Jetzt geht es um die Dogmatik

Sollte Rom Gespräche mit den Lefèbvrianern aufnehmen, muss man diese sorgfältig vorbereiten

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Von Guido Horst



WÜRZBURG, 10. März 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Nichts deutet in Rom darauf hin, dass es in absehbarer Zeit eine schnelle Einigung mit den Verantwortlichen der von Marcel Lefèbvre gegründeten Pius-Bruderschaft geben wird. Bis der Dialog beginnt, für den Papst Benedikt XVI. mit der Aufhebung der Exkommunikationen der vier Lefèbvre-Bischöfe die Voraussetzung geschaffen hat, sind auch auf vatikanischer Seite einige Fragen zu klären, zum Beispiel die, wer sich denn mit den Vertretern der Bruderschaft an einen Tisch setzen wird.

Die für die Traditionalisten zuständige Kommission „Ecclesia Dei" ist ein kleines Büro. Neben dem fast achtzigjährigen Präsidenten Kardinal Castrillón Hoyos, der aus Altersgründen demnächst in den Ruhestand gehen wird, arbeiten dort ein Vizepräsident, ein Sekretär und ein weiterer Mitarbeiter. In den Gesprächen mit den Lefèbvrianern wird es vor allem um dogmatische Inhalte gehen, etwa um die Bewertung der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Da wird ein theologischer Sachverstand nötig sein, den die kleine Kommission „Ecclesia Dei" schon rein personell nicht aufbringen kann und der eher bei der Glaubenskongregation und ihren etwa dreißig Mitarbeitern angesiedelt ist. Wie sich unter Federführung dieser Kongregation ein Team zusammenstellen lässt, das den dogmatischen Diskurs mit der Pius-Bruderschaft aufnimmt, muss abgewartet werden.

Für Papst Benedikt war die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefèbvre-Bischöfe die Befreiung von der Gewissenslast einer schweren Kirchenstrafe, die sich diese Personen zugezogen hatten. Das heißt aber nicht, dass die Bruderschaft Pius X. und ihre Bischöfe und Priester nun eine kanonische Stellung in der Kirche hätten. Sie unterstehen kirchenrechtlich noch nicht der Autorität der katholischen Kirche, auch wenn die vier Bischöfe in dem Schreiben ihres Oberen vom 15. Dezember 2008 grundsätzlich den Papst und seine Hirtengewalt anerkannt hatten. Wenn ein oder mehrere Bischöfe der Bruderschaft im Sommer weitere Priester weihen würden, wäre das ein Akt, der zwar gültig wäre, aber wie auch die anderen Priesterweihen der vergangenen zwanzig Jahre außerhalb der vollen kanonischen Rechtmäßigkeit stattfinden würde. Aber es geht dem Vatikan nicht um die Rechtmäßigkeit dieser Weihen. Solange die doktrinellen Fragen, die die Pius-Bruderschaft von Rom trennen, nicht endgültig geklärt sind, haben deren Mitglieder keinen kanonischen Status in der Kirche. Zunächst also muss es Glaubensgespräche und eine Einigung in den Fragen der Kirchenlehre geben, bevor der Bruch zwischen dem Papst und dieser Gemeinschaft umfänglich saniert werden kann.

Wie von den Anhängern Lefèbvres immer wieder gesagt wird, werden sich die Glaubensgespräche mit Rom, wenn sie denn nun beginnen werden, vor allem um die Aussagen des Zweiten Vatikanums drehen. Dieses Konzil hatte aber darauf verzichtet, genau zu definieren, welche Verbindlichkeit den einzelnen Dokumenten beziehungsweise den einzelnen Kapiteln und Abschnitten der abschließenden Texte der Bischofsversammlung zukommt. Auch hier besteht Nachholbedarf, der einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Wenn man in die Gespräche mit der Pius-Bruderschaft hineingeht, wird man klarer festgelegt haben müssen, welche Konzilsdokumente wie etwa dogmatische Konstitutionen eine hohe Verbindlichkeit haben und eine gläubige Zustimmung erfordern und welche Abschnitte einzelner Texte wie der Konzilserklärungen Antworten auf Zeitfragen waren, die sich wie diese Zeitfragen selbst auch weiterentwickelt haben könnten und nicht dieselbe Verbindlichkeit für sich beanspruchen wie dogmatische Erklärungen.

Aber die Pius-Bruderschaft wird sich fragen, welche Aussichten im Augenblick mit den Glaubensgesprächen in Rom und dem langfristigen Ziel eines kanonischen Status innerhalb der katholischen Kirche verbunden sind. Es ist ein heftiger Wind, der den Lefèbvrianern von Seiten katholischer Bischöfe ins Gesicht bläst. Sie müssen den Eindruck gewinnen, dass man sie vielerorts in der Kirche gar nicht will. Ob das die günstigste Gelegenheit ist, mit dem Vatikan über eine vollständige Wiedereingliederung zu verhandeln, wird man auch in den Reihen der Bruderschaft bezweifeln.

[© Die Tagespost vom 10. März 2009]