Johannes Paul II.: ein heiliger Papst im Zeitalter der "De-Säkularisierung"

Vittorio Messori spricht über seine Begegnung mit dem polnischen Papst, mit dem er ein Interview führte

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 234 klicks

Die Heiligsprechung zweier Päpste durch ihre beiden Vorgänger ist wohl zweifellos ein epochales Novum. Dennoch hat das Ereignis vom vergangenen Sonntag vor allem im Kontext der gegenwärtigen Säkularisierung zahlreiche Implikationen.

Vittorio Messori hat als erster Journalist der Geschichte einen Papst interviewt. Aus seiner Begegnung mit dem hl. Johannes Paul II. ging der Bestseller „Varcare la soglia della speranza” (dt. Ausgabe: Die Schwelle der Hoffnung überschreiten) hervor. Im folgenden Interview mit ZENIT thematisiert Messori unter anderem die Entstehung dieses gelungenen Buches und führt einige Überlegungen zu dem vor kurzem in den Kreis der Heiligen aufgenommenen polnischen Papst an.    

Aus Ihrem jüngsten für den „Corriere della Sera“ verfassten Leitartikel geht hervor, dass wir mit einem „Paradoxon“ konfrontiert sind: Einer immer stärker säkularisierten Welt und einer an Zuspruch verlierenden Kirche steht die außerordentlich hohe Bedeutung der Figur des Papstes gegenüber, beginnend bei den Neukanonisierten, zu Ehren derer sich am Sonntag eine schier unendliche Zahl von Gläubigen versammelte. Ist der Prozess der Säkularisierung daher nicht so irreversibel?

Vittorio Messori: Als treue Leser des Evangeliums dürfen wir vor allem die Wahrheit nicht vergessen. Aus diesem Grund müssen wir uns davor hüten, uns von den überfüllten Plätzen zu sehr „in Aufregung“ versetzen zu lassen: Politische Versammlungen oder Rockkonzerte können ebenso viele Menschen anziehen, wobei der Besuch Letzterer nur gegen Bezahlung möglich ist und die Teilnahme an Kanonisierungen gratis ist. Aus einer christlichen Perspektive ist die Entität der Menge kein geeigneter Indikator. Erwähnenswert ist unter anderem der Umstand, dass ein großer Teil der Anwesenden dank der Organisation vieler polnischer Diözesen erschienen ist. Auch in den Diözesen der Lombardei und vor allem jener Bergamos war selbstverständlich wegen Papst Johannes XXIII. Mobilisierung zu beobachten. Ferner gab es sehr viele Mitglieder des Neokatechumenates, der Fokolar-Bewegung,  der Bewegung Gemeinschaft und Befreiung, der Charismatischen Bewegung. Das Paradoxon besteht in der unbestrittenen Beliebtheit der Päpste einerseits und dem ständigen Rückgang – wenn nicht sogar Absturz – sämtlicher Indikatoren des Katholizismus andererseits, beginnend bei der Praxis des Gottesdienstbesuchs und den geistlichen Berufungen, usw.

In Zusammenhang mit der Säkularisierung treten wir angesichts des Ausschlagens des geschichtlichen Pendels von einem Extrem zum anderen vermutlich in eine Phase der „De-Säkularisierung“ ein.  Man beobachtet eine Abkehr von einem gewissen Massenrationalismus und die Wiederentdeckung der geistlichen Dimension, des Mysteriums. Das Problem besteht darin, dass sich dieses Phänomen in einer Art des Do-it-yourself gestaltet. Religion wird gleichsam als „Selbstbedienung“ betrachtet, die jedoch keinem Lehramt folgt und schon gar nicht einem so anspruchsvollen wie jenem der katholischen Kirche.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Päpste vor allem der vergangenen siebzig Jahre auch von einem laizistischen Standpunkt betrachtet über außergewöhnliche Qualitäten als Menschen und in Bezug auf ihre Bildung und Religiosität verfügten, sind diese Zeichen auf jeden Fall zu begrüßen. Zur selben Zeit verkleinerte sich die Kirche mit der Schließung von Priesterseminaren, Schulen und weiteren Institutionen. Wenn die Frucht – vor allem an der Spitze in Form des Bischofs von Rom – dennoch gut ist, lässt dies auf die gute Gesundheit des Baumes schließen. Trotz allem …

Bei der zeitgleich stattfindenden Kanonisierung zweier Päpste, die zudem im Beisein eines amtierenden und eines emeritierten Papst stattfindet, handelt es sich um ein epochales Faktum: Welchen Standpunkt vertreten Sie dazu?

Vittorio Messori: Ich stehe den von den Medien oft falsch verwendeten  Bezeichnungen wie „historisches Faktum“ oder „geschichtliche Wende“ mit Misstrauen gegenüber. Sicherlich ereignete sich am vergangenen Sonntag ein nie dagewesener Vorfall: Zwei lebende Päpste (ein amtierender und ein emeritierter) kanonisierten zwei Amtskollegen, wobei deren Leben und Wirken nicht in eine längst vergangene Epoche fällt, sondern ihnen gut bekannt war. Das Interesse der internationalen Medien rührte auch von der Tatsache her, dass ein solches Ereignis zum ersten Mal stattfand.

Zum Zeitpunkt der Wahl von Johannes Paul II. im Jahre 1978 hatten Sie sich bereits als Journalist und Schriftsteller etabliert: Wie haben sie die Neuheit eines polnischen Papstes aufgenommen und was haben Sie darüber geschrieben?

Vittorio Messori: Ich und einige andere erkannten sofort, dass die Wahl eines polnischen Papstes – vor allem auf dem Niveau des Kardinals Karol Wojtyla, den ich als Redakteur der Tageszeitung „La Stampa“ anlässlich der Zurschaustellung des Turiner Grabtuchs in Turin kennengelernt hatte – den Ländern der Sowjetunion einen gefährlichen Schlag versetzen würde. Ich dachte sogar an die mögliche Folge eines Zusammenbruchs dieses Systems, die dann tatsächlich eingetreten ist. Ich habe diesen Ausblick nicht als Prophet getroffen: Jeder aufmerksame Beobachter wusste, dass sich der kommunistische Ostblock trotz des äußeren Anscheins in einer schweren  Krise befand und dass ein aus dieser Welt stammender Papst als Detonator fungieren und den Einsturz eines bereits in Auflösung begriffenen Systems initiieren würde.

Wie entstand die Idee eines Interview-Buches mit Johannes Paul II. und wie erlebten Sie den Papst in diesem Umfeld als Mensch?

Vittorio Messori: In Wahrheit hatte ich bereits das Interview-Buch „Rapporto sulla fede“ (Berichte über den Glauben) mit Kardinal Joseph Ratzinger zusammengestellt, das in etwa zwanzig Sprachen übersetzt wurde und in aller Welt zu begeisterten Beitritten und scharfer Kritik führte. Erst drei Jahre zuvor war Ratzinger als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre eingesetzt worden. Er freute sich über unsere Begegnung und unser Buch: Er sprach mit Johannes Paul II. darüber und die Antwort des Papstes lautete in etwa: „Da diese Methode auf pastoraler Ebene Erfolge zeigt, könnten wir sie wiederholen“. Er hatte ein Fernsehinterview im Sinne, doch nachdem er mich zu einem Gespräch nach Castel Gandolfo eingeladen hatte, teilte ich ihm mit, dass ich es mir nicht zutraute, da ich Pressejournalist war und nie für das Fernsehen gearbeitet hatte. Wir diskutierten darüber und er beschloss, mir auf Fragen, die ich ihm auf sein persönliches Faxgerät sandte, schriftlich zu antworten. So entstand das Buch „Varcare la soglia della speranza“, das in 53 Sprachen erschienen und mehr als 20 Millionen Mal verkauft wurde. Heute wird der Papst auch von den Passanten interviewt, doch damals handelte es sich um eine Premiere in der Geschichte, weshalb der Lärm weltumspannend war. Ich stellte ihm nicht die gewohnten langweiligen und schon damals wiederkehrenden Fragen zu den Themen weibliches Priesteramt, die Lage der Gleichgeschlechtlichen, die Ehe zwischen Geschiedenen, der Einsatz der Kirche in der Politik, die Vatikanbank. Stattdessen hielt ich mich ohne zu zögern an die „Fundamente“, die Grundlagen des Glaubens: Gott, Jesus Christus, die Kirche, die Möglichkeit, heute zu glauben. Heute befindet sich der Glaube selbst in einer dramatischen Krise. Alles andere ist nur die Folge davon, von dem erst die Rede ist, nachdem geklärt wurde, ob noch an die Wahrheit des Evangeliums geglaubt wird.

In der Gegenwart von Johannes Paul II. spürte man ganz klar eine von ihm ausgehende Aura der Heiligkeit, ein außergewöhnliches Charisma, dass gerade jetzt mit der Kanonisierung offiziell von der Kirche anerkannt wurde.

Sie haben einen großen Teil Ihrer Schriften der Jungfrau Maria gewidmet: Wojtyla war der „marianische“ Papst par excellence. Wurden Sie in dieser Hinsicht von ihm inspiriert?

Vittorio Messori: Ich verehre die Jungfrau Maria. Selbstverständlich bin ich ihr nicht an sich, sondern in Abhängigkeit von Christus ergeben. Mein Interesse gilt Jesus. Je intensiver ich mich dem Studium des Christentums widmete, desto stärker wurde mir die Bedeutung der Mutter als Schlüssel zum Verständnis von ihm bewusst. Alles, was die Kirche über Maria sagt oder gesagt hat, betrifft in Wahrheit den Sohn. Sämtliche marianische Dogmen sind bei genauer Betrachtung insofern christologische Dogmen, als sie durch Maria den Glauben an Jesus bestätigende Wahrheiten sind. Ohne Jesus ist Maria nur eine unbekannte jüdische Hausfrau. Mit ihm wird sie zur „Theotokos“, zur Mutter Gottes. Nicht durch Zufall repräsentiert Maria in der christlichen  Symbolik den Mond, der kein eigenes Licht abstrahlt, sondern von dem sich im Sohn spiegelnden Licht erleuchtet wird. Diese entscheidende Verbindung kam in Wojtyla sehr stark zum Ausdruck. In ihm erkannte ich mich wieder, da er mir bestätigte, dass das Vergessen der Mutter letzten Endes immer auch den Sohn verdunkelt und möglicherweise in Vergessenheit bringt, wie es uns die dramatische Jahrhunderterfahrung des Protestantismus vor Augen führt.

Vor allem in den letzten Jahren seines Pontifikats war Johannes Paul II. auf das Thema Europa und die christlichen Wurzeln des Kontinents fokussiert: Dieser Aufruf ist bisher unerhört geblieben. Dennoch befinden sich unter den Kandidaten für die bevorstehenden Europawahlen viele bekennende Katholiken oder zumindest Christen: Welches Erbe und welche Lehren hinterlässt der neue Heilige den europäischen Politikern?

Vittorio Messori: Ich habe immer mit einer gewissen Ironie gesagt, dass die Verleugnung der christlichen Wurzeln Europas keinen Affront gegen die Kirche oder das Christentums darstellt, sondern vielmehr gegen die Geschichte und den gesunden Menschenverstand gerichtet ist. Jenen, die diesen Ursprung aberkennen wollen, bin ich immer mit ein wenig Spott begegnet. Wie auch Benedikt XVI. energisch bekräftigte, ist Europa laut Wojtyla die Frucht der Botschaft Jerusalems an uns, die in Athen die Weisheit der klassischen Philosophie aufgenommen und verwandelt hat und ihre Lehre in Rom in den römischen Geist der klaren und rechten lateinischen Gesetze eingefügt hat. Das sagt uns die wahre Geschichte, nicht jene der ideologischen Vorbilder. Wojtyla und Ratzinger haben dies stets betont.