Johannes Paul II. in Bulgarien: Am Vorposten Russlands auf dem Balkan

Analyse aus Sicht eines Nichtkatholiken: Schwieriger Boden für katholisch-orthodoxes Verhältnis

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SOFIA, 23. Mai 2002 (ZENIT.org-RNA/hg).- Wir drucken folgenden Beitrag des orthodoxen Theologen Heinz Gstrein ab, der für die Schweizer Reformierte Nachrichtenagentur schreibt.



Auf seiner 96. Auslandsreise besucht der Papst vom 23. bis 26. Mai Bulgarien, ein besonders neuralgisches Gebiet für Roms Beziehungen zu den orthodoxen Ostkirchen. Deshalb hatte sich diese Visite des sonst so reisefreudigen Johannes Paul II. jahrelang hinausgezögert.

Wenn der Papst am Donnerstagabend aus Aserbaidschan in der bulgarischen Hauptstadt Sofia eintrifft, wird er dort am Alexander-Newski-Platz vor der gleichnamigen orthodoxen Kathedrale begrüßt. Beide sind nach einem russischen Fürsten benannt, der die aus dem Baltikum vorstoßenden Deutsch-Ordens-Ritter besiegt und damit die Katholisierung Russlands verhindert hat.

Das ist nur eines der Zeichen dafür, dass sich Bulgarien als Ableger des "Heiligen Russland" in Südosteuropa versteht. Umgekehrt hatten die Russen ihre kirchenslawische Kultur den mittelalterlichen Bulgaren zu verdanken.

Dem erweist auch der Papst seine Reverenz, wenn er am Freitag in Sofia den Festtag der Slawenapostel und -lehrer Kyrill und Method mitfeiert. Wieder auf dem Alexander-Newski-Platz, der für das nach der Türkenherrschaft vor 125 Jahren wiedererstandene Bulgarien zum Symbol seiner Bindung an Russland und der Wachsamkeit dem römisch-katholischen Abendland gegenüber geworden ist.

Schließlich war Bulgarien auch das Land, wo schon vor 1150 Jahren zwischen dem römischen Papst und dem Patriarchen von Konstantinopel jener Streit um ihre Zuständigkeit auf dem Balkan ausbrach, der später zur völligen Trennung von Katholiken und Orthodoxen geführt hat. Kein Wunder, dass sich der Bulgarien-Besuch des sonst so reisefreudigen Papstes aus allen diesen Gründen lange hinausgezögert hat.

Bulgarien ist eben ein zentraler, aber auch besonders schwieriger Boden für das Verhältnis der Orthodoxie zum vatikanischen "Drang in den Osten". Eine verzögernde Rolle hat natürlich auch der Papstattentäter vom Mai 1981 gespielt, Ali Agca, dessen Hintermänner nach wie vor im damals erzkommunistischen und besonders religionsfeindlichen Bulgarien vermutet werden.