Jubiläum des ersten Martyrologiums im deutschsprachigen Raum

„Dem Papst ist es ein Anliegen, Märtyrer stärker in das öffentliche Bewusstsein zu bringen"

| 1946 klicks

ROM, 8. März 2010 (ZENIT.org).- Das erste Martyrologium im deutschsprachigen Raum ist inzwischen zehn Jahre alt. Im Jahr 1994 rief Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben "Tertio millennio adveniente" alle Bischofskonferenzen, und Kongregationen dazu auf, bis zum Jahr 2000 ein Martyrologium vorzulegen. Herausgeber des Deutschen Martyrologiums ist der Theologieprofessor Prälat Helmut Moll. Der Kölner Diözesanpriester hat unter anderem in Rom an der Universität Gregoriana und am Päpstlichen Bibelinstitut studiert, bei Professor Joseph Ratzinger in Regensburg promoviert und war von 1984 bis 1995 Mitarbeiter der Kongregation für die Glaubenslehre. Zudem war Moll von 1993 bis 2004 Konsultor der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse.

Seine Kenntnisse in den Kriterien der Heiligsprechung waren, neben anderem, Voraussetzung dafür, dass ihm die Deutsche Bischofskonferenz im Jahr 1996 die Herausgabe des Deutschen Martyrologiums anvertraute. Das zweibändige Projekt, das inzwischen mehr als 800 Einzelbeiträge umfasst, koordinierte Moll zentral von Köln aus. Im Jahr 1999 konnte es in Rom dem Papst übergeben werden. Am 7. Mai 2000 würdigte Johannes Paul II. die Martyrologien in einer ökumenischen Feier vor dem Kolosseum. Derzeit ist Prälat Moll in der Erzdiözese Beauftragter für Selig- und Heiligsprechungen und viel gefragter Ratgeber und Publizist in damit zusammenhängenden Angelegenheiten. Michaela Koller sprach mit ihm über die Kriterien der Aufnahme in die Liste der Märtyrer, die Entstehung des Projekts sowie über dessen Nachwirkung.

ZENIT: Sie haben kürzlich in Augsburg zur diözesanen Ausstellung über Märtyrer des 20. Jahrhunderts gesprochen. Wie steht diese Ausstellung im Zusammenhang mit dem von Ihnen herausgegebenen Martyrologium?

--Prälat Moll: Ich habe dort über „10 Jahre deutsches Martyrologium" gesprochen. Zudem ist die Wanderausstellung über die Augsburger Märtyrer seit fünf Jahren zu sehen. Im Jahr 1996 musste ich beim Nullpunkt beginnen, es gab keine Vorläufer für dieses Projekt und keine Arbeitsstelle zu Märtyrern des 20. Jahrhunderts. Die Initiative kam schließlich überraschend, nicht von den deutschen Bischöfen, die es mit 60.000 Euro gefördert haben, sondern vom Papst, der aus Polen kam, zudem aus der Nähe von Auschwitz. So haben wir in jedem Bistum einen Diözesanbeauftragten benötigt sowie je einen aus allen Kongregationen, Studentenverbindungen und katholischen Verbänden. Am Ende waren da 160 Mitarbeiter, die mindestens ein Lebensbild geschrieben haben.

ZENIT: Es gab auch vergleichbare Ausstellungen in weiteren deutschen Bistümern?

--Prälat Moll: Die Initiative ging von Köln aus. Wir haben gemerkt, dass es nicht ausreicht, nur das umfangreiche Deutsche Martyrologium anzubieten. So habe ich bereits 1998 ein kleines Kölner Martyrologium erstellt. Danach kam die Idee auf, eine entsprechende Ausstellung zu konzipieren. Seit neun Jahren gibt es zwei identische Ausstellungen im Erzbistum Köln, die ständig ausgebucht sind. Auf diese Weise erreichen wir viele Tausende Menschen, die ihre eigenen Märtyrer kennen lernen wollen. Auch die Erzbistümer Paderborn und Bamberg haben eigene Ausstellungen und Bamberg hat ein eigenes Martyrologium mit Lebensbildern aus dem Bistum.

ZENIT: Wie wird das Gedenken weitergetragen?

--Prälat Moll: Papst Johannes Paul II. hat in Rom in Sankt Bartholomäus auf der Tiberinsel eine Kirche den Märtyrern des 20. Jahrhunderts gewidmet, wo in allen Altären rechts und links des Kirchenschiffs bestimmte Märtyrergruppen und Zeitepochen des 20. Jahrhunderts herausgestellt werden. Dort legen dann die einzelnen Erinnerungsstücke zurück. Für das deutsche Martyrologium haben wir den letzten Brief eines Bonner Bibliothekars dort hinterlegt, der an seine Frau schreibt, dass das Martyrium auf ihn wartet.

Angeregt dadurch haben wir in Köln seit vier Jahren in der Basilika Sankt Ursula eine diözesane Gedächtnisstätte der Märtyrer der Erzdiözese des 20. Jahrhunderts. Wir haben dasselbe in Berlin mit der Kirche Maria Regina Martyrum, aber auch in Essen. Jetzt sind die Bischöfe der anderen Diözesen dazu aufgerufen, eine Kirche, die sonst profanisiert worden wäre, als Kirche der Märtyrer ihres Bistums zu öffnen.

ZENIT: Können Sie einmal kurz die Kriterien für ein Martyrium nach katholischem Verständnis nennen, nach denen sich die Mitarbeiter zu richten hatten?

--Prälat Moll: Der Märtyrer ist einer der erstens eines gewaltsamen Todes stirbt, der zweitens ein Zeugnis für Christus gegeben hat, und der drittens den Tod bereitwillig auf sich genommen hat. Die drei Kriterien sind im Neuen Testament grundgelegt, sind in der alten Kirche durch Augustinus verfeinert und durch Thomas von Aquin systematisch entfaltet worden. Und von Papst Benedikt XIV. wurden sie im 18. Jahrhundert endgültig festgelegt.

ZENIT: Sind denn diese Kriterien nicht in jüngerer Zeit noch einmal durch das Zeugnis der christlichen Nächstenliebe als weiteres Kriterium ergänzt worden?

--Prälat Moll: Die drei Kriterien gelten nach wie vor. Allerdings hat Papst Paul VI. sie in einigen Punkten erweitert, aber in engen Grenzen. Ein Beispiel ist Kardinal von Galen, der tapfer gegen die Nazis gekämpft hat, aber den strengen Kriterien zufolge kein Märtyrer war. Auch Pater Rupert Mayer etwa ist nicht als Märtyrer gestorben. Ein anderes Beispiel ist Karl Leisner: Das Bistum Münster hatte zunächst ein Seligsprechungsverfahren für einen Bekenner eingereicht, weil er ja nicht im KZ Dachau gestorben war, sondern vier Monate später. Das Verfahren wurde aber aufgrund der erweiterten Kriterien umgewidmet. Man hatte festgestellt, dass der Todeskeim bereits in ihm war, als er von Dachau in das Sanatorium Planegg [bei München, Anmerkung der Redaktion] verlegt wurde.

ZENIT: Ließen sich denn alle zur Aufnahme vorgeschlagenen Biographien so reibungslos einordnen?

--Prälat Moll: Da gab es schon einigen Zündstoff. Grund dafür ergab sich zum Beispiel aus der Frage, ob man einen Christen aufnehmen kann, der sich selbst im Gefängnis oder wo auch immer das Leben genommen hat. Die Antwort war negativ, ob von der Heiligsprechungskongregation, von Kardinal Meisner als Vorsitzendem der Liturgiekommission oder den Kirchenhistorikern.

Ich selbst bin Dogmatiker und der Überzeugung, dass die Kirche in aller Regel keine Personen kanonisiert hat, die sich umgebracht haben, da Christus am Kreuz ausgehalten hat bis zum Letzten. Ein anderer Zweifelsfall war Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Wir haben ihn nicht aufgenommen, weil er das zweite Kriterium nicht erfüllte: Es waren eher nationale Gründe, die ihn dazu herausforderten, das Attentat auszuüben.

ZENIT: Gerade bei der genannten Gruppe derer, die sich als Fanal das Leben genommen haben, fallen einem doch auch evangelische Beispiele ein. Wie interkonfessionell ist das Projekt denn?

--Prälat Moll: Seit Luther fehlt die liturgische Verehrung der Heiligen. Deren Fürbitten gelangen dann auch nicht zu Gott. Deshalb haben die evangelischen Christen bei der Vorbereitung unseres Martyrologiums nicht mitgewirkt.

Im Jahr 2006 erschien aber ein Märtyrerverzeichnis der EKD. Sie haben den Horizont noch erweitert, in dem sie Deutsche aus dem Osten Europas mit aufgenommen haben. Ich habe das Buch selbst rezensiert und dabei fiel mir auf, dass wir, obwohl wir die gleiche Heilige Schrift haben, in den Kriterien differieren. So hat etwa die Bedeutung des Lebens offensichtlich nicht die Stellung wie bei uns. Sie haben zehn Personen aufgenommen, die sich umgebracht haben.

In unserem Martyrologium haben wir aber auch alle aufgenommen, die in ökumenischen Widerstandsgruppen waren, wie die Weiße Rose, den Kreisauer Kreis und die Lübecker Märtyrer, auch die nicht-katholischen Glaubenszeugen ausdrücklich gewürdigt.

ZENIT: Das Martyrologium ist jetzt in vierter, aktualisierter Auflage erschienen. Was sind die jüngsten Fälle?

--Prälat Moll: Als Beispiel habe ich in Augsburg den Jesuitenpater Karl Albrecht genannt, der aus dem Allgäu kam und am 11. September 1999 in Osttimors Hauptstadt Dili ermordetet wurde. Als pro-indonesische Milizen nach dem Unabhängigkeitsreferendum des ehemals von Indonesien besetzten Landes brandschatzend und mordend durchs Land zogen, wurden in den Wirren zahlreiche Menschen getötet, darunter auch der deutsche Pater. Die Kirche hatte ein bedeutende Rolle im Ringen um die Unabhängigkeit und Einsatz für die Menschenrechte dort gespielt. Das entscheidende Kriterium bei ihm ist: Er ist bei seiner Herde geblieben. Johannes, 10: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe.

ZENIT: Stimmt der Satz von Tertullian, rund 220 Jahre nach Christus gestorben, „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche" noch heute?

--Prälat Moll: Dieser Satz hat sich historisch nicht überall bewahrheitet. Für die alte Kirche galt dieser Satz. Die Märtyrer brachten viele Heiden damals zum Glauben. Wenn einer für seinen Glauben sogar in den Tod geht, so muss es ihm ernst damit gewesen sein, dachten sie. So ist etwa in Japan trotz der großen Martyrien der christliche Glaube nur von einer hauchdünnen Minderheit angenommen worden. Ähnliches kann man auch von China oder Korea sagen.

ZENIT: Könnte das Diktum denn auch in unserer vernetzten Welt woanders nachwirken, als dort, wo die Märtyrer ihr Leben gelassen haben? Sie sprachen auch schon wiederholt vor Menschenrechtsorganisationen, die sich für verfolgte Christen einsetzen. Können deren Lebens- oder Christuszeugnis Same für das Glaubensleben in Wohlstandsländern sein?

--Prälat Moll: Indien, Sudan, Nordkorea, Vietnam sind Länder, aus denen wir regelmäßig von Christenverfolgungen hören. Nur weil sie den Namen Christi tragen, werden auch viele umgebracht. Und mir fällt auf, dass Papst Benedikt dieses Thema außerordentlich oft betont und auch Einzelnamen herausstellt, ob beim Angelus oder bei der Mittwochsaudienz. Diese übernehme ich dann gerne, wenn ich neue Lebensbilder schreibe und zeigen will, dass es dem Papst ein besonderes Anliegen ist, diese Märtyrer der Gegenwart stärker in das öffentliche Bewusstsein zu bringen.

[Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz. 2 Bände. Paderborn - München - Wien - Zürich, 4. vermehrte und aktualisierte Auflage 2006, 1461 Seiten. ISBN 978-3-506-75778-4, 78 Euro.]