Johannes Paul II. im Zeugnis eines muslimischen Politikers

Wegbereiter des muslimisch-christlichen Dialogs

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von Mohammad ad Al-Sammak*

ROM, Montag, 2. Mai 2011 (ZENIT.org). –Der politische Berater des Großmuftis des Libanon, Mohammad ad Al-Sammak, Teilnehmer der besonderen Synode für den Libanon 1994, erzählt über seine Begegnungen mit der Gestalt des früheren Papstes und der Bedeutung von Johannes Paul II. für die Beziehung zwischen Muslimen und Christen.

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Zum ersten Mal seit 34 Jahren Unterbrechung hatte ein Zug die Schwelle des Vatikans passiert. Es war der 24. Januar 2002. Die Station Vatikan war damals noch nicht permanent elektrisch versorgt, weswegen ein spezieller Zug an die Lokomotive angehängt wurde, um den Zug des Papstes zur ersten elektrischen Eisenbahnstation in Rom in zwei Kilometer Entfernung zu befördern.

Es wurden sechs Eisenbahnwagen zur Verfügung gestellt, um den Papst und seine Gäste – von denen ich einer war – nach Assisi zu bringen, zum Grab des hl. Franziskus, dem ersten Christen, der eine theologische Debatte mit den Muslimen geführt hatte. Diese fand während der Kriege der Franken – den Kreuzzügen – in Dumiat in Ägypten statt. Das war wahrscheinlich der Grund dafür, warum der verstorbene Papst sich für Assisi entschieden hatte, um dort im Jahr 1986 seine erste weltweite Initiative zum Dialog zwischen den Religionen zu eröffnen. Und dort wollte er auch seine Initiative 2002 stattfinden lassen. Der jetzige Papst Benedikt XVI. bereitet zurzeit ebenfalls in Erinnerung an diese Initiative ein Treffen für einen  Dialog vor.

Von Assisi aus richtete Johannes Paul II. seinen Appell an die ganze Menschheit, in dem er versicherte, „dass die zerbrochene soziale und moralische Ordnung gänzlich wiederherzustellen bedeutet, eine Vereinigung zwischen Gerechtigkeit und Verzeihung zu schaffen, da die Säulen des wahren Friedens die Gerechtigkeit und die Verzeihung, eine spezielle Form der Liebe, sind“. Er war vom Propheten Jesaja inspiriert, der gesagt hatte, dass „Frieden in Wahrheit bedeutet, die Gerechtigkeit walten zu lassen“.

Nach Meinung des verstorbenen Papstes „ist der Terrorismus Kind eines fanatischen Fundamentalismus, der aus der Überzeugung geboren wird, allen die Akzeptanz der eigenen Vision von Wahrheit auferlegen zu können. Die Wahrheit aber, auch wenn sie angenommen wird – und dies geschieht immer auf eine eingeschränkte und vervollkommnungsfähige Art – kann niemals aufgedrängt werden. Die Achtung vor der Überzeugung des anderen, in dem sich das Bild Gottes selbst spiegelt, erlaubt nur, dem anderen die Wahrheit vorzustellen, dem es dann allein obliegt, sie verantwortungsvoll anzunehmen. Einem anderen mit Gewalt aufdrängen zu wollen, was man für die Wahrheit hält, bedeutet, die Würde des Menschsein zu verletzen und letzten Endes auch Gott zu beleidigen, dessen Abbild er ist.“

Das erste Mal, als ich Johannes Paul II. begegnete, war 1987 während seines offiziellen Besuchs auf Malta. Es war das erste Mal, dass der Papst den Inselstaat besuchte. Dort nahm ich an einem internationalen Zusammentreffen in der Hauptstadt La Valletta teil. Der Erzbischof dieser Stadt stellte mich zusammen mit den anderen Teilnehmern, die sowohl aus arabischen, als auch aus westlichen Staaten kamen, dem Papst vor. Kaum hatte der Erzbischof meinen Namen und die Nation meiner Herkunft genannt, nahm der Papst meine Hand in seine eigenen Hände und sagte zu mir: „Aus dem Libanon?“...und, „Was macht ihr für den Libanon?“ Meine direkte Antwort war: „Was macht ihr für den Libanon?“ In dieser Zeit tobte der Bürgerkrieg im Libanon in einer seiner schlimmsten Phasen. Die Opfer stürzten auf den Straßen, die Häuser brachen unter der Gewalt der Bombardements zusammen und die Lagerhäuser brannten, von denen viele Vieh und Ernteerträge enthielten.

Der Papst war überrascht von meiner Antwort und im Gesicht ein wenig errötet antwortete er mir: „Man wird sehen, was wir für den Libanon tun können...Mein Sohn, die Zeit ist nicht günstig, mehr zu sagen“. Sieben Jahre nach diesem Treffen wurde auf Wunsch des Papstes  im Jahre 1994 im Vatikan eine Synode speziell für den Libanon einberufen, der darauf bestanden hatte, dass dort Repräsentanten aller muslimischen Konfessionen aus dem Libanon teilnahmen,  nicht nur als Beobachter, sondern als echte und eigenständige Teilnehmer. Diese Einladung war eine absolute Neuheit in der Geschichte der einberufenen Synoden im Vatikan. Kein Muslim war jemals vorher eingeladen worden, an einer Synode speziell für Asien oder Afrika teilzunehmen.

Bei der Eröffnungssitzung näherte ich mich dem Papst und fragte ihn: „Erinnern Sie sich an unser Gespräch auf Malta?“ Er fragte mich: „Welches Gespräch?“ Ich antwortete: „Das über den Libanon“.

Und plötzlich leuchteten seine Augen und er drückte meine Hände und sagte zu mir: „Sie sind es! Ich erinnere mich aber nicht an Ihren Namen. Es tut mir leid. Dennoch habe ich niemals unsere kurze Unterhaltung vergessen. Ich bin sehr glücklich über die muslimische Teilnahme an der Synode. Und ich bin glücklich, dass gerade Sie hier bei uns sind“. 

Die Synode über den Libanon dauerte einen ganzen Monat und ich nahm daran für drei Wochen teil, im Laufe derer ich mich zwei mal am Tag mit dem Papst traf, einmal am Morgen und einmal am Nachmittag.Bei all diesen Gelegenheiten zeigte er mir gegenüber große Zuneigung und Leutseligkeit. Während eines privaten Abendessens in seiner Wohnung im Vatikan waren wir im Ganzen acht Personen und wurden überrascht von einer ehrenhaften Initiative des Papstes, der darauf bestanden hatte, dass das Abendessen mit Rücksicht auf unsere islamischen Gepflogenheiten nur mit Wasser und Orangensaft serviert wurde.

Und während eines Freitags bei der Synode schickte ich dem Generalsekretär der Synode, Kardinal Scott, ein Schreiben, um ihn zu informieren, dass ich die Synodenaula verlassen hätte, um mich zum Freitagsgebet in die römische Moschee zu begeben, mit der Bitte, dass meine Abwesenheit von den Teilnehmern nicht missverstanden würde. Der Kardinal gab seine Zustimmung, ergriff aber außerdem die Gelegenheit, den Inhalt des Schreibens mit dem Papst zu teilen, der neben ihm saß. Nach einem kurzen Austausch mit dem Heiligen Vater näherte er sich dem Mikrofon, informierte die Anwesenden über den Inhalt des Schreibens und fügte hinzu: „Der Heilige Vater äußert seinen ausdrücklichen Wunsch, dass unsere muslimischen Gäste (denn wir waren zu dritt, der Richter Abbas Halabi, Repräsentant der Konfession der Drusen, Doktor Saed El-Maula, Repräsentant des höchsten schiitischen Rates und ich) für den guten Ausgang der Synode beten mögen.“

Dies war eine in jeder Hinsicht unerhörte Geste. Der Papst, Oberhaupt der katholischen Kirche, der einen Muslim bittet, für den guten Ausgang eines christlichen Zusammentreffens, das im Vatikan stattfindet, zu beten, unter dem Vorsitz des Papstes selber und unter Anwesenheit zahlreicher Kardinäle, Patriarchen und Bischöfe!!

Während des Abendessens, über das ich im vorangegangenen Bericht gesprochen habe, erzählte mir Johannes Paul II. die Geschichte über den Bau der Moschee und des muslimischen Zentrums in Rom. Er erzählte mir, dass ihm eines Tages der Bürgermeister der Hauptstadt einen Besuch abstattete und einen offiziellen Brief der Botschafter der islamischen Nationen bei sich trug, indem sie ihren gemeinsamen Wunsch ausdrückten, eine Moschee bauen zu wollen und fragte, was er davon halte. Der Papst drückte nicht nur sein Einverständnis aus, sondern bat auch den Bürgermeister, das Gebiet für den Bau der Moschee und des kulturellen Zentrums unentgeltlich zur Verfügung zu stellen.

Und als ich dann im Mai 1997 den Libanon besuchte, wo ich die apostolische Exhortation vorstellte, Frucht der Arbeiten der besonderen Synode für den Libanon, widmete ich der nationalen Einheit zwischen Muslimen und Christen besonderes Augenmerk und wies darauf hin, wie wichtig es sei, das Band zwischen muslimischen und christlichen Arabern zu festigen und auf die besondere Rolle, die bei diesen Bemühungen den Christen des Libanon zukomme. An diesem Tag stellte ich klar, dass der Libanon mehr als eine Nation ist, dass ihm eine Botschaft innewohnt. Und dass uns Bewohnern des Libanon die Aufgabe zukommt, auf der Höhe dieser vornehmen Botschaft zu sein.

Im Hinblick auf die islamisch-christlichen Beziehungen im Allgemeinen ergriff der Papst  als Erster verschiedene Maßnahmen, die Brücken zum gegenseitigen Verständnis und der Brüderlichkeit schlugen. Man bedenke zum Beispiel, dass er niemals eine Religion grundsätzlich mit dem Terrorismus verbunden hat. Stellt euch vor, er hätte niemals ein islamisch-christliches Zusammentreffen auf hohem Niveau im Vatikan abgehalten, auf dem er erklärte, dass die Religion – jede Religion – die Veranlagung habe, terroristische Züge anzunehmen. Und der Islam deshalb nicht Quelle des Terrorismus sei. Stellt euch vor, er hätte das Gegenteil getan und die Positionen einzelner Pastoren des messianischen Zionismus aus den Vereinigten Staaten übernommen, wie die von Jerry Followell, Franklin Graham, Batt Robertson, Hall Lindsay und anderen...Stellt euch vor, er hätte einfach geschwiegen, und sein Schweigen wäre wie ein zustimmendes Schweigen interpretiert worden. Wo gäbe es heute islamisch-christliche Beziehungen?

Stellt euch vor, der Papst hätte sich nicht in Opposition gegen den anglo-amerikanischen Krieg gegen den Irak gestellt. Stellt euch vor, was wäre, wenn er nicht gesagt hätte, dass dieser unmoralisch und ungerechtfertigt gewesen sei. Stellt euch auch vor, er hätte sich so ausgedrückt, wie Washington und London es gewollt hätten. Was wäre dann aus den islamisch-christlichen Beziehungen geworden?

Es ist trotz allem traurig und eine Schande, dass die Christen im mittleren Orient und besonders die Christen im Irak angefeindet und beschimpft werden. Auch als der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Georg W. Bush, erklärte, dass der Krieg im Irak ein neuer Kreuzzug sei, erwiderte der Papst, dass dieser Krieg den christlichen Werten entgegengesetzt sei. Ein Vierteljahrhundert verwandte er darauf, die Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils in die Tat umzusetzen, die später die Hauptrichtlinien für das Leben der Kirche wurden, besonders wenn man die Beziehungen zwischen Katholiken und den anderen Religionen und Konfessionen betrachtet. Johannes Paul II. rief viele Initiativen ins Leben, die Brücken geschlagen haben, Brücken des gegenseitigen Respekts gegenüber den Gläubigen anderer Religionen.

Der verstorbene Papst hat hier ein wertvolles Erbe hinterlassen, an dem wir treu festhalten müssen und dem wir nicht den Rücken zukehren oder es in Vergessenheit geraten lassen dürfen. Eine Art, uns treu zu erweisen, ist die, weiterhin als Christen und Muslime gemeinsam zu arbeiten,  im Libanon, in der arabischen Welt und in den verschiedenen Gesellschaften des Orient und Okzident, damit sich unsere Beziehungen auf der Basis der Liebe und gegenseitigen Respekts gründen. Ich glaube, dass Johannes Paul II. mit großer spiritueller Tiefe das Wort Christi im Evangelium des Johannes verstanden hat: „Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten“ (Joh 10, 16). Er verstand dank seines reinen Glaubens die Bedeutung der anderen Schafe, das heißt, die Existenz der anderen, und die Bedeutung der Schattierungen des Glaubens an den einen Gott. So ist auch seine Offenheit dem anderen gegenüber zu verstehen, sein Respekt für ihn waren Ausdrucksformen seiner Akzeptanz der Unterschiede und sein Respekt für die Verschiedenheit. So hat er eine neue und leuchtende Seite in der Geschichte der islamisch-christlichen Beziehungen eröffnet, mit seiner starken Charakterisierung der Liebe. Und noch heute müssen wir diese Seite lesen und uns durch diesen Inhalt der Spiritualität und Liebe bereichern lassen.

Die Gesundheit des Papstes war nicht immer gut. Er hat oft unter den Nachwirkungen eines Unfalls gelitten, der sich zutrug, als er noch ein Jugendlicher war und in einem Steinbruch in Polen arbeitete. Außerdem erlitt er zwei Brüche am Knie und am Bein, als er einmal Ski fuhr. Später befielen ihn ein schweres Darmleiden und eine Krankheit der Artikulation. Aber er kämpfte erfolgreich dagegen an und wurde nicht vom Parkinson besiegt. Ohne Zweifel hatte das Attentat durch einen türkischen Jugendlichen, der während der Zeit des Kommunismus für den bulgarischen Geheimdienst arbeitete, die Auswirkungen all dieser Krankheiten noch verschlimmert.

Von da an wurden die Sicherheitsvorkehrungen während seiner Reisen und internationalen Besuche noch verstärkt, aber er hat die Bedeutung dieser Sicherheitsvorkehrungen herabgesetzt, indem er sagte: „Ich bin niemals Opfer eines Attentats geworden, außer auf dem auf dem Petersplatz!“ Er hat es sehr geschätzt, dank unserer Jungfrau Maria bei dem Attentat gerettet worden zu sein. Darum hat er sich in einem wunderschönen Dankgebet im Heiligtum der Fatima in Portugal an sie gewendet. Jedes Mal, wenn ich Rom besuche, komme ich zu seinem Grab im Vatikan, verweile in Verehrung an seinem Grab an und sage: „Es tut mir leid, Herr. Ich habe gesehen, was Sie für den Libanon getan haben...aber ich schäme mich, zu erzählen, was wir dort angerichtet haben.“

*Mohammad Al-Sammak ist politischer Berater des Großmufti des Libanon.

[Übersetzung aus dem Arabischen von Robert Cheaib, aus dem Italienischen von Anna Christine Finkbeiner]