Kann der Mensch Gott begegnen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 377 klicks

Für mich kann ich sagen, dass ich an die Existenz Gottes glaube, und dass der Mensch ein Wesen auf derWelt ist, der nach dem „Bild Gottes“ geschaffen ist. Es ist logisch, dass der Mensch als solches Wesen in seinem Leben Gott „begegnet“. Allerdings ist mir der Ausdruck „Gott begegnen“ in diesem irdischen Leben, nicht klar.

Kann der Mensch im sterblichen Leben überhaupt Gott „begegnen“?

Marin, Student

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In diesem einen Satz hast du mehrere Fragen gestellt. Zunächst muss man den uralten Begriff „Mensch – Abbild Gottes“ zerlegen, der an sich nicht verständlich ist. Danach werde ich mich mit dir zusammen bemühen, die Frage von der Möglichkeit Gott zu „begegnen“ zu erörtern: die Frage ist ganz lebenswichtig, aber ungewöhnlich schwierig, weil man von Gott nicht auf eine experimentelle Weise sprechen kann, wie man in der Chemie, Physik, Biologie, Mathematik oder in einer anderen sog. „exagten“ Wissenschaft vorgehen kann. Biblisch kann ich zu einem gläubigen Menschen sprechen. Aber, wie soll ich zu einem Nichtgläubigen sprechen, oder zu einem jungen Menschen, der vielleicht voll vom Zweifel über die Existenz Gottes ist? Und ich muss so reden, dass auch dieser, und vor allem dieser, in meinen Worten sich selbst findet und das Licht, das er so notwendig braucht, findet, um von Neuem vielleicht in seinem Glauben lebendig zu werden. Sowohl dir als auch ihm möchte ich der Wegweiser sein, ich möchte euch auf euere eigene Urerfahrung hinweisen, über die ihr vielleicht selten oder nie reflektiert. Wir versuchen also aufgrund unserer Erfahrung zu reflektieren und mit Hilfe dieser Methode der „Erfahrung“ zu den zufriedenstellenden Ergebnissen zu kommen. Ich sage, wir werden es „versuchen“. Einem Menschen guten Willens, der der Wahrheit gegenüber offen ist, wird unser Versuch etwas sagen.

Der Mensch – „Abbild Gottes“

Diese Formulierung befindet sich im Text der Bibel: Gen 1, 26 f; 5, 1-3; 9, 6; vgl. Ps 8, 6. In den letzten Jahren ist sie zum richtigen Schlagwort geworden, besonders nach der Konzilskonstitution Gaudium et spes – über die Kirche in der heutigen Zeit. Als würde es sich um eine ganz klare und offensichtliche Formulierung handeln! Aber, diese sieht keinesfalls von sich aus weder klar noch offensichtlich. Und wenn wir sie benützen ohne die Auslegung, die den biblischen Inhalt übersteigen würde, dann bemühen wir uns, ein unklares Problem mit einem noch unklareren Hilfsmittel zu beleuchten.

Die Formulierung „ der Mensch –  das Bild Gottes“nehmen wir gewöhnlich im sog. „ontologischen“ Sinne, d.h. der Mensch ist seinem Wesen nach Bild Gottes. Aber, es entsteht sofort die Frage: was würde in diesem Sinne zum Wesen des Menschen gehören? Ist er nicht wesentlich leiblich? Kann er als solcher, leiblich, Bild Gottes sein, denn Gott ist wesentlich nicht leiblich? Die Bibel selbst bringt uns in dieser Frage keine Unterscheidungen, die notwendig und offensichtlich sind. Den Menschen einfach, das heisst nach seinem ganzen Wesen, als Abbild Gottes zu bezeichnen, ist es eine Metapher, bestimmte „geeignete Redensart“ oder ist es wirklich eine bloße Analogie?  Diese Frage lassen wir zunächst offen. Wir kommen später darauf zurück.

Wir könnten den Menschen ferner als Bild Gottes unter dem Aspekt des „Wirkens“ betrachten. Und das Wirken Gottes, unter der physischen Sicht betrachtet (hier ist „physisch“ nicht dasselbe wie „empirisch“, sondern es bezeichnet die Sicht der Wesenheit oder ontologische Sicht), ist schöpferisches Wirken, und das menschliche Wirken ist nicht schöpferisch; ich arbeite immer „aus“ etwas und „in“ etwas. Und unter der moralischen Sicht, ist das Wirken Gottes gut, weil es aus der absolut heiligen Quelle hervorgeht, während das Wirken des Menschen aus der gefallenen Natur hervorgeht, obwohl die Natur durch die Gnade erhoben wurde.

Falsch wäre die Auslegung, die wollte, dass das „Bild Gottes“ im Menschen jenes „Übernatürliche“ oder Gnadenhafte bezeichnen sollte, als wäre dieses Übernatürliche oder Gnadenhafte im Menschen als ein Zusatz von der Seite Gottes, als wäre der Mensch, oder man könnte sich ihn so vorstellen, „auf Stockwerke“: zuerst „natürlicher Mensch“ als Fundament, dann „übernatürlicher Mensch“ als Überbau. Ist der Mensch nicht eine einheitliche natürlich-übernatürliche Ganzheit?  Können wir diese Ganzheit zerteilen?

Gleichermaßen sind drei übrige Auffassungen falsch: diejenige, die den Menschen als Bild Gottes ausschließlich von seiner geistigen Natur her, oder sogar von der leiblichen her, erklären möchte, oder, schließlich, als Verbindung der geistig-leiblichen Natur des Menschen, nicht in Betracht ziehend, inwieweit der Mensch auch übernatürliches Wesen ist.

Den Weg der Lösung suchen wir auf folgende Weise. Es scheint, vor allem, dass der Mensch Abbild Gottes  oder Gott ähnlich ist, inwieweit er und weil er Gott auf der Welt representiert. Diese Deutung, nach manchen Auslegern der Heiligen Schrift, möchte ursprünglich, genetisch sein, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in Betracht ziehend, noch vor der Bibelbenutzung selbst. Nämlich, die orintalischen Könige der Antike, ähnlich wie manche von heute, positionierten ihr Bild oder Statue in verschiedene, auch entfernteste Teile des Landes, weit weg von ihrer Residenz. Das taten sie mit der Absicht, durch ihre Bilder und Statuen, dort representiert zu werden. Klar, solche Statuen, die sie „representieren“ sollten, ontologisch oder ihrer Wesenheit nach, waren nicht ähnlich dem, den sie representieren sollten – dem betreffenden Herrscher; sie wurden aus Stein, Holz oder einer anderen Materie angefertigt.

In der Deutung der Bibelformel „der Mensch – Abbild Gottes“, können wir im gleichen Sinne sagen: der Mensch stellt die Herrschaft Gottes auf der Erde dar, wie jene Statuen, sich in den entfernten Teilen des Kaiserreiches befindend, den betreffenden Kaiser dargestellt haben. In dieser Deutung ist offensichtlich: „Bild sein“ schließt nich notwendigerweise die gemeinsame Qualität des Bildes mit dem Original ein. Der Mensch ist das Zeichen, das Wahrzeichen Gottes. Er kann das sehr wohl sein, ohne an den Qualitäten Gottes Anteil zu haben. Genauso, wie eine Statue einen Menschen representieren kann, ohne ihm viel oder überhaupt nicht ähnlich zu sein (denken wir an die Statue von König Tomislav am Bahnhof von Zagreb), ohne Leben, Geist, Freiheit… in sich zu haben. Und doch, der Mensch stellt Gott auf eine unvergleichlich bessere Weise dar.

Der Mensch, nämlich, ist nicht irgendeine statische Statue oder ein Bild. Er ist ein lebendiges, dynamisches Wesen. Und als solcher representiert er Gott in einem viel tieferen Sinn, vor allem, wenn man an die christliche Wahrheit vom Leben Gottes im Menschen denkt, wenn man die Deutung des menschlichen Eigebautseins als transzendentes Wesen in das Fundament Gottes nimmt, in Betracht ziehend – nicht nur die uralte Auslegung der Analogie des Wesens – sondern indem man versucht dieselbe Analogie ursprünglich zu begreifen. Obwohl es uns nicht möglich ist, hier in alle Aspekte dieses tieferen Begreifens des Menschen als Abbild Gottes hineinzugehen, ist doch wichtig, zu betonen, dass es uns zusteht, ontologisch zu deuten, weil wir wirklich der Wesenheit nach Gott ähnlich sind. In uns, in unserer leiblich-geistigen Ganzheit tragen wir zwei göttliche Modalitäten oder zwei Arten: die Transzendenz und die Gnade. Der Mensch ist ein bewusstes, geistiges, transzendentes Wesen. Er ist das Wesen, das mit der übernatürlichen Gnade ausgestattet ist, dem sich Gott auf eine Weise, wie Er selbst ist, schenkt. Damit haben wir, wenn nicht erklärt, dann wenigstens, auf den tieferen Sinn der Formulierung „der Mensch – Abbild Gottes“ hingewiesen. Die Fülle der Verwirklichung der gleichen  Formulierung müssen wir im idealsten Menschen, im fleischgewordenen Wort, Jesus Christus suchen.

Gott in der Welt „begegnen“?

Was heisst das? Kann der Mensch Gott „begegnen“? Es handelt sich um eine schwere, keinesfalls leichte Frage! Gott in der Welt „begegnen“? – ist das nicht die gleiche Frage wie: wo kann man auf Gott und sein Wirken „stossen“? Kann uns darüber etwas unsere konkrete geschichtliche Erfahrung sagen? Wir wissen, dass uns der Astronaut Titow mitgeteilt hat, Gott im All nicht begegnet zu sein. Aber, er hat sich nicht die Frage gestellt, ob es ihm überhaupt gelingen konnte, Gott dort zu „treffen“.

Marin, hier weise ich auf die Art meines Vorgehens hin. Ich spreche zu dir nicht wie zu einem „Glaubenden“, obwohl du dich als solcher deklarierst, sondern ich spreche zu dir, vor allem, als zum „Menschen“. Ich möchte, dass auch diejenigen, die nicht gläubig sind, die unentschlossen sind oder sich in einer Glaubenskrise befinden, in diesen Zeilen sich finden. Deshalb nehme ich nur drei Aspekte der Möglichkeit, beziehungsweise der Unmöglichkeit der Begegnung des Menschen mit Gott: „in der Welt“ (merke, das habe ich in Anführungszeichen gesetzt!), in einer geschichtlichen Religion, in sich selbst. Wie, auf welche Weise?

Auf die Frage „Gott in der Welt begegnen“ oder, was noch vulgärer ausgedrückt wird: Hast du Gott in der Welt, im All gesehen? Sind ihm die Menschen auf dem Mond begegnet? Können sie ihm auf irgendeinem Planeten begegnen?  Ich antworte: ich bin Gott niergends begegnet, und ich kann ihm nicht im Sinne eines bestimmten Gegenstandes oder eines begrenzten Wesens begegnen. Es scheint, dass wir mit dieser Frage und Antwort die fundamentale Schwierigkeit des heutigen modernen Menschen im Verhältnis zur praktischen Religion berühren: Gott, der nicht als ein Gegenstand neben Gegenständen sein kann, sondern er ist die unaussprechliche, nicht umfassbare Voraussetzung, das Fundament und der Abgrung von allem, was existiert, der geheimnisvolle Kern aller Wesen (so, dass er sich von ihnen wirklich unterscheidet), diesem und solchem Gott kann man in seiner Welt oder im All nicht begegnen, wie einem einsamen und erhabenen Wesen, das in irgendwelchen Sphären einsam wohnen würde. Das wäre eine sehr grobe mytologische Auffassung des göttlichen Wesens.

Gott können wir uns auch nicht vorstellen als einen Einzelnen, der neben sich einem „anderen“ begegnet, was nicht er ist, ähnlich wie wir Menschen „dem anderen“ begegnen, was nicht wir sind. Im Gegenteil, wenn Gott in dieser Welt erscheinen wollte, es scheint uns wenigstens so, damit würde er aufhören, er selbst zu sein, so wie er ist, d.h. das tragende Fundament von allem, was erscheint, während er selbst nicht ist und nicht sein kann wie eine „Erscheinung“ – Phänomen. Gott zu objektivieren auf eine Weise, dass er „Erscheinung“ oder Phänomen wird, das geschichtlich-zeitlich bestimmt werden kann, mit den Ausdrücken „da ist er“, „er ist jetzt“, scheint es, wäre in der Wesenheit nicht mehr Gott. Es ist uns nicht möglich, Gott zu „objektivieren“ und in die Kategorien unseres Denkens herabzuführen. Er ist, nämlich, das Urgeheimnis und das tragende Urfundament der ganzen Wirklichkeit, er ist in allem, und alles ist in ihm. Und wenn wir den Unterschied zwischen ihm und uns Menschen setzen möchten, dann ist dieser Unterschied von einer ganz anderen Art als der Unterschied zwischen mir und meinem Partner, oder zwischen dem Tisch und dem Heizkörper, weil weder ich noch mein Partner, weder Tisch noch Heizkörper könnten sein, wenn wir nicht in Ihm wären und wenn er nicht in einem dauerhaften Akt der Schöpfung unser Wesen wie in bestimmten Bündeln ununterbrochen schenken würde.

In diesem Sinne, in großer Übereinstimmung, spricht von Gott auch die ganze Offenbarung.  „Gott ist Geist“ (Joh 4, 24), er ist nicht wie der Mensch, den wir sehen und treffen können, wie ein Gegenstand, den wir berühren können. „Niemand hat Gott je geschaut“ (1 Joh 4, 12), denn mit diesen irdischen Augen können wir ihn nicht sehen, und in dieser unserer erscheinenden Welt er keine „Erscheinung“ für uns werden kann. Daher kommt der Auspruch des Johannes: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“ (1 Joh 4, 20).

Ähnlich spricht auch der hl. Paulus: „(Gott) wohnt in unzugänglichem Licht, den kein Mensch gesehen hat noch je zu sehen vermag“ (1 Tim 6, 16). Paulus ist mutig, wenn er den ersten Christen mit philosophischem Vokabular seiner Zeit ganz unerschrocken verkündet „noch je zu sehen vermag“. Es handelt sich also um echte Unmöglichkeit für den Menschen, Gott zu „sehen“, so wie man sonst einen Gegenstand oder ein Phänomen sieht. Den gleichen Gedanken bringt auch Petrus zum Ausdruck: „Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn…“ (1 Petr 1, 8). Dabei spielt er mit dem „noch“ auf das Leben jenseits des Grabes an, „denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1 Joh 3, 2).

Wenn Gott jemals dem Menschen „erschienen“ ist, zum Beispiel im Alten Testament den Israeliten, besonders dem Mose und den Propheten, was weder richtiges Erscheinen noch richtiges Schauen Gottes war, sondern nur mit Hilfe von Symbolen oder Zeichen. Dazu gehört der berühmte Text aus dem Buch Exodus von der Ehre Jahwes: „Dann sagte Mose: ‚Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!’ Der Herr gab zur Antwort: ‚Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will’. Weiter sprach er: ‚Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben…Mein Angesicht aber kann niemand sehen’“ (Ex 33, 18-23).

Gott in der geschichtlichen Religion „begegnen“?

Wie begegne ich Gott in einer geschichtlichen Religion, zum Beispiel im Christentum? Demzufolge, was gesagt worden ist, kann ich auf dem Gebiet des Christentums ebenfalls nicht Gott begegnen wie, wenn ich einem Gegenstand oder einem Menschen begegne. Und doch, hat sich nicht jede geschichtliche Religion, vor allem das Christentum, bemüht, Gott so zu objektivieren und dem Menschen nahe zu bringen, dass es uns manchmal vorkommt, Gott greifen zu können.

Ist das Christentum nicht die Religion des Gebetes für Gottes Eingreifen in die Welt und in unser konkretes Leben? Ist das nicht die Religion der Liturgie und der Eucharistie – einer unbegreiflichen Nähe Gottes zum Menschen, Religion der Wunder, Religion des inspirierten Buches – der Bibel – die uns von Gott kommt und seine Botschaft bringt? Ist das nicht die Religion der Heilsgeschichte, die von der übrigen Geschichte getrennt und hervorgehoben wird, gerade in dieser Heilshinsicht, die Religion, in der die Träger der göttlichen Vollmachten, in der autorisierte Propheten als Träger der Offenbarung existieren? Ist das nicht die Religion des Papstes, der als Nachfolger Christi auf der Erde genannt wird, wobei sich das Wort „Christus“ mehr oder weniger wie das Wort „Gott“ selbst anhört usw.? Bietet die christliche Religion wirklich nicht bestimmte Erscheinungen, spezifische Objektivationen und Manifestationen Gottes , so dass sich Gott wenigstens auf diese Weise innerhalb dieser erscheinenden Welt unserer Erfahrung  an verschiedenen Punkten meldet zum Unterschied von den Übrigen?

Es ist offensichtlich, dass die Religion, besonders unsere christliche, sich bemüht, so gut wie möglich und erlaubt, Gott dem Menschen nahe zu bringen, aber sie darf ihn in seinem Wesen nie entstellen. Sie darf ihm nicht ein falsches Bild von Gott präsentieren und als solches dann noch absolutisieren. Es ist leider nicht nur einmal passiert, dass ein Christ oder Gruppe von Christen von falschen Vorstellungen, entstellten Bildern Gottes gedrückt gewesen sind, und haben sie als solche an ihre Kinder und Enkel weitergegeben: „Gott Greis“, „Gott Rächer“, „Gott Knauser“…

Wenn wir Gott als Fundament von allem, was existiert, sehen, als denjenigen, der die ganze Wirklichkeit dauerhaft begründet, dann ist er „überall“ und an „jedem Ort“. Sehen wir das, was geschaffen ist, „als das Geschaffene“, d.h. als unendlich unterschiedlich vom Schöpfer, dann ist uns Gott fern. Und kommt es uns vor, dass Gott zu weit weg ist von unserer modernen experimentellen Auffassung dieser erkennbaren Welt. Es ist aber nicht so! Wenn der Begründer der ganzen Wirklichkeit nicht derjenige wäre, der nicht nur den anfänglichen Antrieb gegeben hat, sondern als derjenige, der die Wirklichkeit ununterbrochen begründet, ohne dass diese Wirklichkeit er selbst sei, dann wäre er wirklich ein ferner Gott. Aber, er ist uns näher als der Vater, als die Mutter, als der Freund und als wir selbst, weil er gerade die Mitte unseres Wesens, uns „innewohnend“, wir können sagen „das Herz unseres Herzens“, unendlich nahe und intim, von dem uns jeder Antrieb kommt, jeder Elan, jede Bewegung, aber wiederum nicht so, dass unser persönliches Handeln und unsere persönliche rechtmäßige Freiheit aufgehoben wäre. Dieser, uns so nahe Gott, der in Jesus Christus unser Bruder, Teilhaber unseres Schicksals, Träger unserer Geschichte geworden ist, ist zur gleichen Zeit jeder Wirklichkeit „transzendent“, er übesteigt alles, „schweigender Gott“, über den deswegen manche lieber schweigen, wie Wittgenstein, mit der Ausrede: „Wovon wir nicht reden können, sollen wir darüber schweigen.“

Dennoch, wir dürfen, können und müssen über unseren Gott sprechen. Wir dürfen nicht über ihn schweigen, weil uns unsere Erfahrung von ihm unwiderstehlich spricht. Das bedeutet also, dass der Mensch als transzendentes Wesen in jeder seiner Erkenntnis, in jeder Unterscheidung, in jeder bewussten Handlung, in jedem Vollzug der persönlichen Freiheit die Bedingung dieser Operationen „berührt“, den unendlichen Horizont unserer Transzendenz berührt, er berührt das Sein.

In Sich selbst Gott „begegnen“?

Auch hier, Marin, möchte ich zu dir zuerst als zum Menschen sprechen. Im zweiten Teil dieser Antwort spreche ich zu dir ebenfalls einige Worte als zum Christen. Jeder Mensch erlebt sich als Person oder Subjekt.Und es ist interessant, dass er das nicht selten als etwas Fremdes, von irgendwo Auferlegtes, erlebt. Auf was verweist ein solches Erlebnis den Menschen? Es verweist ihn auf jemanden, von dem sein Subjekt stammt. Wenn das menschiche Subjekt, sein „Ich“, ihm als fremd, nicht eine Zusammenfassung seiner gesamten (leiblich-seelischen) Elemente ist, wenn es kein Element neben anderen Elementen ist, wenn es kein größtes oder wichtigstes Element unter anderen Elementen und ähnlich ist, sondern etwas, was über alldem ist, nicht als ihr Ergebnis, sondern als etwas Eigenständiges, was alles leitet, dann fragen wir uns: „woher“ ist dieses Subjekt und „wohin“ mit diesem menschlichen Subjekt? Das ist jene uralte Frage: woher komme ich, und wohin gehe ich? Als würde ich erfahren, dass ich in etwas Absolutes „hineingebohrt“ bin, in etwas, was mich gibt, und fragt mich nicht, ob ich es will, in etwas, was mich leitet, mich dirigiert. In „Etwas“ mit großem Buchstaben geschrieben.

Außerdem, in jeder menschlichen Erkenntnis und in jedem freien Handeln öffnet sich vor dem Menschen ein unendlicher Horizont des Seins, den er als sich selbst geschenkt erlebt. Wo immer, nämlich, der Mensch in seiner Transzendenz (inwieweit er geistiges Wesen ist) sich als Fragenden erlebt, kann er sich in diesem Erleben seines unruhigen Wesens nie im Sinne des absoluten Subjekts begreifen, das sein Sein leitet und das sich selbst entdeckt, sondern kann sich in diesem Zusammenhang nur als Empfänger sieses Seins begreifen, als derjenige, dem sein Sein geschenkt ist. Von wem geschenkt?  Vielleicht „berühren“ wir auch hier, wenigstens von ferne, den Absoluten?

Wenn die Freiheit die fundamentale Eigentümlichkeit des persönlichen Wesens ist, das im Vollzug eines zeitlich-räumlichen Aktes, inwieweit es verantwortungsvoll vollzieht, sich selbst besitzt, dann existiert im Menschen wenigstens „zweischichtige“ Freiheit:  jene „oberflächliche“, mit der wir einzelne zeitlich-räumliche Handlungen vollziehen, und jene „tiefreichende“, mit der sich der Mensch als Ganzheit in einem Akt existenziell verwirklicht. In diesem zweiten tiefgreifenden Sinn ist der Mensch eigentlich ein einziger existenziell freier Akt, während alle oberflächlichen freien Akte das Ergebnis dieses eines ontischen freien Aktes sind. So verstandene Freiheit verweist uns wiederum auf eine Tiefe in uns Menschen.

Es scheint uns wie ein gewisses Derivat der Freiheit Gottes zu sein, als etwas wirklich Geheimnisvolles im Menschen, als das tiefste Konstitutiv und Existenzial des Menschen.

Das sind, allerdings, nur drei gezeichnete Versuche oder drei Wege, wie man dazu kommen könnte, in sich selbst Gott zu „begegnen“. Auf diese Wege des Nachdenkens sollte sich jeder Mesch machen und versuchen, in sich selbst Den zu erfahren und Dem zu begegnen, der in seinen tiefsten Tiefen sich befindet.

Gegen Ende möchte ich dir, Marin, als Christen kurz sagen, dass der Mensch eigentlich das Ereignis des unverdienten und immer vergebenden Sich-selbst-schenkens Gottes ist. Es handelt sich nicht um das äußere Schenken. Wenn Gott durch ein Wunder, sagen wir, es machen würde, dass auf einer Tafel der Satz erscheint: „Ich bin der Dreieinige Gott“, könnte man sagen, dass sich da Gott dem Menschen mitteilt, offenbart, aber auf eine Art des Sprechers, auf äußere Art. Aber, wir sprechen hier nicht von dieser Art des Sichschenkens. Ich möchte von innerem Mitteilen Gottes zum Menschen sprechen, als unsere eigene intimste Wirklichkeit, wo er sich uns so schenkt, dass er zum verborgensten Konstitutiv des Menschen wird. Er schenkt sich uns als Person. Er ist uns unendlich fern und unendlich nahe. In diesem Schenken, ist der Schenker an sich das kostbarste menschliehe Geschenk, der Schenker gibt sich von sich aus in das Eigentum seines Geschöpfes als seine eigene Vollkommenheit hin. Damit haben wir auch die Lehre von der „Gnade“ gestreift, die wir hier weiter nicht behandeln können.

Es ist mir klar, dass man auf deine Frage „Kann der Mensch überhaupt im sterblichen Leben Gott ‚begegnen’“ auch anders antworten kann, von einer anderen Seite, aber mir erscheint dieser Aspekt am günstigsten, damit du als Christ einsehen kannst, dass diese Frage, die im ersten Augenblick, an sich klar zu sein erscheint, keinesfalls so ist, und dass du als Mensch über verschiedene Möglichkeiten  und Wege, Ausgangspunkte der menschlichen „Begegnung“ mit Gott nachdenkst. In jedem Fall, die „Begegnung“ mit Gott ereignet sich auf ganz anderen Ebenen, als uns diese unsere geschichtlich-zeitliche räumlich-experemintelle  Wirklichkeit bieten kann. „Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh 4, 24).

Die Begegnung mit Gott ist manchmal ungewöhnlich, existenziell erfahren, so gewaltig, dass es vollkommen die Lebensrichtung eines Menschen ändert. Der junge französische Journalist, Anderé Frossard hat eine eigenartige „Begegnung mit Gott“ in der Kapelle der Schwestern der Versöhnenden Anbetung in Paris erlebt. Er ist in die Kapelle gegangen, um dort den Freund zu suchen und den ersten Schlag der Gnade zu erleben: „Ich ging dort hinein als Skeptiker und Gottloser der äußersten Linken…, mit etwas ganz Anderem beschäftigt, nicht mit Gott, den ich nicht einmal, zu negieren, vorhatte… Einige Minuten später ging ich als Katholik hinaus…Nun, es ist geschehen, und ich weiss auf eine außerordentliche Weise die Wahrheit, die Wahrheit, über etwas, worüber am meisten diskutiert wird über den ältesten Prozess: Gott existiert, ich bin ihm begegnet.“ Im Buch, unter dieser Überschrift, das er später geschrieben hat, und das allein in Frankreich innerhalb von einigen Monaten die Auflage von 200. 000 Exemplare erreicht hat, und in viele Sprachen übersetzt worden ist – unter anderen auch in Kroatisch – beschreibt er dieses Ereignis in der Kapelle so: „Es ist siebzehn Uhr und zehn Minuten. In zwei Minuten werde ich Christ sein… Ich, stiller Gottloser… ich schob die kleine Eisentüre, um als Zeichner oder als Nichtstuer aus der Nähe genau das Gebäude zu betrachen, in dem er  (d.h. Freund Willemin, den er ungeduldig auf der Straße erwartete), würde ich sagen, lebt (in Wirklichkeit werde ich auf ihn drei oder vier Minuten gewartet haben)… Der Vorderteil der Kapelle war ziemlich beleuchtet. Hinter dem Hauptaltar, in weiss eingehüllt, in einem großen Bund von Kerzen, Leuchtern und Schmuck, ragt ein großes Metallkreuz hervor, aufmerksam hergestellt, das in der Mitte eine runde matt weisse Platte hat. Drei andere Platten von gleicher Größe, aber von unbemerkt anderen Nuancen, waren an den Kreuzenden befestigt. Ich kam bereits in die Kirchen, aus Liebe zur Kunst, aber ich sah nie gefüllte Monstranz, und sogar, denke ich auch nicht die Hostie, und ich weiss nicht, dass ich mich vor dem Allerheiligsten befinde, vor dem sich zwei Reihen von brennenden Kerzen erheben. Neben zusätzlichen runden Platten und verworrener Vergoldung der Zierde fällt es mir noch schwerer, zu erkennen, was diese entfernte Sonne ist.

Die Bedeutung von alldem entzieht sich mir, umso leichter, weil ich sie auch nicht erforsche. An der Türe stehend, suche ich mit den Augen meinen Freund, aber es gelingt mir nicht ihn zu erkennen, unter den Gestalten, die vor mir knien. Mein Blick wandert vom Schatten zum Licht und kehrt wieder zu den anwesenden Menschen zurück, ohne dabei irgendeinen Gedanken zu haben, wandert von den Gläubigen bis zu unbeweglichen Ordensschwestern und von den Ordensschwestern zum Alter, und verweilt dort, ich weiss es nicht warum, bei der zweiten Kerze, die links vom Kreuz brennt. Nicht bei der ersten oder bei der dritten, sondern bei der zweiten. Und dann setzt sich die Welle der Wunder in Bewegung und wird mit ihrer unerbittlichen Heftigkeit in einem Augenblick den Mantel wegreissen vom sinnlossen Wesen, wie ich bin, und wird an das Licht des Tage das Kind bringen, vom Lichte geblendet, das ich nie war…

Ich sage nicht, dass sich der Himmel öffnet, er öffnet sich nicht, sonder er stürzt auf mich nieder, plötzlich hebt er sich wie ein stilles Blitzen des Blitzes, aus dieser ungeahnten Kapelle, in der sich das Geheimnisvolle Verschlossene befand. Wie soll ich das beschreiben…? Das ist das unzerstörbare Kristll, unendlich durchsichtig, fast unerträglich hell (eine Stufe stärker würde es mich vernichten) – lieber würde ich sagen: blau, eine Welt, eine andere Welt von einem Glanz und Dichte, dass die unsere von ihr widerstrahlt wie zerbrechliche Schatten der unvollendeten Träume. Sie ist Wirklichkeit, sie ist Wahrheit, ich sehe sie vom dunkelen Ufer her, wo ich noch festgehalten werde…

Draußen war noch immer schönes Wetter, ich war fünf Jahre alt, und diese Welt, zuerst aus Stein und Teer gebaut, war ein großer Garten, wo es mir ermöglicht solange zu spielen, bis es dem Himmel gefällt, mir das zu erlauben. Willemin, der neben mir ging und der, scheint es, etwas Ungewöhnliches an den Linien meines Gesichtes entdekt hatte, schaute mich mit der Schärfe des Arztes an: ‚Was ist mit dir?’ – ‚Ich bin Katholik.’ Und, als hätte ich Angst, mich nich genügend klar ausgedrückt zu haben, fügte ich hinzu: ‚apostolisch und römisch’, damit mein Bekenntnis vollständig wäre… ‚Gott existiert und alles ist Wahrheit.’… Gott war Wirklichkeit, und er war sogar da  geoffenbart  und verhüllt von diesem Licht, das er selbst geschickt hat, und das ohne Sprache und Bilder es möglich machte, dass alles verstanden und geliebt wird. Ich sehe wirklich, dass diese Angaben in sich etwas Unendliches enthalten können, aber was kann ich dafür, dass das Christentum Wahrheit ist, dass die Wahrheit existiert und wenn diese Wahrheit eine Person ist, die auf keinen Fall unerkannt bleiben will.

Das Wunder dauerte einen Monat lang. Jeden Morgen fand ich mit Bewunderung dieses Licht, vor dem der Tag verblasste, diese Milde, die ich nie vergessen werde und die mein ganzes theologisches Wissen ist…Ein Ordensmann des Ordens des Heiligen Geistes übernahm die Pflicht, mich auf die Taufe vorzubereiten, und lehrte mich den Glauben, von dem ich, das brauche ich nicht mehr anzufüren, nichts wusste. Was er mich über christliche Lehre lehrte, erwartete ich und nahm es mit Freude auf; die Doktrin der Kirche war die Wahrheit bis zum letzen Komma, und ich nahm sie mit jeder Zeile mit neuer Begeisterung auf…Nur eine Sache überraschte mich: die Eucharistie. Ich sage nicht, dass sie mir unwahrscheinlich erschien, sondern dass die Liebe Gottes ein so einfaches Mittel gefunden hatte, um sich mitzuteilen, das entzückte mich, und besonders, dass sie, um das zu machen, das Brot erwählt hatte, das die Nahrung der Armen und Lieblingsspeise der Kinder ist. Von allen Geschenken, die das Christentum vor mich ausschüttete, war das das schönste“ (vgl. Anderé Frossard, Gott existiert, ich bin ihm begegnet, kroat. Übersetzung, ausg. FTI (Philos.-Theol.-Inst.), Zagreb 1971, S. 110-118).

Gott kann also auf eine wundersame Weise mit seiner Anwesenheit und Klarheit von sich beschenken, wen er will. Jedes äußere Erscheinen der Anwesenheit Gottes ist nur der Ausdruck nach außen (Explititation) dessen, was der Mensch in sich trägt. Und er trägt in sich die Anwesenheit dieses unausprechlichen Geheimnisses!

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 287-294)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.