„Jünger und Missionare Jesu Christi“: Kardinal Majella Agnelo, Primas von Brasilien, über Aparecida

Vortrag bei der Fachtagung „Brückenschlag in die Zukunft“ (15./16. Juni 2007)

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MÜLHEIM, 15. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den Kardinal Geraldo Majella Agnelo, Erzbischof von São Salvador da Bahia und Primas von Brasilien, heute, Freitag, in Mülheim/Ruhr gehalten hat.



Der Kardinal, der bei der V. Generalkonferenz des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats zusammen zwei Mitbrüdern den Vorsitz führte, blickte bei der Fachtagung „Brückenschlag in die Zukunft“, einer Veranstaltung der Deutschen Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit dem Lateinamerika-Hilfswerk „Adveniat“, auf die Versammlung zurück und unternahm den Versuch, die wichtigsten Aspekte und Ergebnisse zusammenfassen.

„Die V. Generalkonferenz konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die Freude, Jünger und Missionare Jesu Christi zu sein, denn in ihm wohnen Schönheit und Frieden, der Sinn des Lebens, die Energie, um die Herausforderungen anzugehen, und die Kreativität für den Aufbau eines gerechteren und brüderlichen Zusammenlebens“, so der Kardinal. „Uns Christen, als Jüngern und Missionaren, kommt die Aufgabe zu, den Weg anzubieten, der den Wunsch nach Frieden wahr werden lässt, die Wahrheit, die Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit im sozialen Zusammenleben herstellt, und das Leben, das unser Dasein Tag für Tag mit Bedeutung und Schönheit erfüllt.“


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„Jünger und Missionare Jesu Christi“
Kardinal Geraldo Majella Agnelo,
Erzbischof von São Salvador da Bahia und Primas von Brasilien

1. Wie verlief das Treffen von Aparecida? Was geschah dort?

Die V. Generalkonferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik beendete ihre Arbeiten in Aparecida am 31. Mai mit der Verabschiedung eines Dokumentes, das in den nächsten zehn Jahren einen wichtigen Bezugspunkt für die Kirchen des Kontinentes darstellen wird. Ebenfalls verabschiedet wurde der Aufruf, eine Große Kontinentale Mission durchzuführen, so dass alle Getauften die Möglichkeit bekommen, sich mit Jesus zu treffen, zu begreifen, wie bereichernd sich seine Gegenwart im eigenen Leben auswirkt, um so zu Jüngern und Missionaren zu werden.

Die Kirche in Lateinamerika befindet sich in einer Erneuerungsphase, die zu Zeiten der liturgischen Reformen einsetzte und nach dem II. Vatikanischen Konzil verstärkt fortgesetzt wurde. Die wichtigsten Meilenstein dieses Konzils sind folgende: Gott spricht zu den Menschenwesen wie zu Freunden und lädt sie ein zum Zusammenleben mit ihm (Die Verbum); partizipative und inkulturierte Liturgie (Sacrosanctum Concilium); die Kirche als Gottes Volk; und gleichzeitig Kirche als Communio, Raum des brüderlichen Lebens (Lumen Gentium); Kirche, die mit der Welt im Dialog steht, im Einklang mit den "Freuden und dem Kummer" aller Menschen, insbesondere der Ärmsten (Gaudium et Spes).

Die Generalkonferenzen des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, die seit der ersten im Jahr 1955 in Rio de Janeiro im Abstand von jeweils etwa zehn Jahren veranstaltet wurden, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Angaben des Magisteriums der Kirche mit der Realität des Kontinentes in Verbindung zu bringen. Die V. Generalkonferenz in Aparecida eröffnet der Kirchen eine Perspektive für das dritte Jahrtausend, damit der Einsatz für ein Leben als Jünger und Missionare erneuert werden kann und damit die Völker ein Leben, Frieden und Gerechtigkeit in Jesus Christus haben.

Den Arbeiten der V. Generalkonferenz gingen Jahre der Vorbereitung voraus, in denen die Kirchengemeinden befragt wurden. Jede Bischofskonferenz des Kontinents konnte ihre Erwartungen, Prioritäten und Sorgen darlegen, die in einer großen Umfrage in allen Gemeinden zusammengetragen worden waren. Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen konnten gleich zu Beginn der V. Generalkonferenz eine Zusammenfassung dieser Erhebung vorstellen.

Die Beiträge der jeweiligen nationalen Episkopate und der delegierten Mitglieder legten zu Beginn der Generalkonferenz eine Art Katalog von Themen und Problemen fest, die von den Teilnehmern behandelt werden sollten. Auf diese Weise bildete sich das erste charakteristische Merkmal der V. Generalkonferenz in Aparecida heraus: ein aufmerksames Zuhören, das die unterschiedlichsten Beiträge in einer Atmosphäre des brüderlichen Dialoges würdigte.

Nach diesem Auftakt folgten Arbeiten in Gruppen, Ausschüssen und Unterausschüssen, um die vorgeschlagenen Themen zu vertiefen, dazu fanden im Wechsel Versammlungen des Plenums statt, in deren Rahmen die Möglichkeit bestand, sich zu den Tätigkeiten der einzelnen Ausschüsse zu äußern. Vor diesem Hintergrund ist das Dokument von Aparecida, das Papst Benedikt XVI. am 11. Juni zur Würdigung und Bestätigung vorgelegt wurde, als Ergebnis von vier Erarbeitungsphasen zu sehen, deren jeweilige Fassung der kritischen Begutachtung durch die Vollversammlung unterzogen wurde, wo Änderungen und Korrekturen – darunter einige sehr signifikante – vorgenommen wurden. So entstand dort Schritt für Schritt, man könnte sogar sagen Abschnitt für Abschnitt, der Text, der uns nun vorliegt.

Unsere kirchliche Communio bildet den Ursprung des Dokumentes von Aparecida. Wir glauben, dass der Heilige Geist deutlich zum Ausdruck kommen und unsere Arbeiten in einer Atmosphäre der Brüderlichkeit und des demokratischen Sinnes führen konnte, in der alle an der Ausarbeitung des Textes mitgewirkt haben.


2. Welche Stimmung herrschte dort?

Zwei Umstände trugen dazu bei, dieses glaubensstarke und brüderliche Klima zu schaffen: An erster Stelle die Anwesenheit unserer Heiligen Jungfrau von von Aparecida. Alle beteiligten Bischöfe äußerten sich zur Schönheit und Bedeutung der Messen, die zur Einleitung unseres Arbeitstages um acht Uhr morgens mit feierlich zelebrierten Gebeten gefeiert wurden. Eine Umgebung, die geprägt wird von Tausenden von Pilgern, die jeden Tag um uns war, die Intensität der Beteiligung und die Schönheit der Lieder schufen um uns herum eine Stimmung, die für den Fortgang der Arbeiten im Laufe des Tages nicht förderlicher hätte sein können. Jeder erkannte sich als Empfänger der Liebe Gottes und handelndes Subjekt bei der großartigen Aufgabe, das Volk Gottes, das in unserer Zeit feindlichen Kräften ausgesetzt ist, die es zu spalten versuchen, in seiner Geschlossenheit mit Leben zu erfüllen und zu festigen.

An zweiter Stelle ist zu erwähnen, dass der Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. große Bedeutung zukam; aufgrund der Klarheit, mit der er etliche Leitlinien formulierte, aber auch aufgrund der liebevollen und väterlichen Art und Weise, in der er sich äußerte. Ich glaube, dass auch er überwältigt war von der Zuneigung, die ihm die Menschen bei den Feiern, die er zelebrierte, entgegenbrachten.Ich möchte hier ausdrücklich an eine Stelle seiner Eröffnungsrede erinnern, die mir besonders bedeutsam erscheint. Der Heilige Vater sagte, man könne die Realität nicht beobachten und analysieren ohne anzuerkennen, dass Gott ein Teil davon, ja sogar ihr Fundament ist, und dass der auferstandene Jesus Christus in ihr gegenwärtig ist.

"Was ist denn diese Realität? Was ist das Wirkliche? Sind nur die materiellen Güter, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme Realitäten? Genau hier liegt der große Irrtum der vorherrschenden Tendenzen des letzten Jahrhunderts. Ein destruktiver Irrtum, wie die Ergebnisse sowohl des marxistischen als auch des kapitalistischen Systems zeigen. Sie falsifizieren das Konzept von Wirklichkeit, indem sie die grundlegende und darum entscheidende Realität amputieren. Nämlich Gott. "

Ich glaube, dass dieser Hinweis des Heiligen Vaters grundlegend dafür war, eine Vorgehensweise beizubehalten, die in Lateinamerika gang und gäbe ist: Sehen, beurteilen und handeln; die Wirklichkeit wurde von uns jedoch dabei mit den Augen von Jüngern ergründet, die vom Glauben an Jesus Christus bewegt sind.


3. Welche Ergebnisse wurden erbracht?

Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Abschnitt der Geschichte, der gekennzeichnet ist von allgemeinem Unfrieden, der sich wegen neuer Turbulenzen in Gesellschaft und Politik ausbreitet, weil eine von der christlichen Tradition entfernte und ihr feindlich gesonnene Kultur verbreitet wird, und weil unterschiedliche religiöse Angebote in Erscheinung treten, die versuchen, dem Hunger nach Gott, der unseren Völkern eigen ist, ihre eigenen Antworten entgegenzusetzen.

Die Abschlusserklärung bekundet die Kontinuität zu den vier vorangegangenen Generalkonferenzen (Rio de Janeiro, Medellín, Puebla, Santo Domingo) und weist gleichzeitig neue Elemente auf, die den spezifischen Erfordernissen der heutigen Zeit Rechnung tragen. Die Kirche in Lateinamerika war in den Jahrzehnten sehr präsent, als unsere Völker schwersten Krisen ausgesetzt waren: Armut, Ungerechtigkeit und soziale Exklusion, mangelnde Chancen für die Jugendlichen, Schutzbedürftigkeit der indigenen Völker und der Afro-Lateinamerikaner, um nur einige zu nennen. Diese Themen bleiben in der Abschlusserklärung gegenwärtig, und die uns eigene Herangehensweise von Sehen, Beurteilen und Handeln, die ich bereits erwähnte, findet Anwendung: Sehen mit den Augen des Gläubigen, Beurteilen anhand von kritischen Kriterien, die sich aus dem Glauben und aus der Vernunft herleiten, um ein Handeln zu entwerfen, dass für Jünger und Missionare charakteristisch ist.

Die V. Generalkonferenz konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die Freude, Jünger und Missionare Jesu Christi zu sein, denn in Ihm wohnen Schönheit und Frieden, der Sinn des Lebens, die Energie, um die Herausforderungen anzugehen, und die Kreativität für den Aufbau eines gerechteren und brüderlichen Zusammenlebens.


4. Welche Folgen entstehen daraus für Lateinamerika?

Die Freude und die Dankbarkeit über die Begegnung mit Jesus Christus, der in unserem Dasein lebendig und gegenwärtig ist, stellen Themen dar, die das gesamte Dokument durchziehen, begleitet von einem neuen missionarischen Feuer, das aus der Begeisterung über den vorgefundenen Reichtum entsteht. In der Neuigkeit des von den Jüngern erfahrenen Lebens liegt der mitreissende Wille, allen von der Möglichkeit zu künden, Ihm zu begegnen, der uns errettet und uns von allen Nöten und aller Unterdrückung erlöst. Der Heilige Vater sprach in Aparecida die folgenden Worte: "Die Kirche betreibt keinen Proselytismus. Sie entwickelt sich vielmehr durch Anziehung. Wie Christus alles an sich zieht – mit der Kraft seiner Liebe, die im Opfer am Kreuz gipfelt, so erfüllt die Kirche ihre Mission."

Unter den Teilnehmern der V. Generalkonferenz herrschte ein starker Konsens hinsichtlich der Notwendigkeit, dass jede Taufe und dass unsere Gemeinschaft diese Erfahrung der Anziehung und der Faszination erneuern kann, die die ersten Jünger prägte. Sie wunderten sich über die außergewöhnliche Persönlichkeit Jesu und waren erstaunt über sein Macht, alle Übel, auch den Tod, zu besiegen. Mehr als alle Regeln lädt das Dokument von Aparecida dazu ein, auf die neue Lebenserfahrung zu setzen, die die Communio mit Christus und in Christus erzeugen kann.

Das Thema Mission ist ebenfalls auf fast jeder Seite des Dokumentes von Aparecida zu finden und erreicht seinen Höhepunkt mit dem Aufruf zur Großen Kontinentalen Mission, die die Kirchen Lateinamerikas und der Karibik in den nächsten zehn Jahren erneuern wird.

Ich glaube, dass wir, unter der Verantwortung der einzelnen Bischofkonferenzen und mit einiger Unterstützung des CELAM eine neue intensive Evangelisierung erreichen können, die den kulturellen Gegebenheiten unserer Länder besser entspricht. Wir sind uns bewusst, dass es nicht ausreicht, die Katholische Soziallehre und die christliche Moral neu vorzustellen. Es ist in erster Linie erforderlich, dass den Menschen, die von uns getauft wurden und heute fern von der Ausübung ihrer Religion und der Sakramente leben, ein Zusammentreffen mit Christus zu ermöglichen, das als Antwort auf die Bedürfnisse des Menschen verstanden werden kann, die dieser Mensch in seinem Herzen trägt: das Bedürfnis nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit, danach, zu lieben und geliebt zu werden, sein Potenzial zur Geltung zu bringen, glücklich zu sein und ein erfüllendes Leben zu führen.

In der Tat ist das der Weg dazu, dass der Mensch die unterschiedlichen Aspekte seines Daseins sinnerfüllt leben kann, wie zum Beispiel die Arbeitswelt, seine Gefühle und das Familienleben, ja sogar Krankheit und Tod. Es ist unverzichtbar, dass er sich inmitten der zahlreichen Ideologien und Verwirrungen mit der Gewissheit wappnet, von Gott geliebt und von Christus erlöst zu werden, in der Gemeinschaft mit Ihm und den Brüdern und Schwestern zu leben und so das Bewusstsein der eigenen Würde zu nähren, Freude und Zufriedenheit zu erleben darüber, dass er zu Gottes Volk gehört, zu einer großartigen und würdevollen Wirklichkeit.


5. Welche der in Aparecida behandelten Themen waren besonders wichtig?


Statt über ein bestimmtes Thema zu sprechen, möchte ich vielmehr von drei Dimensionen sprechen, die aus dem Dokument von Aparecida hervorgehen: der Mensch, die Gemeinschaft in der Kirche und die Gesellschaft.

Jeder Mensch entdeckt die Kraft seiner Persönlichkeit, wenn er Jesus Christus findet und sein Jünger wird; er erfährt Anziehung, Faszination, Erstaunen über die Fülle von Menschlichkeit, die er erfährt und die er sich ersehnt, so wie es auch den ersten Jüngern geschah, von denen das Evangelium berichtet. Es ist tatsächlich so, dass Jesus den Wunsch danach, glücklich zu sein und sich zu verwirklichen, den jeder Mensch in seinem Herzen trägt, erwidert und dass er heute gefunden werden kann, da er auferstanden und mitten unter uns ist.

Wer diese Entdeckung macht, folgt Jesus nach und macht ihn zu seinem Bezugspunkt in den alltäglichen Lebenssituationen, er nimmt Abstand zu seinem "alten" Leben, das von Banalität und oberflächlichen Beziehungen gekennzeichnet war, denn er zeigt mehr Interesse daran, die Intensität, die Offenheit und die Erfüllung zu pflegen, die er gefunden hat.

Das Leben in der Gemeinschaft ist unverzichtbar für das weitere Wachsen und für die Bestärkung der christlichen Persönlichkeit. Dort gedeiht die Nachfolge Jesu, es festigt sich die Sicherheit, auf dem Weg zur umfassendsten Verwirklichung zu sein, und es entzündet sich die Leidenschaft, allen von der vorgefundenen Schönheit zu künden und so als echter Missionar zu wirken. Die Gemeinschaft wird zum Heim und zur Schule der Kommunion, der Partizipation , der Solidarität.

Der Jünger und Missionar hat die Gesellschaft im Blick, er achtet darauf, in seinem Lebensumfeld alle positiven Potenziale zum Erblühen anzuregen. Er achtet auch darauf, allen Problemen entgegenzutreten, die die Würde des Menschen bedrohen. Ungerechtigkeit, Korruption, Elend, Mangel an Chancen, Diskriminierung treffen auf jemanden, der bereit ist, zusammen mit anderen die angemessenste Antwort darauf zu geben.

Der heidnische Philosoph Terenz sagte: "Ein Mensch bin ich. Nichts Menschliches ist mir fremd." Und das Konzil vertiefte diese Ansicht: "Nur in Christus erhellt sich das Mysterium des Menschen" (GS), 22). Die Begegnung mit Christus lässt unsere Menschlichkeit wachsen, schärft den Blick, der sich dann allmählich dem Blick Jesu annähert, der mitfühlend und voller Erbarmen ist .

Die Schaffung einer gerechteren und brüderlichen Welt ist eine Anstrengung, die in der eigenen Familie und im Berufsleben beginnt und sich auf die gesamte Gesellschaft erstreckt.


6. Wie sieht die Lage der Kirche in Lateinamerika aus: mit welchen Problemen kämpft die Kirche?

In Lateinamerika und in der Karibik haben sich Pfingstkirchen rasch ausgebreitet, die es schafften, dass sich ihnen Menschen anschlossen, die in der Katholischen Kirche die Taufe empfangen hatten, aber aus verschiedenen Gründen ihren Glauben nicht mehr praktizierten. Andere finden eine verweltlichte Haltung attraktiv und lehnen jegliche Religion ab, selbst wenn sie sich eine gewisse Religiosität bewahrt haben.

Die Katholische Kirche ist besorgt über den Verlust von Gläubigen, insbesondere deswegen, weil dies häufig dazu führt, dass die Werte des Evangeliums als Richtschnur entfallen, um weise zu leben, um das geschwisterliche Leben zu bestärken, um solidarische Formen des Zusammenlebens zu finden, um Schutz zu geben und zu vergeben. Wir bedauern diesen Schwund, da die Menschen den direkten Kontakt zu einer Tradition verlieren, die uns zu Christus führt.

Stattdessen werden Einstellungen verbreitet, die dazu tendieren, alles unter dem Aspekt der Bequemlichkeit und der Nützlichkeit zu berechnen, und so den Raum für Unentgeltliches, für Solidarität und für die Bereitschaft, sich zum Wohl anderer Menschen zu opfern, einschränkt. Eine triviale Sicht der Realität breitet sich aus. Es besteht eine starke Neigung, das Interesse auf die Aspekte zu beschränken, die durch naturwissenschaftliche Ratio begreifbar sind und durch technische Errungenschaften gesteuert werden können. Dies fördert die Kultur der Banalität, die viele dazu veranlasst, ohne Ideal und ohne transzendentes Ziel zu leben, ohne orientierende Kriterien und Werte für die Lebensführung, die über Gewinn- und Machtstreben hinausgeht. Es ist unmöglich, keine Verbindung zu erkennen zwischen dieser Lebenseinstellung und der rasanten Zunahme der Gewalt in den Städten. Die Kirche ist sehr besorgt über die Ausbreitung einer solchen Haltung, da von ihnen eine größere Bedrohung für das Gute und den sozialen Frieden ausgeht als vom Zuwachs der Pfingstkirchen.

Unlängst veröffentlichten demografischen Erhebungen ist zu entnehmen, dass in Brasilien der Prozess der Abwanderung von Katholiken zu diesen Kirchen stagniert und dass der Anteil von Katholiken in der brasilianischen Gesellschaft im Vergleich zur Erfassung aus dem Jahr 2000 – anders als erwartet – sogar leicht zunimmt.

Wir stehen am Beginn einer kulturellen Diskussion über so gewichtige und diffizile Themen wie Leben, Familie, Sexualität, Sterbehilfe, Einsatz von Embrionen für die Stammzellenentnahme und viele andere. Hierbei handelt es sich um Probleme eines neuen, weltweiten Trends zum Laizismus, der die Errichtung einer neuen Welt anstrebt und dabei auf jegliche Religion ausklammern möchte.

Tatsächlich ist es so, dass nicht mehr nur einige Punkte der katholischen Moralvorstellungen diskutiert werden, so wie es in den Siebziger Jahren der Fall war, als die Ehescheidung oder Empfängnisverhütung zur Debatte stand, aber eine christliche Lebensgestaltung durchaus anerkannt war. Heutzutage drehen sich die Auseinandersetzungen um alternative und globale Ansichten über Mann und Frau, Vaterschaft und Mutterschaft, Sexualität und vor allem darum, wie sich Mann und Frau im Leben selbst verwirklichen und Erfüllung und Glück finden können. Die Diskussion ist anthropologisch geprägt; sie bezieht sich auf das "humanum".


7. Welche Hoffnungen hegt die Kirche?

Meine Hoffnung besteht darin, dass die Katholische Kirche in Jesus Christus Energie und Ideenreichtum findet, um sich zu erneuern und für die Menschheit erkennbar präsent zu sein. So wird sie in der Lage sein, die Hoffnungen mit neuem Leben zu erfüllen und Wege aufzuzeigen, um "die verwüsteten Städte wieder aufzubauen, das zerfallene Haus wieder aufzurichten und die Risse zu vermauern", wie es beim Propheten Amos heisst (vgl. Amos 9, 11-14), und damit eine angemessene Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit zu geben.

Die Aussicht auf ein neues Leben für die Menschen und die Völker in Lateinamerika in und der Karibik kommt zustande über die Begegnung mit den lebendigen und in all diesen Wirklichkeiten gegenwärtigen Jesus Christus, denn nur im Lichte Christi erhellt sich das Mysterium des Menschen. Von ihm wollen wir lernen, zu lieben und zu vergeben, geschwisterlich zusammenlebende Gemeinschaften aufzubauen, uns hinzugeben, so wie er sich für uns hingegeben hat am Kreuz und sich noch immer Tag für Tag in der Eucharistie hingibt.

Geknebelt durch Gewalt und Korruption, bedrängt von der überall herrschenden Not und von fehlenden Perspektiven der Integration in den Arbeitsmarkt und Teilhabe an den Vorteilen, die die moderne Gesellschaft bereithält, isoliert aufgrund von Individualismus und Relativismus, die in der Gesellschaft zunehmen, können die Völker Lateinamerikas und der Karibik, insbesondere die Armen und Ausgeschlossenen, in der Communio mit Christus und im brüderlichen und schwesterlichen Miteinander der Gemeinschaft ein Umfeld finden, um sich aufzurichten und einen neuen Aufbruch in das Land des Glückes und des Friedens, der Gerechtigkeit und der Solidarität zu wagen, das Jesus denen versprochen hat, die ihm nachfolgen. Hierbei handelt es sich nicht um einen bloßen Traum der Bischöfe meines Kontinentes. Die Kirche ist groß, trotz ihrer Schwächen und trotz der Aggressionen, die gegen sie gerichtet werden, denn es gibt bereits zahlreiche Menschen, die sich in ihre Richtung bewegen und diese Welt gestalten. Deshalb ruft die Kirche alle auf, die Wahrhaftigkeit dieses Angebotes zu prüfen und sich dem Aufbau eines Kontinentes der Hoffnung, eines Kontinentes der Liebe zuzuwenden.

Wir hegen die Hoffnung, Wege zu finden, wie die Kirche in der Realität als visionäre Erwiderung auf die Herausforderungen unserer Zeit präsent sein kann: in erster Linie denke ich dabei an die Jugendlichen, die wenig Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln und eine optimistische Zukunftspläne zu schmieden, weil der Zugang zu guten Schulen für sie nicht einfach ist und zuwenig Arbeitsmöglichkeiten vorhanden sind, weil sie in einer Armut leben, die ihnen oftmals unüberwindbar erscheint. Die Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit bahnen oft den Weg zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, zu Gewalt und Revolte. Die Begegnung mit Christus und das brüderliche und schwesterliche Miteinander, das Er unter denen hervorbringt, die Ihm nachfolgen, kann das Erwachen von Solidarität und von neuem Lebensweisen bewirken, diese Herausforderungen zu meistern – in Frieden.

Wenn es stimmt, dass lieben heisst, sich für die geliebte Person hinzugeben, sich auch aufzuopfern, damit sie das wahre Gut erlangt, so wie Jesus sich am Kreuz und in der Eucharistie für uns hingibt, dann leben wir in einer lieblosen Welt. Viele Intimitäten, aber wenig Liebe – das scheint mir die knappe Zusammenfassung unserer Welt zu sein. Wir aber hegen die Hoffnung, den Menschen dabei helfen zu können, dass sie entdecken, wie eine Liebe, die nur danach trachtet, das geliebte Wesen für sich zu besitzen, reifen kann und zu einer echten Hingabe seiner selbst für das Wohlergehen und das Glück des anderen werden kann. Die Enzyklika "Deus Caritas Est" verweist ausdrücklich auf diesen Schritt.

Die Familie, die für einem Menschen und für die Gesellschaft den stärksten Rückhalt darstellt, weil sie der Raum für Vorbehaltlosigkeit, für bedingungslose Aufnahme, für Solidarität in den unterschiedlichsten Lebenssituationen ist, wird geschwächt und angegriffen durch Gesetzesvorhaben, die sie mit jeglicher Art von Lebensgemeinschaft unter einem Dach gleichsetzen. Wir haben die Hoffnung, die Pastorale und die Familienverbände stärken zu können und auch die Familiengründungen zu vervielfachen, um diese Realität zu festigen und um künftige Generationen im katholischen Glauben zu erziehen, dem größten Gut, dass Eltern ihren Kindern weitergeben können.

Die Gewalt, die aus dem organisierten Verbrechen erwächst, beeinträchtigt das tägliche Leben der Menschen immer stärker. Die Kirche hofft, mit der Schaffung von sozialem Frieden ihren Betrag leisten zu können und widmet sich deshalb der Evangelisierung, sie ruft auf, Gemeinschaften des geschwisterlichen Miteinanders zu bilden und ein Umfeld der Solidarität zu schaffen, geprägt von der Gewissheit, dass Jesus unser Frieden ist. Wir haben die Hoffnung, dass die Communio in Christus diese Probleme überwinden und die Wunden heilen kann und so das Bewusstsein vertieft, dass wir das im Glauben und in der Nächstenliebe geeinte Volk Gottes sind.

Die gesellschaftliche Gruppe mit einer höheren Schulbildung weiss, dass die moderne Vernunft, so wie sie sich in der Aufklärung und im Positivismus zeigt, eine Vernunft ist, die ihre Selbsteinschränkung dekretiert hat, die darauf verzichtet, das Fundament und die Sinnhaftigkeit zu bedenken. Deshalb wurde sie zu einem Hilfsmittel, das im Dienst von Macht- und Gewinnstreben steht. Der Heilige Vater hat bei einem Gespräch mit deutschen Intellektuellen dazu aufgefordert, den Begriff und den Einsatz der Vernunft zu erweitern, um damit Überlegungen zum tatsächlichen Wohl des Menschen anstellen zu können und nicht nur reine Nützlichkeitserwägungen. Auch in dieser Hinsicht kann die Kirche, den päpstlichen Leitlinien folgend, ihren Beitrag leisten und einen Dialog eröffnen, der dazu führt, sich wieder das gesamte Ausmaß der Vernunft anzueignen, damit sie – durch die Beachtung eines jeden Details unserer Wirklichkeit – imstande ist, das ihr innewohnende Mysterium zu erkennen. Nur unter Berücksichtigung des Mysteriums können wir alle Dinge und Menschen respektvoll behandeln, ohne Gewalt und ohne gewinnsüchtiges Kalkül, um echte natürliche und menschliche Beziehungen zu leben.

Das bedeutet aber auch auszusprechen, dass es für Lateinamerika und die Karibik zur Glückseligkeit keinen Weg gibt außerhalb des Schöpfungsplanes oder außerhalb der Begegnung mit Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, das menschliche Antlitz Gottes und das göttliche Antlitz des Menschen. Ohne die Wahrheit in Jesus Christus gelangen wir nicht zum Frieden, den die Völker brauchen, zur Glückseligkeit, die jeder Mensch sich erhofft, zu geschwisterlichem Miteinander und Gerechtigkeit, die noch nicht zur Genüge vorhanden sind.
Die V. Generalkonferenz hat Perspektiven des Friedens und der Hoffnung aufgezeigt, weil es mitten in der Verwirrtheit und der Gewalttätigkeit, der Korruption und der Arroganz eine echte Rückkehr zum christlichen Leben gibt, eine sichtbare Rückkehr zum geschwisterlichen Miteinander in Christus; viele Menschen, vor allem die Jugendlichen, sind bereit, die Schönheit und den Frieden zu bezeugen, die sie in Jesus Christus finden. Die Kultur der Banalität erschöpft sich allmählich; stattdessen wächst das Verlangen nach einem Leben und nach einem Miteinander in mehr Würde. Uns Christen, als Jüngern und Missionaren, kommt die Aufgabe zu, den Weg anzubieten, der den Wunsch nach Frieden wahr werden lässt, die Wahrheit, die Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit im sozialen Zusammenleben herstellt, und das Leben, das unser Dasein Tag für Tag mit Bedeutung und Schönheit erfüllt.

Kardinal Geraldo Majella Agnelo,
Erzbischof von São Salvador da Bahia
und Primas von Brasilien

[Vom Hilfswerk „Adveniat“ zur Verfügung gestelltes Original]