Einführung an, vom „ersten Blick auf das Geheimnis Jesus“ (26-33) ist er dort, wo die Person Jesu selber in den Mittelpunkt gerückt ist. Hier, im Herzen seiner Meditation über Jesus, ist ihm der Rabbi entscheidend wichtig.

„Versuchen wir, das Wesentliche dieses Gesprächs aufzunehmen, um Jesus zu erkennen und um unsere jüdischen Brüder besser zu verstehen“ (S. 136). Rabbi Neusner war - in seinem inneren Dialog - Jesus den ganzen Tag über gefolgt und zieht sich nun zu Gebet und Tora-Studium mit den Juden einer kleinen Stadt zurück, um das Gehörte mit dem dortigen Rabbi - immer im Gedanken der Gleichzeitigkeit über Jahrtausende hin - zu besprechen“ (S. 136). Sie vergleichen nun Jesu Lehren mit denen der jüdischen Tradition. Der Rabbi fragt Neusner, ob Jesus dasselbe lehre wie diese. Neusner: „Nicht genau, aber ungefähr.“ „Was hat er weggelassen?“ „Nichts.“ „Was hat er dann hinzugefügt?“ „Sich selbst.“ So der gedachte Dialog. Genau das ist der Punkt, vor dem Neusner in seiner so respektvollen Begegnung mit Jesus zurückschreckt. Er fasst sein Erschrecken in das Wort, das Jesus zum reichen jungen Mann sagt: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz; komm und folge mir“ (vgl. Mt 19,20). Alles hängt davon ab, sagt Neusner, „wer mit ‚mir’ gemeint ist“ (Ein Rabbi spricht mit Jesus, S. 114). Und unser Autor ergänzt: „Dies ist der zentrale Grund, warum er (Rabbi Neusner) Jesus nicht folgen will, sondern beim ‚ewigen Israel’ bleibt“ (S. 137).

„Die Zentralität des Ich Jesu in seiner Botschaft“ ist also der Grund, warum, wie Rabbi Neusner im Vorwort zu seinem Buch schreibt, er sich „dem Kreis der Jünger Jesu nicht angeschlossen hätte, wenn ich im ersten Jahrhundert im Lande Israel gelebt hätte“ (op. cit., S. 7). Und diese Entscheidung hätte er „aus guten und wichtigen Gründen“ getroffen, „mit Argumenten und Fakten vernünftig begründet“, so sagt Rabbi Neusner gleich in den ersten Zeilen seines Buches (ebd., S. 7).

Ist sein so respektvoll und einfühlsam formuliertes, aber dann doch klares Nein zu einer Nachfolge Jesu bei Neusner nun primär aus Glaubensgründen oder aus Vernunftgründen motiviert? Beides scheint zuzutreffen. Das Nein zur Gleichsetzung Jesu mit Gott ist für ihn eine Glaubensevidenz, deren Vernünftigkeit sich auch „mit Argumenten und Fakten“ begründen lässt. Es sind sowohl religiöse als auch gesellschaftliche Gründe, die Neusners höfliches Nein tragen. Was Jesus von seinen Anhängern fordert, kann „allein Gott von mir verlangen“ (Ein Rabbi spricht mit Jesus, S. 70). Und was er fordert, führt letztlich zu einer Gefährdung der Sozialgestalt Israels, wie sie die Tora ordnet. „Auf die Bergpredigt könne man keinen Staat und keine Sozialordnung bauen“ (S. 146).

Rabbi Neusner ist wohl deshalb für das Buch von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. so wichtig, weil er allen Versuchen, den historischen Jesus vom Christus des Kirchendogmas zu trennen, eine klare Absage erteilt. Nicht die Kirche, auch nicht der Apostel Paulus haben einen sanften, liberalen, prophetischen, apokalyptischen oder wie sonst immer gearteten Wanderprediger aus Galiläa zum Gottessohn hochstilisiert, sondern er selber stellt in seinem ganzen Tun und Reden einen Anspruch, der Gott allein zusteht. Das ist die zentrale Thematik dieses Buches. Es ist die Frage Jesu von Cäsarea Philippi: „Für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15).

Was hat er gebracht?

Eine neue Sozialordnung? Sein Reich ist nicht von dieser Welt, erklärt er. Einer rein innerweltlichen Heilserwartung habe Jesus schon in der Abweisung der Versuchungen bzw. des Versuchers sein Nein gesagt. Die oft missverstandene Kritik des Präfekten der Glaubenskongregation an der so genannten „Befreiungstheologie“ hat damit zu tun. Im denkwürdigen Kapitel über die Versuchungen Jesu heißt es: „Kein Reich dieser Welt (ist) das Reich Gottes, der Heilszustand der Menschheit schlechthin … Wer behauptet, er könne die heile Welt errichten, der stimmt dem Betrug Satans zu, der spielt ihm diese Welt in die Hände“ (S. 73).

Was aber sonst? Was, wenn nicht die Verbesserung der Welt? „Da steht nun freilich die große Frage auf, die uns durch dieses ganze Buch hindurch begleiten wird: Aber was hat Jesus dann eigentlich gebracht, wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht“ (S. 73).

Ist das alles? „Nur unserer Herzenshärte wegen meinen wir, das sei wenig“ (S. 73). „Das Grundgebot Israels ist auch das Grundgebot für die Christen: Gott allein ist anzubeten“ (S. 74). Das ist die Voraussetzung für die Gebote der Nächstenliebe. Ohne den Primat Gottes hält die Menschenwürde nicht lange. „Jesus hat Gott gebracht und damit die Wahrheit über unser Wohin und Woher“ (S. 73).

Was hat das aber über Jesus zu sagen? Haben nicht alle Religionsstifter Wissen und Weisheit von oben gebracht? In seinem einführenden „ersten Blick auf das Geheimnis Jesu“ geht unser Autor auf die Frage ein, wie denn Jesus „Gott bringt“ (S. 26-33). Mose ist im Alten Bund der Mittler der Gotteskenntnis, des Gotteswillens. Er war kein Wahrsager einer verschlossenen Zukunft, sondern der Freund und Vertraute Gottes, „mit dem der Herr von Angesicht zu Angesicht verkehrt hatte“ (Dtn 34,10). Nur so konnte er zum Mittler der Tora, des Gotteswillens werden.

„Einen Propheten wie mich …“ verheißt Mose, einen, der „von Gesicht zu Gesicht wie ein Freund mit dem Freund verkehren wird“ (S. 29). Unmittelbar zu Gott zu sein, das ist das Kennzeichen des Verheißenen, des Messias. Jesus ist der verheißene neue Mose. „Er lebt vor dem Angesicht Gottes, nicht nur als Freund, sondern als Sohn; er lebt in innerster Einheit mit dem Vater“ (S. 31).

„Wenn man diese eigentliche Mitte auslässt, geht man am Eigentlichen der Gestalt Jesu vorbei; dann wird sie widersprüchlich und letzten Endes unverständlich“ (S. 31).

Lässt sich diese Unmittelbarkeit Jesu beweisen? Ist sein Sohn-Gottes-Sein sozusagen „gesichert“? Im Grunde ist das ganze Buch von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ein einziger, „symphonischer“ Versuch, die „Stimmigkeit“ der Gestalt Jesu als des Einzigen, der unbeschränkt Gott unmittelbar ist, zu erweisen.

Um diesem Aufweis nachzugehen, muss das Buch selber Schritt für Schritt nachvollzogen, meditiert werden. Erst die Fülle der Einzeleindrücke kann sich zum Gesamtbild fügen. Dabei geht es mir als Leser immer wieder so, dass die Evidenz der Gestalt Jesu aufleuchtet. Ist dieser mein Eindruck nur subjektiv? Oder stammt er aus meinem Glaubens-Apriori, das mich von vornherein alles an Jesus im Sinn des Christusdogmas deuten lässt? Eines ist sicher: „Dass die Gestalt Jesu in der Tat alle verfügbaren Kategorien sprengte und sich nur vom Geheimnis her verstehen ließ“ (S. 21).

Von Anfang an, waren es „die Einfachen“, die spürten: Hier spricht einer, der keine Schulweisheiten von sich gibt. „Noch nie hat ein Mensch so gesprochen wie dieser“, sagen sie den Gelehrten in Jerusalem (vgl. Joh 7,46). „Die Lehre Jesu kommt nicht aus menschlichem Lernen, welcher Art auch immer. Sie kommt aus der unmittelbaren Berührung mit dem Vater, aus dem Dialog von ‚Gesicht zu Gesicht’ … Sie ist Sohneswort. Ohne diesen inneren Grund wäre sie Vermessenheit“ (S. 31 f.).

Von der Agora zur Nachfolge

„Der Jünger, der mit Jesus mitgeht, wird so mit ihm in die Gottesgemeinschaft hineingezogen“ (S. 33). Der Autor dieses Jesus- Buches ist ohne Zweifel einer, den Jesus in seine Gottesgemeinschaft hineingezogen hat. Mit einer strahlenden Intelligenz begabt, einer „weit aufgetanen Vernunft“ (S. 214), bringt er hier die Ernte eines langen Weges mit Jesus Christus ein.

Es mag als Tragik gesehen werden, dass diesem zweifellos zu den bedeutendsten Theologen der letzten Jahrzehnte Zählenden die Last des kirchlichen Amtes auferlegt wurde (am 28. Mai werden es 30 Jahre sein, dass Professor Ratzinger zum Bischof geweiht wurde). Doch Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Wer das Oeuvre Kardinal Ratzingers zu überblicken versucht, wird voll tiefer Bewunderung feststellen, wie immens fruchtbar diese Jahre seines Hirtenamtes gerade auch in theologischer Hinsicht waren.

Was die Hörer und Leser der „Einführung ins Christentum“ seit 1968 begeistert hat, die unverwechselbare Mischung von gläubig-denkerischer Durchdringung und existenzieller Erschließung, das hat durch seinen Hirtendienst noch gewonnen. Der Blick auf die Gesellschaft, auf die denkerischen, sozialen, politischen Herausforderungen unserer Zeit ist so universal geworden, wie es die Universalität seines jetzigen Hirtendienstes erfordert. Aber über alle Brillanz der Analysen, allen Reichtum an Intuitionen und Perspektiven hinaus, von denen dieses Buch übervoll ist, wird alles von der verhaltenen Leidenschaft für den bewegt, dessen „Stellvertreter auf Erden“ zu sein nun seine Aufgabe geworden ist.

Sein Buch ist nun auf der Agora des „öffentlichen Marktes“, es stellt sich den Debatten auf den Areopagen unserer Gesellschaft.

Sein schlichter Wunsch gilt nicht primär den Debatten, auch wenn er weiß, dass Widerspruch nicht ausbleiben wird. Er will nur eines: „dass lebendige Beziehung zu ihm wachsen kann“, zu Jesus von Nazareth (S. 23).

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]