Jugendarbeitslosigkeit, Hotel Mama und Kindermangel

Früher eigener Haushalt fördert nicht Familiengründung

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ROM, 26. Januar 2012 (ZENIT.org). - Was ist der Grund für die Baby-Baisse in Deutschland? So fragt das „Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie“. Über viele Jahre transportierten die Medien unermüdlich die immer gleiche Botschaft: Der Hauptgrund für die niedrigen Geburtenraten sei die fehlende „Vereinbarkeit" von Beruf und Familie. Das Problem lösen könnten nur mehr Kinderbetreuungsplätze, die Müttern eine kontinuierliche (Vollzeit)-Erwerbstätigkeit ermöglichten. Mit dieser Sichtweise hat auch die Bundesregierung den Ausbau der Kindertagesbetreuung begründet, der allerdings bisher keinen „Baby-Boom" auslöste, obwohl der Staat im Jahr 2010 16,2 Milliarden Euro für Kindertagesbetreuung ausgab (ZENIT berichtete).

Auch Vordenker dieser Politik räumen ein, dass Betreuungsplätze allein für die Familienplanung nicht ausreichen: Sie verweisen auf die „extremen Unsicherheiten in der Lebensplanung", die das Wirtschaftsleben heute der jungen Generation „in praktisch allen Berufssparten" zumute. Und in der Tat: Jüngere Arbeitnehmer gehören nachweislich zu den Verlierern der „Deregulierung" der Arbeitsmärkte: Sie sind häufiger befristet beschäftigt und erhalten wesentlich häufiger Niedriglöhne. Trotz ihres im Durchschnitt höheren Qualifikationsniveaus verfügen sie seltener als ihre Eltern oder Großeltern Mitte Zwanzig über ein „Normalarbeitsverhältnis" als Grundlage einer verlässlichen Lebens- und Familienplanung.

Verlängerte Ausbildungszeiten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse und flexibilisierte Arbeitsmärkte erschweren jungen Menschen allerdings nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa die Familiengründung. Besonders prekär ist ihre Arbeitsmarktlage im Süden und Osten der Europäischen Union: In Spanien sind gegenwärtig fast die Hälfte, in Griechenland mehr als 45 Prozent, in der Slowakei mehr als ein Drittel und in Italien, Portugal sowie in Polen etwa 30 Prozent der Jugendlichen (15-24 Jahre) ohne Erwerbsarbeit. Angesichts ihrer prekären wirtschaftlichen Lage verwundert es nicht, dass die jungen Menschen lange bei ihren Eltern wohnen: Junge Frauen gründen erst mit 26-28 Jahren und junge Männer sogar erst mit 27-31 Jahren einen eigenen Haushalt. Damit verbunden gehen junge Menschen spät „feste" Partnerschaften ein und zögern mit der Familiengründung.

Auch im Vorzeigewohlfahrtsstaat Schweden und in Frankreich ist die wirtschaftliche Lage junger Menschen schwierig: Mehr als ein Fünftel der Jugendlichen sind arbeitslos. Trotzdem verlassen dort junge Menschen oft schon früh (durchschnittlich mit 20-23 Jahren) das Elternhaus. Öffentliche Transfers wie Wohngeld oder Ausbildungsbeihilfen erleichtern es hier jungen Menschen einen eigenen Haushalt zu gründen - auch wenn es am selbst verdienten Geld noch mangelt. Auf diese frühe Ablösung vom Elternhaus führen manche Sozialforscher zurück, dass junge Menschen in Frankreich und Skandinavien häufiger feste Partnerschaften mit einem gemeinsamen Haushalt eingehen und später dann auch Familien gründen. Die frühzeitige Selbständigkeit junger Menschen, so meinen sie, fördere die Geburtenfreudigkeit, während eine längere Bindung an das „Hotel Mama" zur Nachwuchsflaute führe. Letzteres trifft durchaus zu: Ein hohes Auszugsalter aus dem Elternhaus ist in Europa immer mit niedrigen Geburtenraten verbunden. Beispielhaft dafür sind die Slowakei, Italien, Griechenland und die iberische Halbinsel.

Umgekehrt fördert aber eine frühe Haushaltsgründung nicht per se die Neigung, Familien zu gründen. Exemplarisch dafür ist Deutschland: Die Jugendlichen hierzulande gehören im europäischen Vergleich eher zu den „Nestflüchtern". Ihren Lebensunterhalt können sie dabei häufiger als junge Franzosen oder Schweden durch eigene Erwerbstätigkeit erwirtschaften - schließlich ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig wie sonst nur noch in Österreich und den Niederlanden. Es besteht kein Zweifel: Auch für junge Deutsche sind die Arbeitsmarktverhältnisse rauer geworden; in der grassierenden Finanzkrise trifft es aber junge Italiener, Spanier und Griechen wesentlich härter.

Es bedarf keiner besonderen Kühnheit, um Südeuropa weiteren Babyschwund zu prognostizieren. Woher die Geburtenmüdigkeit in Deutschland kommt bleibt dagegen ein Rätsel - zumindest solange die Ursachenforschung im Tunnelblick nur auf die Arbeitswelt verharrt.