Kann der Mensch den genauen Begriff von Gott haben?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 380 klicks

Eine Sache überrascht mich sehr. Bei uns Katholiken, so scheint es, hat niemand das gleiche Bild oder die gleiche Vorstellung von Gott. Ich unterhalte mich mit den Kollegen und Kolleginnen: jeder denkt anders. Ich weiß es nicht, wie es bei anderen christlichen Gemeinschaften ist. Aber, unter denen, mit denen ich gesprochen habe, habe ich keinen gefunden, der in der Lage wäre, seine Vorstellung von Gott zu beschreiben.

Es gibt sogar solche, die behaupten, dass der Mensch einen richtigen Begriff von Gott nicht hat, d.h. gar nicht haben kann. Wir haben zwar einen Begriff, aber er ist von der Wirklichkeit weit weg: er kann Gott nicht ausdrücken. Und deshalb ist die Vorstellung selbst von Gottt auch nicht wichtig.

Ich habe mich mit dieser Frage lange gequält, ich habe wenigstens versucht, darüber zu diskutieren, aber eine größe Klarheit habe ich darüber nicht. Kann ich irgendwelche neue Ergebnisse zum Nachdenken oder mehr Klarheit in dieser Frage erhalten?

Damir

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Du sagst vorsichtig: „Bei uns Katholiken, so scheint es, hat niemand das gleiche Bild oder die gleiche Vorstellung von Gott…Jeder denkt anders.“  Und dann sagst du dazu, dass du „keinen gefunden hast“, der „in der Lage wäre, seine Vorstellung von Gott zu beschreiben“. Wenn du sagst „das gleiche Bild“, willst du sagen, dass nicht einmal zwei Menschen sich Gott auf die gleiche Weise vorstellen, geschweige denn Millionen von Katholiken. Und diese Konstatierung ist richtig, weil die Formung vom Bild oder von der Vorstellung Gottes von vielen Faktoren abhängt: von der Gestaltung oder Konstitution der Psyche jedes Einzelnen, von seiner individuellen Geschichte, vom Zustand der Gnade, die er besitzt, von der Tiefe des spirituellen Lebens und auch von der Fülle des Geheimnisses Gottes, die der Mensch sich immer nur teilweise und versachlicht und deshalb unvollkommen vorstellt..

Wenn die Rede von der Psyche des Menschen ist, muss man betonen, dass diejenigen, bei denen der Verstand überwiegt, sich Gott mehr abstrakt vorstellen werden, und weniger versachlicht und bildhaft. Bei den Menschen, bei denen der Wille betont ist, wird die Vorstellung Gottes mehr die Merkmale des Wesens, das befiehlt, das genauen Vollzug und genaue Rechnung verlangt, tragen. Bei den gefühsbetonten Menschen wird die Vorstellung von Gott mehr oder weniger oder sogar sehr bildhaft und phantasievoll sein. So geht bereits aus dem Gesagten hervor, dass das Bild oder die Vorstellung von Gott so unterschiedlich sein wird wie unterschiedlich einzelne Menschen selbst sind.

Schauen wir uns das Problem unter dem Aspekt der Geschichte jedes Einzelnen an, werden wir sehen, dass allgemein das Bild von Gott bei einem alten Menschen anders sein wird als bei einem jungen Menschen, bei einem Menschen im mittleren Alter wieder anders als bei einem Kind. Bei einem Menschen mit öffentlichem Beruf wird das Bild von Gott nicht das gleiche sein wie bei einem Bauer, der sein Leben lang an seine Landwirtschaft und an seine Familie gebunden ist. Gleichermaßen verhält sich das mit einem Menschen mit höherem oder niedrigerem Kulturgrad, mit einer stärkeren Intelligenz oder umgekehrt, mit dem einem oder dem anderen Zivilisationsgrad,  mit einem Menschen, der aus einem Volk kommt, das eine tausendjährige Tradition hat, und nicht aus einem anderen usw.

In die Gestaltung der Vorstellung von Gott fließen ebenfalls der Zustand der Gnade und die Stufe der spirituellen Reife mithinein. Ein Mensch, der bewusst vor Gott flieht oder, der aus irgendeinem Grund von Gott entfernt ist, ein Mensch, der in sich ständig Schuldgefühle trägt, weil er ununterbrochen sein Gewissen durch schwere wiederholte Schuld misshandelt, ein Mensch, der nie oder fast nie in der heiligenden Gnade Gottes lebt, wird eine ganz andere Vorstellung von Gott haben als ein Mensch, der sich immer von Neuem bemüht, mit Gott im Frieden zu leben, der in sich die Freude des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe erlebt, der einfach und ehrlich betet oder sogar die Gabe eines tieferen Gebetes hat, der sich bemüht, treu den inneren Anregungen des Heiligen Geistes zu antworten – und das alles lenkt ihn, ein aufrichtiger Mensch zu sein, ein guter Christ, ein treuer Kollege und Freund, ein wahrer Träger der christlichen Humanität und der christlichen Liebe allen Menschen gegenüber. 

Außerdem, die Fülle Gottes ist unendlich.  Jeder theologisch-philosophischer abstrakter, und besonders bildlich-konkreter Ausdruck über Gott  bezieht sich immer nur auf einen Aspekt derselben Fülle Gottes. Deshalb auch die vielfältigen und die verschiedenen Vorstellungen, von dieser Sicht her, haben ihre Rechfertigung. Jemand stellt sich Gott als Vater, Herrn, Bräutigam, Freund, Güte, Liebe, Geduld, Barmherzigkeit vor… Ein anderer sieht Gott als den Richter, strengen Prüfer, als denjenigen, der sich mit Fleiß alle menschlichen Verstösse merkt, der straft, in die Höle hineinwirft, vor dem man sich in Acht nehmen muss… Das hängt, wie wir gesehen haben, nicht nur von der Geschichte, Psyche, vom Zustand der Gnade und von der Tiefe des einzelnen Lebens, sondern auch von der Erziehung ab, von der Kindheit, mit so vielen Inhalten, mit denen sich jemand beschäftigt usw. Eines ist sicher: eine schlechte Vorstellung von Gott, unabhängig davon, wie sie jemand erworben hat, ist ein schlechtes Fundament für ein gesundes und festes Glaubensleben. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere weniger geeignete Vorstellungen von Gott korrigieren, reinigen, obwohl wir das in den meisten Fällen erst nach dem längeren bewussten Bemühen erreichen können.

Wenn wir vom „Bild“ oder von der „Vorstellung“ sprechen, sprechen wir in einer Weise bereits vom Begriff selbst, den der Mensch von Gott hat. Es sind nicht alle in der Lage, „ihre Vorstellung von Gott zu beschreiben“, aber es hat immer solche gegeben, wie Maksim Gorki im Buch Die Kindheit, denen dies gelungen ist. Er unterscheidet ausgezeichnet zwischen dem „Gott seiner Großmutter“ und dem „Gott seines Großvaters“. Omas Gott ist nahe, lieb, zärtlicher Freund, voll Güte, mit dem der Mensch sprechen darf und kann, wie mit dem liebsten Wesen, ohne Schranken und Methoden, schlicht und einfach. Opas Gott ist schwierig, Richter, derjenige, der menschliche Sünden mit Überflutung, mit Schwefel und mit dem Feuer vom Himmel, mit Hunger und Pest bestraft, der ein grausamer Rächer ist. Und so hat der Knabe Maksim klar erkannt, dass Gott vom Opa und von der Oma ganz unterschiedlich ist. Die Großmutter findet Gott nahe in allen ihren Beschäftigungen und allen Augenblicken des Tages, von in der Früh bis zum Abend, und sie unterhält sich dauernd mit ihm, und der Großvater zieht Gott auch dauernd in sein Leben und seine Tätigkeiten ein, aber sein Gebet ist ganz anders: „Der Großvater nahm mich immer in die Kirche mit: jeden Samstag zur Vesper, und an den Feiertagen in den Mittagsgottesdienst. Auch in der Kirche habe ich unterschieden, wann  und zu welchem Gott gebetet wird: alles, was der Priester und der Chorist lesen – das gilt dem Gott vom Opa, und die Sänger, sie singen zu Gott der Oma… Großvaters Gott weckte in ihm Angst und Feinschaft.“ Deshalb hat sich der kleine Maks für den Gott von Oma entschieden: „An jenen Tagen waren Gedanken und Gefühle über Gott die Hauptnahrung für meine Seele, das Schönste im Leben… Gott war das Schönste und das Heiligste von allem, was um mich herum war – der Gott der Großmutter, so ein lieber Freund für das ganze Leben. Und es musste mich, gewiss, die Frage beunruhigen: wieso, das der Großvater nicht den gütigen Gott sieht?“

Wie du siehst, die Vorstellung von Gott ist für das ganze Leben wichtig. Der Begriff selbst von Gott, als würde er sich in die Vorstellung „inkarnieren“, so ist der Begriff mit der Vorstellung verbunden.  Deshalb ist er oft entstellt: der Atheismus lehnt Gott ab, weil er ihn als Rivalen des Menschen ansieht, der den Menschen entfremdet und ihn der edelsten Eigenschaften beraubt. Der vulgäre Theismus sieht in Gott den Rächer, einen Erfüller unserer Bedürfnisse, Service für alles; der vulgäre religiöse Dualismus meint, dass Gott mit der Welt nichts mehr zu tun hat, außer dass Er und wir in eine umfassendere Ganzheit hineingehören. Der Pantheismus, im Gegenteil, meint, dass Gott und die Welt eine identische Ganzheit sind; der Ontologismus mit Hilfe von der Logik des Denkens möchte von Gott wie von jedem anderen einzelnen Gegenstand sprechen usw. Und Gott ist doch anders von allen Gegenständen, und wir können ihn nicht in unseren begrenzten menschlichen Begriff „fassen“. Im Gegenteil, er umfasst dich und die ganze Wirklichkeit, und deshalb können wir von Gott mehr stottern als adequat sprechen. Aber, aus der Offenbarung wissen wir, dass Gott uns am nächsten ist, unser Eigen, uns gegenüber intimer als wir selbst es sind, ich würde sagen: das Subjekt unseres Subjektes, die Mitte unseres Wesens, und doch ganz unterschiedlich von uns.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 284-286)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.