John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand. Empirische Aufklärung

Von Susan Gottlöber

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WÜRZBURG, 12. Juni 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wohl wenige Philosophen könnten von sich behaupten, so nachhaltig die politisch-gesellschaftliche Entwicklung des Westens beeinflusst zu haben wie der englische Aufklärer und Empirist John Locke (1632–1704), der zusammen mit David Hume (1711–1776) und George Berkeley (1684–1753) das Dreiergestirn der englischen Aufklärung bildete.

Schon dass im Geburtsjahr Lockes Galilei gerade die so folgenschwere Verteidigung des kopernikanischen heliozentrischen Weltbildes veröffentlichte, kann als ein Zeichen der Zeit gelesen werden, in die Locke hineingeboren wurde: Sie stand unter dem Stern tiefgreifender Veränderungen.

Über die philosophischen Kreise hinaus bekannt wurde Locke vor allen Dingen durch seine staatstheoretischen Arbeiten: Er gilt nicht nur als der Vordenker staatlich praktizierter Toleranz, sondern auch als maßgeblicher Wegbereiter liberalen Verfassungsdenkens. Nun bedarf eine solche Theorie einer (erkenntnis)theoretischen Fundierung. Fündig wird man da in einem der Hauptwerke Lockes, das bis heute als eine der meistgelesenen Schriften der Philosophiegeschichte gilt: sein 1689 erstmals erschienenes Werk „An Essay Concerning Human Understanding“. Locke, schon früh an (auf Beobachtungen beruhenden) medizinischen Erkenntnissen interessiert, entwickelt in dieser Abhandlung konsequenterweise die Erfahrung als Grundlage erkenntnistheoretischen Denkens. Nicht mehr Gott sollte die letzte Antwort auf den methodischen Zweifel sein, sondern die Empirie. Man spürt förmlich die Schule des Lockeschen Denkens: auf der einen Seite die scholastische Ausbildung, auf der anderen die intensive Auseinandersetzung mit dem Rationalismus Descartes.

Das in vier Bücher aufgeteilte Werk setzt sich – der Titel lässt es schon vermuten – mit der menschlichen Erkenntnis auseinander. Dabei geht es Locke um mehr als eine rein äußerliche Beschreibung: Wenn er die Natur des Verstehens thematisiert, dann meint er nicht weniger als eine Ontologie, eine Bestimmung des innersten Wesens des menschlichen Verstandes. Die Hauptargumentation konzentriert sich dabei auf die Widerlegung des Innatismus, also der Annahme, die Ideen seien dem Menschen angeboren (wie sie übrigens interessanterweise in der Theorie der von Chomsky inspirierten „Universalen Grammatik“ als Lehre von den angeborenen und weitervererbten Strukturen wieder auftaucht).

Von angeborenen Ideen, der erste Teil der Schrift, zielt auf die Widerlegung des Gedankens auf pragmatischer Basis. Wenn sprachliche Ausdrücke weder direkt noch indirekt (über semantische Verbindung) mit Erfahrbarem in Verbindung gesetzt werden können, dann erweisen sie sich als inhaltslos. Aber auch wenn wir über keine eingeborenen Ideen und Prinzipien verfügen, sind wir als Menschen doch mit etwas viel Besserem ausgestattet: der Fähigkeit, diese Ideen anhand von Erfahrungen auszubilden. Da sich diese jedoch als jederzeit revidierbar herausstellen können, haben wir es genau genommen nie mit Wissen, sondern in der Regel mit mehr oder weniger wahrscheinlichem Glauben zu tun.

Sinnliche Wahrnehmung, die sowohl äußerlich als auch innerlich sein kann, ist also der Ausgangspunkt menschlicher Erkenntnis. Dementsprechend kann sich Locke nun im zweiten Buch mit den verschiedenen Klassifizierungen von Ideen auseinandersetzen, deren Eigenschaften erst durch die sinnliche Wahrnehmung der entsprechenden Objekte vermittelt werden. Diese konsequente Betonung individueller Erfahrung als Quelle aller Gewissheit hat maßgebliche Folgen: So wird der Tradition als gemeinschaftsstiftendes Element der Boden entzogen. Werte finden ihre Bestätigung nicht mehr in der Tradition, sondern erst in der Reflexion mit Hilfe der Lockeschen Methode. Es gibt wohl kaum Aussagen, die mehr als das Manifest eines Aufklärers gelesen werden können, dem wenig so zuwider ist wie die Vermeidung selbstständigen Denkens durch den Menschen und die damit verbundene Negierung seiner ihn erst zur menschlichen Person machenden Fähigkeiten.

Im dritten Buch befasst sich Locke mit der Funktion der Sprache und ihrem Einfluss auf die Wissensentstehung. Dass dieser Teil über die Bedeutung von Sprache (der nicht ursprünglich war und erst später eingeschoben wurde) gerade zwischen dem Ideenteil und der Frage nach Wissen steht, hat einen triftigen Grund: Locke orientiert sich damit an der Mittlerstellung der Sprache in der Realität. Denn auch dort bedarf die Erkenntnis einer semantischen Vermittlung zwischen ihr und dem Objekt. Dass gerade die Unvollkommenheit der Sprache häufig eine Grundlage für Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse ist, unterstreicht nur ihre Priorität. Denn die menschliche Person als kommunikatives Wesen bedarf dieser sprachlichen Relation, um überhaupt mit anderen Personen in Relation zu treten und damit gesellschaftsfähig zu werden. Infolgedessen haben Klarheit und Eindeutigkeit von Worten und ihren Bedeutungen oberste Priorität.

Aber wie kann man nun wissen, mit welchen Graden der Wahrscheinlichkeit man es bei Aussagen letztendlich zu tun hat? Dieses Themas nimmt sich Locke im vierten Buch an. Indem er zwischen intuitivem, demonstrativem und sensitivem Wissen unterscheidet, setzt er sich mit den zusammengesetzten Ideen und den Verhältnisbestimmungen von Wissen und religiösem Glauben auseinander. Während Ethik, mathematische Erkenntnisse (beide gelten für Locke als Wissenschaften im strengen Sinn) und das Wissen um die eigene Existenz und das Dasein Gottes intuitiv oder demonstrativ erschlossen und vermittelt werden, belegt die sinnliche Erkenntnis nur die Wahrnehmung von etwas jetzt in diesem Augenblick. Daraus kann man ableiten, dass genau genommen keine Naturwissenschaften (im Sinne eines exakten Wissens um die primären Qualitäten von Gegenständen) möglich sind, da wir uns hier immer in Meinungen und Wahrscheinlichkeiten bewegen.

Dass man hingegen religiöses Wissen nicht rational herleiten kann, zeigt für Locke nur auf, dass zwischen Glaube und Vernunft kein Widerspruch bestehen kann, da Glaubensbekenntnisse als Zustimmung zur Offenbarung auf dem Zeugnis Gottes beruhen und nicht über rein rationale Erkenntnis zugänglich sind. Aber die Grenzen müssen klar definiert sein – durch kein anderes Instrument als durch die Vernunft. Nirgends spürt man so deutlich wie in diesen Ausführungen Lockes tiefgreifendes Interesse für Toleranz (wie sie auch in seinem Werk „A Letter Concerning Toleration“ aus dem Jahr 1689 zum Ausdruck kommt) und seine tiefe Abneigung gegen alle ihr widersprechenden Positionen.

Die erkenntnistheoretischen Analysen Lockes erfuhren in den folgenden Jahrhunderten ein wechselvolles Schicksal: Lange im Mittelpunkt europäischen Denkens stehend (man denke nur an Leibniz und Wolff oder die französische Aufklärung), wurden sie danach von den jüngeren Denktraditionen vom Marxismus bis hin zum Existentialismus eher stiefmütterlich behandelt, um erst in den letzten Jahrzehnten durch die neuere Rezeption wieder stärker in den Blick genommen zu werden. Es ist zu hoffen, dass dies auch für eine maßgebliche Einsicht Lockes gilt: Um ihrer primären Stellung im Zwischenmenschlichen gerecht zu werden, sei es das oberste Ziel der Sprache, verstanden zu werden. Manch ein Philosoph scheint dies aus den Augen verloren zu haben.

[John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand. 2 Bände, Felix Meiner, Hamburg 2000 + 1998, 507 + 484 Seiten, jeweils EUR 19,80; Teil 27 der Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 7. Juni 2008]