Joachim Kardinal Meisner: „Weil der Mensch Ebenbild Gottes ist, muss man den Menschen schützen“

Interview von Regina Einig über aktuelle Fragen des Lebensschutzes

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WÜRZBURG, 31. Mai 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die wissenschaftlichen Details bioethischer Fragen sind gerade bei der embryonalen Stammzellforschung und der Präimplantationsdiagnostik komplexer als bei Lebensschutzthemen früherer Jahre. Abtreibung, Todesstrafe und Sterbehilfe waren Themen, die breite Kreise der Gläubigen unabhängig vom Bildungsgrad zu manchmal auch emotional gefärbten Initiativen mobilisiert haben.



Mittlerweile scheint es das Privileg einer akademisch gebildeten Minderheit zu werden, bei der Debatte um den Lebensschutz noch mitzureden. Sehen Sie darin einen Vorteil oder einen Nachteil?

-- Kardinal Meisner: Natürlich ist das ein großer Nachteil. Jeder Christ müsste über dem Bett einen Zettel hängen haben auf dem steht: „Als sein Ebenbild und Gleichnis schuf uns Gott“. Weil der Mensch Ebenbild Gottes ist, muss man den Menschen schützen, und zwar von der Empfängnis bis zum Tod. Wir brauchen dringendst Akademien, die sich des Themas expressis verbis annehmen. Wir haben zum Beispiel eine Katholische Universität in Deutschland, die sich auf diese Thematik konzentrieren und Fragestellungen mit Bezug auf den Lebensschutz in der Öffentlichkeit so darstellen müsste, dass einfache Menschen die Probleme begreifen und sich auch an der gesellschaftlichen Diskussion beteiligen können. Der Normalverbraucher scheitert oft schon an den Fremdwörtern. Man muss ihm also erläutern, was auf dem Spiel steht. Wenn es heißt: „Wir wollen doch nur heilen“, ist zu ergänzen, dass wir nicht junges, hilfloses menschliches Leben töten dürfen, um altgewordenes Leben zu reparieren. Wir können uns leider nicht immer in Lebensschutzfragen auf unsere christlichen Politiker verlassen, die auf diesem Gebiet Verantwortung zu tragen haben.

Katholische Universitäten wie Löwen oder Lille zeigen, dass im katholischen Wissenschaftsbetrieb auf das Ja zur künstlichen Befruchtung allen päpstlichen Ermahnungen zum Trotz grünes Licht für die embryonenverbrauchende Stammzellforschung folgt. Sind die Lebensschutzdämme auch innerhalb der katholischen Kirche langfristig gebrochen?

-- Kardinal Meisner: Hier muss man das kirchliche Lehramt im Auge behalten. Letztlich verantwortlich für die Verkündigung und die Praxis des Glaubens in seiner Diözese ist der Bischof. Wenn eine Katholische Universität sich plötzlich selbstständig macht, muss er klarstellen, dass der Mensch unantastbar ist, weil er Ebenbild Gottes ist. Wo Embryonen getötet werden, darf die Kirche nicht die Finger im Spiel haben. Und wenn das nicht akzeptiert wird, muss man das Haus schließen, weil dessen Arbeit mit dem katholischen Glauben nichts mehr zu tun hat und mehr Verwirrung als Orientierung bringt. Wir haben eine Katholische Universität in Deutschland, sage ich nochmals, die sich mit Wirtschaftsfragen und anderen Themen beschäftigt. Das machen wohl andere Universitäten auch. Der Lebensschutz wäre auf katholischem Gebiet eine Marktlücke, um die diesbezügliche Forschung zu beobachten, auf Alternativen hinzuweisen und den Diskurs im Sinne des katholischen Glaubens voranzubringen. Wir haben in Rom die Päpstliche Akademie für das Leben, da werden die einschlägigen moraltheologischen Fragen präzise bearbeitet. Diese Päpstliche Akademie für das Leben macht keine Politik und betreibt keine gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Hier müsste man sich viel mehr Orientierung und Impulse holen.

Wie könnte die Marktlücke Lebensschutz durch die Christen genutzt werden?

-- Kardinal Meisner: Bei Stellenbesetzungen in katholischen Krankenhäusern ergibt sich immer häufiger das Problem, dass unter den Bewerbern kaum noch katholische Gynäkologen sind. Woran liegt das? Die Facharztausbildung eines Gynäkologen, heißt es dann, ist auch immer mit Abtreibungen verbunden. Das können katholische Ärzte, die ihren Glauben ernst nehmen, nicht. Daran scheitert das Ganze. Hier müsste eine Katholische Universität für die Ausbildung von Gynäkologen für unsere eigenen Krankenhäuser sorgen, damit nicht katholische Einrichtungen eines Tages ihre gynäkologische Abteilung schließen müssen. Wir schwimmen einfach so mit dem Trend der Zeit. Jesus hat aber gesagt: Ihr wisst, dass zu den Alten gesagt worden ist: „Ich aber sage euch“. Bei uns aber heißt es heute eher: „Wir aber auch!“ Wir leben heute nicht mehr in einer Weltanschauungssituation, sondern in einer Menschenanschauungssituation. Es geht heute nicht mehr darum, was die Welt, sondern was der Mensch ist. Das ist eines der wichtigsten Themen.

Sollen Katholiken ethisch unsichere Berufe in Medizin und Biotechnologie von vornherein meiden?

-- Kardinal Meisner: Sie dürfen sich nicht an lebensfeindlichen Praktiken beteiligen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Wir sollen begabte Naturwissenschaftler für die Forschung qualifizieren, die sich aber dann weigern, durch ihre Arbeit Menschen zu gefährden. Wir müssen bei den angegebenen edlen Forschungszielen (Heilung von Alzheimer etc.) nach Alternativen suchen. Bis jetzt handelt es sich bei den Versprechen im Rahmen der embryonalen Stammzellforschung um bloße Ankündigungen. Es ist noch nicht gelungen, schwere Krankheiten durch die Resultate embryonenverbrauchender Forschung zu heilen. Aber wir dürfen uns nicht zurückziehen. Wenn Katholische Universitäten zu ihrer Berufung zurückkehren, könnten sie der Gesellschaft einen großen Nutzen bringen.

Auf katholischer Seite ist es ja oft so, dass den Beschlüssen zur faktischen Aufweichung des Lebensschutzes eine verharmlosende Sprache gegenübersteht. Es wird darauf hingewiesen, dass man nach ethischen Regeln die verbrauchende Embryonenforschung betreibt. Ist es eine Frage der Redlichkeit, dass die Kirche solche Manöver im eigenen Hause entlarvt oder schadet sie sich damit unnötig selbst?

-- Kardinal Meisner: Die Wahrheit wird euch frei machen: Es ist unsere Aufgabe, die Tarnkappen von den Köpfen zu ziehen, damit deutlich wird, was eigentlich hinter den Formulierungen steckt. Aber wo mit wissenschaftlichem Vokabular Unrecht an Embryonen bemäntelt wird, müssen wir Einspruch erheben.

Flammende Appelle für das Leben, wie sie die mexikanische Bischofskonferenz kürzlich gegen die Legalisierung der Abtreibung veröffentlicht hat, sind in unserem Kulturkreis eher verpönt. Wie kann sich denn die Kirche in der Öffentlichkeit besser Gehör verschaffen, wenn es um Lebensschutzfragen geht?

-- Kardinal Meisner: Als ich vor 25 Jahren als Bischof von Berlin mit der Soutane durch die Stadt ging, kamen zwei Mädchen auf mich zu und schauten mich ganz erstaunt an. Ich fragte: „Kennt ihr mich?“ – „Nee.“ – „Na, ich bin doch der katholische Bischof von Berlin.“ – „Kennen wir nicht.“ – „Was wisst ihr denn von der katholischen Kirche?“ – Da kam wie aus der Pistole geschossen: „Die ist gegen die Abtreibung.“ Man kann es auch positiv sagen: Die Kirche ist für das Leben. Jeder weiß, dass die katholische Kirche bei der Abtreibung nicht mitmacht. Hier zahlt sich doch unser geduldiger jahrelanger Widerspruch aus. Das müssen wir auch bei der embryonalen Stammzellforschung so machen. Die meisten Verantwortlichen in der Öffentlichkeit dürften auch wissen, dass wir als Kirche mit der embryonalen Stammzellforschung ganz und gar nicht einverstanden sind. Und man merkt auch, dass manche Politiker und Politikerinnen, die einen christlichen Hintergrund haben, mit Blick auf die Stammzellforschung so formulieren, als hätten sie ein schlechtes Gewissen.

Viele Gläubige leben seit der Gründung von „Donum vitae“ in einem Gewissenskonflikt, weil ja praktisch jede Diözese über den Haushalt des Verbands der deutschen Diözesen Laiengremien mitfinanziert, deren Mitglieder bei uns zur Verdunkelung des Zeugnisses in Lebensschutzfragen beitragen. Wo würden Sie Prioritäten setzen?

-- Kardinal Meisner: Wir haben in der Bischofskonferenz nochmals festgehalten, dass katholische Laiengremien keine Funktionsträger haben dürfen, die sich für „Donum vitae“ engagieren. Ich habe das immer so gehalten. Wir haben hier in Nordrhein-Westfalen durch einen Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht in 2. Instanz durchgesetzt, dass die Landesregierung unsere katholischen Beratungsstellen – wie andere Beratungsstellen auch – zu achtzig Prozent finanziert. Unsere Beratungskosten während der fünf Prozessjahre hat das Land zu großen Teilen zurückgezahlt. Damit hat man auch rechtlich anerkannt, dass „Donum vitae“ keine katholische Einrichtung ist. In der Öffentlichkeit steht seitdem bei uns juristisch fest, dass „Donum vitae“ mit der katholischen Kirche nichts zu tun hat. Aus Bayern werden wir immer wieder diesbezüglich angefragt, warum es dort nichts Ähnliches gibt. Darauf kann man aus Nordrhein-Westfalen natürlich keine Antwort geben.

[© Die Tagespost vom 26.5.2007]