KADOC: Ein Gedächtnis für die Zukunft

Interview mit Prof. Jan De Maeyer, Leiter des KADOC in Leuven [Teil I/II]

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Von Paola De Groot-Testoni

ROM, 18. April 2012 (ZENIT.org). – Es folgt der erste Teil eines Interviews mit Prof. Jan De Maeyer, dem Leiter des Dokumentations- und Forschungszentrums für Religion, Kultur und Gesellschaft KADOC in Löwen, Belgien, und Dozent für Kirchengeschichte an der dortigen Katholischen Universität.

Im Jahr 2003 wirkte Prof. De Maeyer als Gastdozent an der Ecole Pratique des Hautes Etudes (eine universitätsähnliche Institution für fortgeschrittene Studien, A.d.Ü.) in Paris; im Jahr 2007 unterrichtete er an der Universität Freiburg in der Schweiz.

Neben der Lehrtätigkeit veröffentlicht Prof. De Maeyer Aufsätze über die mannigfaltige Beziehung zwischen Religion, Kultur und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Er wirkte unter anderem an folgenden Publikationen mit: „The Revival of Medieval Illumination/Renaissance de l’enluminure médiévale. Nineteenth-Century Belgium Manuscripts and Illuminations from a European Perspective (2007)“ (Die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Buchmalerei. Belgische Handschriften und Miniaturen aus dem 19. Jahrhundert  aus einer europäischen Perspektive) und „San Francesco d’Italia. Santità e identità nazionale (2011)“ (Franziskus aus Italien. Heiligkeit und nationale Identität).

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ZENIT: Herr Professor De Maeyer, worum genau handelt es sich beim KADOC?

Prof. Jan De Maeyer: Das KADOC ist ein interdisziplinäres Forschungs- und Dokumentationszentrum an der Katholischen Universität Löwen. Untersuchungsgegenstand sind Religion, Kultur und Gesellschaft ab 1750. Das Zentrum wird von der Flämischen Gemeinschaft anerkannt und als Kulturarchiv von nationaler Bedeutung subventioniert. Es  erhielt außerdem jeweils ein Qualitätszertifikat als Archiv und als Bestandsbibliothek.

ZENIT: Wie kam es zur Entstehung des KADOC?

Prof. Jan De Maeyer: Im Jahre 1976 wurde das KADOC von einigen jungen Dozenten an der Universität gegründet. Ziel war die Aufbewahrung historischer und aktueller Aufzeichnungen (Veröffentlichungen, Zeitschriften, Archive, Poster, Fotos) über die Wechselwirkung zwischen Religion und Gesellschaft in der Moderne (ab 1750, nach dem Ende der Aufklärung) und deren Bereitstellung für Forschungszwecke. Was sie dazu bewogen hatte, war ihr Bedauern darüber, dass zahlreiche Archive und Publikationen in den 60er und 70er Jahren aufgrund einer radikale Modernisierungswelle in diesen Jahren von akuter Zerstörungsgefahr bedroht waren. Im Jahre 1977 nahm das Zentrum seine Tätigkeit auf.

ZENIT: Welcher  Mission hat sich das Zentrum verschrieben?

Prof. Jan De Maeyer: Die Aufgabe des Zentrums besteht darin, die Entwicklung der Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft ab der Aufklärung zu dokumentieren, die analog oder digital vorhandenen historischen und aktuellen Quellen aufzubewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und diese Quellen dann durch Öffentlichkeitsarbeit (Ausstellungen) und multidisziplinäre Forschung (Grundlagenforschung, Vertragsforschung, etc.) zu valorisieren.

ZENIT: Beschreiben Sie uns bitte die Sammlungen und deren Bedeutung.

Prof. Jan De Maeyer: Die Archivbestände des Zentrums haben  derzeit  eine Gesamtlänge von 25 Kilometern. Sie stammen von religiösen Institutionen (von Orden und Kongregationen, z.B. die Archive der nord- und südbelgischen Provinzen der Jesuiten, der Brüder der Christlichen Schulen, der Flämischen Redemptoristen, von Mönchsklöstern, etc.), von Familien, die in der Entwicklung des katholischen Lebens eine entscheidende Rolle gespielt haben (z.B. die Familie Snoy et d’Oppuers und die Familievan Outryve d’Ydewalle), aber auch von Politikern (z.B. Jean-Luc Dehaene und Leo Tindemans) oder Geistlichen. Außerdem befinden sich darunter die Archive großer sozialer Organisationen (z.B. das Nationale Sekretariat für die Katholische Lehre, die katholische Caritas, die katholische Arbeiterbewegung ACW, die ländliche Gewerkschaft …), von Jugendorganisationen (z.B. Chiro, Scouts …) oder katholischer Kultureinrichtungen wie der „Davidsfonds“, nur um ein Beispiel zu nennen. Ebenso umfasst das KADOC auch beispielsweise die Archive des Interdiözesanen Zentrums für die Pastorale Liturgie oder der humanitären NGO „Broederlijk Delen“ .

Im Rahmen des Kollaborationsabkommens mit dem VZW-Evadoc wurde auch das Belgische Archiv der Evangelischen Mission in den Bestand des Zentrums integriert. Jedes Archiv verfügt über eine Postersammlung und Film- und Fotoarchive. Die umfangreiche Sammlung von Andachts- und Heiligenbildern gibt einen interessanten Einblick in die Entwicklung der religiösen Überzeugungen und der ikonografischen Darstellung.

Weiters ist die bedeutende Sammlung der „Erfgoedbibliotheek“ („Bestandsbibliothek“) zu nennen, die derzeit 300.000 Bände und 15.000 Zeitschriften umfasst. Das Zentrum verfolgt das Ziel, zumindest ein Exemplar jeder im Druck erschienenen Veröffentlichung von religiösen Instituten sowie von katholischen oder protestantischen Verlagen, wie Messbücher, Bibeln, rituelle Schriften, Bücher zum Katechismus in der Sprache des Volkes, etc. aufzubewahren. Somit verfügt das Zentrum über die Gesamtsammlung der Ausgaben der Abtei von Averbode („De Goede Pers“: Der gute Druck, Heftchen für Kinder und Jugendliche und Literatur), des „Davidsfonds“, der Karmelitenbibliothek, der Abtei von Maredsous, etc. Teile der Sammlung sind aber ebenso katholische Wochenzeitschriften wie „Le Patriote Illustré“ oder die Pfarrzeitschrift „Kerk en Leven“ („Kirche und Leben“, A.d.Ü.). In seiner Eigenschaft als Bestandsbibliothek legt das Zentrum seinen Schwerpunkt auf die Erhaltung der so genannten grauen Literatur, also jener Publikationen, die den Mitgliedern der christlichen Organisationen zwar zukamen, aber oft nicht von ihnen aufbewahrt wurden. In dieser Hinsicht ist das KADOC ein Gedächtnis für die Zukunft.

Selbstverständlich kann nicht jedermann Einsicht in diese Archive nehmen. Der Zugang unterliegt internationalen Regelungen. Aus Datenschutzgründen ist für Akten mit personenbezogenen Daten eine Sperrfrist von hundert Jahre vorgesehen. Die religiösen Institutionen, Organisationen oder Familien bleiben die Eigentümer ihrer Archive und können daher entscheiden, ob das Archivgut zugänglich gemacht werden soll oder nicht.

ZENIT: Das Archiv widmet sich sehr stark dem Thema Volksandacht.

Prof. Jan De Maeyer: Das stimmt. Ich habe zuvor die umfangreihe Sammlung von Druckwerken zur Heiligenverehrung und Andachtsbildern erwähnt (sie umfasst mehrere hunderttausend Exemplare). Dann gibt es aber noch die Sammlungen von Fahnen und Bannern von christlichen Organisationen, von Wimpel aus Wallfahrtsorten, von Pilgerliedern, etc. Eine wunderbare Sammlung von Bildern der Marienwallfahrtsorte im ganzen Land wurde uns von den Montfortaner Mönchen zur Verfügung gestellt. Unter diesen Bildern findet man wahre Schmuckstücke der Ikonografie.  In diesem Zusammenhang veröffentlichte das Zentrum Studien über die reiche Kultur der Wallfahrten und Prozessionen in Flandern (Belgien) und über die damit verbundenen Lebensrituale und Volksgewohnheiten (Geburt und Taufe, Erstkommunion und Firmung, Hochzeit, Begräbnis)

ZENIT: Ein ganz besonderer Bereich des KADOC-Archivs, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind die Gewänder (mit allem was dazugehört, gegebenenfalls auch Humerale und Pluviale) von einigen Kongregationen, deren Bestehen auf die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurückgeht.

Prof. Jan De Maeyer: Wird das Archiv einer Provinz oder eines Generalates von einer religiösen Institution aufgelassen, so übernehmen wir dessen Erhaltung. Das gilt auch für die Publikationen des Instituts (z.B. Jahrbücher, Zeitschriften von Freunden, etc.) und die Schriften und Publikationen seiner Mitglieder. Mit großer Sorgfalt verwahren wir auch Fotos und Filme (z.B. Filme über den Einsatz eines missionarischen Institutes) und die verschiedenen Gewänder, das Schuhwerk, die Gürtel und Bußinstrumente, die im Eigentum des Instituts standen. Diese Sammlungen sind sehr geschätzt, was aus einer derzeit im Programm VRT („öffentliches flämisches Fernsehen“ A.d.Ü.) übertragenen Serie mit dem Titel „Nonkel Pater“ hervorgeht. In dieser Serie werden verschiedene Ausschnitte aus unserer Sammlungen von Filmen über die Mission gezeigt.

Weitere Informationen zur Sammlung finden Sie unter folgendem Link: www.kadoc.kuleuven.be

[Teil II folgt am 19. April 2012]

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]