KADOC: Ein Gedächtnis für die Zukunft

Interview mit Prof. Jan De Maeyer, Leiter des KADOC in Leuven [Teil II/II]

| 922 klicks

Von Paola De Groot-Testoni

ROM, 19. April 2012 (ZENIT.org). – Es folgt der zweite und letzte Teil des Interviews mit Prof. Jan De Maeyer, dem Leiter des Dokumentations- und Forschungszentrums für Religion, Kultur und Gesellschaft KADOC in Leuven, Belgien, und Dozent für Kirchengeschichte an der dortigen Katholischen Universität.

***

ZENIT: Das KADOC beherbergt auch gemeinsame oder nicht-europäische Sammlungen. Können Sie uns diese beschreiben? Wie funktionieren sie?

Prof. Jan De Maeyer: In den Archiven der großen Ordensgemeinschaften und missionarischen Kongregationen sind zahlreiche nicht-europäischer Sammlungen untergebracht. Beispielsweise hinterließen die Scheut-Missionare Aufzeichnungen über eine Vielzahl von Sprachen und lokalen Gewohnheiten in China. Ihre Darstellung der Lebensweise der örtlichen Bevölkerung ist von bestechender Genauigkeit. So etwas findet man heute kaum noch. Die Jesuiten hielten ihre Eindrücke vom Alltagsleben in Indien auf Bildern fest. Von den Scheut-Missionaren wurden Aufzeichnungen über die lokalen Sprachen Zentralafrikas angefertigt. Der Oblatenmissionar Franz van de Velde dokumentierte das Leben der Inuit oder Eskimos in Alaska auf sehr ausführliche Weise anhand von Bildern. Historische Quellen dieser Art stehen oft nicht mehr zur Verfügung. Unser Ziel ist es daher, diesen Teil unseres Bestandes mit den „Source Communities“ (Ursprungsgesellschaften, A.d.Ü.) gemeinsam zu nutzen, ihn zu digitalisieren und zur Verfügung zu stellen, oder dessen Bedeutung und Inhalt in Kooperationsprojekten zu erforschen. So wird im Jahr 2013 ein Kollege aus den Philippinen als Fellow an das KADOC kommen und Forschungen zu den Archivbeständen mit Bezug zu seinem Land betreiben. Vergangenen Sommer waren sechs Scheut-Missionare, die mit der Leitung des Archivs ihrer Provinzen in den verschiedenen Teilen der Welt betraut sind, im Rahmen eines Studienaufenthalts in unserem Archiv tätig.

ZENIT: Gibt es mit dem KADOC vergleichbare Institutionen im Ausland? Existieren Partnerschaften?

Prof. Jan De Maeyer: In seiner doppelten Funktion als Dokumentations- und Forschungszentrum ist das KADOC bestimmt einzigartig. Mir fällt kein Beispiel für eine Einrichtung mit einem ebenso hohen Arbeitsvolumen und –aufwand ein. Es bestehen allerdings Kooperationen mit vielen anderen Einrichtungen, die dieselbe Mission erfüllen; beispielsweise das Katholische Dokumentationszentrum der Universität Nijmegen, das historische protestantische Archiv und das Dokumentationszentrum von Amsterdam, die Konrad-Adenauer-Stiftung in Bonn, das Istituto Luigi Sturzo in Rom oder das Zentrum der religiösen Archive in Frankreich. Außerdem sind wir in Kontakt mit dem „Cushwa Center for the Study of American Catholicism“ (Cushwa Zentrum für Studien über den amerikanischen Katholizismus, A.d.Ü.) der Notre Dame University im US-Bundesstaat Indiana, aber auch mit vielen anderen belgischen und ausländischen Universitäten.

ZENIT: Die Archivalien werden im KADOC nicht nur zusammengetragen und aufbewahrt. Es soll auch etwas „zurückgeben“ werden. Würden Sie uns darüber berichten?

Prof. Jan De Maeyer: Wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit zur Wertschätzungder uns anvertrauten Sammlungen. Durch Ausstellungen, Studienprojekte und Publikationen oder über die Veröffentlichung der historischen Aspekte auf Websites soll eine Annäherung der Öffentlichkeit an diese Bestände erreicht werden. Eine reine Aufbewahrung ist steril; wir wollen die Materialien präsentieren. Oft werden wir von den  Organisationen oder Glaubensgemeinschaften, die uns ihre Archive anvertrauen, darum gebeten an ihnen Studien durchzuführen. Eine Studie ist zwar grundsätzlich etwas Positives, doch sie sollte in einen breiteren Kontext eingebettet sein. Wir raten unseren Auftraggebern, den gedanklichen Austausch darüber anzuregen oder Bildungsveranstaltungen durchzuführen. Es ist wenig sinnvoll, eine Studie in Auftrag zu geben, wenn man sie dann nicht verwendet.

ZENIT: Die Sammlung, Aufbewahrung und Veröffentlichung kosten viel Geld. Wie finanziert das KADOK diese Bereiche?

Prof. Jan De Maeyer: Das KADOC wird zu 75 Prozent von der Regierung (Flämische Gemeinschaft) im Rahmen des Dekrets zum kulturellen Erbe finanziert. Etwa 25 Prozent der Mittel stammen aus Forschungsfonds oder aus der Vertragsforschung. Außerdem werden wir von Privatpersonen und religiösen Instituten finanziert. 

ZENIT: Eine persönliche Frage: Sie engagieren sich tatkräftig in der Universitätspfarre der Katholischen Universität Löwen, unter anderem als Katechet. Können Sie uns über Ihre Erfahrung berichten?

Prof. Jan De Maeyer: Wie ich sehe, sind Sie gut informiert. Seit 1981 bin ich in der Universitätspfarre der Katholischen Universität Löwen tätig. Ich übernehme dort die Koordination der Empfangsgruppe. Seit etwa 20 Jahren bereite ich als Katechet auf den Empfang der Firmung vor. Für diese Katechese wird eine eigene Methode angewandt. In zwei Stunden pro Woche bringen wir den jungen Menschen eine Auswahl von nach Themen gegliederten Texten aus dem Alten und Neuen Testament näher. Unsere Erfahrungen sind sehr positiv. Mit unserer Arbeit wollen wir erreichen, dass die Jugendlichen sich öffnen und sich von der Kraft der Sprache, der Bilder und der Gedanken dieser Texte mitreißen lassen. Diese Übergangszeit ist eine Phase besonderer Intensität, die den Jugendlichen und deren Eltern immer viel abverlangt, aber auch sehr bereichernd ist. Am Wochenende nach dem Abschluss des Unterrichts herrscht nicht selten eine sehr große Begeisterung; der Höhepunkt ist dann die Feier der Firmung, die genau zu Christi Himmelfahrt stattfindet.

ZENIT: Wie beurteilen Sie die Stellung der Kirche in Flandern?

Prof. Jan De Maeyer: Die Kirche in Flandern (Belgien) befindet sich im Augenblick in einer schwierigen Situation, das ist nicht zu leugnen. Wir erleben einen starken Säkularisierungsprozess der Gesellschaft und eine Zunahme der geistigen Distanz zwischen dem Volk Gottes und der Sprache der Kirche. Hinzu kommen die Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, die das Vertrauen in die Kirche schwer erschüttert haben, vor allem aufgrund der Vorwürfe gegen den ehemaligen Bischof von Brügge. Trotzdem sind mehrere Beobachter und engagierte Christen der Auffassung, dass die Verurteilung zur Rettung führe. Doch das hat sich noch nie als richtig erwiesen. De facto läuft die Säkularisierung in Richtung Pluralisierung und Differenzierung des Religiösen. Dafür spricht das zahlenmäßige Wachstum der evangelisch-protestantischen Kirchen in Brüssel und Antwerpen. An verschiedenen Indikatoren lässt sich ablesen, dass ein großes Bedürfnis nach einem sinnerfüllten Leben besteht.  Nur um ein Beispiel zu nennen, wurde die religiöse Website „Hoe word je mens“  neulich  465.000 Mal innerhalb von zwei Wochen abgerufen. Die Kirche wurde sogar um Mitwirkung an der Gedenkfeier für die Opfer des tragischen Busunglücks in der Schweiz gebeten. Die sichtbare  Präsenz der Kirche, unter anderem in der Person des Dekans von Löwen, und das Eingeständnis von Fehlern von Seiten der Bischöfe sowie die Entschädigung für die Opfer fanden ebenfalls ein positives Echo. Religiöses Empfinden ist durchaus vorhanden, doch es gilt, eine Kirche zu bauen, deren Gegenwart unter den Menschen spürbar ist, und die sich zeitgemäß präsentiert. Auch eine Kirche der Minderheit kann eine lebendige Präsenz in der Gesellschaft sein.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]