Josef Pieper: Was heißt philosophieren? Staunen im Alltäglichen

Von Berthold Wald

| 2184 klicks

WÜRZBURG, 9. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Vor genau sechzig Jahren erschienen zwei Bücher, die ihren Autor in kurzer Zeit bekannt machten über die Grenzen des noch weitgehend isolierten Nachkriegs-Deutschland hinaus. Die Titel scheinen auf den ersten Blick ohne Zusammenhang. Sie lauten: „Was heißt Philosophieren?" und „Muße und Kult". Ihr Verfasser, der katholische Philosoph Josef Pieper, hatte im eigenen Land mit den Schriften „Vom Sinn der Tapferkeit" (1934), „Über die Hoffnung" (1935), vor allem aber mit seiner „Christenfibel" (1936), bereits während der nationalsozialistischen Diktatur grundlegende Orientierungshilfen geboten. Die beiden im Sommer 1947 verfassten Schriften sind von vergleichbarer Grundsätzlichkeit. Doch sind sie jetzt auf das wiedererlangte Leben in Freiheit bezogen. Der englische Literaturnobelpreisträger und Verleger T. S. Eliot hat beide 1952 in einem Band veröffentlicht unter dem Titel „Leisure. The basis of culture" und mit einem Vorwort versehen, das ihren einzigartigen philosophischen Rang deutlich macht. Gemeinsam gehören sie bis heute zum Grundbestand der philosophischen Einführungsliteratur in Amerika, wie auch „Was heißt Philosophieren?" für den deutschen Sprachraum den Status eines Klassikers besitzt, neben den Einführungen von Karl Jaspers (1950) und Martin Heidegger (1956).

„Muße und Kult", ein solcher Titel für ein philosophisches Buch mochte neugierig oder auch ratlos machen. „Was heißt Philosophieren?" war dagegen schon vom Titel her eine Provokation. Pieper berichtet in seiner Autobiographie, wie ihn der Dekan der Philosophischen Fakultät an der Universität Münster dazu gedrängt hat, den gleichnamigen Titel seiner ersten Vorlesung zu ändern und stattdessen die übliche Formulierung „Einführung in die Philosophie" zu wählen. Der ihm an sich wohlgesonnene Gerhard Krüger sah in der sachbezogenen Direktheit des Titels eine Verletzung der gebotenen „akademischen Diskretion". Mit der hatte Pieper nun wirklich nichts im Sinn - inmitten einer Trümmerlandschaft, die täglich deutlich vor Augen stellte, dass nicht bloß vieles neu gebaut, sondern grundlegend Wichtiges auch neu begründet werden musste. Dazu gehörte für ihn an erster Stelle eine öffentliche Diskussion über den Sinn des Philosophierens und die Grundlagen der abendländischen Kultur.

Wer eine Frage des Typs stellt: „Was heißt das?" will Auskunft in der Sache. Worterklärungen auf die Frage „Was bedeutet das?" können zwar eine erste Annäherung an die Sache leisten, aber nur dann, wenn sie nicht durch weitere Zusätze wie „...bei Platon", „...bei Kant", oder „...in der Antike", „...im Mittelalter" ins gelehrte historische Bescheidwissen umgebogen werden. Philosophieren ist für Pieper argumentieren in einer Sache, die andere Menschen gleichermaßen und immer schon angeht. Doch gehören diese anderen - auch über den Zeitenwandel hinweg - nur insoweit zur Gemeinschaft der Philosophierenden, als sie ihrerseits aus sachlichem Interesse fragen, und denen aus eben diesem Grund „zuzuhören sich lohnt". Es dürfte klar sein, dass sich mit dieser Kennzeichnung der Kreis der wahrhaft Philosophierenden erheblich einschränkt und ein großer Teil der geisteswissenschaftlich betriebenen Universitätsphilosophie nicht dazugehört. „Akademische Diskretion" ist insofern das untrügliche Kennzeichen einer berufsmäßig betriebenen Philosophie, welche die sokratische Frage nach der „Wahrheit der Dinge" zu vermeiden sucht und die aus dem gleichen Grund niemanden wirklich zu interessieren braucht.

Pieper spricht also mit Bedacht nicht von der Philosophie, sondern vom Akt des Philosophierens, von dem, was ihn unterscheidend kennzeichnet, heute und immer schon, was ihn ermöglicht, fördert aber auch verhindert und verfälscht. Erst von hier aus erschließt sich das Wesen der Philosophie, das ein begründetes Urteil erlaubt über deren jeweilige geschichtliche Gestalt. Philosophieren ist ein Grundverhalten zur Welt, worin die Frage nach der letzten Bedeutung von Welt und Dasein bestimmend wird. Möglichkeit wie Tatsächlichkeit einer solchen Frage geben in besonderer Weise Aufschluss über den Menschen, über sein Wesen ebenso wie über seinen faktischen Zustand als Mensch.

Doch wird nur der philosophisch fragen, der ein Gespür für die Unbegreiflichkeit der Existenz besitzt. Dieses Unbegreifliche kann auf verschiedenste Art anwesend sein: in der sich aller Vergänglichkeit widersetzenden Erfahrung der Liebe ebenso wie in der entgegengesetzten Erfahrung eines unwiderbringlichen Verlusts, wenn der Tod uns nimmt, was doch für immer zu uns gehören sollte. Dieselbe uns vertraute Wirklichkeit kann so mit einem Mal zutiefst rätselhaft werden, und alles Begegnende Anlass bieten zu Staunen und Verwunderung. Darum heißt Philosophieren „sich entfernen - nicht von den Dingen des Alltags, aber von den alltäglichen Deutungen, von den alltäglich geltenden Wertungen der Dinge". Im Alltäglichen das Erstaunliche zu gewahren, das sei der Anfang und der bleibende Ursprung des Philosophierens. Aus diesem innersten Verlangen nach umfassender Einsicht heraus sei der Philosophierende mit nichts weniger zufrieden als mit der ganzen Wahrheit. Es drängt ihn nicht bloß, dies oder jenes zu wissen, sondern was er sucht ist Einsicht und Weisheit, wie sie größer nicht gedacht werden kann: ein Wissen von solcher Art, wie es Gott allein besitzt.

Pieper ist sich durchaus bewusst, dass der im Anschluss an Platon formulierte existenzielle Sinn des Philosophierens dem heutigen Menschen irreal oder zumindest überzogen erscheinen muss. Dennoch hängt das so verstandene Philosophieren auf genaue Weise mit dem wesenhaften Sein des Menschen zusammen. Er kann beides vergessen und verdrängen, ohne es loszuwerden. Unter allen menschlichen Akten kommt dem Verlangen nach Einsicht eine schon in den Wissenschaften wie selbstverständlich unterstellte Unbeendlichkeit zu. Niemand bezweifelt das, aber kaum jemand wundert sich darüber, außer dem Philosophierenden. Er weiß, dass sein auf das Ganze der Wirklichkeit gerichtetes Verlangen nach Einsicht von ihm selbst nicht zu erfüllen ist. Doch indem er nicht ablässt von seinem Ziel, erweist er sich als ein Hoffender und wird darin zum Symbol für die menschliche Existenzsituation überhaupt. Zu ihr gehört wesentlich die Inkommensurabilität sinn-erschließender Akte, die als zutiefst beglückend erfahren werden können, nicht nur - und nicht einmal zuerst - der Akt des Philosophierens, sondern auch Dichtung, Musik und das Gebet. Sie lassen Grenzen des Menschlichen erkennen, die sie zugleich überschreiten. Gemeinsam ist ihnen die Haltung der Kontemplation, worin sich der innerste Sinn des Menschen vom Geheimnis der Dinge nährt. Hierher gehört auch das hörbereite Ernstnehmen der Zeugnisse religiöser Überlieferung. Diese spricht in einer sehr viel direkteren Weise vom Sinnganzen der menschlichen Existenz, und deshalb hat sich Platon dafür interessiert. Mit der christlichen Botschaft vom Ereignis der Menschwerdung Gottes öffnet sich kontrapunktisch zur Frage des Philosophierenden dem Glaubenden der „unausmessbar unbegreifliche Raum, worin sich menschliches Dasein zuträgt".

Doch ist der Bezug auf einen voraufliegenden Glauben kein spezifisches Element christlicher Philosophie, sondern das Kennzeichen allen echten Philosophierens. Es wäre nicht auszuschließen, dass Piepers Schrift „Was heißt philosophieren?" im Blick auf die Lage der Philosophie und den ursprünglichen Sinn des Philosophierens noch fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen zu einer inspirierenden Quelle der Enzyklika „Fides et Ratio" von 1998 geworden ist.

[Josef Pieper: Schriften zum Philosophiebegriff (Hrsg. Berthold Wald). Felix Meiner Verlag, Hamburg 2004, Seiten 15-70 (= Pieper, Werke, Bd. 3). ISBN13: 978-3- 7873-1666-3, EUR 36,-; ; Teil 57 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie", © Die Tagespost vom 27. Dezember 2008]