Judas oder Petrus? Kommentar zum Palmsonntag von P. Raniero Cantalamessa

"Ostern leben heißt, persönlich das göttliche Erbarmen in Christus zu erfahren"

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ROM, 7. April 2006 (ZENIT.org).- Die Passionsgeschichte konfrontiert uns mit den unterschiedlichen Haltungen, die gegenüber Jesus eingenommen werden können. In seiner Betrachtung des Ereignisses, das die Kirche am Palmsonntag begeht (Lesjahr B: Jes 50,4-7; Phil 2,6-11; Mk 14,1-15,47), zeigt Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, auf, dass in jedem Menschen ein feiger Petrus und ein verräterischer Judas steckt.



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Ein Petrus oder ein Judas?

Der Palmsonntag ist die einzige Gelegenheit im ganzen Jahr, den gesamten Passionsbericht auf einmal zu hören. Was beim Lesen der Leidensgeschichte Jesu nach Markus vor allem beeindruckt, ist die Vorrangstellung des Verrats durch Petrus. Er wird zunächst von Jesus beim Letzten Abendmahl angekündigt und anschließend ausführlich beschrieben.

Diese Betonung dieses Ereignisses fällt auf, weil Markus eine Art Sekretär des heiligen Petrus war und beim Abfassen seines Evangeliums dessen Erinnerungen und andere Informationen miteinander verknüpfte. Folglich war es Petrus selbst, der die Geschichte seines Verrates verbreitet hat. Von ihm stammt also diese Form von öffentlicher Beichte. Die Freude über die erfahrene Vergebung war so groß, dass Petrus nicht um seinen guten Ruf als Haupt der Apostel fürchtete. Er legte mit voller Absicht Wert darauf, dass keiner von denen, die sich später verfehlen würden wie er, der Hoffnung auf Verzeihung verlustig gingen.

Man muss die Geschichte des Verrats von Petrus parallel zum Verrat von Judas lesen. Auch dieser wird von Christus zuerst im Abendmahlssaal angekündigt und ereignet sich später im Garten von Getsemani. Im Fall des Petrus heißt es: Jesus drehte sich um und "sah ihn an" (Lk 22,61). Bei Judas ging Jesus noch weiter – er küsste ihn. Das Ergebnis war allerdings völlig unterschiedlich: Petrus "ging hinaus und weinte bitterlich", und Judas ging hinaus, um sich zu erhängen.

Diese beiden Geschichten haben in sich keinen Abschluss, sondern gehen weiter. Und sie gehen uns sehr nahe. Wie oft müssen wir uns eingestehen, wie Petrus gehandelt zu haben! Es gibt Anlässe, in denen wir für unsere christliche Überzeugung Zeugnis ablegen können, es aber vorziehen, uns zu verstellen – um Gefahren aus dem Weg zu gehen, um uns nicht in die Zange nehmen zu lassen. Durch unser Handeln, oder auch durch unser Stillschweigen, sagen wird dann: "Ich kenne diesen Jesus nicht, von dem ihr redet."

Wenn wir ehrlich sind, ist uns auch die Geschichte des Judas alles andere als fremd. P. Primo Mazzolari hielt einst am Karfreitag eine berühmte Predigt über "unseren Bruder Judas". Er stellte klar, dass jeder von uns an seiner Stelle hätte sein können. Judas verkaufte Jesus für Geld, für dreißig Denare. Und wer kann schon sagen, ihn nicht beizeiten für noch viel weniger verraten zu haben? Dabei hat es sich zwar sicher um einen Verrat gehandelt, der einen weniger tragischen Verlauf genommen hat, aber die Tatsache, dass wir besser wissen als Judas, wer Jesus war, verschlimmert das Ganze.

Gerade weil uns diese beiden Geschichten so nahe gehen, müssen wir auf die Unterschiede Acht geben, denn sie nehmen einen ganz unterschiedlichen Ausgang: Petrus hatte wegen seines Vergehens Gewissenbisse, und Judas hatte sie genauso – so viele, dass er schrie: "Ich habe unschuldiges Blut verraten!", und die dreißig Denare zurückgab. Worin besteht also der Unterschied zwischen ihnen? Einzig und allein darin: Petrus vertraute der Barmherzigkeit Christi, Judas nicht!

Auf dem Kalvarienberg wird uns dieser Unterschied noch einmal vor Augen geführt. Die zwei Schächer haben gleich schwer gesündigt und Verbrechen begangen. Aber der eine flucht, beleidigt Gott und stirbt ohne jede Hoffnung, während der andere ausruft: "Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst." Und man hört, wie Jesus ihm antwortet: "Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43).

Ostern leben heißt, persönlich das göttliche Erbarmen in Christus zu erfahren. Einmal sagte ein Kind, dem die Geschichte von Judas erklärt worden war, mit der Offenheit und der Klugheit der Kinder: "Judas hat den Baum verwechselt, an den er sich erhängt hat: Er hat einen Feigenbaum gewählt." Die Katechetin fragte erstaunt: "Und was für einen Baum hätte er wählen sollen?" Darauf das Kind: "Er hätte sich Jesus an den Hals werfen sollen!"

Dieses Kind hatte Recht: Wenn er sich Jesus an den Hals geworfen und ihn um Verzeihung gebeten hätte, würde er heute wie der heilige Petrus verehrt werden.

Wir alle kennen das alte "Gebot" der Kirche, einmal im Jahr zur Beichte zu gehen und wenigstens zu Ostern zur Heiligen Kommunion. Aber mehr als eine Verpflichtung ist das ein Geschenk, ein Angebot – die Chance, sich Jesus "an den Hals zu werfen".