Joachim Kardinal Meisner: Wahrhaftig werden

Predigt zum Aschermittwoch der Künstler in St. Maria im Kapitol

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KÖLN, 6. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof JOachim Kardinal Meisner am Aschermittwoch während der Eucharistiefeier für die Künstler gehalten hat.

„Akzeptieren wir nichts als Wahrheit, was ohne Liebe ist, aber akzeptieren wir auch nichts als Liebe, was ohne Wahrheit ist!“, betonte der Kardinal im Hinblick auf die Tatsache, das Wahrheit und Liebe eng miteinander verbunden sind.

Außerdem stellte er fest: „Die Suche nach der Wahrheit hat die Gestalt des Betens. Wer die Wahrheit sucht oder wer ihr Gestalt geben möchte, wird auch immer ein Beter oder eine Beterin sein müssen.“

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Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus!

Wenn wir moderne pastoraltheologische Bücher und Artikel fragen, worin der Sinn christlicher Seelsorge besteht, erhalten wir häufig zur Antwort: Sie soll den Menschen einen „geglückten Lebensentwurf“ ermöglichen. So griffig diese Formulierung auch ist, sie vermag nur auf den ersten Blick zu befriedigen, denn letztlich kommen wir an einigen Fragen nicht vorbei: Anhand welcher Kriterien lässt sich denn bestimmen, ob ein Leben geglückt ist? Dürfen wir zur Beurteilung eines Lebens gängige Kategorien wie Glück, Erfolg, Selbstverwirklichung ansetzen? Ein christliches Leben ist ja gewissermaßen per Definition die Kreuzesnachfolge: Kann es da im gebräuchlichen Sinn überhaupt glücken? Solche und ähnliche Fragen verdichten sich, wenn wir fragen: Was macht eigentlich den Menschen zum Menschen?

Unter allen Kunstwerken, denen wir begegnen, ist der Mensch das vollkommenste, denn er kommt ja aus der Hand des Künstlers schlechthin, nämlich aus der Hand Gottes. Das ahnten schon die großen vorchristlichen Denker. Darum sagt Sokrates in einem seiner berühmten Dialoge (Nomoi): „Der Wahrheit nun kommt unter allen Gütern die oberste Stelle zu, bei Göttern ebenso wie bei Menschen“. Mit dieser Erkenntnis radikal ernst zu machen, das wäre ein wirklich lohnendes Programm eines Christen für die Tage der Erneuerung, die wir österliche Bußzeit nennen.

Die Wirklichkeit des menschlichen Lebens ist vom Logos, d.h. von der Logik, von der Wahrheit Gottes geprägt: Im Anfang war das Wort, d.h. der Logos, und das Wort war bei Gott… und alles, was geworden ist, ist durch das Wort (vgl. Joh 1,1-2). Der Papst sagt in seiner berühmten Regensburger Rede: „Der Glaube muss logisch, stimmig sein. Er muss wahr sein. Er muss vernünftig sein“. Und der Logos Christus sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Gemäß dem Johannesevangelium hat Christus zu seinen jüdischen Jüngern gesagt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 6,31-32). Vielleicht ist auch der Umkehrschluss zulässig: Wie die Wahrheit frei macht, so macht auch die Freiheit wahr. Geistige Freiheit führt hin zur Wahrheit. Das sind auch die Grundkategorien, die für das Leben eines Menschen gültig sind, der sein Leben dem künstlerischen Schaffen gewidmet hat.

Hier ist die hl. Edith Stein eine normative Gestalt. Ihr philosophisch-theologisches Werk ist von einer außerordentlichen Schönheit geprägt, weil es ganz der Wahrheit verpflichtet ist, die von ihr in eine Zeit übersetzt wurde, in der die Lüge triumphierte.

In unseren Tagen gewinnt die Wahrheitsfrage aufs Neue an Bedeutung. Wer nach der Wahrheit fragt, findet das letzte Ziel seiner Suche und die Erfüllung seiner Sehnsucht in Christus, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben, wie der Herr sich selbst definiert. Heute aber orientiert sich die Mehrheit der Bürger unseres Landes, darunter auch manche Theologen, Intellektuelle und Künstler, nicht mehr an Christus, sondern offensichtlich an Pilatus. Wie anders ist es zu erklären, dass die Wahrheitsfrage nicht mehr mit der Frohen Botschaft und Person Christi beantwortet wird, sondern mit der Gegenfrage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

Gewiss ist die Wahrheit nicht immer leicht zu erkennen, insbesondere in unserer heutigen Informationsgesellschaft, in der sich die Wissensangebote förmlich überschlagen. Christus vergleicht die Wahrheit mit einem Schatz, der im Acker der Welt verborgen liegt. Schätze liegen in der Regel nicht auf der Straße, sondern ihnen ist eine gewisse Verborgenheit zu Eigen. Es bedarf der Anstrengung des Intellekts, ebenso wie des vertrauenden Glaubens, wenn wir die Orientierung nicht verlieren wollen. Aber die Auflösung der objektiven, unbedingten Wahrheit in viele subjektive, relative Wahrheiten kann letztlich nur einem Einzigen dienen: nämlich der Unwahrheit.

Das letzte Konzil hat in seiner Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ gesagt: „Wenn … der Mensch sich den verschiedenen Fächern der Philosophie und der Geschichte, der Mathematik und der Naturwissenschaft widmet …, dann kann er im höchsten Grade dazu beitragen, dass die menschliche Familie zu den höheren Prinzipien des Wahren, Guten und Schönen und zu einer umfassenden Weltanschauung kommt. So wird sie heller von jener wunderbaren Weisheit erleuchtet, die von Ewigkeit her bei Gott war, alles mit ihm ordnete, auf dem Erdkreis spielte und ihre Wonne darin findet, bei den Menschen zu sein“ (GS 44). Gerade unsere modernsten Erkenntnisse, etwa die der Chaosforschung, zeigen, dass sich hinter vordergründiger Verwirrung und Unordnung oft ein ordnendes Muster verbirgt, eine übergeordnete und deshalb geradezu schwer erkennbare Weisheit und Wahrheit.

Dass alles Seiende im Maße seiner Seinsfülle wahr, gut und schön ist, bezeugt uns die hl. Edith Stein ebenso, wie es vor ihr Platon, Aristoteles oder Thomas von Aquin getan haben. Und gerade das wird heute weltweit geleugnet. Wahr ist heute, was der Mehrheit entspricht. Aber die Wahrheit ist etwas Vorgegebenes. Sie ist von Gott in der Natur des Menschen, in der Natur der Welt und der Dinge begründet. Darum ist die Wahrheit nicht manipulierbar, sondern nur immer auffindbar.

Im Bereich der Theologie kommt es über die allgemeine Krise des Wahrheitsbegriffes hinaus noch zu einem anderen eigenartigen Phänomen: Man glaubt in bestimmten Fällen, Wahrheit und Liebe gegeneinander ausspielen zu müssen, wobei das Nachsehen dann natürlich die Wahrheit hat. Wer so handelt, hat entweder die Wahrheit oder die Liebe oder auch beide nicht verstanden. Wahrheit und Liebe können sich gegenseitig nicht ausschließen, denn die Liebe freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit, wie uns Paulus im hohen Lied der Liebe seines 1. Korintherbriefes lehrt (1 Kor 13,6).

Nirgendwo in der gesamten Heiligen Schrift findet sich der Begriff „Wahrheit“ häufiger als im Evangelium und in Briefen des hl. Johannes, und zugleich gilt dasselbe für das Wort „Liebe“. Das Evangelium des Johannes und seine Briefe eignen sich vorzüglich als Lektüre für die österliche Bußzeit, weil sie uns in die Mitte des Erlösungsgeschehens hineinführen.

Den Zusammenhang von Wahrheit und Liebe stellt uns die christliche Lebenskünstlerin Edith Stein vor Augen: Von niemandem hat sich diese Märtyrerin aus Liebe, die für ihre Freunde ihr Leben hingab, in der Liebe übertreffen lassen, und das vielleicht deshalb, weil es sehr zutreffend in einer ihrer Lebensbeschreibungen von ihr heißt: Sie sei auf der unerbittlichen Suche nach der Wahrheit gewesen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, machen wir es ebenso! Akzeptieren wir nichts als Wahrheit, was ohne Liebe ist, aber akzeptieren wir auch nichts als Liebe, was ohne Wahrheit ist! Wie die hl. Edith Stein Wahrheit und Liebe vereint, so ruft sie uns auch die verschiedenen Weisen der Wahrheitserkenntnis ins Gedächtnis.

Wissenschaftliche Forschung spielt ihre ureigene und unersetzliche Rolle, sei es nun im Bereich der Natur oder der Geisteswissenschaften. Aber sie stößt auch an Grenzen. Was wir von uns selbst erkennen, ist nur die Oberfläche. Die Tiefe von uns ist weitgehend auch uns selbst verborgen. Gott kennt sie. Darum besteht Edith Stein, diese überzeugte und überzeugende Geisteswissenschaftlerin, darauf, dass der Glaube der göttlichen Weisheit näher steht als alle philosophische und theologische Wissenschaft, und wir fügen hinzu: dass wahrscheinlich auch die wahre Kunst der göttlichen Weisheit näher steht, als alles theoretisierende Denken darüber.

Weil nun die Wahrheit Person ist, die der Logos ist und einen Namen hat, nämlich Jesus Christus, können und dürfen wir nicht nur über sie, sondern müssen auch mit ihr sprechen. Aus dem Mund des Herrn wissen wir, dass die Zeit angebrochen ist, „zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit, denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh 4,23-24).

Das Streben nach Erkenntnis und das Gebet schließen sich keineswegs gegenseitig aus. Fast möchte man sagen, dass sie einander bedingen. Die Suche nach der Wahrheit hat die Gestalt des Betens. Wer die Wahrheit sucht oder wer ihr Gestalt geben möchte, wird auch immer ein Beter oder eine Beterin sein müssen.

„Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Joh 3,21). Das Licht der Welt aber ist Christus. Und darum mündet Wahrheitssuche in den Glauben der Kirche. Im Psalm heißt es: „Sende dein Licht und deine Wahrheit, damit sie mich leiten. Sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung. So will ich zum Altar Gottes treten, zum Gott meiner Freude“ (Ps. 43,3-4).

Liebe Schwestern, liebe Brüder, in Christus hat die göttliche Wahrheit buchstäblich Gestalt angenommen. Ein Mensch, der seiner Natur gehorchend nach Wahrheit strebt, kann sich deshalb dem Herrn auf Dauer nicht verschließen, sodass das Werk unserer Hände und unseres Geistes den Menschen zum Segen werde.

Im Wappen Papst Benedikt XVI. steht: „Mitarbeiter der Wahrheit“. Das sollte auch über all unserem Tun stehen! Denn die eigentliche Heimat des Menschen ist die Wahrheit. „Nur die Wahrheit ist der dem Menschen gemäße Grund seines Stehens“, sagt Papst Benedikt XVI. Wer dem Menschen weniger gibt als die Wahrheit, betrügt ihn.

Dem Menschen ist die Suche nach der Wahrheit angeboren. Er ist von seinem Wesen her wahrheitsfähig, d.h. gottfähig, d.h. er kann die Wahrheit finden, wenn er sie sucht, auch wenn ihm das nicht leicht fällt. Wir sind sozusagen blind geboren für die Wahrheit. So hat Gott uns doch Nachhilfeunterricht erteilt in der Geschichte des Glaubens.

Wahrheit ist nicht relativ, es gibt sie auch nicht im Plural, und sie ist keine Mehrheitsfrage. Sie ist so oder sie ist nicht. Der Mensch soll die Wahrheit, dass Gott sich selbst gezeigt hat, in Demut annehmen, und dann eben nicht die falsche Bescheidenheit wieder walten lassen und sagen: „Aber ganz sicher wissen wir es doch nicht“.

Wenn wir sagen: „Alles ist gleich wahr“, dann ist auch alles gleich falsch, dann macht am Schluss jeder, was ihm gefällt. Christus ist die Person gewordene Wahrheit. Und jede wirkliche Wahrheitserkenntnis ist immer nur ein Splitter der einen Wahrheit, die er in Person ist. Machen wir uns auf, dass wir uns selbst reinigen, indem wir wahrhaftig werden! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original]