Jungen Menschen müssen von der Schönheit der Ehe erfahren

Kardinal Lorenzo Baldisseri spricht über die Herausforderungen der bevorstehenden Synode zur Familie

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 471 klicks

Im Rahmen des gestern geführten Gesprächs mit den Journalisten am Ende der Pressekonferenz zur Präsentation des „Instrumentum laboris“ (Arbeitsdokument) erinnerte der Sekretär der Bischofssynode Kardinal Lorenzo Baldisseri an die Teilnahme von 23 Laienhörern, darunter 7 Ehepaaren, von denen eines während der Synodensitzungen Zeugnis abgeben wird.

Eines der Ziele der Synode ist die Schaffung einer umfassenderen und universaleren Pastoral in Bezug auf die Geschiedenen und die unverheirateten Mütter, durch die Harmonisierung der Programme der verschiedenen Bischofskonferenzen.

Eminenz, worin besteht das Grundproblem der Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene? Ist das von den orthodoxen Kirchen praktizierte Modell der „zweiten Hochzeit“ ein gangbarer Weg?

Kardinal Lorenzo Baldisseri: Das „Instrumentum laboris“ ist vor allem durch Kategorien gekennzeichnet: jene der Getrennten, Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen. Die „Getrennten“ leben in einer noch gültigen Ehe, wobei ihre Position jedoch legitim ist. Davon unterscheidet sich der Fall der „Scheidung“, die eine von der Kirche nicht anerkannte Personenstandsurkunde nach sich zieht. Im Falle der „Wiederverheirateten“ gesellt sich dazu eine Personenstandsurkunde über eine neuen Vereinigung. Das heute veröffentlichte Dokument wird daher einen Beitrag zur Einleitung einer Pastoral leisten. So könnte es dazu kommen, dass unzureichend ausgebildete Priester denken, dass sich Geschiedene in der gleichen Lage befinden wie Wiederverheiratete. Aus diesem Grund wird die Synode einer pastoralen Behandlung dieser Aspekte dienen. Die Synodenväter müssen diesem im Westen so weit verbreitete Phänomen eine Betrachtung widmen.

Das „orthodoxe Modell“ ist als Vorschlag im Arbeitsdokument enthalten; die Synodenväter werden auch darüber diskutieren.

In welchem Ausmaß kann die Kirche durch die Synode junge Menschen glaubhaft zu einer Wiederentdeckung der Schönheit der Ehe animieren?

Kardinal Lorenzo Baldisseri: Meines Erachtens wird die Synode einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, zumal in der westlichen Gesellschaft, insbesondere durch die Kommunikationsmittel, nur einigen Aspekten Sichtbarkeit verliehen wird, während andere – die ebenso oder vielleicht sogar noch wichtiger sind – im Hintergrund bleiben. Nur wenige thematisieren junge Menschen, die heiraten möchten, oder die Schönheit der Ehe. Dieses Thema „produziert keine Schlagzeilen“ oder wird nicht hervorgehoben. Im „Instrumentum laboris“ werden sowohl die Möglichkeiten der Ehe als auch die kritischen Aspekte in einer stets lösungsorientierten Weise gut dargelegt. 

Worin muss die im Dokument ersehnte „pastorale Sorge” im Falle gleichgeschlechtlicher Paare bestehen?

Kardinal Lorenzo Baldisseri: Die pastorale Sorge betrifft alle, daher auch gleichgeschlechtliche Paare. Bis heute galt dies als Tabuthema oder Problem. Was muss getan werden? Es geht um Menschen… Wenn sie Christen sind, die Taufe empfangen haben und in einer Familie leben, warum müssen sie dann diskriminiert werden? Sie sind aufzunehmen, auch in den Pfarrgemeinden. Meines Erachtens führt dies zur Erleichterung einer historisch begründet ernsten Lage. Auch die betroffenen Menschen müssen aufgenommen und begleitet werden und ebenso wie die anderen einen Platz in der Kirche erhalten.

Das „Instrumentum laboris“ enthält den Hinweis auf eine Katechese für die Ehe (oder die Sakramente der christlichen Initiation beim Vorhandensein von Kindern) als Möglichkeit der Annäherung an den christlichen Glauben und an die Kirche. Auf welche Weise kann dies geschehen?

Kardinal Lorenzo Baldisseri: Wenn in einer Familie die christliche Ehe gelebt wird, wird den Kindern damit eine Lehre erteilt. Bedauerlicherweise begegnen wir auch zerrütteten Familien, wovon die Kinder am meisten betroffen sind. In diesen Situationen ist die Kirche dazu aufgerufen, sich diesem Leid anzunehmen und sich zu fragen, wie ein christlicher Weg beschritten werden kann. Oft entfernen sich zerrüttete Familien von der Kirche oder hatten nie mit ihr Kontakt. Allerdings könnte eines Tages aus unterschiedlichen Gründen eine Rückkehr zur Kirche stattfinden und die Einsicht entstehen, dass verschiedene Wege zu einem guten und christlichen Leben führen. Auch hier gilt es, in der von Papst Franziskus – der von einigen nicht zufällig als „Weltpfarrer“ bezeichnet wird – skizzierten Perspektive einen neuen Stil zu finden.