Joachim Kardinal Meisner: Buße ist "Weg der Befreiung zur Wahrheit"

"Aschermittwoch für die Künstler" in Köln

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KÖLN, 1. März 2006 (ZENIT.org).- Die Botschaft der 40-tägigen Bußzeit mit ihrem Aufruf zur Umkehr und zur Befreiung durch die Wahrheit stellte Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ins Zentrum seiner Predigt zum "Aschermittwoch der Künstler" am 1. März in der Kölner Kirche Groß St. Martin.



Der 94. Bischof in der Nachfolge des Heiligen Maternus veranschaulichte diese programmatische Aufforderung am Beispiel eines Bildhauers: "Er muss die im Block verborgene Statue, die er in sich trägt, freimachen, indem er die sie umhüllenden Steinmassen entfernt, weghaut und wegmeißelt." Und er fügte hinzu: "Auch bei uns muss Manches, was uns deformiert, entfernt werden."

Das größte Kunstwerk Gottes sei der Mensch. Dieses Kunstwerk von allen Übermalungen und Veränderungen zu befreien, um die von Gott gedachte Ursprungsgestalt wiederherzustellen, sei die Aufgabe der kommenden Wochen. "Diesen Weg der Befreiung zur Wahrheit nennen wir Buße. Darum bedeutet österliche Bußzeit, zu seinem Ursprung zurückzukehren, zur Wahrheit seiner selbst zurückzufinden."

Künstler müssten eigentlich die Not Gottes um den Menschen am ehesten verstehen, weil sie oft darunter litten, dass ihr Werk entstellt, verfälscht und verändert werde. Die Idee des Bildes etwa, die sie in sich getragen und dann mit viel Kraft nach außen hin gestaltet hätten, werde mitunter durch die oberflächliche Korrektur eines anderen verfälscht und verdorben. "Kunst aber muss wahr sein, sonst ist sie Lüge und verliert ihren verpflichtenden Charakter", so der Kardinal. Jeder Künstler müsse sich in der Pflicht sehen, wahrhaftig zu arbeiten und nicht um der allgemeinen Zustimmung willen verkrümmen, was gerade, und das zu verflachen, was tief sein sollte. Kunst dürfe sich nicht instrumentalisieren und verführen lassen "zum Kampf gegen hohe und höchste menschliche Ideale".

Kardinal Meisner stellte in seiner Predigt fest, dass der Künstler "zum Hebammendienst berufen" sei. "Die Welt ist Schöpfung Gottes. Selbst wer das nicht weiß, der sieht, dass unser Dasein geordnet, strukturiert und kosmisch gestaltet ist. Unsere Welt ist nicht nur Vorhandensein, sondern sie ist Dasein. Von ihr geht eine Botschaft aus. Und wer diese Botschaft vernimmt – dafür haben wir Vernunft bekommen – und sich nach dieser Botschaft richtet im Reden, Handeln, Denken und im Tun, der handelt seinsgerecht, wirklichkeitsgerecht und damit immer wahr und gut. Darum beginnt alles künstlerische Tun damit, dass ich auf die Botschaft des Daseins, der Wahrheit, höre und achte." Nur wer dies beherzige, werde fähig, dem Gehörten Gestalt in Wort, Ton, Stein oder Holz zu geben – gewissermaßen als verlängerte Hand des Schöpfers.

Österliche Bußzeit bedeute auch, das eigene Berufsethos zu erneuern und der eigenen Berufung erneut inne zu werden. Selten seien so viele Absichten, Wünsche und Sehnsüchte des Menschen derart verfälscht worden wie heute, so dass er sich mitunter nicht mehr selbst erkenne. "Darum ist das Gebot der Stunde, Rückkehr zu halten zu meinem eigenen Bild, das Gott von Ewigkeit her in seinem Herzen trägt und bejaht, und Rückkehr zu halten zu der Wahrheit der Dinge, denen Gott sein Siegel eingeprägt hat", betonte der Kardinal.

Aus weiten Teilen Deutschlands waren Vertreter der unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen zu dieser traditionellen Begegnung am Morgen des Aschermittwochs zusammengekommen, um mit Kardinal Meisner den Gottesdienst zu feiern und das Aschenkreuz zu empfangen. In jedem Jahr lädt der Kölner Erzbischof stellvertretend für alle Kunstschaffenden aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Theater, Musik, Literatur und Medien zu diesem seit Jahrzehnten etablierten Dialog von Kirche und Kunst ein, dem "Aschermittwoch der Künstler".