Johannes Paul II: eine kraftvolles Zeichen der Hoffnung für die Zukunft der Menschheit

Interview mit George Weigel, dem Biographen von Papst Wojtyła

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Junno De Jesús Arocho Esteves | 443 klicks

Anlässlich der Heiligsprechung Karol Wojtyłas führte ZENIT ein Interview mit George Weigel, einem der produktivsten Berichterstatter über das Leben und das Pontifikat Johannes Pauls II.

***

Welche Bedeutung hat diese Heiligsprechung?

Weigel: Sie ist ein kirchliches Großereignis und ein auf globaler Ebene besonderes Vorkommnis. Johannes Paul II. hat die Herzen von Männern und Frauen in aller Welt berührt, unabhängig davon, ob oder welche religiöse Überzeugung sie vertreten. Daher ist die Heiligsprechung Karol Wojtyłas angesichts der vielen dunklen Wolken über der Gegenwart meines Erachtens nach entscheidend für ein Aufatmen der Weltgeschichte. Von Papst Johannes Paul II. ging lebendige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit aus. Aus diesem Grund kann seine Heiligsprechung nur eine gute Nachricht für die Welt und die Kirche bedeuten.

Millionen von Gläubige erfüllt die Heiligsprechung von Johannes Paul II. mit Freude. Manche kritisieren allerdings die Tatsache, dass das Verfahren so schnell abgeschlossen wurde. Wie stehen Sie dazu?

Weigel:  Das Selig- und Heiligsprechungsverfahren wurde ernsthaft und sorgfältig durchgeführt. Wenn Informationsdefizite darüber herrschen, sind diese zu beheben. Der Prozess endete mit einem offiziellen Urteil der Kirche, nachdem er schon am 8. April 2005 mit der während der Begräbnisfeier gerufenen unmissverständlichen Forderung der unverzüglichen Heiligsprechung („santo subito“) eingeleitet worden war. Das Verfahren war lediglich eine Bestätigung der Heiligkeit Johannes Pauls II.

Manche US-amerikanische Zeitungen stellten die Heiligsprechung Johannes Pauls II. mit der Behauptung in Frage, dass während seines Pontifikates Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen seitens des Klerus bedeckt worden seien. Welchen Standpunkt vertreten Sie diesbezüglich?

Weigel: In Zusammenhang mit Johannes Paul II. und den katholischen Priestern sind zunächst auf seine Leistungen als Reformator der Ausbildung und Begleitung der Priester hinzuweisen. 1978, im Jahr seiner Papstwahl, war die Lage des Priestertums katastrophal. Tausende von Priestern waren von ihrem Amt zurückgetreten. Man kann sagen, dass Johannes Paul II. das katholische Priesteramt reformiert hat. Ich kann selbst bestätigen, dass er nach Erhalt der nötigen Informationen über die Missbrauchsfälle in den Vereinigten Staaten verantwortungsvolle und ernste Entscheidungen getroffen hat. Sein positives Wirken zeigte sich beispielsweise in den Seminaren aller Welt, wo Millionen von Männern sich für die Nachfolge Christi entschieden und ihm und der Kirche ihr Leben verschrieben. Alle neuen Berufungen sind eine Frucht der Reform des polnischen Papstes und bestätigen sein gutes Beispiel.

Welchen geistlichen Einfluss hat Johannes Paul II. Ihrer Meinung nach auf das Pontifikat von Franziskus?

Weigel: Meiner Meinung nach sieht man diesen Einfluss schon am Umstand, dass diese Kanonisierung an dem auf Initiative Johannes Pauls II. entstandenen Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit vollzogen wird und die Barmherzigkeit Gottes das zentrale Thema des Pontifikats von Franziskus bildet. Daraus wird deutlich, dass eine klare und tiefe Verbindung zwischen diesen beiden Menschen existiert. Ein weiteres Element ist die Suche nach Sinn in der heutigen Welt. Die Welt ist sich oft nicht über ihre Wünsche im Klaren. Das Gewebe der Menschheit weist tiefe Verletzungen auf und die göttliche Barmherzigkeit ist die geeignetste und wirkungsvollste Antwort, die die Kirche zu geben vermag.