Johannes Paul II. entdecken heißt, sich Gott nähern

Vortrag über Pontifikat, Einfluss und Wunder des „großen“ Papstes

| 1786 klicks

WIEN, 20. Mai 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den der Vorsitzende der historischen Kommission zur Seligsprechung von Papst Johannes Paul II., Msgr. Michele Jagosz, am 15. Mai in der Wiener Innenstadt über „Die Wunder des Johannes Paul II.“ gehalten hat. Monsignore Jagosz, ein Bekannter des verstorbenen Papstes, war auf Einladung der Johannesgemeinschaft aus Rom angereist.

Der direkte Vorgänger von Benedikt XVI. habe Charismen vieler Menschen entdeckt und gefördert, und in besonderer Weise die Talente junger Leute. „Er blickte in die Augen der Menschen, denn die Augen sind der Spiegel der Seele. Wenn er in die Augen schaute, dann wollte er zu den Seelen der Menschen gelangen. Er lehrte sie, die Wunder Gottes in der Schöpfung zu erkennen, in der Natur; den Sinn der Menschlichkeit zu entdecken, die Schönheit der menschlichen Liebe. Er verneigte sich mit Respekt vor der Heiligkeit der Menschen, vor allem der Laien.“

* * *


Ich war keineswegs erstaunt, als man mich bat, über die Wunder von Johannes Paul II. zu sprechen. Zahlreiche Publikationen sprechen von ihnen; es wurde sogar von Juan Garcia del Santo ein Film über diese Wunder produziert.

Aber man kann auch sein Pontifikat an sich als ein Wunder bezeichnen. Sind nicht die tausenden Menschen, die täglich sein Grab besuchen, ein einzigartiges Phänomen? Ist all das nicht das Zeichen einer Sehnsucht, ihm zu begegnen, ihn zu hören oder sogar zu berühren, die man schon zu seinen Lebzeiten beobachten konnte?

146 Mal reiste er innerhalb Italiens. Er besuchte 129 Länder – 543 Tage seines 9.665 Tage andauernden Pontifikates verbrachte er auf Reisen im Ausland, wo er 617 Städte besuchte. 266 Tage verbrachte er auf Reisen innerhalb Italiens. In Summe war er zwei Jahre lang unterwegs, das entspricht 5,71 Prozent seines Pontifikates.

Er legte fast 1,5 Millionen Kilometer zurück, was einem Zehnfachen der Entfernung des Mondes zur Erde entspricht.

Er besuchte von 332 römischen Pfarreien 301. Fast 17,5 Millionen Menschen begegneten ihm auf Generalaudienzen, diejenigen nicht mitgezählt, die er jedes Jahr in privaten Audienzen empfing. Kein Mensch hat jemals in der Geschichte unserer Erde so viele Menschen aus so vielen unterschiedlichen Kulturen gesehen.

Und euch erreichen nun die Nachrichten vieler Wunder, die sich bei seinem Grab ereignen, aber nicht nur dort. Ihr habt von der Heilung von Schwester Maria Simon Pierre Normand in Frankreich gehört, die an Parkinson litt, derselben Krankheit, die auch der Papst ertragen musste. Vielleicht habt ihr auch von den kinderlosen Ehepaaren gehört, die dank der Fürbitte dieses Dieners Gottes mit Kindern beschenkt wurden. Ihr kennt auch den Formel-1-Rennfahrer Kubica, der den glücklichen Ausgang seines Unfalls während eines Rennens ihm zuschreibt.

Die wunderbare Heilung der zuvor erwähnten Nonne wird von Ärzten des medizinischen Beratungsteams untersucht. Später sind die Theologen an der Reihe, dann Kardinäle und zuletzt wird vom Heiligen Vater ein Dekret unterzeichnet, das der Seligsprechung vorangeht. Dieses mutmaßliche Wunder wurde der Heiligsprechungskongregation zur Überprüfung übermittelt. Es ist eines von vielen, die seinen Ruf der Heiligkeit und die Wunder bestätigen, die notwendig sind, um den Seligsprechungsprozess einzuleiten.

Es fehlte nicht an wunderbaren Zeichen in seinem Leben; diese werden aber nicht während des Seligsprechungsprozesses studiert. Sie untermauern aber seine persönliche Heiligkeit.

Ein unbestreitbares Wunder war die Rettung seines Lebens nach dem Attentat am Petersplatz am 13. Mai 1981. Der Attentäter selbst wunderte sich, wie es möglich war, dass nach solch gezielten Schüssen das Opfer immer noch überleben konnte. Während des zweiten Weltkrieges entging er der Inhaftierung in ein Lager und überlebte einen Verkehrsunfall in Krakau.

Für uns Polen ist auch seine Wahl zum Papst ein Ereignis, das in die Kategorie „Wunder“ fällt. Der erste Pole auf dem Stuhl Petri nach 264 Päpsten, der erste Nicht-Italiener seit 455 Jahren. So wie es Kardinal König aus Wien vorausgesehen hatte, bedeutete die Wahl des Bischofs von Krakau zum Papst ein Erdbeben für ganz Osteuropa.

Die polnischen Kommunisten mussten von da an die ständige Präsenz der Kirche im öffentlichen wie im spirituellen Leben der Polen akzeptieren. Vorher hatten sie sich noch vorgemacht, dass sie den Kampf gegen die Wahrheit gewinnen könnten, die sie als größtes Hindernis im Erhalten der unbegrenzten Macht erachteten. Die Ausschaltung der Kirche aus dem öffentlichen Leben war eines der obersten Ziele der Regierung der Volksrepublik Polen.

Als Präsident Vaclav Havel Papst Johannes Paul II. anlässlich seines Aufenthalts in Tschechien, in Prag, begrüßte, nannte er den Fall des Kommunismus ein „Wunder“. Davor war schon die Berliner Mauer gefallen, die Deutschland teilte. Auch dieses Ereignis wird – wie der Fall des Kommunismus – allgemein Johannes Paul II. zugeschrieben.

Ich rufe noch ein paar Daten in Erinnerung: 25. März 1984: Der Papst weiht am Petersplatz vor einer Statue der Madonna von Fatima die ganze Welt und vor allem Russland der Mutter Gottes. Im nachfolgenden Jahr gelang Michael Gorbatschow an die Macht, und am 8. März 1991, am Tag der unbefleckten Empfängnis Mariens, erfolgte der Zerfall der Sowjetunion. Den Einwohnern Österreichs ist das alles bekannt, da auch euer Land dem Rosenkranz-Kreuzzug die Freiheit von den Okkupanten verdankte.

Der Fall dieses totalitären Regimes erfolgte nicht durch eine Revolution, durch Blutvergießen – der Papst verfügte nicht über Divisionen –, sondern durch eine Revolution des Gewissens, die sich in ganz Ost-Mittel-Europa ausbreitete, durch den christlichen Humanismus im respektvollen Dialog mit der anderen Seite, in der Überzeugung, dass das Gute über das Böse triumphieren wird, dass letzten Endes das Wort nicht der Lüge gehört und nicht der Gewalt, sondern dem Frieden und der Liebe.

Die Konfrontation mit dem Reich des Bösen vollzog sich durch einen kulturellen Widerstand gegen die Tyrannei, da das erste Recht des Menschen sein Recht auf Religion ist.

Auf ähnliche Weise strebte er danach, das kapitalistische System zu verändern. Der Glaube kann der Faktor sein, der zur Befreiung des Menschen führt. Die Antriebskraft der Geschichte ist die Kultur, und das Herz der Kultur ist der Kult, also die Religion.

Auch die Millionen von Teilnehmern an den Weltjugendtagen kann in diesen Zeiten als ein Wunder angesehen werden. Ich denke hier besonders an die vielen Millionen in Malina, Czestochowa, Denver, Paris, Rom im Jahr der Erlösung 1984 und im Jubiläumsjahr 2000. Wie verschämt müssen all jene gewesen sein, die eine solche Antwort der Jugendlichen nicht erwartet hatten, auch wenn sie nicht den Mut besaßen, ihre Niedereinlage einzugestehen! Und umso mehr sollten sich jene schämen, die alles unternahmen, um diesen Erfolg zu verhindern, zum Beispiel durch Gegenveranstaltungen.

Ebenfalls als Wunder kann die Anteilnahme der Menschen am Leiden des sterbenden Papstes und ihre Teilnahme am Begräbnis angesehen werden. Vor kurzem sprach ich mit einem Muslim, der zwölf Stunden in der Schlange wartete, um dem verstorbenen Papst die letzte Ehre zu erweisen. Und ein anderer hinterließ in der Basilika Santa Maria Maggiore ein Kärtchen, auf dem geschrieben stand, dass er den Tod des Papstes wie den Verlust eines Vaters empfunden hatte und er selbst nun ebenfalls als Christ sterben wolle.

Auch die Versammlung der Führer verschiedenster Religionen zum Gebet in Assisi 1986 und die gleichzeitige Waffenruhe in den gefährlichsten Krisenregionen der Welt kann als ein Wunder gesehen werden.

Die Christen fühlten sich geborgen in einer pluralistischen Welt, wenn sie zu Weihnachten am Petersplatz einen Weihnachtsbaum und eine Krippe sahen, Symbole, die zunehmend verschwinden. Sie fühlten sich sicher, wenn sie ihren Glauben manifestieren konnten, zum Beispiel durch Fronleichnams-Prozessionen in den Straßen der Stadt. Diese Prozessionen wurden immer begleitet von gutem Wetter, ähnlich wie die Pilgertreffen mit Papst zu seinen Mittwochsaudienzen. Das bestätigte mir vor kurzem auch ein Schweizer, der fünf Jahre lang in der Schweizer Garde im Vatikan diente.

Ich selbst bin auch Zeuge wunderbarer Prozessionen zu Ehren des heiligen Stanislaus anlässlich Fronleichnams. Oft begann der Regen erst gegen Ende der Prozessionen. Aber es ist mir auch bekannt, dass unser Hirte am Vortag nach Kalvaria Zebrzydowska pilgerte und dort um Früchte dieser Unternehmungen betete.

Er entdeckte und förderte Charismen von Menschen, vor allem die Talente junger Leute. Er blickte in die Augen der Menschen, denn die Augen sind der Spiegel der Seele. Wenn er in die Augen schaute, dann wollte er zu den Seelen der Menschen gelangen. Er lehrte sie, die Wunder Gottes in der Schöpfung zu erkennen, in der Natur; den Sinn der Menschlichkeit zu entdecken, die Schönheit der menschlichen Liebe. Er verneigte sich mit Respekt vor der Heiligkeit der Menschen, vor allem der Laien.

Während seines Pontifikates sprach er 482 Menschen heilig und 1.338 selig, darunter 248 heilige und 274 selige Laien. Auf diese Weise bewies er, dass das Christentum auch heute wirkt, da der Heilige ein Beweis für die andauernde Aktualität des Ideals von Christus ist. Er bewies, dass wir unter den verschiedensten Bedingungen dieses Ideal realisieren können, sogar dann, wenn man für diesen Glauben mit dem Märtyrertod bezahlen muss.

Unter den 482 Heiligen sind 402 Märtyrer, und unter den 1.338 Seligen sind 1.032 Märtyrer. Er ermahnte uns, das Gedächtnis der Märtyrer unserer Zeiten zu bewahren, etwa der Armenier 1915, der Mexikaner zwischen 1915 und 1935), der Spanier von 1936 bis 1938, der Mittel- und Ost-Europäer während des zweiten Weltkrieges, der Ost-Europäer während des Kommunismus und heute der Südamerikaner, der Afrikaner wie der Asiaten.

Er rief zur Solidarität der Menschheit mit den Bedürftigen und den armen Ländern auf, er forderte eine gerechte Aufteilung der Güter in seinen Sozial-Enzykliken „Laborem exercens“, „Populorum progresso“, „Solecitudo rei socilias“, „Centesims annus“.

Um Afrika im Kampf gegen die Dürre beizustehen, gründete er 1984 die Sahel-Stiftung; im Jahr 1992 gründete er die Stiftung „Populorum Progresso“ für Lateinamerika, 1994 zwei päpstliche Akademien (eine zum Schutz des Lebens und eine für Sozialwissenschaften) und einen Pastoralrat für Angelegenheiten des Gesundheitswesens. Für den Dialog mit den Kulturen und den Künstlern wurde der Päpstliche Rat für die Kultur gegründet, denn wenn Kultur der Motor der Geschichte ist, dann müssen sich die Marktwirtschaft und die demokratische Gesellschaft auf dem Fundament der moralischen Kultur entwickeln, die fähig ist, das Potential an menschlicher Energie, das durch Freiheit freigesetzt wird, zu disziplinieren und zu leiten.

Die zahlreichen Interviews mit Journalisten, aber vor allem auch der Telefonanruf in der TV-Show von Porta Bruna Vespa am 16. 10. 1998 anlässlich seines zwanzigjährigen Pontifikates zeugen von seiner Fähigkeit, mit den Massenmedien umzugehen. Anlässlich des 26. Jahres seines Pontifikates fand im Vatikan ein Konzert des Chores der Roten Armee statt.

Er regte die Gründung des Institutes für Ehe und Familie an der Päpstlichen Lateranuniversität und ihren Filialen in Washington, Mexiko und Valencia an. Es bestätigt sich, dass sich Ideen in Institutionen verändern können.

Es verlangte viel Mut, in Fragen der Souveränität seines Heimatlandes einen Brief direkt an Breschnew zu richten, während des Falklandkrieges nach Großbritannien und Argentinien zu reisen, den Fall Galileo neu untersuchen zu lassen und sich dafür einzusetzen, dass das sandinistische Regime in Nicaragua klein beigab. Es war auch mutig, einen Dialog mit Deng Xiaoping aufnehmen zu wollen, die Revolution auf den Philippinen zu unterstützen, der Krise im Persischen Golf die Stirn zu bieten, nach Sarajewo zu reisen, in den Libanon und nach Cuba, in Krisenherde, wo er oft sein Leben riskierte. Mut bewies er auch, als er sich gegen den Krieg im Irak aussprach, als er sich mit jungen Moslems in Casablanca traf, als er als erster Papst eine Synagoge besuchte, eine Mosche oder protestantische Kirchen.

Während seiner Ansprache vor der UNO im Jahr 1995 beschrieb er das Streben nach Freiheit als eine der stärksten Antriebskräfte in der Geschichte der Menschheit; eine Freiheit, die sich in großer Gefahr befinde, aufgrund des falschen Verständnisses von Freiheit als Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit, was vor allem die Wirtschaft in den Entwicklungsländern anbelangt.

In 20 Jahren konnte der Apostolische Stuhl diplomatische Beziehungen mit 64 Staaten aufnehmen und mit sechs Staaten die Beziehungen wieder aufnehmen. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der vollen diplomatischen Vertretungen auf 168.

Charakterisierung seiner Person:

Er respektierte jede Person, er war geduldig und in bestimmten Situationen wartete er den Zeitpunkt ab, damit sich niemand angegriffen fühlen würde. Das war keine Schwäche, sondern er schätze Kompetenz und erlaubte Selbstständigkeit. Er vertraute seinen Mitarbeitern.

Er hörte gerne anderen zu. In Gesprächen hörte er vor allem zu.

In der Enzyklika „Redemptoris missio“ aus dem Jahr 1991 gab er zu verstehen, dass die Kirche der Zukunft, wenn sie das Evangelium in die Welt hinausträgt, dieses vorschlagen und nicht aufdrängen werde.

Im Brief an die Frauen „Mulieris dignitatem“ wies er auf die weibliche Genialität in der Gemeinschaft der Gläubigen hin. Er hinterließ eine innovative Theologie des Leibes. Die sexuelle Liebe ist ein Bild des inneren Lebens Gottes, ein Zeichen des liebenden Charakters der Beziehung Gottes mit der Welt. Das unterscheidet sich grundlegend von den Botschaften der so genannten sexuellen Revolution. Den Sinn des menschlichen Lebens soll im Sich-selbst-Hingeben gefunden werden und nicht im Aufdrängen des eigenen Willens. Uneigennützige Liebe ist der Weg, auf dem die menschliche Liebe ihre Vollendung finden wird.

Das Ideal Johannes Pauls II. war ein Zeuge, der ein Leben in Übereinstimmung mit der Wahrheit lebt. So verstand er auch seinen päpstlichen Dienst. Er wurde lieber beleidigt, als dass er beleidigte. Keine Beleidigung konnte ihn dazu bringen, etwas als wahr anzusehen, das er als falsch erachtete, erzählte der Philosoph Rocco Buttiglione in George Weigels Biographie.

Falls die Kirche in der Zukunft Johannes Paul II. den Beinahmen „der Große“ erteilen wird, dann auch aus dem folgenden Grund: In verschiedenen gefährlichen Momenten, als Barbaren die Zivilisation bedrohten, brachte die Kirchen Helden hervor, die der Gefahr die Stirn boten und den Menschen Hoffnung gaben. Im Fall von Leo dem Großen in den Jahren 440 bis 461 waren diese Barbaren Attila und die Hunnen. Bei Gregor dem Großen von 590 bis 604 waren es die Langobarden. Im Fall von Johannes Paul II. sind die Barbaren, die die Zivilisation bedrohen, der falsche Humanismus, der im Nahmen der Menschheit eine neuartige Tyrannei errichtete und Menschen gewaltiges Leid brachte. Es genügt, an Ausschwitz zu erinnern, oder an den Archipel Gulag. So etwas passiert, wenn Nützlichkeit der alleinige Maßstab für den Wert eines Menschenlebens ist. Darum verkündete er schon immer: „Ihr seid größer, als ihr ahnt; größer, als es euch die gegenwärtige Zivilisation zu glauben erlaubt“ (Weigel S. 1096, 1097).

Dieses Pontifikat wird den tiefsten Einfluss auf die Welt seit der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert gehabt haben. Ähnlich wie die Gegenreformation und das Konzil von Trient bestimmten, dass die Kirche sichtbar sein müsse in der gegenwärtigen Welt, hat auch das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Lehre Johannes Paul II. während seines Pontifikates interpretierte, das Verhältnis der Kirche zu allem bestimmt, was in der modernen Welt geschieht. Und er hatte das Talent, den Leuten ins Gewissen zu reden, was ihm erlaubte, die Führung in der politischen Szene des 21. Jahrhunderts zu übernehmen. Es gibt zwei Flügel, mit denen sich die Menschheit zur Kontemplation der Wahrheit erhebt: Glaube und Vernunft. Fürchtet euch nicht vor der Vernunft, davon überzeugt uns die Enzyklika „Fides et ratio“.

Der Begriff „Barmherzigkeit“ ist ein Schlüssel zum Denken Johannes Pauls II. Barmherzigkeit war der Weg zum Ausbau des Dialoges mit den Juden und den Moslems während seines Pontifikates. Es finden sich ähnliche Vorstellungen im Islam und im Judentum. Für die Juden bedeutet die Erwählung zum auserwählten Volk Gottes, dass sie mit einer Mission in der Welt betraut wurden, dass heißt, dass sie Diener der Barmherzigkeit Gottes unter den Völkern sein mussten. Diese Idee übernahmen auch die Christen. Bei Muslimen wiederum wird von den 99 Namen Allahs am häufigsten der „Der Barmherzige“, „Der Liebende“ verwendet.

Johannes Paul II. kannte keine Furcht. Seine Unerschrockenheit entspringt aber nicht einem Gefühl der Unabhängigkeit von anderen, sondern sie ist christlicher Natur. Der Glaube beseitigt nicht die Angst, aber er ermöglicht seine Umgestaltung durch eine tiefe persönliche Begegnung mit Christus und seinem Kreuz, die uns von der Furcht befreit.

Er war ein heiterer und fröhlicher Mensch, ein Zeuge der Hoffnung, der der Welt den Wert des Seins und des Schöpfens bezeugen wollte; ein Zeuge der Hoffnung auf das ewige Leben. Er war vollkommen überzeugt davon, dass das Böse weder grundsätzlich ist, noch ewig, und er hatte das Bewusstsein, dass die christlichte Freude sich aus dem Wissen speist, dass Christus endgültig über das Böse triumphieren wird.

Täglich erhob er betend die Leiden der Welt vor das Angesicht Gottes, was seine karmelitische Intuition noch bestärkte, dass alle Wege der Wahrheit und des Sieges schließlich nach Golgatha führen, zum Kreuz.

Er blieb ein Mensch mit der tiefen Überzeugung, dass alles seine Zeit habe. Die Zeit beurteilt eine Idee und einen Plan, und niemand sollte versuchen, diesen Prozess künstlich zu beschleunigen. Der Papst erwartete nicht, dass jede intellektuelle und seelsorgerische Anstrengung, die er unternahm, in messbaren Erfolgen mündete. In einigen Fällen war er schon zufrieden, wenn er der Kirche einfach Ideen einimpfen konnte, die vielleicht erst viele Jahre nach seinem Tod Früchte bringen würden.

Dieses Pontifikat wurzelte in der Tradition, aber es war kein traditionalistisches Pontifikat, denn es vergaß nie die Verbindung von Tradition und Innovation, Beständigkeit und Dynamik der Kirche. Diese Aufforderung zum Leben ohne Angst veränderte das Leben von vielen Menschen. Dadurch, dass er solch eine Forderung stellte, änderte Johannes Paul II. den Lauf der Geschichte.

Zwei Drittel aller Polen behaupten, dass das Pontifikat von Johannes Paul II. ihr Leben verändert habe. 79 Prozent erklären, dass sie ihr Leben gemäß den Weisungen von Johannes Paul II. gestalten.

Auch Ihr fürchtet euch nicht! Papst Johannes Paul II. entdecken heißt, sich Gott nähern.

[Vom Vortragenden zur Verfügung gestelltes Manuskript; Adaptierung durch ZENIT]